Kommentar: Ist Selbstbestimmung im Jahr 2022 ein Fremdwort?

Protest Abtreibung

Die Debatte über die Änderung des Rechtes auf Abtreibung in den USA wird nicht leiser – im Gegenteil! Immer mehr Großkonzerne schalten sich ein und auch auf Social Media werden die Rufe nach Gerechtigkeit und Selbstbestimmung immer lauter. Aber in was für einer Welt leben wir, dass über den Kopf von Menschen hinweg entschieden wird? Ein Kommentar:

Triggerwarnung: In diesem Text geht es die Themen Abtreibung und Vergewaltigung.

Seit 1973 gilt in den USA ein Recht auf Abtreibung, auf Basis der Grundsatzentscheidung „Roe v. Wade“. Diese sichert jeder Frau das verfassungsmäßige Recht zum Zugang einer Abtreibung zu. Schwangerschaftsabbrüche sind bis zu dem Zeitpunkt erlaubt, bis der Fötus außerhalb des Mutterleibes lebensfähig ist. Das ist in der Regel in der 22. bis 24. Schwangerschaftswoche der Fall.

Nun will die Mehrheit des Senates die Legalisierung des Abtreibungsrechtes rückgängig machen, so geht es aus einer Veröffentlichung eines Mehrheitsentwurfes in der „Politico“ hervor. Der konservative Richter Samuel Alito verfasste den Entwurf. Seiner Meinung nach sei das Recht auf Abtreibung „nicht tief in der Geschichte und den Traditionen verwurzelt“. Aber wie kann diese Aussage ein Argument dafür sein, dass wir uns in der Menschlichkeit und Selbstbestimmung zurück entwickeln? Wir fallen aktuell in eine Zeit zurück, in der Abtreibung illegal und somit auch gefährlich wird. Nur weil es nicht in der Geschichte oder in der Tradition verankert scheint, heißt dies doch lange nicht, dass wir uns nicht weiterentwickeln dürfen. Insgesamt vier weitere konservative Richter wollen Alito zustimmen. Hier einmal ihre Namen: Clarence Thomas, Neil Gorsuch, Brett Kavanaugh und Amy Coney Barrett. Vuer Männer und eine Frau. Diese vier Männer entscheiden also über die Körper von rund 169.000.000 Frauen in Amerika. Ziemlich übergriffig, oder?

Natürlich liegt der Hauptfokus aktuell auf Amerika, aber auch bei uns stehen Schwangerschaftsabbrüche noch unter Strafe. Erst nach einer Pflichtberatung und innerhalb eines engen Zeitraumes ist eine Abtreibung in Deutschland straffrei. Es ist in unser aller Interesse, sich nicht nur für die Abtreibungsgesetze in Deutschland zu interessieren, sondern auch weiter zu denken. Sitzen wir, und gerade Personen mit einem Uterus, nicht alle in einem Boot?

Eine Rückentwicklung für die Selbstbestimmung der Frau

Die Abschaffung des Rechts auf Abtreibung würde in den USA rund 50 Jahre beenden, in denen Frauen die – eingeschränkte – Möglichkeit hatten, über ihren eigenen Körper und Schwangerschaften entscheiden zu können. Nach der Abschaffung dürften die Bundesstaaten selbst entscheiden. Mehrere konservative Staaten haben bereits im Voraus schärfere Abtreibungsgesetze umgesetzt, zum Beispiel Texas: Letztes Jahr wurde hier das Herzschlaggesetz eingeführt. Dieses verbietet einen Schwangerschaftsabbruch ab der 6. Woche.

Die ersten Wochen einer Schwangerschaft

Übersicht Schwangerschaft

Um das grundlegende Problem dieses Gesetzes einmal zu verdeutlichen, sind hier ein paar Fakten: Laut der BzgA beginnt eine Schwangerschaft ab dem ersten Tag der letzten Periode. Die Dauer des weiblichen Zyklus kann zwischen 25 und 35 Tagen variieren, der meist dargestellte, exemplarische Zyklus beträgt 28 Tage. Die durchschnittliche Dauer einer Periode beträgt 5 Tage. Das sind alles nur Statistiken und Durchschnittswerte. Die Periode vieler Frauen kommt selten pünktlich und verlässlich, so ist die Natur eben. Wenn eine Frau nach ungefähr vier bis fünf Tagen merkt, ihre Periode müsste schon längst eingesetzt haben, ist sie laut Rechnung schon ungefähr viereinhalb Wochen schwanger. Ihr bleiben somit in in gewissen Bundesstaaten noch genau anderthalb Wochen für die Beratung, Bürokratie sowie der Abtreibung selbst. Allein die Entscheidung zu einer Abtreibung braucht Bedenkzeit. Wie man sieht sind 6 Wochen – oder genauer ein bis zwei Wochen – um eine Schwangerschaft abbrechen zu können, keinesfalls genug. Es wirkt eher wie eine Falle, den Schein zu erwecken, Frauen hätten die alleinige Macht über ihren Körper.

Am 3. Mai unterzeichnete Oklahomas Gouverneur einen Gesetzesentwurf, der die Durchführung einer Abtreibung unter Strafe stellt. Somit können 100.000 $ Strafe und/oder 10 Jahre Gefängnis mögliche Strafen sein. Als Vergleich: In den USA kann die Strafe für eine Vergewaltigung zwischen einem Jahr und lebenslänglich leben. Wollen wir wirklich in einer Welt leben, wo es theoretisch möglich wäre, dass ein Vergewaltiger weniger Strafe erhält, als jemand der eine gewollte Abtreibung durchführt?

Eine Welle der Solidarisierung

Auf der ganzen Welt solidarisieren sich Menschen mit Amerikanerinnen. Auf Social Media kursieren Hilfsangebote und Informationen – es wird Aufklärungsarbeit geleistet. Auf Instagram werden gezielt Infobeiträge zu dem Thema Abtreibung veröffentlicht und auf Twitter werden Unterkünfte in anderen Staaten und Ländern angeboten. Die Hoffnung dahinter ist unter anderem, selbst durchgeführte Abtreibungen zu verhindern. Diese ziehen ein großes gesundheitliches Risiko mit sich und werden oft als letzter Ausweg gesehen. Gibt man bei Twitter „abortion guest room“ ein, öffnen sich eine Reihe an Tweets. Hier bieten Menschen, welche in einem Land leben in dem Abtreibung legal ist, Unterkünfte und Unterstützung an.

Bei TikTok kursieren Videos von Betroffenen, die fordern: „keep your laws off my body“, also halte deine Gesetze von meinem Körper fern. Es werden Situationen geschildert und Beispiele genannt, wie es zu ungewollten Schwangerschaften oder der Entscheidung für eine Abtreibung kommen kann.

@hi.its.hollyy it’s our human right to do what we chose with our bodies #prochoice #proabortion #abortion #abortionisessentialhealthcare #womansrights #humanrights #ourbodiesourchoice #ourbodiesourrights ♬ original sound – Areyon Tashaun 💫

Großkonzerne, wie Amazon, Starbucks, Apple und Tesla hätten zu Beginn des Jahres bestätigt, ihren Beschäftigten die Reisekosten für Abtreibungen in einem anderen Bundesstaat zu zahlen, berichtet yahoo-Reporterin Alexis Keenan. Immer mehr US- Unternehmen bieten an, mögliche Prozesskosten bei illegalen Abtreibungen zu übernehmen. Die beiden Unternehmen Uber und Lyft versichern ihren Fahrer*innen, in diesem Fall die Prozesskosten zu übernehmen.

Was bedeutet „familienfreundlich“?

Der Gegenwind folgt postwendend. Der konservative Senator Marco Rubio legte umgehend einen Gesetzentwurf vor, um die Konzerne in ihrem Vorhaben massiv einzuschränken. Damit soll Unternehmen die Möglichkeit gestrichen werden, Ausgaben für Krankenversicherungen steuerlich abzusetzen, wie Reporterin Keenan weiß. Rubios Argument: „Steuerrecht sollte familienfreundlich sein“. Familienfreundlichkeit bedeutet laut Duden „der Familie (als sozialer Gruppe) dienlich, ihr entgegenkommend, sie fördernd“. Eine Familie ist heutzutage schon lange nicht mehr nur Mann, Frau und Kind, das müssten wir bis jetzt alle verstanden haben. Es ist somit nicht förderlich, eine gesunde Beziehung zu zerstören, indem man das Recht auf Selbstbestimmung und Eigenplanung unterdrückt. Denn übrigens: Trotz Verhütung kann es zu Schwangerschaften kommen! Die Folgen einer ungewollten, ausgeführten Schwangerschaft können starke psychische Belastungen für das eigene Leben sein.

Ein anderes Szenario: Eine Frau wird vergewaltigt und hat keine Möglichkeit ihr Kind legal abzutreiben. Die zwei Möglichkeiten für sie sind entweder eine illegale, im schlimmsten Fall noch selbst durchgeführte Abtreibung, oder die Geburt des Kindes. Wie traumatisch muss dieses Erlebnis für eine Frau sein, das Kind ihres Vergewaltigers auszutragen? Was empfindet sie für das Kind? Der innere Konflikt zwischen der Liebe und der permanenten Erinnerung an den wahrscheinlich schlimmsten Moment ihres Lebens muss einfach nur grausam sein. Dies ist für Menschen, die sowas nie erleben mussten, unvorstellbar. Ein Recht, welches solche Situationen sowie Emotionen hervorruft und unterstützt nennt Senator Rubio „familienfreundlich“.

Selbstbestimmung hat seine Grenzen – seit wann?

Schwangerschaftsabbrüche werden nicht durchgeführt, um ein Leben zu töten. Psychische Probleme sowie seelische und körperliche Belastung sind nur einige Folgen, die bei einer ungewollten Schwangerschaft auftreten können. Es gibt immer wieder Personen, die sich erlauben über den Körper anderer Menschen zu entscheiden und ihnen die Selbstbestimmung und Freiheit zu nehmen. In welchem Zeitalter leben wir, in dem eine Frau bei einer Sterilisation zu hören bekommt: „Das musst du dir gut überlegen, das ist eine Entscheidung fürs Leben!“, aber bei einer Abtreibung die Frau diese Entscheidung nicht selber fällen darf? Ein Kind ist eine Entscheidung fürs Leben. Man kann sich nicht „frei nehmen“ vom Muttersein. Das sollte eine gut überlegte Entscheidung sein, die man nur für sich selber treffen darf.

 

Ein Beitrag von
Mehr von Sofie Richter
Britischer Profifußballer Jake Daniels outet sich als homosexuell
Der britische Profifußballer Jake Daniels hat sich am Montag (16.05.2022) als homosexuell...
Mehr
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.