Der VfL-Jesus von Bochum

Sucht man die kultigste Person in Bochum, dann würden viele Fußballfans den „VfL-Jesus“ nennen. Wahrscheinlich ist Thomas Dragunski in der Stadt aktuell bekannter als Herbert Grönemeyer. Grund genug, diese außergewöhnliche Persönlichkeit zu besuchen.

Seine blaue Sonnenbrille hat drei verschiedene Blinkeinstellungen: ruhig, mittel, Techno. Heute hat er Techno eingestellt. Ein wildes Blinklicht flackert grell und reflektiert in seinen schneeweißen Haaren. Die Techno-Blinkeinstellung schaltet Thomas Dragunski nur zu besonderen Anlässen an. Nicht nur, wenn er abends in der Disco tanzt, sondern auch, wenn – wie heute – der VfL Bochum spielt. Deshalb trägt er auch seine Kutte. Eine verlebte Jeans-Weste, die mit Aufnähern seines Lieblingsclubs übersät ist.

Wie jeden Tag hat er heute auch eine schwarze Lederhose angezogen. Auf seinem schlaksigen, rechten Oberarm ist ein VfL-Bochum-Vereinslogo tätowiert. Dragunski ist schlank und mittelgroß. Auffallend sind die dunklen Schatten unter seinen Augen. „Komm, nimm doch Platz oder watt“, sagt er. Mit einem freundlichen Grinsen verweist mich der VfL-Jesus auf seine Couch, die er mit einer großen Decke des Revierclubs bezogen hat. Gemächlich setzt der 55-Jährige sich neben mich. Er streckt seine Beine langsam aus und versinkt tief im Kissen seines Sofas, bis er eine angenehme Sitzposition gefunden hat. Er wirkt gelassen und entspannt. Dann dreht er sich eine Zigarette. Rauchen ist „strengstens erlaubt“ in seiner Wohnung.

Die Schlafecke des VfL-Jesus. Foto: Bastian Gerling

Die Wände seines Schlaf- und Wohnzimmers sind mit VfL-Bochum-Postern beklebt. Kaum ein Zentimeter ist freigeblieben. Hinter der Couch steht ein Klappstellbett, bezogen mit VfL-Bochum-Bettwäsche. Es gibt sogar einen kleinen Altar, der mit Fanartikeln bespickt ist. Hier steht eine Miniatur-Stoffpuppe von Dragunski. Der Jesus betet sich selbst an. Das Zimmer könnte glatt als Vereinsmuseum durchgehen, hinge da nicht der Geruch nach Zigarettenrauch in der Luft. Wer hier steht, fühlt sich wie in eine andere Welt versetzt.

Die Liebe zu Bochum

Wer dem VfL-Jesus länger zuhört, dem*der fällt eine weitere Besonderheit auf: Er beendet fast jeden Satz mit „oder watt“. „Jo, ich hab‘ vor drei Jahren einen ehemaligen Schulkollegen in Wurmstadt wiedergetroffen, oder watt. Der hat immer ‚oder watt‘ gesagt, oder watt. Dann hab‘ ich mir das angewöhnt, oder watt“, erzählt er. Ein „oder watt“-Zähler hätte an diesem Tag bestimmt dreistellig ausgeschlagen.

Und woher seine Fußballbegeisterung für Bochum kam? Thomas Dragunski ist in Wanne-Eickel geboren, was zum Schalker Einzugsgebiet gehört. Mit zwölf Jahren ist er das erste Mal nach Bochum gefahren und hat ein Spiel im Ruhrstadion besucht. Für ihn war seine erste Begegnung mit dem Verein wie die Liebe auf den ersten Blick. Die Stadt und der Verein hätten ihm schlagartig gefallen – besonders die Bochumer Innenstadt und das Bermudadreieck. Diese Liebe hält bis heute an. Nicht so wie die zu seinen beiden Ex-Ehefrauen. Als seine letzte Ehefrau von ihm hätte wissen wollen, ob er den VfL Bochum oder sie mehr liebe, habe er keinen klaren Gewinner ausmachen können. Das habe sie ihm bis heute nicht verziehen.

Trotz seiner extremen Fußballbegeisterung genießt die Familie einen hohen Stellenwert in Dragunskis Leben. Er hat einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter wohnt noch bei ihm und ist der größte VfL-Bochum-Fan in der Familie, wie er stolz erzählt. Doch bald wird sie aus Papas Wohnung ausziehen. „Dann hab ich endlich wieder ein Zimmer mehr für meine VfL-Sachen, oder watt“, sagt er.

1984 hatte Dragunski seine erste Wohnung in Bochum. Die Wahl seines Wohnorts bereut er bis heute nicht. „Ich liebe den Menschenschlag in Bochum, der ist hier ganz anders. Zum großen Teil freundlicher oder netter, oder watt.“ Für ihn seien die Bochumer im Vergleich zu den Menschen in Wanne-Eickel, Herne oder Gelsenkirchen deutlich sympathischer. Beinahe wäre Dragunskis aktuelle Heimatstadt auch seine Geburtsstadt geworden. Denn als Dragunskis Mutter mit ihm schwanger war, hat sie in Bochum gewohnt. Die Familie zog aber zur Geburt nach Wanne-Eickel. Erfahren hat Dragunski das erst kurz nach seinem 20. Geburtstag. Heute wünscht er sich, dass Bochum nicht nur seine Heimatstadt, sondern auch seine Geburtsstadt wäre.

Kontakt mit Studierenden

Obwohl er so extrovertiert ist, geht Dragunski einem bodenständigen Beruf nach. Er arbeitet im hauswirtschaftlichen Dienst der Ruhr-Uni Bochum. Dann tauscht er die Kutte mit hygienischer Überwurfkleidung. Hier entstand auch sein Spitzname VfL-Jesus, weil ihn Arbeitskolleg*innen so genannt haben. Dragunski trägt nämlich weiße, leicht gewellte Haare, die ihm bis knapp unter die Schultern reichen. Dabei will sich der Fan nicht mit Jesus von Nazareth vergleichen. Seinen Gottesglauben lebt der VfL-Jesus nämlich meistens nur dann aus, wenn er vor seinem eigenen Altar in der VfL-Kutte für seinen Verein betet.

Thomas Dragunski arbeitet seit Januar 2013 an der Ruhr-Uni. Seine Kolleg*innen hätten ihm oft gesagt, er sei nicht normal, sondern VfL-verrückt. Dragunski erzählt, dass er an Spieltagen der Ruhrpottkicker morgendliche Grüße der Kollegen auch mal nur mit „VfL“ beantwortet. Die wiederum sprechen ihn auch fast nur noch mit „VfL-Jesus“, „Jesus“ oder einfach „VfL“ an.

Während seiner Arbeit schließt er Studierenden Türen auf, kontrolliert Zugänge oder sorgt für den Geschirrtransport der Mensa. Dabei trifft er täglich Studierende. Eigenen Aussagen nach erkennen die Bochumer*innen den VfL-Jesus zwei-, dreimal in der Woche und sprechen ihn dann regelmäßig an. „Der ist ein ganz bodenständiger und ruhiger Typ“, erzählt eine Jurastudentin aus Bochum. „Ich habe mal kurz mit ihm an der Castroper Straße vor dem Stadion gequatscht. Ich hätte ihn ganz anders eingeschätzt, weil er auf Instagram doch sehr extrovertiert ist.“ Dort zeigt er sich gerne beim Feiern, gibt seine Einschätzungen zu den VfL-Spielen ab oder posiert mit seiner blinkenden Sonnenbrille.

Abseits des Fußballs

Links das Original, rechts die Stoffpuppe. Foto: Bastian Gerling

Zwei Jungs auf dem Bochumer Campus erkennen ihn auch, nachdem sie ein Bild gesehen haben. „Das ist der vom Pottorginale-Film!‘‘ Tatsächlich hat Dragunski schon in einem Roadmovie mitgespielt. Ein Amateurfilm ohne Drehbuch, der eine Hommage an das Ruhrgebiet und seine schrägen Gestalten sein sollte. Dragunski war einer der Protagonisten.

Auch bei Musikproduktionen wie dem Techno-Lied „Der Bass muss knallen oder watt“ oder dem Song „Glanzshort“ hat der Fan mitgewirkt. Die Musik und das Filmen seien seine Hobbys neben seiner großen Leidenschaft, dem VfL Bochum, sagt der VfL-Jesus. Im Musikvideo von „Der Bass muss knallen oder watt“ tanzt er durch die Straßen Bochums – natürlich stilecht mit Kutte und blinkender Sonnenbrille im Techno-Modus. Der Titel bezieht sich auf sein verbales Erkennungszeichen an nahezu jedem Satzende. Die Botschaft des Liedes? Wohl einfach gute Laune haben und tanzen. Genauso ist es beim Song „Glanzshort“, bei dem auch Dragunskis bester Kumpel Tankwart a.D. mitgemacht hat. Der ist ebenfalls leidenschaftlicher VfL-Bochum-Fan. Der Tankwart a.D., 60 Jahre alt mit Schnauzer, ist Dragunskis Busenfreund. Neben der großen Liebe zum VfL Bochum teilen sie auch andere Interessen, zum Beispiel die für ein kaltes Pils und gelegentlich eine Currywurst. Davon zeugt auch die kleine Plauze, der der Tankwart trägt. Vor jedem Spiel ihres Vereins treffen die Kumpel sich, um gemeinsam etwas zu trinken.

Wechselbad der Gefühle

Beim heutigen Pokalspiel gegen den Wuppertaler SV wenden die Blau Weißen gerade noch eine Blamage ab: Der VfL rettet sich erst in der Verlängerung in die nächste Runde. Solche Zitterpartien kann Dragunski – mental wie körperlich – kaum ertragen. Der Tabellenplatz des VfL in der Liga ist das Stimmungsbarometer des Fans: Während er jedes Mal sinnbildlich in eine Depression falle, wenn der Verein absteigt, fülle sich sein Körper hingegen mit Glückshormonen, wenn der Revierclub in der Bundesliga gut spielt. Wäre das heutige Spiel kein Zittersieg in der Verlängerung gewesen, dann befände Dragunski sich schon längst auf Wolke 1848 – oder bei der Fiege-Bude gegenüber seiner Wohnung. Dort trinkt er regelmäßig das erste Bier zum Warmwerden.

Ein festes Ritual ist ein Treffen direkt vor dem Stadion geworden. An einem Stadionkiosk kommen er und seine engsten Freunde vor jedem Spiel zusammen, um anzustoßen. Dazu gehört vor allem der Tankwart a.D.. Anschließend gehen sie gemeinsam in die Ostkurve – die Heimat und das Herzstück der Bochumer Fußballfans. Hier haben sie ihren festen Platz unten am Zaun. Dragunski gibt rund 40 Euro für ein Heimspiel aus, wenn er seine Dauerkarte einberechnet und die Getränke am Spieltag grob überschlägt. Bei Auswärtsspielen kann das schon mal deutlich teurer werden. Aktuell schaut er die Geisterspiele bei Freunden, die ein Bezahlabonnement für die Bundesliga haben. Ab und zu geht er dafür auch in eine Kneipe.

Bochum will Dragunski nie mehr wieder verlassen. Höchstens, wenn der VfL mal in der Europa League spielen würde. Am liebsten würde er dann nach Rom reisen, um in der ewigen Stadt die Liebe seines Lebens anzufeuern.

 

Beitragsbild: Bastian Gerling

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