Here comes the sun und der Ertrag plätschert davon

Die Sommer in Deutschland werden zunehmend trocken. Grund dafür ist der Klimawandel. Gegen Trockenheit vorzugehen, ist oft mit hohen Kosten verbunden. Wie schaffen Landwirt*innen es trotzdem, effizient zu wirtschaften? 

Der Geruch von Heu und Gülle liegt in der Luft. Die Sonne strahlt auf den Hof von Heinz-Dieter Kottenbruck. In einem Stall stehen gut einhundert Kühe. Die Tiere stochern mit den Nasen im Futter. Vereinzelt gibt eines einen Laut von sich. Die meisten schauen ins Leere oder liegen herum. Auf einen Windstoß wartet man hinter den Wänden vergebens. Bereits am Morgen zeigt das Thermometer 29 Grad. Der ganze Hof, so scheint es, erlahmt unter der Hitze.

Heinz-Dieter Kottenbruck macht sich auf den Weg in den Stall: „Ich lasse die Tiere auf die Weide. Da haben sie ihre schattigen Bäume, wo ab und zu ein Windstoß drunter her fegt.“ Er geht durch den Stall und öffnet ein Hintertor. Langsam trotten die Tiere in Richtung Grünland. „Kühe sind sehr empfindlich für so ein heißes Wetter. Die können das überhaupt nicht haben“, erklärt Kottenbruck. Er geht den Tieren hinterher. „Schöner wäre es, wenn sie hier etwas zu fressen hätten.“. Weil der Regen im Mai und Juni größtenteils ausbleibt, wächst auf Kottenbrucks Grünflächen Mitte Juni kein Gras mehr nach. Deswegen muss er Futter zukaufen.

Der Deutsche Wetterdienst hat für 2023 einen trockenen und heißen Sommer vorausgesagt. Damit soll sich das Jahr in einen Trend einreihen: Durch den Klimawandel treten Extremwettereignisse wie Dürre häufiger auf. In vielen Regionen Deutschlands hat es im Juli zwar mehr geregnet als erwartet. Trotzdem sind laut dem Helmholtz Zentrum für Umweltforschung im August gut 70 Prozent aller Böden von „moderater“ bis „ungewöhnlicher Dürre“ betroffen. Und ein Problem bleibt bestehen: Wie geht die Landwirtschaft in Zukunft mit Dürre um, wenn es für längere Zeit so trocken bleibt wie im Juni dieses Jahres?

Wenn das Gras austrocknet, finden die Kühe auf den Weiden kein Futter mehr.

„Bei diesen hohen Temperaturen geht das Gras relativ schnell in Rispe. Das schmeckt den Kühen dann nicht mehr“, so Kottenbruck. Mit Rispe sind kleine, blütenartige Auswüchse gemeint, die sich an den Enden von Grashalmen befinden und an Farbe verloren haben. „Wir haben schon nachgesät, damit Gras nachkommen kann, aber dafür braucht es natürlich auch ein bisschen Wasser“, erklärt er. Laut der Landwirtschaftskammer NRW hängt der Erfolg von Nachsaat auf Grünland zu 90 Prozent vom Niederschlag ab. Ohne Folgeregen, ist der Effekt also kaum bis gar nicht vorhanden. Vereinzelt suchen die Kühe mit ihren Nasen das Gras ab. „Die schauen, ob sie da irgendwo noch was zu fressen finden“, so Kottenbruck. Keines der Tiere wird fündig.

Der Mais muss beim Nachbarn zugekauft werden

Kottenbruck bewirtschaftet 100 Hektar Fläche. 80 Hektar davon sind Grünland, 20 Hektar sind Acker. Außerdem hält er rund 100 Kühe, deren Milch er verkauft. Ein Teil seiner Grünflächen ist als Naturschutzfläche ausgeschrieben. Dort darf Kottenbruck aufgrund der Auflagen erst so spät mähen, dass er aus dem Gras nur noch Heu produzieren kann. Dieses eignet sich nicht als Kuhfutter. Stattdessen verkauft Kottenbruck es an Pferdehalter.

Auf dem Rest seiner Flächen mäht Kottenbruck das Gras und lagert es als Silage ein. Bei der Silage werden Gras und weitere nährstoffhaltige Produkte in ein Silo gegeben. Die einzelnen Bestandteile gären dort und werden zu Futter, welches sich beispielsweise für Kühe eignet. Damit das Gras für die Silage genutzt werden kann, muss es frisch und feucht sein. „Wenn wir ein gutes Jahr haben, wo viel Gras wächst, kommen wir eigentlich fast mit unserem eigenen aus“, sagt Kottenbruck. In trockenen Jahren kauft er Mais dazu, um genug Silage für die Kühe produzieren zu können. „Das war teilweise schon erheblich, was wir in den letzten Jahren dazukaufen mussten“, erzählt er. Auch der Mais, den er selbst auf seinem Acker anbaut, reiche nicht aus. Eine gute Alternative, um nicht zukaufen zu müssen, gibt es nicht. Grünland zu bewässern sei zu teuer und „Regen machen geht nicht“.

Trockenheit auf Grünland – nur schwer zu behandeln

Kottenbruck züchtet Maispflanzen, dessen Blätter in den Himmel ragen. So scheint weniger Sonne drauf.

„Trockenheit auf Grünland ist ein großes Problem“, erklärt Stefan Siebert von der Uni Göttingen. Siebert ist Professor der Pflanzenwissenschaften an der Fakultät für Agrarwissenschaften. Tierfutter wie Heu oder Silage lasse sich nicht gut über große Distanzen transportieren. „Das ist nicht rentabel“, erklärt er. „Das müssen die Landwirte wirklich im eigenen Betrieb produzieren oder beim Nachbarn kaufen.“ Alternativ können Landwirt*innen andere Pflanzen anbauen, die sich als Futter eignen. So lasse sich der Verlust eindämmen, sollten das Grünland zu trocken sein. „Prinzipiell hat man im Grünland weniger Möglichkeiten gegen Trockenheit vorzugehen als im Ackerbau.“

Kottenbruck steht auf seinem Acker, umgeben von Maispflanzen. Auch hier lohne sich die Bewässerung nicht. „Dann verzichtet man lieber auf den Ertrag“, sagt er. Auf seinem Acker baut der Landwirt Getreide und Mais an. Ein paar Meter neben den Grünflächen beginnt das Feld. Um der Trockenheit entgegenzuwirken, sät er eine Mais-Sorte, die resistenter ist. „Die strecken ihre Blätter gerade in den Himmel. Dadurch scheint die Sonne nicht so drauf“, erklärt Kottenbruck. Außerdem wird weniger Saatgut pro Fläche gestreut. So konkurrieren die einzelnen Pflanzen weniger stark um das Wasser im Boden. „Qualität über Quantität“, erklärt er.

Der Landwirt hält ein Blatt hoch. „Die Pflanze hier wird mal drei Meter hoch. Ein Überflieger ist das.“ Nachdenklich schweift sein Blick über das Feld. „Die Blütezeit beginnt erst jetzt.“ In der Blütezeit befruchtet sich der Mais selbst. Am Ende entsteht ein Kolben, das Zielprodukt. An einem Blatt, eine Reihe weiter, entdeckt Kottenbruck die ersten Symptome von Trockenheit. Der grüne Arm wird rissig, verliert an Farbe. „Bisher sieht es auf dem Acker noch okay aus. Aber wenn es jetzt ein paar Wochen nicht regnet, kann das auch wieder anders aussehen.“

„Viele Pflanzen sind zur Phase der Blüte am empfindlichsten“, erklärt Siebert. Wenn der Boden in der Blütezeit zu trocken ist, wächst der Maiskolben gar nicht oder nicht in gewünschter Größe. Doch auch nach der Blüte sei die Pflanze empfindlich für Trockenheit. Zu wenig Wasser wirkt sich auch im weiteren Verlauf auf die Qualität des Kolbens aus. In der Praxis kann das beispielsweise einen zu kleinen oder nicht ausgereiften Maiskolben bedeuten.

Wasser selbst speichern und sparsam einsetzen

Knapp zweieinhalb Stunden Autofahrt von Kottenbruck entfernt, auf einem Hof in Meckenheim, schabt Phillp Wißkirchen mit seinen Schuhen über den Boden. Staub wirbelt auf, hellbraune Erde kommt zum Vorschein. Vereinzelt ziehen sich Risse durch den Boden. „Hier sieht man es. Die Erde ist ausgetrocknet. Da ist kein bisschen Feuchtigkeit.“ Wißkirchen steht auf einem Feld. Links und rechts erstrecken sich Bäume in Reihen. Deren Stämme ragen ihm knapp über den Kopf.

Wißkirchen arbeitet als Obstbauer, auf 36 Hektar Fläche bewirtschaftet er 120.000 Apfelbäume. Er zeigt auf einen davon, an dem sich die Blätter bereits kräuseln. Ein Gelbton mischt sich in das Grün. Äpfel trägt der Baum keine. „Ohne Trockenheit würde der anders aussehen“, sagt er. Den Pflanzen fehlt das Wasser im Juni. So gehen wichtige Nährstoffe verloren. Das Ergebnis, sollte das Wasser auch weiterhin ausbleiben: weniger Ertrag. Wie viel genau der Obstbauer einbüßen muss, ist schwer zu bestimmen. „Wir haben dadurch auf jeden Fall weniger und kleinere Äpfel.“. Diese seien aufwendiger zu ernten. „Also noch mehr Handarbeit, die ja sowieso sehr teuer ist.“

Außerdem verstärkt die Wasserknappheit zu Beginn des Sommers andere Probleme. Wühlmäuse fressen die Wurzeln der Apfelbäume. „Wenn es nass ist, können sich die Wurzeln schneller regenerieren. Aber wenn alles trocken ist, dann entwickeln die Pflanzen nicht so schnell neue Wurzeln.“ Wißkirchen geht zwischen den Reihen entlang. „Hier sieht man die Löcher im Boden.“ Gegen die Wühlmäuse vorgehen kann er nicht. Um die unterirdischen Tunnel ausfindig zu machen oder Fallen aufzustellen, ist der Boden zu hart. Eine weitere Folge des Wassermangels. Gegen die Mäuse vorgehen kann er praktisch nicht.

Obstbauer Phillip Wißkirchen ergreift auf seinen Feldern Maßnahmen gegen Trockenheit, muss aber auf die Kosten schauen.

Wißkirchen bewässert einen Teil seiner Felder. So kann er den Ertrag stabil halten, auch wenn Regen ausbleibt. Zu diesem Zweck hat er Schläuche in die Bäume gehängt. Alle 50 Zentimeter ist ein Loch in das schwarzen Gummi gestochen. Mehr als eineinhalb Liter pro Stunde tropfen aus jedem Loch. „Das ist quasi nichts“, sagt der Obstbauer.  Die Tröpfchenbewässerung spart Wasser und somit auch Geld. Weil die Gummischläuche allein nicht immer ausreichen, setzt er bei Bedarf Wassersprinkler ein. Auch hier achtet er darauf, möglichst wassereffizient zu wirtschaften. Er verzichtet dabei auf Sprinkler, die in Kreisform regnen und damit auch die Gehwege zwischen den Bäumen bewässern. „Die Sprinkler sind so angeordnet, dass sie nur die Reihen bewässern“, erklärt Wißkirchen . Bis zu zwei Dritteln des Wasserverbrauchs könne er dadurch einsparen.

Einen eigenen Wasserspeicher bauen

Laut dem Deutschen Bauernverband ist Tröpfchenbewässerung die effizienteste Methode zur Bewässerung. Knapp 90 Prozent des eingesetzten Wassers erreicht tatsächlich die Pflanze. Bei Beregnungsmaschinen sind es hingegen 60 bis 80 Prozent. Erst vor kurzem hat Wißkirchen weitere Teile seiner Felder mit der neuen Bewässerungstechnik ausgestattet. „Damit erreichen wir vielleicht 60 Prozent der Felder“, so der Obstbauer. „Die ganze Installation kostet viel Geld, da überlegst du dir, wo du die hinlegst und wo nicht.”.

Die Sprinkler bewässern nur entlang der Reihen. Das spart Wasser, braucht aber mehr Sprinkler in der Anschaffung.

Bisher bezieht Wißkirchen sein Wasser von den Stadtwerken. Das soll sich ab dem nächsten Jahr ändern. Mit anderen Obstbauern aus dem Umkreis hat er einen Wasserspeicher bauen lassen. Ein paar Meter neben seinen Feldern befindet sich eine Grube. An den Rändern ist Erde aufgeschüttet, sodass ein Quadrat emporragt. Die Form erinnert an einen riesigen Swimming-Pool. Nur das Wasser fehlt bisher. Wißkirchen steht auf dem Rand und schaut nach unten. Kurz hält er inne. „Ich bin überwältigt. Ich fahr hier jeden Tag vorbei, aber hier oben stand ich noch nie.“

30.000 Kubikmeter Wasser passen in das Becken. In ein zweites weitere 26.000 Kubikmeter. Im Frühjahr sollen die Speicher mit überschüssigem Wasser einer Talsperre befüllt werden. Außerdem kann dort Regenwasser gespeichert werden. „Durch die Becken bekommt man eine Sicherheit“, erklärt Wißkirchen. In trockenen Jahren können die Landwirt*innen in der Region ihre Felder bewässern und sind dabei auf das Wasser der Stadtwerke angewiesen. Sollte der Wasservorrat der Stadtwerke also knapp werden oder gar rationiert werden müssen, haben sie einen eigenen Speicher, aus dem sie schöpfen können. In der Region gab es laut Wißkirchen zwar noch nie Probleme mit der Wasserversorgung, „aber wer weiß, was uns in Zukunft erwartet“.

Neue Lösungswege für den Umgang mit Trockenheit

„Bisher ist Deutschland nicht stark von Wasserknappheit betroffen“, erklärt Professorin Bahar S. Razavi. Razavi forscht als an der Universität in Kiel in der Abteilung für Boden- und Pflanzenmikrobiome. Trotzdem sagt sie: „Wasser ist eine stark begrenzte Ressource und dadurch zu teuer, um in Zukunft Felder damit zu bewässern.“ Gleichzeitig wird die Häufigkeit und Intensität von Extremwettereignissen zunehmen, erklärt die Professorin. Dazu gehören auch Dürrezeiten.

Noch ist der Bau des Auffangbeckens nicht fertiggestellt. Ab kommendem Winter soll es in Betrieb gehen.

Grund dafür ist der Klimawandel. Laut Razavi brauche es daher neue Methoden, um Pflanzen vor Trockenheit zu schützen. Razavi forscht zu Mikroorganismen und Pilzen, die Pflanzen mit Nährstoffen versorgen können. Ein mögliches Konzept, um künftig gegen Trockenheit vorzugehen: Ausläufer eines Pilzes verbinden sich mit den Wurzeln der Pflanze. Die Pflanze stellt dem Pilz Nährstoffe bereit, an die der Pilz sonst nicht gelangt. Der Pilz wiederum kommt durch seine Ausläufer an Nährstoffe und Wasser, die die Pflanze ansonsten nicht erreicht. „Das Ganze ist ein Win-Win-Szenario“, erklärt Razavi. Bisher fällt es Razavi und ihren Kolleg*innen schwer, das Konzept in der Praxis anzuwenden. Sollte es aber gelingen, hätten sie eine nachhaltige und günstige Methode für den Umgang mit Trockenheit geschaffen.

Ein ernüchternder Blick in die Zukunft

Gerade ein finanzielles Problem spürt Wißkirchen auf seinem Hof deutlich. Seine Kosten steigen durch die technische Aufrüstung. Dazu kommen die Inflation und der gestiegene Mindestlohn. „Ich finde höhere Löhne gerechtfertig, aber dann muss auch der Preis für die Äpfel stimmen“, so Wißkirchen. Vom Einzelhandel hätte er im letzten Jahr 20% weniger für seine Äpfel bekommen, trotz 30% gestiegener Betriebskosten.

Viele Landwirt*innen aus der Region würden ihren Söhnen bereits davon abraten, den Hof zu übernehmen. Wißkirchen möchte aber Obstbauer bleiben. „Es macht mir Spaß. Man hat viel mit Leuten zu tun, das ist ein schönes Gefühl“, erzählt er. Trotzdem sei die Stimmung dieses Jahr gedrückt auf seinem Hof. „Ich habe keine Angst, nur weil es ein Jahr mal weniger Umsatz gab.“ Durch sparsame Bewässerung und einen eigenen Wasserspeicher könne man die Produktion in trockenen Jahren sicherer gestalten. Insgesamt fällt der Gewinn aber geringer aus in den letzten Jahren und „die Tendenz ist nicht gut“.

 

Fotos: Jerrit Schloßer

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