Das neue Modern: Löst Online-Shopping den stationären Handel ab?

Der Onlinehandel boomt – die Innenstädte NRWs verlieren an Attraktivität. Eine Studie, die die IFH Köln 2020 in Auftrag des NRW-Wirtschaftsministeriums durchgeführt hat, zeigt, wie sich das Konsumverhalten der Bürger*innen in den letzten Jahren geändert hat.

Schon seit längerem ist ein Strukturwandel in den Innenstädten NRWs zu beobachten: Die Menschen kaufen heutzutage vor allem online ein. Der Innenstadthandel verliert, Geschäfte schließen. Der Strukturwandel wird massiv durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie beschleunigt und bringt das Erfordernis mit sich, neue Nutzungen und Funktionen für die Innenstädte zu denken und zu fördern.

Wie steht es um den stationären Handel?

Anzahl der Verkaufsstellen in NRW
Anzahl der Verkaufsstellen in NRW. Quelle: IFH Köln.
Ulf Wollrath – Geschäftsführer der IHK Foto: IHK zu Dortmund.

Zwischen 2010 und 2020 haben in NRW mehr als 10.000 Geschäfte geschlossen. Die durchschnittliche Leerstandsquote lag 2020 zwischen 7 und 10 Prozent und rund 30 Prozent weniger Menschen waren in den Großstädten im Vergleich zum Vorjahr unterwegs. So ist in NRW bis 2030 mit bis zu 21.000 weiteren Geschäftsschließungen zu rechnen. Dies würde einen Rückgang der Geschäfte um rund 20 Prozent bedeuten. Auch wenn diese Zahlen eine wenig rosige Zukunft versprechen, so zeigt man sich dennoch optimistisch. So auch Ulf Wollrath: „Der stationäre Handel wird weiter eine ganz bedeutende Rolle für die Attraktion von Besuchern in die Innenstädte spielen. Er wird aber weniger werden“. Entgegen der Tatsache, dass das Onlineshopping unbestritten weiter wachsen und der stationäre Handel in seiner gegenwärtigen Form in vielen Orten allein kein Garant mehr für hohe Besucherzahlen sein wird, so haben viele Großstädte NRWs durchaus verstecktes Potenzial.

Thomas Schäfer – Geschäftsführer des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen, Westfalen-Münsterland Foto: International School of Manageme.

Auch setzt sich der Großteil der nordrhein-westfälischen Bevölkerung aus „selektiven Onlineshoppern“ (64 Prozent) zusammen, die je nach Situation und Produkt zwischen stationären und online Shopping-Möglichkeiten wechseln. Sogenannte „traditionelle Handelskäufer“ (18 Prozent) kaufen zudem nicht gerne im Internet ein. Lediglich 19 Prozent fallen unter die Kategorie „begeisterte Onlineshopper“, die überwiegend auf das Online-Angebot zurückgreifen. Letztlich verbinden Bürger*innen mit dem Handel in ihren Innenstädten Heimatgefühl, Lebensqualität und Wohnattraktivität. Auch Thomas Schäfer spricht dem stationären Handel eine wichtige Rolle zu: „Ich glaube, dass man das unterschätzt, was für ein kommunikatives und erlebnisorientiertes Verhalten das Präsenzshopping sein kann“. Um den Verlust dieses Erlebnisses ist der Großteil der NRW-Bevölkerung besorgt: Zwei Drittel fürchten darum, dass Händler in ihren Wohnorten die Corona-Krise nicht überstehen könnten und schließen müssen. „Es wird wahrscheinlich eine Marktbereinigung geben. Es wird nicht jedes Geschäft überleben“, so Schäfer. Dazu gehören sowohl Ketten als auch kleine, eigenständige Läden.

 

Digitalisierung und Vorzüge des Internets

Anfang 2020 nutzten mehr als 94 Prozent der Bürger*innen Deutschlands ab 14 Jahren beruflich und/oder privat das Internet. Quelle: ARD/ZDF Onlinestudie 2000-2020.

Das Internet ist ein selbstverständlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden. Die Digitalisierung hat starke Auswirkungen auf das Arbeit-, Freizeit- und Konsumverhalten. Mit Hilfe von mobilen Endgeräten – wie Smartphones und Tablets – kann man jederzeit auf das Internet zugreifen. Das Internet und somit auch das Onlineshopping spielt eine immer größere Rolle. Diese Tatsache zieht nicht spurlos an Großstädten vorbei, wie Ulf Wollrath erklärt: „Wenn das Einkaufsverhalten sich noch schneller in Richtung online ändert, dann werden wir einen erheblichen Aderlass an stationären Betrieben in den Innenstädten haben“.

Das Onlineshopping hat in den letzten Jahren in Deutschland rasant zugenommen. Quelle: Verbrauchs- und Medienanalyse (VuMA Touchpoints), 2014-2021.

Dieser Prognose schließt sich auch Thomas Schäfer an. Er erklärt, dass Geschäftsmodelle wie vor 20 Jahren nicht mehr praktikabel seien und der stationäre Handel reagieren müsse: „Der Online-Handel ist da, man kann ihn nicht besiegen, also muss man sich mit ihm arrangieren. Deshalb glaube ich, dass jeder Händler in der Lage sein muss, online präsent zu sein, denn der Kunde orientiert sich heute überwiegend über das Internet“. Schäfer betont hierbei vor allem die Tatsache, dass, wenn sich ein Geschäft nicht im Internet auffinden lässt, es für eine bestimmt Generation nicht existent sei.

Die Vorteile des Online-Handels

Das Online-Geschäft nimmt zu und die Menschen gewöhnen sich daran. Online-Dienste wie Amazon sind für Kund*innen sehr bequem , schnell und liefern bestellte Ware direkt vor die Haustür. Vermehrt kommt hinzu, dass das lokale Angebot häufig eine mangelnde Produktionsverfügbarkeit aufweist. Angebotslücken sind ausschlaggebend dafür, wie häufig Bürger*innen Innenstädte zum Einkaufen aufsuchen. Erwartungsgemäß schwindet die Bedeutung des Einzelhandelsangebots als Besuchermotiv. Diese Tatsache trifft auf alle Altersklassen zu, wie Ulf Wollrath erklärt: „Selbst ältere Semester, wie meine Wenigkeit, kaufen durchaus auch online ein. Ich brauche nicht in die Stadt zu laufen, um mir von bestimmten Marken einen Anzug zu kaufen“.

In den letzten Jahren ließ sich in Deutschland eine starke Abwanderung von Innenstadtkund*innen in Richtung Onlinehandel beobachten. Quelle: IFH-Passantenbefragung „Vitale Innenstädte 2020“.

Abgesehen von dem Kauf von Gütern des täglichen Bedarfs (wie Lebensmittel), lässt sich eine starke Tendenz zum Onlinekonsum beobachten. Dieses veränderte Einkaufsverhalten hat dazu geführt, dass viele Händler ihr Online-Angebot ausgebaut und einen Onlineshift vollzogen haben.

Was ist ein Onlineshift?

Ein Onlineshift beschreibt die Verlagerung und Investition von einst stationären Händlern in den Online-Markt. Auch wandern die Einkäufe von Konsument*innen von dem Offline- in den Onlinekanal.

Auch wenn Güter wie Bekleidungs-, Schmuck- und Elektroartikel bis dato bei Kund*innen sehr gefragt sind, so werden diese überwiegend online eingekauft. Die stationären Geschäfte, die sich auf diese Ware spezialisiert haben, verschwinden folglich nach und nach aus den Innenstädten NRWs.

Anteil des Onlinehandels am Umsatz der einzelnen Sortimentbereiche. Quelle: IFH Köln nach HDE Onlinemonitor 2018.

Der Einfluss der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie treibt das Onlineshopping weiter an: Viele Verbraucher*innen weichen auf den Online-Handel aus. Demnach kauft jede zweite Person im Internet ein, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Dadurch ist es im letzten Jahr zu tiefgreifenden Einschnitten im Einzelhandel gekommen, wie Ulf Wollrath berichtet: „Die Pandemie hat zu Besuchsfrequenzeinbußen von 40 Prozent und Umsatzeinbußen von 30 Prozent im Weihnachtsgeschäft geführt“.

Die Situation des Handels und Einkaufsverhaltens in NRW zu Zeiten der Coronakrise. Quelle: IFH-Bürgerbefragung „NRW 2020“.

Der Großteil der derzeitigen Online-Shopper*innen sagen, dass sie nach der Pandemie sehr wahrscheinlich genau so häufig im Internet einkaufen werden. Dies bestätigen Konsument*innen aller Altersklassen. Es ist also zu erwarten, dass die Zahl der Onlineshopper*innen während der Pandemie kontinuierlich wachsen wird. Einen großen Einfluss auf diese Entwicklung spielt hierbei auch die „G-Regelung“. Thomas Schäfer erklärt, warum diese Maßnahme erheblich die Attraktivität der Innenstädte beeinträchtigt: „Es ist kein echter Einkaufsbummel, der da zu Stande kommt. Es ist was anderes, wenn ich einfach mal nach Lust und Laune irgendwo reingehe und stöbere, oder wenn ich überall kontrolliert werde“. Schäfer betont aber, dass aufgrund der Pandemie derzeit alle Geschäfte auf dem Zahnfleisch gingen.

Wie geht es mit den Innenstädten NRWs nun weiter?

Dass Änderungen in den Großstädten notwendig sind, ist keine Neuigkeit. Der seit längerem zu beobachtende Strukturwandel im Einzelhandel wird jedoch durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie massiv beschleunigt. Daher ist es erforderlich, dass neue Nutzungen und Funktionen zeitnah in die Innenstädte integriert werden. So will die „City-Runde“ bis 2030 eine komplette Umstrukturierung der Dortmunder Innenstadt vornehmen.

Wer ist die City-Runde?

Die City-Runde trifft sich seit über 20 Jahren regelmäßig im Dortmunder Rathaus. Die Vereinigung setzt sich aus dem Oberbürgermeister und verschiedenen Vertretern aus Handel, Wirtschaft, Verwaltung und Politik zusammen.

Geplant sind Baumaßnahmen, Veranstaltungen und Projekte, um Dortmund innovativ und nachhaltig fit für die Zukunft zu machen. „Die Innenstädte sind nicht tot, sondern stehen vor einer neuen Blütezeit – zumindest dann, wenn wir gemischte Nutzungen hinbekommen“, so Thomas Westphal.

Dass Läden als Besuchermotiv alleine nicht mehr ausreichen, sieht Thomas Schäfer ähnlich: „Der Kunde muss nicht mehr in die Stadt gehen, um etwas einzukaufen. Früher reichte es einfach aus, die Ware ins Geschäft zu stellen und dann kamen die Kunden schon. Das geht jetzt nicht mehr“.

Es sind viele Schritte geplant, um die Innenstädte attraktiver zu machen. Quelle: IFH Köln.

Die Innenstädte werden sich zukünftig also nutzungsmäßig verändern müssen. Ulf Wollrath spricht hierbei von der Fokussierung auf die sogenannten „Wohlfühlfaktoren“ der Besucher*innen. Diese beinhalten Ambiente, Bequemlichkeit, Erreichbarkeit sowie den Freizeit-, Verweil- und Wohnaspekt. „Wenn ich Wohnen in den Innenstädten etabliere, dann brauche ich Grün- und Aufenthaltsflächen, Kitaplätze und soziale Infrastrukturen“, so Wollrath. Die Großstädte sollen zukünftig also als lebendige und multifunktionale Zentren dienen.

 

Beitragsbild: asundermeier/pixabay

 

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