Betrugsmasche auf WG-Gesucht: eine Wohnungssuche in Dortmund

Die Plattform wg-gesucht.de ist für Studierende oft der Weg zur ersten Wohnung. So auch für Autor Tim Berninghaus. Was als harmlose Suche nach einer muckeligen Bude beginnt, endet in einer Betrugsmasche, bei der mit gestohlen Identitäten agiert wird.

Zugegeben, es war ein super Angebot: 60 Quadratmeter im Dortmunder Kreuzviertel für schlanke 500 Euro kalt. Das ist günstig, aber auch nicht unmöglich. Und so bewarb ich mich auf diese Anzeige, die auf der Plattform wg-gesucht.de angeboten wurde. Dass sich dahinter eine dreiste Betrugsmasche verbarg, die auf Datenklau und Kautionsbetrug abzielte, ahnte ich damals noch nicht.

Der Reihe nach: Was Friedrichshain oder Kreuzberg für Berlin sind, ist das Kreuzviertel für Dortmund. Ein angesagter Kiez für junge Menschen mit entsprechender Kneipen-Dichte. Genau das richtige für meine Freundin und mich. Wir studieren beide in Dortmund und suchen unsere erste gemeinsame Bude. Was liegt also näher, als sich bei den einschlägigen Online-Börsen anzumelden? Wg-gesucht.de richtet sich genau an uns als Zielgruppe. Also Account erstellt und los geht es. Der Kreuzviertel-Treffer steht bei meiner Suche auf dem ersten Screen und fällt mir direkt ins Auge.

Das Angebot

Die Räume sind gut aufgeteilt, nicht zu klein. Die Küche inklusive Küchenzeile, Herd und Backofen. Und das Beste: Die angebotene Wohnung hat sogar einen Balkon. Also genau das, was wir suchen. Nächster Schritt: Vereinbarung eines Besichtigungstermins. Eine Leonie G. hat das Inserat eingestellt. Also schreibe ich sie über das Portal an.

Screenshot des Inserats auf WG-Gesucht
Das Wohnungsinserat in der App von wg-gesucht.de. Foto: Tim Berninghaus

Der Kontakt

Die Antwort per Mail kommt nach einigen Tagen. Absender der Mail ist allerdings nicht Leonie G., sondern jemand, der sich als Alexander Root vorstellt. Der Absender der Mail-Adresse passt zu diesem Namen. Root schreibt, er sei der Besitzer der Immobilie und ergänzt weitere interessante Details. Zum Beispiel, dass die Wohnung über einen Parkplatz, eine Klimaanlage, TV und Highspeed-Internet verfüge. Zugleich erbittet er weitere Informationen. Zum Beispiel, wer wir seien und wie lange wir mieten wollen. Root schließt seine Mail damit, dass er sich für sein schlechtes Deutsch entschuldigt. Es sei einfacher für ihn, auf Englisch zu schreiben.

Ich antworte, dass wir an einem schnellen Umzug interessiert seien. Außerdem erkundige ich mich nach weiteren Fotos und frage, ob die Wohnung unbefristet zur Verfügung steht. Denn die Frage nach einem Mietzeitraum impliziert schließlich, dass auch der Auszugstermin von Anfang an vereinbart wird.

Die Antwort lässt nur einen Tag auf sich warten, diesmal auf Englisch. Root teilt nicht nur den Mietpreis mit, sondern auch die Kaution von 1.000 Euro. Er erklärt dann, dass er mit seiner Familie nach Spanien zurückgekehrt sei, da er dort einen besseren Job gefunden habe. Daher könne die Wohnung bis zu fünf Jahre oder sogar länger gemietet werden. Er sei bei einer früheren Besichtigung bereits einmal nach Deutschland gereist und als er ankam, sei der Interessent abgesprungen und nicht erschienen. Dies habe ihn viel Zeit und Geld gekostet. Er habe daher entschieden für die Vermietung eine Makler-Agentur zu engagieren. Fotos schickt er nicht.

Die Liste an Ungereimtheiten der Geschichte wächst. Meine Antwort enthält also einige Fragen: Gibt es einen Kontakt zur Makler-Agentur? Und noch einmal: Gibt es weitere Fotos der Wohnung? Wer ist Leonie G., die Person, unter dessen Namen die Wohnung inseriert ist? Es dauert keine 24 Stunden, bis die nächste Mail eintrifft. Die Agentur würde bald weitere Fotos machen. Bis dahin schicke er ein Foto des Badezimmers. Leonie G. sei seine Frau. Bevor er die Agentur benachrichtigen würde, benötige er von mir nur noch einige Details. Darunter: Vollständiger Name, aktuelle Adresse, Telefonnummer, Zeitpunkt des gewünschten Einzugs und eine Kopie meines Personalausweises.

Das Misstrauen

Anschließend soll alles ganz einfach sein: Ich müsse die Miete und Kaution, also insgesamt 1500 Euro, an die Makler-Agentur überweisen. Erst, wenn ich den Mietvertrag unterzeichnet hätte, würde das Geld für ihn freigegeben.

Die Geschichte wird immer mysteriöser. Einem Fremden derart viele Details und eine Ausweiskopie zu senden, widerstrebt mir. Zu groß erscheint das Risiko, einer Betrugsmasche aufzusitzen. Klar ist, dass wir mehr erfahren müssen – über die Echtheit des Angebotes sowie des Vermieters. Um Waffengleichheit herzustellen, bitte ich den Vermieter um seinen Ausweis. Ich schicke die Mail um 19.48 Uhr in der Erwartung ab, nie wieder von Alexander Root zu hören. Umso überraschter bin ich als Root nur eine gute Stunde später antwortet. Im Anhang der Mail befindet sich das Foto eines Reisepasses. Das Dokument sieht echt aus. Der Pass ist allerdings nicht, wie man erwarten könnte, im Ruhrgebiet ausgestellt, sondern in einer Stadt im Saarland, die knappe vier Autostunden von Dortmund entfernt liegt. Diese und noch weitere Angaben auf dem Pass passen nicht zu der Geschichte, die mir der angebliche Vermieter auftischte. Also gab es zwei Möglichkeiten: Entweder war die Passkopie manipuliert, oder jemand operierte unter falschem Namen mit einer gestohlenen Identität. Zweites erscheint logischer und ich beginne meine Recherche nach dem echten Alexander Root.

Vor Ort

Die Wohnungsadresse soll Hinweise auf Alexander Root liefern. Mit einer Kommilitonin fahre ich zur Adresse aus dem Inserat. Die Fächerstraße liegt mitten im Kreuzviertel. Menschen sind auf Fahrrädern unterwegs, ein paar Meter weiter ein gemütliches Eck-Café. Wie vermutet, eine traumhafte und coole Lage. Die angebotene Wohnung soll im dritten Obergeschoss liegen. Allerdings sieht es von außen nicht so als, als gäbe es dort einen Leerstand. Der nächste Blick gilt den Klingelschildern. Leonie G. oder eine Familie Root wohnen hier nicht. Also alle Klingeln gedrückt. Trotzdem macht niemand die Tür auf. Nach einiger Zeit rasselt doch noch das Türschloss. Stockwerk für Stockwerk erkunden wir das Gebäude. Weit oben wartet die Frau, die uns aufgedrückt hat. Am Ohr hält sie ein Telefon. Nach wenigen Worten der Erklärung schneidet sie uns das Wort ab. Sie sei in einer wichtigen Telefonkonferenz und könne nicht sprechen. Die Wohnungstür fällt zu. Zurück im Erdgeschoss bei den Briefkästen findet sich dann der entscheidende Hinweis auf den Immobilien-Besitzer. Auf einem Zettel werden die Bewohner*innen dazu aufgerufen, den Reinigungsplan der Waschküche zu beachten.

Auf einem Zettel werden die Mieter darum gebeten, den Reinigungsplan der Waschküche zu beachten
Der Zettel mit einem wichtigen Hinweis. Der Unterzeichner muss der Vermieter oder Verwalter sein. Foto: Tim Berninghaus

Das Schreiben trägt den Namen eines Bewohners. Das muss der Vermieter oder zumindest der Verwalter der Wohnung sein. Also schreibe ich mein Anliegen auf ein Blatt Papier und schiebe es mit der Bitte um Rückruf in den entsprechenden Briefkasten.

Drei Tage später meldet sich der Angeschriebene. Namentlich will er nicht in Erscheinung treten. Obwohl er nicht bestätigt, der Hausbesitzer zu sein, könne ich davon ausgehen, dass er alle Wohnungen kenne. „Es wurde im März ein Angebot geschaltet, aber es handelte sich nicht um 60 Quadratmeter“, sagt er. „In diesem Haus gibt es keinen Alexander Root und auch keine Leonie G.“ Er bestätigt, dass auch die Fotos aus dem Inserat nicht aus dem Haus in der Fächerstraße stammen.

Die Plattform

Portrait Annegret Mülbaier
Pressesprecherin Annegret Mülbaier Foto: Wg-Gesucht.de

Kurze Zeit nach meinem Besuch in der Fächerstraße wird das Inserat von der Plattform wg-gesucht.de gesperrt. Die Presseabteilung bestätigt, dass dies aufgrund betrügerischen Verhaltens passiert sei. Es gebe für Webseiten, auf denen Anbieter und Suchende zusammentreffen, keine Methoden, die unseriösen Kontakte vollständig zu verhindern, so Sprecherin Annegret Mülbaier. Mit einem bestimmten Verfahren sollen unseriöse Anzeigen herausgefiltert werden (siehe Infobox). „Zwischen acht und 20 unseriöse Anzeigen werden täglich von unserem Filter nicht erkannt und müssen über die Nutzer gemeldet werden“, erklärt Mülbaier. Bis zu 9.300 Anzeigen werden pro Tag auf der Webseite geschaltet. Da seien rein rechnerisch dabei. Nutzer*innen, die tatsächlich Geld überwiesen haben, gebe es aber nur sehr wenige.

Das Kontrollsystem von „wg-gesucht.de“
„Unser internes Kontrollsystem funktioniert folgendermaßen: Alle Angebote, die inseriert werden, laufen durch einen Filter, der die Qualität der Anzeigen nach verschiedenen Kriterien bestimmt. Aufgrund der Benutzung bestimmter Merkmale oder der Relation zwischen Mietpreis und Quadratmeterzahl werden Anzeigen auf- oder abgewertet. Ab einem bestimmten Punkt wird die Anzeige automatisch herausgefiltert. Das genaue Verfahren muss unser Betriebsgeheimnis bleiben.“

Quelle: Annegret Mülbaier, Presseabteilung „wg-gesucht.de“

Der Reisepass

Ein LinkedIn- und Facebook-Profil helfen mir bei der Suche nach Alexander Root. Die LinkedIn-Anfrage bei Alexander Root aus dem Saarland war erfolgreich. Ich teile ihm mit, dass sein Pass bei einem zweifelhaften Wohnungsinserat aufgetaucht sei und ich nun die Polizei einschalten wolle. Zum Beweis schicke ich die geschwärzte Pass-Kopie. Daraufhin ruft ein besorgter Alexander Root an.

Foto eines Reisepasses
Die persönlichen Daten aus dem inneren eines solchen Reisepasses wurde unserem Autor zugeschickt. Foto: Tim Berninghaus

„Das ist mein Pass“, erklärt er mit dennoch ruhiger Stimme. Diese vier einfachen Worte bestätigten den Verdacht, dass hier mit gestohlenen Identitäten betrogen wird. Seinen Pass habe er weder verloren noch verliehen. Allerdings habe er den Pass einmal von seiner privaten an die geschäftliche Mail-Adresse verschickt. „Genau das macht mir Sorgen“, beteuert Root. Auch die Mailadresse kennt Root nicht: „Die wurde wohl auf meinen Namen kreiert.“ Mehrfach erklärt er, dass er nicht hinter der Wohnungsanzeige stehe und mit dieser Betrugsmasche nichts zu tun habe. Er wolle mit diesen Informationen zur Polizei gehen und Anzeige gegen Unbekannt erstatten.

Die Masche

Der Polizei ist diese Masche bekannt. Marcel Wessollek vom Kriminalkommissariat Kriminalprävention für Cybercrime der Polizei Dortmund erklärt: „Es handelt sich um eine mehrstufige Masche.“ Zunächst würden die Kriminellen an persönliche Daten herankommen wollen. „Das ist bei Immobilien noch einfacher“, erzählt er. Hier sei es typisch, dass Daten zur Person ausgetauscht würden. Wessollek rate aber davon ab, eine Kopie des Personalausweises zu verschicken. Mit der Kombination aus Pass und Telefonnummer könne nämlich schon online etwas bestellt werden. „Außerdem können solche Daten auch im Darknet verkauft werden“, sagt Wessollek. Die zweite Stufe der Masche sei das Geld. Dies geschehe über die Vorkasse. Auch hier rät die Polizei Dortmund davon ab, in Vorkasse zu treten. Der Pass von Alexander Root könne durch eine ähnliche Masche, also durch „Phishing“, abgegriffen worden sein. Als Phishing wird der Versuch bezeichnet, persönliche Daten abzufischen. Genauso, wie es auch bei mir versucht wurde. Marcel Wessollek rät dazu, solche Fälle der Polizei zu melden: „Auch der Versuch eines Betrugs sollte angezeigt werden.“ Für die Polizei sei es wichtig, möglichst viele Randinformationen zu erhalten, um bei den Ermittlungen eventuell auf Gruppierungen zu stoßen.

Nach der Anzeige des Falls beim Polizeipräsidium in Dortmund, ermittelt die Polizei nun. Die Kommissarin, die die Anzeige aufnimmt, erwähnt, dass es den Betrügern möglicherweise schon reiche, wenn nur jeder Zehnte auf diese Masche reinfiele. Sie hält es für realistisch, dass so viele auch Geld überweisen.

Fünf Tipps: so schütze ich mich im Internet
1. Der Pass ist das höchste Gut. Ich schicke ihn nicht durchs Internet.
2. Generell so wenig persönliche Daten wie möglich im Internet preisgeben.
3. Starke Passwörter verwenden.
4. Im Internet immer misstrauisch sein!
5. Immer innerhalb der Plattformen kommunizieren, nicht per Mail. Nur so können die Sicherheitsmechanismen der Betreiber greifen.

Ich muss nun weiter nach einer Wohnung suchen. Der Wohnungsmarkt macht es meiner Freundin und mir nicht leicht. Wer auf den Plattformen einen Besichtigungstermin ergattern will, muss schnell sein. Der kritische Blick sollte bei aller Vorfreude aber nicht zu kurz kommen. Das richtige Angebot wird kommen.

Fotos: Tim Berninghaus / kurt.digital

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