Weshalb die TU Dortmund (wieder) einen Raum der Stille braucht

Für wen Religion und Spiritualität eine Rolle spielen, der muss sich auf dem Uni-Gelände lange nach einem ruhigen Ort umschauen. Dabei gab es mal einen „Raum der Stille“ auf dem Campusgelände der TU-Dortmund. Es sollte wieder ein solches Angebot geben. Ein Kommentar.

Ob man religiös ist oder nicht, spielt an Unis keine Rolle. Als öffentliche Einrichtungen sind Universitäten weltanschaulich neutrale Orte zur Forschung und Lehre. So versteht sich zumindest die TU-Dortmund. Aber stimmt das? Ist die Uni wirklich nur Lehrstätte? Wenn man Aktivitäten wie den Hochschulsport betrachtet, könnte die Uni auch als Lebensraum begriffen werden. Mit einem Perspektivwechsel wird auch die Identitätsfrage angeregt, zu der auch die religiöse Überzeugung gehört.

Wer an der TU-Dortmund seinen Glauben mit dem studentischen Alltag vereinbaren möchte, könnte durchaus auf Probleme stoßen. Es gibt keinen festgelegten Raum, in den sich Gläubige für Gebete zurückziehen können. Dabei gab es den mal. Jedenfalls bis zur Schließung im Jahr 2016 – ein Fehler.

„Raum der Stille geschlossen“ – zu den Hintergründen

Den „Raum der Stille“ an der TU-Dortmund gab es von 2012 bis 2016. Er wurde geschlossen, weil muslimische Studierende begannen, ihn mit religiösen Symbolen auszustatten und für eine Geschlechtertrennung zu unterteilen, so das Dezernat für Hochschulentwicklung und Organisation an der TU-Dortmund. Sie hatten auch eine Trennwand für Frauen und Männer errichtet, woraufhin sich andere Raumnutzer*innen beschwert hatten.
Peter Jochem war in diesen Jahren Studentenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde Dortmund und hat den Aufbau des Raumes miterlebt. Man habe das ganze Projekt sehr schnell aufgezogen. Der Raum wurde in die Obhut des Asta übergeben. Laut Jochem war das eine starke Belastung für einen Studierendenausschuss. Man hätte das Ganze in einer interreligiösen Arbeitsgruppe zuerst erarbeiten sollen, so Jochem.

„Das war damals, unter der Leitung der Rektorin, ein sehr unbeholfener Umgang mit Religion.“ Peter Jochem, ehemaliger Studentenpfarrer

Die entstandenen Konflikte wurden mit der Schließung des Raums durch die damalige Rektorin beantwortet. „Das war damals, unter der Leitung der Rektorin, ein sehr unbeholfener Umgang mit Religion“, kommentiert Peter Jochem.

In einer Petition von über 400 Studierenden wurde der Raum, ohne Erfolg, zurückgefordert. Der öffentliche Antwortbrief der TU-Dortmund ist nicht mehr abrufbar.

TU-Lounge – besser als gar nichts

Die Schließung ging kurz durch die Presse. Danach hat man nicht mehr viel von dem Konflikt gehört. Den missglückten Versuch einer Raumetablierung unter den Teppich zu kehren, war auch nicht die beste Lösung. Vielmehr hätte man ein durchdachteres Konzept entwickeln können, um einen adäquaten Platz zu schaffen, der den unterschiedlichen Lebensarten und auch Glaubensrichtungen gerecht wird.
Hier beruft sich die Universität auf ihre Überkonfessionalität und bietet einen halbseidenen Ersatz. Im Jahr 2018 wurde der ehemalige Raum der Stille als „TU-Lounge“ wiedereröffnet. Dort kann man lesen, zusammen lernen oder eine Pause machen. „Ein stilles Gebet ist selbstverständlich auch hier möglich“ , so das Dezernat für Hochschulentwicklung und Organisation.

Ein geeigneter Rückzugsort fehlt noch immer

Eine weltlichere Umbenennung und Ausrichtung klingt eher nach einer Behelfslösung. Für Studierende ohne konfessionelle Bindung mag die Lounge ein gutes Angebot sein. Inwiefern sie als geeigneter Rückzugsort für Gläubige dienen kann, bleibt zu bezweifeln.
Es wäre zum Beispiel denkbar, dass Beten und andere religiöse Praktiken im Kontext der „TU-Lounge“ von anderen als „unerwünschtes Verhalten“ aufgefasst werden.
Die Alternative, die die Uni zur TU-Lounge anbietet, ist auch eher für die Sommermonate geeignet: Ein stilles Gebet sei auch auf dem Campus möglich, solange niemand dadurch gestört werde oder zum Beispiel Fluchtwege belegt sind. Keine ideale Ausgangslage.

Das findet auch Muhammed Suiçmez, leitender Redakteur des Fachmagazins IslamiQ. „Die Bereitstellung eines solchen Raums ist Ausdruck unserer vielfältigen Gesellschaft. Gerade in Klausurzeiten oder im Uni-Stress braucht jeder Studierende einen Ort, um sich zurückzuziehen. Hierbei kann die Religion eine essenzielle Rolle spielen, da sie vielen Halt und Energie gibt.“

Es liegt auf der Hand, dass die Uni nicht dazu verpflichtet werden kann, jeder Glaubensrichtung einen eigenen Raum anzubieten. Neben der „TU-Lounge“ sollte es aber noch einen Raum geben. Dieser Raum sollte es Menschen ermöglichen, ihren Glauben in einem Umfeld auszuleben, der dafür vorgesehen ist. Dort sollte es klare Regeln und ggf. auch feste Öffnungszeiten geben. Die Vorbereitung müsste in einer interreligiösen Arbeitsgruppe erfolgen, die verschiedene Religionen vertritt. Studierende sollten dabei auf jeden Fall in die Planung einbezogen werden, weil sie selbst den Raum später nutzen.

 „Am Ende des Tages ist es egal, welcher Religion man angehört. Wenn man nicht offen ist für andere, dann bringt es nichts.“

Der 20-jährige Maxi Haupt studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien und ist innerhalb einer jüdischen Community aufgewachsen. Er hält den Aufbau eines Raumes für sinnvoll, gibt aber auch zu bedenken, dass sich so manche religiöse Ansicht mit der öffentlichen Welt beißt und Konflikte sehr wahrscheinlich sind.
„Am Ende entscheidet das Individuum und dessen Offenheit darüber, ob das Projekt funktioniert oder nicht. Am Ende des Tages ist es egal, welcher Religion man angehört. Wenn man nicht offen ist für andere, dann bringt es nichts.“
Maxi bringt die Problematik gut auf den Punkt. Es kommt immer auch auf die Bereitschaft und Offenheit des Einzelnen an. Jedoch kann man viele Risiken auch bereits durch einen stabilen institutionellen Rahmen minimieren.

Es ist ein sensibles Unterfangen, auf religiöse Gruppen zu reagieren, die es verweigern, sich anzupassen. Wichtig und richtig ist es, Rücksicht zu nehmen und sich mit dem eigenen Glauben tolerant in einer breiteren Öffentlichkeit zu bewegen. Das muss auch beim Aufbau eines Raumkonzepts berücksichtigt werden. Zum Beispiel durch klare Regeln und Kontrollinstanzen.

Es ist essentiell, dass Religions- und Glaubensfragen an Universitäten ein Platz eingeräumt wird. In einer Gesellschaft, die sich entschieden weltlich positioniert, sollte es auch wortwörtlich einen Raum für die Auslebung einer geistlichen Haltung geben.

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