Gefängnis Fruchtbarkeit: Wenn sich junge Frauen für die Sterilisation entscheiden

Lisa ist 27 und seit wenigen Monaten sterilisiert. Sie will keine Kinder, das weiß sie schon lange. Dass sie sich sterilisieren lassen möchte auch. Trotzdem ist sie jahrelang von Arzt zu Ärztin gelaufen, nur um immer wieder abgewiesen zu werden. Ein Einzelfall ist sie damit nicht. 

Es ist das dritte Wartezimmer, in dem Lisa sitzt. Die ersten beiden Male wurde sie schon enttäuscht und auch heute verlässt sie mit einer weiteren Absage die Arztpraxis: „Das ist ein zu massiver Eingriff in Ihren Körper. Ich kann das nicht vertreten, gehen Sie woanders hin“, lautet das Urteil der Ärztin. Woanders hin – schon wieder. Also macht sie sich erneut auf die Suche. Diesmal mit Erfolg. Sie findet den Verein Selbstbestimmt Steril und vier Monate später auch einen Arzt, der den Eingriff bei ihr durchführt. Sie ist jetzt 27 und sterilisiert.

Das Problem mit der Sterilisation
Im Jahr 2018 waren insgesamt 2% der Frauen in Deutschland sterilisiert. Die Anzahl der Frauen, die eine Sterilisation möchten und keine bekommen, dürfte aber höher liegen. Besonders Frauen in ihren Zwanzigern müssen oft jahrelang suchen, bis sie ein*e Mediziner*in finden, der*die sie sterilisiert. Die häufigsten Kriterien: Die Frau muss 35 sein und zwei Kinder haben. Dabei darf sich per Gesetz jede Frau ab 18 sterilisieren lassen.

Drei Versuche

Lisa aus Dortmund (Foto: privat)

Die Pille hat Lisa mit 13 das erste Mal genommen: „Meine Pubertät wurde direkt gestört durch die Pille. Ich habe nie wirklich gelernt, wie mein Körper funktioniert.“ An abgestumpfte Gefühle, emotionale und körperliche Nebenwirkungen musste sie sich schon früh gewöhnen – bis sie für sie zur Normalität wurden. Nachdem sie im Internet über die Nebenwirkungen der Pille und permanente Verhütungsmethoden gelesen hat, fragt sie ihre Frauenärztin mit 16 das erste Mal aus reiner Neugier nach einer Sterilisation. Ihr Versuch, sich zu informieren wird abgeschmettert. Das Beratungszimmer verlässt die Dortmunderin mit einem neuen Rezept für die Pille.  

Mit 18 dann der zweite Versuch, diesmal bei einer anderen Frauenärztin. Lisa rechnet damit, dass sie jetzt, wo sie auch gesetzlich als mündige Frau gilt, endlich ernst genommen und beraten wird. Das Gegenteil ist der Fall. Als sie nach einer Klinik fragt, die Sterilisationen durchführt, wird sie ausgelacht: „Ach, Frau Betzer, das macht doch bei Ihnen keiner.“ Auch dieses Beratungszimmer verlässt Lisa mit einem neuen Pillenrezept – und Wut im Bauch. 

„Das schlimmste war, als ich ausgelacht wurde. Da war ich sehr wütend und habe danach auch zwei Tage geweint, weil ich mich so degradiert gefühlt habe.“ 

Fast zehn Jahre vergehen, bis die 27-Jährige es das nächste Mal versucht. Aber auch der dritte Versuch scheitert. So einen „massiven Eingriff“ möchte die wiederum neue Frauenärztin bei ihr nicht durchführen. Was eine Medizinerin an ihrem Körper „nicht möchten“ kann, versteht Lisa nicht. Aber ihr Gegenüber lässt nicht mit sich diskutieren. Auch diese Praxis verlässt sie mit dem Gefühl, nicht über ihren eigenen Körper bestimmten zu dürfen. Und mit diesem Gefühl ist die junge Dortmunderin nicht alleine. 

Viele Frauen – gleiches Problem

„Ich lasse mich im Alter von 33 Jahren sterilisieren“ lautet der Untertitel des TikToks, das über 200.000 Aufrufe und mehr als 1.200 Kommentare zählt. Die Verfasserin ist Janina aus Cuxhaven. Mit Mitte 20 erkundigt sie sich das erste Mal nach einer Sterilisation. Nachdem ihre Frauenärztin ihr erklärt, dass sie dafür zu jung sei, lässt sie das Thema fallen: „Ich habe gedacht, Ärzte werden schon Ahnung haben. Da kommt man nicht auf die Idee, weiter zu suchen. Wenn mir der Arzt sagt es geht nicht , dann geht es wohl nicht.“

Also versucht die Cuxhavenerin es weiter mit herkömmlichen Verhütungsmethoden – und wird schwanger. Nicht eine Sekunde denkt sie daran, das Kind zu bekommen. Die Abtreibungsklinik verlässt sie mit dem Gefühl, wieder sie selbst zu sein. Als sie ihre Frauenärztin das nächste mal nach einer Sterilisation fragt, willigt diese ein. Durch Janinas Abtreibung ist auch ihr jetzt klar, dass ihre Patientin wirklich keine Kinder möchte und leitet sie an eine Klinik weiter.

@janinaguilt

#Sterilisation #keinkinderwunsch #entscheidung #2022

♬ Originalton – Janina Guilt

Der Arzt, der Janina in dieser Klinik gegenüber sitzt, ist vom Sterilisationswunsch der jungen Frau allerdings nicht überzeugt. Vor ihm liegt eine „Regret Liste“, auf der Punkte wie „Unverheiratet“, „Unter 35“ und „Kinderlos“ stehen. Janina erfüllt einige Punkt auf dieser Liste – so viele, dass der Mediziner sich weigert, eine Sterilisation bei ihr durchzuführen. „Ich kam in den Raum und er hatte schon ein Urteil, ohne mich zu kennen.“ Also fängt Janina an zu diskutieren. Erzählt ihm ihre Geschichte und schafft es schließlich, ihn zu überzeugen. Zähneknirschend willigt er ein: „Na gut, aber wenn Sie in drei Monaten wieder hier stehen und das rückgängig machen lassen wollen, kann ich Ihnen sagen, dass ich es gleich gewusst habe.“

Die Sterilisation
Bei einer Sterilisation werden die Eileiter meist durchgeschnitten, verödet oder vollständig entfernt. Der Eingriff kostet bis zu 1000 Euro und wird nicht von der Krankenkasse übernommen. Wenn Gebärmutter und Eierstöcke im Körper bleiben, ist eine Sterilisation durch eine weitere OP reversibel. Auch dieser Eingriff wird nicht von den Krankenkassen übernommen, er ist kompliziert und eine Garantie, danach wieder fruchtbar zu sein gibt es nicht. Trotzdem kann man nach einer Sterilisation noch Mutter werden, zum Beispiel durch künstliche Befruchtung oder Adoption. Auch der weibliche Zyklus und die Menopause werden durch eine Sterilisation nicht beeinflusst.

Die Sicht eines Arztes 

Von einer „Regret Liste“ weiß Dr. Bosch (Name von der Reaktion geändert) nichts. Er ist Frauenarzt aus dem Ruhrgebiet, sterilisiert Frauen ab 21 Jahren und möchte hier anonym bleiben, um Anfeindungen seiner Kolleg*innen zu vermeiden. Auch er kann nicht nachvollziehen, warum manche seiner Kolleg*innen erst ab Mitte dreißig sterilisieren: „Da kommen Frauen auf mich zu, die den Wunsch haben, sich sterilisieren zu lassen. Die haben sich dazu entschieden und sicherlich reiflich überlegt. Warum sollte ich diesen Frauen das verwehren?“ Für ihn ist es diskriminierend, dass Frauen abgeschrieben wird, diese Entscheidung treffen zu können. Er selbst gebe Frauen nach ihrer Volljährigkeit „drei Lehrjahre“, um sicherzustellen, dass die Entscheidung für eine Sterilisation nicht aus einer emotionalen Situation heraus getroffen wird – deswegen die Altersgrenze ab 21 Jahren. 

Einen Grund, warum Sterilisationen bei jungen Frauen von so wenig Ärzt*innen in Deutschland durchgeführt werden, kann auch er nicht nennen. Die Frauen, die in seinem Beratungszimmer landen, erzählen ihm aber immer wieder von vermeintlich rechtlichen Gründen, die ihnen gegenüber geäußert wurden. Er selbst hat noch von keinem und keiner Mediziner*in gehört, der*die wegen einer Sterilisation verklagt wurde. „Das ist alles heiße Luft, was da gemacht wird. Man darf es als Arzt nicht verbieten, weil es gesetzlich nicht verboten ist. Also behindert man die Frauen, indem man es nicht macht.“ Durch Regret Listen zum Beispiel. Teilweise gäbe es sogar Kolleg*innen, die von „Kunstfehlern“ sprechen, wenn Frauen unter 35 sterilisiert würden. 

Die Frauen, die in Dr. Boschs Praxis landen, wissen, was sie wollen. Schließlich waren sie teilweise auch schon jahrelang unterwegs. „Die Frauen, die bei mir angekommen sind – die haben eine Odyssee hinter sich. Und ich möchte nicht wissen, wie viele dabei aufgeben“, erklärt der Mediziner. Er diskutiert nicht. Auch über die Vergangenheit wird nicht gesprochen. Ihre Odyssee dürfen die Frauen jetzt hinter sich lassen. Seine Praxis verlassen die Frauen nach Angabe des Arztes meist freudestrahlend darüber, endlich jemanden gefunden zu haben, der sie und ihren Sterilisationswunsch ernst nimmt. 

Selbstbestimmt steril

Und so verlässt auch Lisa die Praxis. Allerdings nicht die von Dr. Bosch. Sie war bei einem Mediziner in Hürth, der Sterilisationen ab 25 durchführt. Dr. Maucher hat sie über den Verein Selbstbestimmt steril e.V. gefunden. Ein Verein, der über 5000 Follower allein auf Instagram zählt und Aufklärungsarbeit zum Thema Sterilisation betreibt. Susanne ist eine von sieben Gründerinnen. Alle wohnen in Deutschland verstreut und betreiben den Verein in ihrer Freizeit ehrenamtlich. 

Susanne von „Selbstbestimmt Steril“

Die Website hat Susanne fast alleine formuliert. Auf ihr findet man nicht nur rechtliche und medizinische Aufklärung, sondern auch Erfahrungsberichte. Die Frage, ob der Verein damit Arbeit übernimmt, die eigentlich Aufgabe von Ärzt*innen wäre, bejaht Susanne: „Natürlich sollten Ärzt*innen immer die letzte Instanz sein. Aber wir übernehmen schon einen wichtigen Teil. Vor allem den, wo einfach mal Verständnis gezeigt wird.“

Das Herzstück der Website ist eine Karte, auf der Ärzt*innen verzeichnet sind, die Sterilisationen durchführen. Über diese Karte hat Lisa auch Dr. Maucher in Hürth gefunden. Bisher liefen die Gespräche mit Ärzt*innen immer ähnlich ab. Sie wurde in eine Schublade gesteckt, weil sie eine Frau ist. Sie könne doch noch gar nicht wissen, ob sie wirklich keine Kinder wolle. Die Muttergefühle kämen schon irgendwann. Sätze wie „Du bist doch so eine hübsche Frau“ oder „Was sagt denn dein Freund dazu?“ hört sie nicht nur von Ärzt*innen. Vor allem Männer konfrontieren sie immer wieder mit sexistischen Aussagen: Der Sinn einer Frau seien doch Kinder – sich trotz Fruchtbarkeit sterilisieren zu lassen, komme Mord gleich.

Das Bullshit-Bingo vom Verein „Selbstbestimmt steril“

Lisas Sterilisation

Lisas Beratungsgespräch mit Dr. Maucher ist anders. Ihn interessiert nicht, warum sie den Eingriff machen lassen will. Für Lisa ist diese „angenehme Gleichgültigkeit“ ein gutes Zeichen. Er ist der erste, der sie in keine Rolle drängen, sondern einfach einen guten Job machen möchte. Für ihn ist es nur logisch, Frauen diesen medizinischen Eingriff zu ermöglichen: „Jeder darf sich seine Verhütungsmethode selbst aussuchen. Und wenn Frauen sagen, sie möchten nicht anders verhüten und auch keine Kinder, dann ist das doch okay. Das sind erwachsene Menschen.“ 

Er ist derjenige, der Lisa sterilisiert. Kurz vor der OP wird sie mit WhatsApp-Nachrichten überschwemmt. Freunde und Familie wünschen ihr Glück und drücken die Daumen, dass alles gut geht. Auch Lisas Freund freut sich für sie, dass sie endlich sterilisiert wird. Er hat miterlebt, wie belastend die lange Suche nach einem Arzt für die junge Frau war. 

Das hat jetzt ein Ende: Dr. Maucher durchtrennt Lisas Eileiter und verödet sie. Aus der Narkose erwacht sie mit einem Grinsen im Gesicht. „Ich bin aufgewacht und war der Mensch, der ich sein wollte.“ Auch Monate nach der Sterilisation geht es ihr gut mit der Entscheidung. 

„Ich fühle mich viel weiblicher und selbstbewusster, überhaupt nicht mehr so angreifbar. Es bestand immer die Möglichkeit, dass mit meinem Körper etwas passieren kann, was ich nicht möchte – also die Schwangerschaft. Und dieses Gefühl war vom ersten Tag an weg.“

Aber was ist, wenn…?

Nach Angaben von ProFamilia bereuen etwa zwei bis 13 Prozent der Frauen ihre Sterilisation. Angst, dass es ihr selber ähnlich gehen könnte, hat Lisa nicht. Für sie ist die Sterilisation wie ein Tattoo, das man für immer auf der Haut trägt. „Ein Kind hast du dein ganzes Leben lang, oder du hast kein Kind dein ganzes Leben lang.“ Sie glaubt, dass man alles im Leben bereuen kann. Das solle einen aber nicht davon abhalten, Entscheidungen zu treffen, die sich richtig anfühlen.

Auch Janina ist sich sicher, dass sie ihre Sterilisation nicht bereuen wird. „Selbst wenn ich das bereuen sollte, ist das meine Entscheidung, die alleine ich zu tragen habe. Dann muss ich den Walk of Shame zum Arzt gehen für eine künstliche Befruchtung. Aber auch das ist völlig legitim. Weder an der einen noch andere anderen Entscheidung ist irgendetwas falsch.“

Dr. Bosch aus dem Ruhrgebiet ist sich bewusst, dass er Frauen sterilisiert, die den Eingriff irgendwann bereuen werden. „Aber das ist das Leben“, stellt er nüchtern fest. „Wir werden in unserem Leben viele Entscheidungen bereuen. Die meisten sind klein und kann man reparieren. Aber es gibt auch Entscheidungen, die kann man nicht reparieren. Es werden Frauen diesen Eingriff bereuen. Es werden aber auch viele bereuen, Kinder gekriegt zu haben. Und ich bin nicht derjenige, der über das Leben dieser jungen Frauen richten soll oder kann.“

Das sehen viele anders – und machen das auch deutlich. Immer wieder ungefragt mit der Meinung anderer konfrontiert  zu werden, ist für Lisa besonders schlimm. Auto fahren, Alkohol trinken und Verträge unterschreiben zu dürfen und zeitgleich nicht entscheiden zu können, was mit dem eigenen Körper passiert. „Man darf etwas nicht machen, nur weil andere das nicht wollen. Ich war gefangen in dieser Fruchtbarkeit.“ 

Lisa ist 27 und endlich sterilisiert. (Foto: privat)

Eine selbstbestimmte Zukunft?

In dieser Gefangenschaft sitzt Lisa nicht alleine. Mit ihrem TikTok wollte Janina polarisieren, aber auch Aufmerksamkeit für das Thema schaffen. Die Kommentare zeigen, wie groß das Tabu um Frauen ohne Kinderwunsch ist. Die 33-Jährige hofft, Frauen mit Sterilisationswunsch Mut zu machen, auf ihr Recht auf Selbstbestimmung zu bestehen. Susanne und Dr. Bosch setzen ihre Hoffnung in die neue Generation Mediziner*innen. Es gelte, alte Rollenbilder und Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen. Diese Chance haben vor allem junge Ärzt*innen. Der Verein „Selbstbestimmt steril“ arbeitet daran, gerade die junge Generation von Mediziner*innen für das Thema zu sensibilisieren. Susanne hofft, dass es den Verein irgendwann nicht mehr braucht. 

Lisas Wunsch wurde bereits erfüllt. Sie ist sterilisiert. Aber der Weg dahin war anstrengend und lang. Trotzdem rät sie jeder Frau, das Recht auf Selbstbestimmung für sich einzufordern – auch wenn es lange dauert.

Einen Kommentar zum Thema Sterilisation bei jungen Frauen gibt es hier

Beitragsbild: Colin Lloyd (unsplash)

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