Spezial-Würmer statt Antibiotika

Sie sollen uns helfen, wenn wir sie am dringendsten brauchen: Antibiotika sind oft die letzte Rettung bei schweren Erkrankungen. Doch durch unbedachten Einsatz in der Landwirtschaft entstehen immer häufiger Resistenzen gegen die Lebensretter. Auf der Suche nach Alternativen sollen Regenwürmer natürliche Abhilfe schaffen.

Hähnchen, Pute und Co. sind bei den Deutschen beliebt wie nie zuvor. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2021 mehr als 1,5 Millionen Tonnen Geflügel geschlachtet – der zweithöchste Wert überhaupt, getoppt nur vom Vorjahr. Die Geflügelmast boomt. Dass das früher oder später zu Problemen führen kann, ist nichts Neues. Bereits vor über zehn Jahren wurde deutlich: Veterinärmediziner*innen verschreiben zu häufig Antibiotika. Daraufhin reformierte der Gesetzgeber das Arzneimittelgesetz und startete eine Resistenzstrategie.

Dennoch enthalten weiterhin neun von zehn Masthähnchen Antibiotika-Rückstände. Das haben Untersuchungen ergeben. Zwar sind die Abgabezahlen seit 2011 um über 50 Prozent zurückgegangen, dafür wird jetzt vermehrt auf Reserveantibiotika gesetzt. Das sind die Wirkstoffe, die erst dann zum Einsatz kommen, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr helfen – auch bei Menschen. Da eine Resistenz gegen diese Stoffe dementsprechend gefährlich werden kann, fordert eine Reihe von Organisationen ein vollständiges Verbot dieser Präparate in der industriellen Tierhaltung.

Alternativen sind gefragt

Auf der Suche nach Alternativen für den Antibiotikaeinsatz wird inzwischen in viele Richtungen geforscht, erzählt Sebastian Sterk, Doktorand an der Tiermedizinischen Fakultät der LMU München. Er selbst forscht in einem vom Bund geförderten Projekt zum Einsatz von Antibiotika-Alternativen. „Es gibt unglaublich viele Hersteller dieser Mittel. Das ist eine wahnsinnige Bandbreite. Ohne die entsprechende Nachfrage gäbe es all die Produkte nicht.“

Krabbelnde Antibiotika-Prophylaxe: Die Spezial-Würmer von Corbiota werden lebendig verfüttert. Foto: Corbiota GmbH

Unter diesen Herstellern ist auch das Düsseldorfer Startup Corbiota. Ihre Idee klingt ursprünglich: Durch das Verfüttern von Regenwürmern will die Firma das Immunsystem vom Mastgeflügel früh stärken und die Tiere somit krankheitsresistenter werden lassen. „Jedes Tier ist, wenn es auf die Welt kommt, relativ naiv im Darm, egal ob Säugetier oder Vogel“, erklärt Sterk. „Und je nachdem, was in den ersten Lebenstagen an Futter zur Verfügung gestellt wird, kann sich das Mikrobiom in die eine oder eben in die andere Richtung entwickeln.“

Die Würmer von Corbiota werden deshalb, nach Aussage der Firma, in einem speziellen Verfahren gezüchtet, um optimal auf das Immunsystem der Hühner einwirken zu können und sie robuster gegen Krankheiten zu machen. Eine innovative Idee mit Potenzial, findet Sebastian Sterk: „Vor zwei Jahren hätte vermutlich niemand daran gedacht, wieder Würmer in einem konventionellen Betrieb zu verfüttern.“

Es fehlt an Geld – und Wissen

Mit Forschungsprojekten wie dem des Tiermediziners und Strategien auf politischer Ebene bemühen sich Bund und Länder, die Möglichkeiten der Antibiotikaalternativen aufzuzeigen und auf die Höfe zu bringen. Aber, so Sterk: „Man muss den Landwirten auch überhaupt die Möglichkeit geben, dass sie solche Mittel ausprobieren können. Und diese finanziellen Spielräume sind am Ende nur da, wenn der Verbraucher bereit ist, mehr für ein Produkt auszugeben.“ Doch dazu mangele es den Konsument*innen oftmals an Aufklärung über Haltungsformen und Tiergesundheit, was wiederum zu leeren Kassen bei den Produzent*innen führe.

Vor allem in Zeiten von hohen Preisen entscheiden sich viele eher für günstigere Produkte: „Der Bio-Markt ist zusammengebrochen“, stellt Sebastian Sterk fest. Ein ungünstiger Zeitpunkt, versuche man doch gerade, ein Bewusstsein für Tierwohl zu schaffen. Dennoch wagt er einen vorsichtigen Blick in die Zukunft: „Der Endverbraucher steuert den Markt“, sagt Sterk. „Wir müssen schauen, wie wir alle den Weg so einschlagen, dass es für alle Beteiligten besser wird: für die Tiere, für den Arzneimitteleinsatz und für ein gesundes Produkt.“

 

Beitragsbild: pixabay.com/de/users/stux-12364

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