#edrecovery: Mit Instagram gegen Magersucht und Bulimie

Instagram kann gegen Magersucht und Bulimie helfen. Betroffene wie Jana Peters und Zoe Fuchs posten Essensfotos und teilen ihre Erfolge und Gedanken mit anderen Kranken. Experten sehen das Ganze jedoch auch kritisch.
Essensfotos mit anderen Betroffenen teilen: So konnten Jana Peters (links) und Zoe Fuchs ihre Magersucht überwinden.

Es gibt junge Menschen, die an Magersucht oder Bulimie leiden und ihren Genesungsweg auf Instagram dokumentieren. Sie posten Fotos vom Essen und teilen ihre Gedanken mit der Community. So wie Jana und Zoe. In ihrer schwersten Zeit hat ihnen das sehr geholfen. Psychologen sehen die Instagram-Therapie jedoch auch kritisch.

Wann ihre Essstörung begonnen hat, kann Jana Peters nicht mehr genau sagen. „So etwas kommt schleichend. Als ich 16 war, kam ich jedenfalls zum ersten Mal in die Klinik“, sagt die heute 22-Jährige. Die Studentin leidet an Magersucht, musste sich in den vergangenen sieben Jahren mehrmals in Kliniken und ambulante Therapien begeben. In ihrer schwersten Zeit, im Frühjahr 2016, stieß sie zufällig auf die ersten Recovery-Accounts auf Instagram. Dort teilen Essgestörte ihren Weg der Genesung, indem sie Bilder ihres Essens, Vorher-Nachher-Fotos ihres Körpers oder einfach nur ihre Gedanken posten.

Jana war sofort beeindruckt von der gegenseitigen Unterstützung in der Community. Auf ihrem eigenen Instagram-Profil drehte sich zu dieser Zeit alles um Fitness. „Es ist viel besser, sich damit zu beschäftigen, wie man wieder gesund wird, anstatt damit, noch mehr Sport zu treiben und noch mehr abzunehmen. Das wurde mir damals bewusst“, sagt sie. Nachdem sie die Recovery-Accounts anderer Essgestörter ein paar Monate beobachtet hatte, entschied sie sich, selbst aktiver Teil der Gemeinschaft zu werden.

„Heute hab ich der Magersucht in den Arsch getreten“

Jana Peters hat mit Hilfe ihrer Instagram-Gemeinschaft die Magersucht überwunden.
Jana hat mit Hilfe ihrer Instagram-Community die Magersucht überwunden. Foto: Anna-Lena Siebert

Seit fast zwei Jahren betreibt sie ihren Account janas_recovery_journey („Janas Genesungsreise“). Viel Überwindung habe sie das am Anfang nicht gekostet, da sie schließlich nur Fotos von ihrem Essen teilte. „Es wusste ja niemand, wer ich bin.“ Einer ihrer ersten Posts war ein Bild von einem Kuchen, zu dem sie schrieb: „Es war nicht einfach und es ist immer noch nicht einfach, aber heute hab ich der Magersucht in den Arsch getreten.“

Bis sie sich traute, ein Foto von sich zu posten, hat es eine Weile gedauert: „Da habe ich lange überlegt, weil diese Anonymität natürlich auch schützt. Durch sie konnte ich offener mit meinen Gefühlen und Gedanken umgehen.“ Im wirklichen Leben war sie in einer Spezialklinik für Essstörungen in Behandlung und ging zu ambulanten Therapien.

„Magersüchtig zu sein, bedeutet Aufmerksamkeit zu bekommen“

Als Zoe Fuchs vor etwa einem Jahr die Recovery-Accounts entdeckte, war sie eigentlich auf der Suche nach Diät-Tipps. Auch sie leidet an Magersucht, fand sich noch nicht dünn genug. Ihr damaliges Gewicht möchte sie nicht verraten. Die 22-Jährige war Teil einer Proana-Whatsapp-Gruppe. Proana steht für „Pro Anorexia nervosa“, dem Fachwort für Magersucht. In der Community treiben sich die Mitglieder gegenseitig dazu an, immer dünner zu werden. Zoe fand sie über Foren im Internet.

Im April 2017 folgte der Tiefpunkt: Ihre Eltern und Ärzte wollten sie in eine Spezialklinik zwangseinweisen lassen, da sie innerhalb kurzer Zeit immer dünner wurde. Zoe sträubte sich dagegen. „Und da hat es klick gemacht“, erzählt sie heute. „Es war ein plötzlicher Wechsel um 180 Grad. Ich kam in ein normales Krankenhaus und habe noch am ersten Tag dort beschlossen, auch einen Recovery-Account zu erstellen.“ Der wichtigste Schritt auf dem Weg zur Genesung sei, sich der Krankheit bewusst zu werden und sich von ihr zu lösen. „Die Essstörung wird irgendwann zum Teil des Lebens“, sagt sie. „Magersüchtig zu sein bedeutet, von allen Menschen im eigenen Umfeld Aufmerksamkeit und Zuneigung zu bekommen. Es ist extrem schwierig, das aufzugeben.“

„Die Erfolge der anderen motivieren mich“

Und da können den Betroffenen laut Zoe weder Instagram noch Ärzte, Eltern oder Freunde helfen. Die Einsicht muss selbst erfolgen. Die Menschen in ihrem Umfeld hielten den Recovery-Account für eine gute Idee. „Alle haben gesehen, dass es mir sehr geholfen hat. Deswegen fanden sie es gut“, sagt Zoe. Unter dem Namen recovery_apple fing sie genau wie Jana an, Bilder ihres Essens zu posten. Das war anfangs nicht viel: häufig nur etwas Magerquark und ein Apfel. Daher auch der Account-Name. Im Laufe der Monate kamen dann zum Beispiel Brötchen, Schokolade, Kuchen und Nudelgerichte hinzu.

Das Teilen der Bilder hilft den Betroffenen. Laut Jana und Zoe werden sie dadurch ermutigt, sich ihrer Krankheit immer weiter zu stellen. „Man postet meistens Fotos von Gerichten, die Recovery-Wins sind, also große Erfolge, wie eine Pizza oder einen Burger. Manche teilen auch jedes einzelne Essen“, sagt Jana. Unter den Bildern auf ihrem Profil stehen Kommentare wie: „Super gemacht, du kannst sehr stolz sein!“ Oder: „Mach weiter so, du schaffst das.“ „Die Erfolge der anderen haben mich oft dazu motiviert, auch mal was Richtiges und Schwieriges zu essen. Denn dann kann ich davon erzählen und ein Stück weit stolz sein.“

Vielen Magersüchtigen geht es schlimmer, als sie zeigen

Kerstin Quiske ist Diplom-Psychologin und Gesprächspsychotherapeutin an der LVR-Klinik in Bonn. Sie hält die Recovery-Accounts grundsätzlich für eine gute Sache: „Die Betroffenen können sich untereinander austauschen und ihre Gedanken von der Seele reden. Durch die Erfahrungsberichte anderer sehen manche vielleicht auch ein, dass sie Hilfe brauchen.“ Gleichwohl müsse man sich bewusst sein, dass nicht alles, was bei Instagram gepostet wird, wahr ist.

Aus ihrem eigenen Bekanntenkreis weiß Jana, dass es manchen Mädchen in Wirklichkeit sehr viel schlechter geht, als sie vorgeben. Sie selbst habe nie geschummelt: „Ich habe alles gegessen, was ich gepostet habe“, sagt sie. Der positive Zuspruch, der Jana geholfen hat, bewirkte bei Zoe zunächst das Gegenteil. „Wenn zum Beispiel jemand schrieb: ,Hey, du siehst echt viel besser aus‘, machte die Magersucht in meinem Kopf daraus: ,Hey, du hast aber zugenommen!‘ Und dann wiederum: ,Hey, du bist zu dick!‘ Das hat mir schon zugesetzt.“ Den Account zu löschen – daran dachte Zoe jedoch nie: „Woher die Kraft kam, das durchzuziehen, weiß ich selbst nicht mehr so genau. Aber zum Glück hatte ich sie.“

Auf Instagram gibt es auch viele Magersucht-Fans

Ein großer Teil der Krankheit ist laut Zoe der Vergleich mit anderen. Wer ist kränker? Wer ist dünner? Wer wiegt am wenigsten? Darin sieht sie die Gefahr der Recovery-Accounts: „In der Community gibt es viele, die noch nicht gesund werden wollen. Sie nutzen die Plattform nur, um zu schauen, wie viel die anderen essen und wie dünn die anderen sind. Und versuchen dann, kränker zu werden als die.“ Man müsse dazu bereit sein, sich von den Vergleichen zu entfernen. Die Fotos aus ihrer schlimmsten Zeit hat Zoe mittlerweile entfernt. Aus Angst andere anzutreiben, auch so aussehen zu wollen. Einige Bilder sind jedoch noch auf ihrem Account zu sehen: Das Gesicht ist eingefallen, die Schlüsselbeine und Wangenknochen stehen hervor, die braunen, schulterlangen Haare sind dünn und brüchig.

Auch Psychologin Quiske erkennt Gefahren in der Community. Als Expertin für Essstörungen rät sie, die Recovery-Accounts mit Vorsicht zu genießen. „Man sieht schon eine sehr starke Verhaftung der Betroffenen in dem Thema. Sie bewegen sich ja letztendlich nur in diesem Kreis, der von sehr subjektiven Berichten geprägt ist“, sagt sie. Ob die Plattform eine Hilfe bei der Genesung sei, kann sie nicht sagen. Dazu gebe es noch keine Studien. „Es ersetzt auf keinen Fall eine fachkundige therapeutische Unterstützung“, sagt sie. Quiske sieht die Accounts als positives Gegenstück zu den #proana- und #promia-Bewegungen, wobei Ana die Magersucht (Anorexia nervosa) ist und Mia die Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa).

Eine Familie gegen Essstörungen: #edfam

Jana und Zoe sagen, dass sie sich auf ihre Genesung konzentrieren. Das Wichtigste an der Recovery-Community, da sind sich die beiden einig, sind die Gespräche mit anderen Erkrankten. Und das Gefühl, nicht allein zu sein. Deswegen nennen die Beteiligten sich selbst #edfam (eating disorder family – „Essstörungs-Familie“). „Wenn man gesunden Menschen erzählt, dass man total stolz darauf ist, ein Brötchen gegessen zu haben, verstehen sie das nicht. Weil sie nicht wissen, was das für eine große Sache für mich ist“, sagt Jana.

Dieser Zusammenhalt war für Zoe und Jana vor allem in ihren schwierigsten Zeiten besonders wichtig. Und häufig geht die #edfam auch über die virtuellen Grenzen hinaus. Mit einigen Betroffenen haben sie viel geschrieben, telefoniert und sich auch getroffen. Teilweise ist der Kontakt sehr eng. „Wenn man sich dann mal persönlich trifft, ist es fast immer so, als würde man sich schon ewig kennen“, sagt Jana. „Dann geht es auch nicht immer nur um Magersucht.“

Das kleinste Tabu unter den psychischen Störungen

Die Community ist mittlerweile sehr groß. Unter dem Hashtag #edrecovery (eating disorder recovery – „Essstörungs-Genesung“) sind bei Instagram über drei Millionen Fotos zu finden. Der Grund ist für Jana und Zoe einfach: Es leiden eben sehr viele Menschen an der Krankheit. Laut Quiske zählen Essstörungen zu den häufigsten psychischen Krankheiten bei Mädchen und jungen Frauen. „Also genau in der Altersgruppe, die in sozialen Netzwerken unterwegs ist“, sagt sie. Den Grund für die wachsende Recovery-Community sieht die Psychotherapeutin auch darin, dass Essstörungen zu den sozial akzeptiertesten psychischen Erkrankungen gehören. Daher könnten die Betroffenen meist offener darüber reden als beispielsweise über Depressionen. Außerdem sei die Krankheit sehr sichtbar, die Fortschritte der Patientinnen und Patienten auf Fotos klar erkennbar.

Hinweis für Betroffene: Hier findest du Hilfe bei Essstörungen
Geeignete Anlaufstellen für Betroffene sind Hausärzte und Psychotherapeuten. Im LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum sind sowohl eine ambulante als auch eine stationäre Behandlung bei Essstörungen möglich. Darüber hinaus bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter der Rufnummer 0221/89 20 31 eine anonyme Beratung an.

Momentan geht es Zoe und Jana relativ gut. In letzter Zeit haben beide nicht viel auf ihren Instagram-Profilen gepostet. Jana: „Der Account verliert an Relevanz, wenn man nicht mehr so tief in der Magersucht drinsteckt. In der akuten Phase war es jedoch eine gute Hilfe für mich. Auch wenn es natürlich keine Therapie ersetzt.“ Zoe: „Ohne die Community hätte ich meine Genesung sicher nicht geschafft. Aber momentan ist es für mich am besten, wenn ich mich davon entferne.“ Die Krankheitsgeschichten der anderen zu lesen, führe dazu, gedanklich zu sehr in dem Thema zu hängen.

Um sich selbst vor einem Rückfall zu schützen, beschäftigt Zoe sich lieber mit schönen Dingen. Sie lebt derzeit in Bangkok, macht dort ein Praktikum und reist viel. Manchmal telefoniert sie noch mit ihrer Körpertherapeutin. Das tue ihr gut, auch wenn sie die Magersucht größtenteils hinter sich gelassen hat. Und um sich auch symbolisch von der Krankheit zu lösen, hat sie ihren Account-Namen kürzlich geändert. Sie heißt dort jetzt zoe.loves.life – Zoe liebt das Leben.

Teaser- und Beitragsbild: Screenshot Instagram/janas_recovery_journey und Istagram/zoey.loves.life, bearbeitet von Johannes Ahlemeyer.

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