Kommentar: Warum mehr Migranten Journalisten werden sollten

In Deutschland hat fast jede vierte Person einen Migrationshintergrund. Dagegen hat höchstens jeder zwanzigste Journalist ausländische Wurzeln. Das führt dazu, dass unsere Öffentlichkeit zu wenig interkulturelle Perspektiven zu bieten hat. Für eine Migrationsgesellschaft wie Deutschland sind sie aber ein wichtiger Bestandteil. Ein Kommentar.

Laut dem statistischen Bundesamt lebten im Jahr 2017 rund 19,3 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund in der Bundesrepublik – das ist ein Anteil von 23,6 Prozent. Deutschland hat sich zu einer Migrationsgesellschaft entwickelt. Diese wird wiederum durch die Medien abgebildet. Rainer Gaißler, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Siegen, beschreibt das Phänomen wie folgt: „Was die Bevölkerung über die Bedeutung von Migration und Integration und über die Situation der MigrantInnen in Deutschland weiß, das weiß sie in der Regel vor allem aus den Massenmedien.“ Wenn aber nur rund fünf Prozent der Journalisten einen interkulturellen Hintergrund besitzen, mangelt es an interkultureller Perspektive: Migranten im Journalismus haben einen anderen Blick auf die Dinge als der Herkunftsdeutsche.

Die Perspektive ist kein Handwerk

Jeder Journalist bringt eine eigene Sichtweise mit, die durch individuelle Erfahrungen, Gegebenheiten und Charakteristika geformt wird. So besitzt etwa ein Veganer eine andere Perspektive auf den Tierschutz als ein Fleischesser, eine Frau einen anderen Blickwinkel auf die Frauenquote als ein Mann und jemand mit Fluchterfahrungen einen anderen Bezug zur Flüchtlingsdebatte als eine Person, die friedlich in Deutschland aufgewachsen ist. Solche Perspektiven kann man nicht lernen. Sie entstehen durch einen persönlichen Hintergrund. Und genau das trägt zur Vielfalt in den Medien bei. Dabei kann sich diese Vielfalt auf das Geschlecht, das Alter, die sexuelle Orientierung, körperliche Fähigkeiten und viele andere Aspekte beziehen. „Die Seite des Journalismus, die man nicht handwerklichen Regeln unterwerfen kann, ist was und aus welcher Perspektive berichtet wird“, sagt Horst Pöttker, emeritierter Professor für Theorie und Praxis des Journalismus an der TU Dortmund. Sprich: In Zeiten der Globalisierung und in einer Einwanderungsgesellschaft sind die Perspektiven von Migranten in der Öffentlichkeit ein wichtiger Bestandteil.

Potentielle Kunden

Nicht zu vergessen ist, dass die 23,6 Prozent der Deutschen mit ausländischen Wurzeln das Publikum und somit auch die potentielle Kundschaft für die deutschen Medien darstellen. Zu Rezipienten avancieren sie sich aber erst, wenn sie ihre Sichtweisen in den Medien wiederfinden. Sind ethnische Minderheiten an der Medienproduktion beteiligt, ist das viel wahrscheinlicher. Eine interkulturelle Perspektive wäre da entscheidend.

„Mehr Murats in den Medien“

Das Thema findet bereits auf mehreren Ebenen Zuspruch: Der „Nationale Aktionsplan Integration“ der Bundesregierung etwa ist um die sogenannte mediale Integration bemüht und fordert „eine angemessene Beteiligung von Migranten in den Medienberufen“. Initiativen wie die Talentwerkstatt „Grenzenlos“ des WDR oder der Verein „Neue deutsche Medienmacher*innen“ haben sich die Förderung von Journalisten mit Migrationshintergrund zur Aufgabe gemacht und sind laut eigener Angabe an größerer Vielfalt in den Medien interessiert. Das Begabtenförderungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt seit 2008 mit seinem Stipendienprogramm „Medienvielfalt, anders“ Migranten auf ihren Weg in den Journalismus – hier mit der Parole: „Für mehr Murats in den Medien“. Es wird also schon Hand angelegt.

Männlich, weiß, Mittelschicht, knapp 41 Jahre alt

Das Impressum von Zeit Online bringt bereits Namen wie Sasan Abdi-Herrle, Hasan Gökkaya oder Wlada Kolosowa hervor. RTL-Moderatorin Nazan Eckes hat türkische Wurzeln und in der deutschen Medienlandschaft hat sie sich einen Namen gemacht. Man könnte also meinen, alles sei gut, die Vielfalt sei gegeben und sie werde angemessen gefördert. Aber immer noch sind Menschen mit Migrationshintergrund in den Medien stark unterrepräsentiert. Kurze Erinnerung: Am Anfang war die Rede von vier bis fünf Prozent Migranten im Journalismus. Andere Schätzungen gehen sogar nur von etwa zwei bis drei Prozent aus. Noch sind Redaktionen recht homogen besetzt. Der „typische deutsche Journalist“ ist männlich, weiß, knapp 41 Jahre alt und stammt aus der Mittelschicht. Irgendwas passt da also nicht. Worin liegt die Schwierigkeit?

Beide Seiten sind verantwortlich

Horst Pöttker, bis 2013 aktiv im Institut für Journalistik an der TU Dortmund

Sowohl auf der Seite der Medienbetriebe, als auch auf der Seite der Migranten gibt es Faktoren, die für die geringen Zahlen verantwortlich sind. Nur einer Gruppe die Schuld zuzuschreiben, wäre problematisch, erklärt Horst Pöttker: „Auf beiden Seiten muss ein starkes Umdenken stattfinden.“ Der Sozialwissenschaftler setzt sich in seiner Forschung unter anderem mit dem Verhältnis von Medien, Migration und Integration auseinander. Er betont, dass in der „Migrantencommunity“ Berufe wie Arzt oder Ingenieur, die mit einem sicheren Einkommen verbunden sind, sehr viel angesehener sind – besonders bei Eltern, die häufig aus Ländern stammen, in denen ein anderes Verständnis vom Journalismus herrscht als in Deutschland. Die sind meist wenig begeistert, wenn ihre Kinder den Berufswunsch des Journalisten äußern. Auch, was die Sprache anbetrifft, haben Viele die Angst, sie nicht gut genug zu beherrschen.

Sprache als Verständigungsmittel

„Natürlich muss ein Journalist die deutsche Sprache können, wenn er für ein deutschsprachiges Medium arbeiten möchte. Aber ob es das akzentfreie, grammatisch und stilistisch perfekte, einwandfreie Deutsch sein muss, ist eine andere Frage. Wenn man das fordert, betrachtet man Sprache als ein Symbol der Kulturzugehörigkeit. Dabei sollte man die Sprache viel eher als Verständigungsmittel sehen“, sagt Pöttker. Er kritisiert, dass Rundfunkmedien eine akzentfreie Aussprache fordern, während die Printmedien eine einwandfreie Rechtschreibung erwarten. Mit diesen jeweiligen Begründungen würden sie sich die Verantwortung, Migranten einzustellen, gegenseitig zuschieben – das hat seine im Jahr 2016 erschienene Studie ergeben.

Von interkulturellen Kompetenzen profitieren

„Dabei merken wir doch gerade durch einen Journalisten, der mit Akzent im Radio spricht, dass wir nun mal in einer Migrationsgesellschaft leben“, macht der Hochschullehrer deutlich, „das Kriterium der perfekten Sprachbeherrschung im Journalismus sollte nicht an erster Stelle stehen.“ So könnte etwa kollegiales Redigieren vorhandene sprachliche und/oder stilistische Schwachstellen im Printbereich beheben. Wovon die Medien wiederum mehr profitieren könnten, sind die interkulturellen Kompetenzen der Journalisten mit Migrationsgeschichte – also den Blick für andere und neue Themen, die zum Beispiel mit Globalisierung, Internationalisierung und Migration zu tun haben.

Schließlich sieht Pöttker eine weitere wichtige Verantwortung beim Journalismus selbst: „Wenn Journalismus der Beruf ist, der demokratische Öffentlichkeit herstellen soll, ist er als erster gefragt. Er müsste mehr über sich selbst aufklären. In diesem Zusammenhang bedeutet es, dass er auf das Thema aufmerksam machen sollte.“

Erwartungen und Vorurteile

Allerdings könnte einigen Journalisten ihr Migrationshintergrund in manchen Medienbetrieben gewissermaßen zum Verhängnis werden, wenn sie plötzlich nur bei ausländerspezifischen Themen zu Wort kommen. In diesem Fall werden sie auf ihre Eigenschaft als Migrant reduziert, was bereits eine latente Form von Diskriminierung darstellt. Das andere Extrem wäre die Ansicht, dass sie gerade über Themen, die ihren Migrationshintergrund betreffen, nicht schreiben sollten, da sie dann nicht neutral wären. Das widerspricht nicht nur der Idee der Medienvielfalt, sondern impliziert, dass ein weißer, deutscher Journalist automatisch neutral wäre, wenn er über diese Themen berichtet.

Der Vorteil eines Journalisten mit Migrationsgeschichte könnte Erwartungen wecken, denen er nicht gerecht werden kann. Nur weil ein Journalist türkische Eltern hat, ist er sicher kein Experte auf den Fachgebieten Integration und Migration. Allerdings bietet ihm sein persönlicher interkultureller Hintergrund einen anderen Blickwinkel auf entsprechende Themen. Und das ist das, was ihm keiner beibringen kann.

 

Beitragsbild: Tim Mossholder auf Unsplash

Foto: Horst Pöttker (privat)

 

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