Authentizität im Beruf: „Dann wäre die Arbeitswelt ein besserer Ort“

Eine Rolle spielen, nur um im Job viel Geld zu verdienen? „Das wird anstrengend“, sagt Karriere-Coachin Monika Rörig. Sie appelliert für mehr Authentizität im Berufsleben und erklärt, wie weit die Gesellschaft ist.

Authentisch und echt sein – ein Wert, der im Bereich Karriere immer bedeutender wird. Das sagt Monika Rörig, selbstständige Mentorin und Mentaltrainerin für weibliche Führungskräfte. Im Podcast „Glück gehört“ spricht sie darüber, was Authentizität im Beruf bedeutet, wo die Grenzen zur Professionalität sind und ob es Menschen glücklicher macht, wenn sie im Job authentisch sind.

Frau Rörig, was heißt für Sie „Authentizität“? 

Authentizität ist für mich Echtheit, Ursprünglichkeit. Es wird oft diskutiert: Wann bin ich authentisch? Manche denken, wenn man ungeschminkt ist als Frau, ist man authentisch. Darüber gibt es ganz viele Annahmen. Ich glaube, bei Authentizität geht es wirklich um die Persönlichkeit.

Kann man lernen, authentisch zu sein? Beziehungsweise kann man in einer Rolle authentisch werden, in der man sich anfangs fremd fühlt – in einer Führungsrolle im Beruf zum Beispiel? 

Man kann sich mit Sicherheit Dinge aneignen, aber es kommt wieder auf den Ursprung zurück. Ich komme wieder auf mich. Je mehr ich in der Mitte bin und je mehr ich weiß, wer ich bin, desto authentischer bin ich. Und das kommt beim Gegenüber an. Ich würde eher davon abraten, mir irgendwas anzueignen, weil ich denke, dass man diese Eigenschaft als Führungskraft braucht. Man sollte sich eher überlegen: Wie finde ich meine Führungsrolle? Wie finde ich meinen Zugang zur Führung?

Das Bewerbungsgespräch ist ja eine Situation im Beruf, in der viele Menschen versuchen, eine Rolle einzunehmen. Viele bereiten Antworten auf typische Fragen des Personalers so vor, dass sie zu den Wünschen des Unternehmens passen. Was halten Sie davon, in dieser Situation als Bewerber unauthentisch zu sein?

Ein Vorstellungsgespräch sollte tatsächlich ein Gespräch sein. In ganz vielen Unternehmen ist das Vorstellungsgespräch immer noch ein Interview. Und dann kommen diese klassischen 08-15 langweiligen Fragen, „Was sind Ihre größten Stärken“ zum Beispiel. Da kann man an fünf Fingern abzählen, dass Sie gegoogelt haben, was man als beste Antwort gibt.

Ich würde mich als Bewerber natürlich auch auf diese Fragen vorbereiten. Der Hintergrund ist aber, mich mit meinen eigenen Stärken auseinanderzusetzen. Die sollte ich greifbar haben – selbst wenn ich nachts spontan geweckt werde. Bevor ich irgendwelche Fragen auswendig lerne, würde ich mich eher mit mir und meiner Persönlichkeit beschäftigen, damit ich weiß, was ich gut kann. Und dann muss ich darauf hoffen, dass es ein Gespräch wird und kein Interview.

Sie sagen also: Schon auf typische Fragen vorbereiten, aber mit authentischen Antworten? 

Es ist wichtig, dass die Antworten zu Ihnen passen. Nur dann sind Sie im Bewerbungsgespräch selbstsicher. Dann strahlen Sie das aus und dann spürt es der Gegenüber. Wenn Sie unsicher sind, spürt es der Gegenüber genauso. Und dann wird er Ihnen den Job nicht geben, weil der auch jemanden über sich hat, der auch Sicherheit haben will. Der will gewährleistet haben, dass der bestmögliche Bewerber den Job bekommt. Und wenn Sie ihn nicht bekommen, obwohl sie authentisch und selbstsicher waren, wären sie langfristig in dem Job oder bei dem Unternehmen bestimmt auch nicht glücklich geworden.

Eine Rolle im Beruf einnehmen, nur um zum Beispiel viel Geld zu verdienen oder angesehen zu sein – wie stehen Sie dazu? 

Viele denken, der einfachere Weg ist, dass man sich in eine Rolle begibt, um in das Bild des jeweiligen Berufs zu passen. Wenn das aber nicht meiner Persönlichkeit entspricht, dann wird es ganz schön anstrengend.  Bei mir ging das zum Beispiel nach hinten los. Ich bin ein sehr offener Mensch. Und als ich Führungskraft werden wollte, waren meine Vorbilder oft sehr dominant und nicht wirklich offen. Ich dachte, ich müsste das kopieren, aber das hat nicht gut geklappt. Es ist ein Teil meiner Persönlichkeit, dass ich viel lache, dass ich offen bin. Das habe ich dann später auch gemerkt. Für jeden Einzelnen ist es schon etwas Erstrebenswertes, sich echter zu geben, statt eine Rolle zu spielen. Und ich glaube, dann wäre die Welt, die Arbeitswelt auch ein besserer Ort. Dann macht es auch mehr Spaß.

Wo ist die Grenze zwischen Authentizität und Professionalität? Muss man nicht im Beruf professionell sein und seine eigenen – eventuell authentischen – Interessen hinten anstellen? 

Zum Authentischsein gehört natürlich nicht, sich im Beruf einfach so zu verhalten, wie man es gerade gerne hätte. Dabei sollte man Berufliches und Privates trennen. Vor allem wäre ich umso vorsichtiger bei dem, was ich sage, je höher ich in der Karriere komme. Aber da gibt es nicht die Formel ABC, sondern es ist eher so ein Gespür für Situationen, ein Gespür für Menschen.

Macht es Menschen glücklicher, wenn sie den Beruf ausüben, der ihnen am meisten Spaß macht und in dem sie „echt“ sein können? 

Es fühlt sich stimmiger an. Es gibt immer Situationen, wo man wahrscheinlich authentischer ist als in anderen, aber generell habe ich die Erfahrung gemacht: Authentizität macht das Berufsleben einfacher. Wenn ich authentisch bin, dann weiß ich auch, in welchen Umgebungen ich arbeiten will und dann nehme ich zum Beispiel Aufträge gar nicht an, die ich eigentlich nicht machen will. Es wäre schon sehr anstrengend, ständig im Berufs- und Privatleben verschiedene Rollen zu spielen.

Verändert sich die Rolle von Authentizität in der Berufswelt? 

Ich glaube, dass sich gesellschaftlich etwas ändert. Früher, in der Generation meiner Eltern, haben viele nach der Schule einfach den Job gemacht, der ihnen vor die Füße gefallen ist. Ich glaube, dass sich heute Menschen mehr Gedanken machen, in welches Berufsfeld sie wollen und zu welchem Unternehmen sie gehen.

Woran liegt das? Ändern sich die Gesellschaftsideale? 

Ich nehme schon wahr, dass die Menschen mehr Sehnsucht nach Echtheit haben, nach mehr Sicherheit. Es gibt noch viele Firmen mit ganz verkrusteten Hierarchien und ich nehme wahr, dass ein Ruck durch diese Konstrukte geht und dass viele Menschen nicht mehr mit einem Firmenwagen oder mit mordsmäßigem Gehalt gelockt werden können. Ich glaube, Ihre Generation ist auch nicht mehr so gewillt, sich stark in ein Hierarchie-Konstrukt pressen zu lassen.

Ich glaube, dass viele sich eine andere Arbeitswelt wünschen und dass alte Hierarchien auslaufend sind. Der Markt ändert sich. Der wandelt sich vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt. Dann haben plötzlich die Arbeitnehmer die Zügel in der Hand. Und das könnte auch was mit den Gesellschaftsidealen zu tun haben, denke ich.

Ist Geld im Beruf unwichtig geworden? 

Nein, unwichtig nicht. Mit Geld kann man viele gute Dinge machen. Viele sind so konditioniert, dass sie Geld als böse empfinden. Aber dann sollte man den Blick auf Geld einmal verändern. Wenn ich Geld habe und mir auch mal Luxus gönnen kann, dann ist das doch etwas Schönes. Aber es geht eben nicht mehr nur ums Geld.

Was ist für Sie beruflicher Erfolg?

Das ist für mich, wenn ich mit dem, was mir Spaß macht und wo ich wirklich gut drin bin, Geld verdiene. Und wenn ich sehe, dass ich damit meine Kunden weiterbringe. Das erfüllt mich einfach.

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