Warum wir gegen K.o.-Tropfen nahezu machtlos sind


Es ist Samstagnacht. Für viele bedeutet das: Party. Deutschlands Clubs und Bars sind jede Woche voll mit Menschen, die den stressigen Alltag hinter sich lassen wollen. Sie zieht es mit Freunden auf die Tanzfläche und an den Tresen. Sie lernen neue Menschen kennen, die auf den ersten Blick sympathisch wirken. Tatsächlich haben manche von ihnen aber einen perfiden Plan: Sie sind Vergewaltiger und wollen ihre Opfer gefügig machen.

Sie haben es vor allem auf junge Frauen abgesehen. Die Opfer wachen am nächsten Morgen auf und erinnern sich an nichts. Die Klamotten sind zerrissen und sie finden blaue Flecken an ihrem Körper. Später stellt sich raus: Die Frauen wurden vergewaltigt, nachdem ihnen jemand K.o.-Tropfen ins Glas gekippt hat. Obwohl es jedes Jahr viele Opfer gibt, ist der Stoff aus dem K.o.-Tropfen bestehen, nicht illegal. Und die Politik hat nicht vor, daran etwas zu ändern.

Gute Laune durch K.o.-Tropfen

Arne Lueg weiß, welche Folgen Drogen haben können. Er behandelt Menschen, die nicht mehr ohne sie können – Menschen mit Drogensucht. Der 36-jährige Dortmunder hat Medizin studiert. Jetzt ist er Funktionsoberarzt an der LWL Klinik in Dortmund zuständig für die Behandlung junger Drogenabhängiger. Lueg erklärt, wie K.o.-Tropfen auf den Körper wirken: „Es ist eher eine Droge zum Runterkommen.“ Die Flüssigkeit wirke nach etwa 15 Minuten. Wer sie nimmt, spüre ein gutes, zufriedenes Gefühl und könne besser schlafen. Arne Lueg beschreibt das so: „Alles wird lockerer und die Muskeln werden schlaff.“

Arne Lueg (36): Funktionsoberarzt der LWL-Klinik Dortmund. Foto: Angelika Nehm/LWL

In geringen Mengen sollen die Tropfen wie Alkohol wirken: Die „Konsumenten“ sind offener und kontaktfreudiger. „Es hilft auch dabei, Depressionen zu überdecken“, fügt Lueg hinzu. In zu hohen Dosen kann das Mittel aber zu Tiefschlaf und Halluzinationen führen. K.o.-Tropfen können sogar tödlich sein.

Gamma-Butyrolacton, kurz GBL, heißen die K.o.-Tropfen in der Chemie. Die Industrie benutzt den Stoff in großen Mengen als Reiniger. Im Magen verwandelt er sich zum sogenannten GBH, dem Wirkstoff von Liquid Ecstasy. Die Substanz ähnelt einem körpereigenen Botenstoff im Gehirn, der sich an die Rezeptoren setzt. Wer GBL schluckt, produziert zu viel Botenstoffe – die Rezeptoren sind überfordert. Die Wirkung hält zwei bis vier Stunden an. Dann zerfällt GBL im Körper und kann spätestens nach 24 Stunden nicht mehr nachgewiesen werden. Ein großes Problem für Opfer von Vergewaltigungen. In Dortmund gab es 2016 vier Anzeigen wegen des Verdachts auf K.o.-Tropfen. Zweimal hat die Polizei die Opfer untersucht. Nur in einem Fall konnte der Stoff im Körper nachgewiesen werden.

Ein Rausch für nur vier Cent

Arne Lueg von der LWL-Suchtklinik hatte bisher zweimal mit GBL zu tun. Er erklärt, dass K.o.-Tropfen nicht nur dazu benutzt werden, um andere Menschen zu betäuben. Viele würden das Mittel einfach so nehmen, weil sie süchtig sind. „Sie kommen über eine andere Droge zum GBL“, erzählt Lueg. Wenn ein Süchtiger zum Beispiel kein Heroin mehr nehmen wolle, sei GBL eine Alternative, um den Rausch zu erhalten. Die Vorteile: Es ist extrem günstig und einfach zu bekommen. Ausländische Onlineshops bieten das Mittel an, das eigentlich in Felgenreinigern zu finden ist. Ein großer GBL-Shop mit Sitz in Polen verkauft einen Liter für 80 Euro. Damit könnte man vermutlich bis zu 200 Menschen töten. Auf der Verkaufsseite gibt es ein Werbevideo: Eine Frau erklärt darin, dass das GBL die „bestmögliche Qualität“ habe. Der Versand nach Deutschland kostet 13 Euro. Für einen leichten Rausch reicht ein halber Milliliter. Der Drogentrip kostet damit nur etwa vier Cent.

Mit wenigen Klicks lässt sich GBL im Internet bestellen. Foto: Thorben Langwald

Darum wechseln viele Drogensüchtige zu GBL. Es mache nach kurzer Zeit abhängig und der Entzug sei schwierig, sagt Arne Lueg: „Entzugserscheinungen sind hoher Blutdruck, Herzrasen, Halluzinationen oder auch epileptische Anfälle.“ Um das zu vermeiden, gibt Lueg seinen Patienten vorübergehend ein Medikament, das ähnlich wirkt, aber weniger schädlich ist. Und obwohl GBL so gefährlich ist, kann es jeder frei konsumieren. Das Landgericht Nürnberg hat es zwar als „bedenkliches Arzneimittel“ eingestuft. Seitdem dürfen K.o.-Tropfen in Deutschland nicht mehr an Privatpersonen verkauft werden. Es ist aber kein Problem, den Stoff im Ausland nach Deutschland zu bestellen und zu schlucken.

In den 80er-Jahren gab es GBL und GBH noch rezeptfrei in Reformhäusern zu kaufen. Vor allem Bodybuilder haben es benutzt, weil es den Muskelaufbau beschleunigt. Seit den 90er-Jahren verbreitete sich die Droge in der Technoszene der USA. Wenig später fand sie ihren Weg nach Europa. Im Jahr 2001 wollten deutsche Politiker den Wirkstoff GBH und alle seine Vorstufen verbieten. Sie sollten als Betäubungsmittel gelten. Auch GBL, die typischen K.o.-Tropfen, wären dann verboten gewesen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass das Gesundheitsministerium im letzten Moment GBL aus der Liste herausgenommen hat. Der Grund: Der Stoff sei ein wichtiges Mittel der chemischen Industrie.

„Aufklärung ist wichtiger als ein Verbot“

50.000 Tonnen GBL produziert der deutsche Chemiekonzern BASF jedes Jahr. Aus dem Stoff werden Arzneimittel, Pflanzenschutz- oder Reinigungsmittel hergestellt, teilt das Unternehmen auf Anfrage der Pflichtlektüre mit. Auf GBL könne die Industrie nicht verzichten. BASF erklärt aber, dass man einen möglichen Missbrauch verhindern will: „BASF liefert GBL nur an überprüfte industrielle Endkunden.“ Zusammen mit allen europäischen und amerikanischen GBL-Herstellern habe man sich vorgenommen, die Lieferkette lückenlos zu kontrollieren. „Anfragen von Privatpersonen lehnt die BASF ab“, schreibt das Unternehmen. Daten von verdächtigen Personen gehen sofort an den Zoll und das Bundeskriminalamt.

Durch die Selbstverpflichtung kommt in Deutschland kein GBL aus Europa und den USA in den freien Umlauf. GBL aus anderen Kontinenten kann jeder aber frei im Ausland bestellen. Um den Handel in Deutschland komplett zu unterbinden, müsste der Stoff als Betäubungsmittel gelten. Davon hält das Gesundheitsministerium in Berlin aber nur wenig: „Die Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes sind für Massenchemikalien wie GBL nicht geeignet“, sagt das Ministerium der Pflichtlektüre. Es bestünden „verfassungsrechtliche Bedenken“, weil es schwierig sei, GBL für Privatpersonen zu verbieten und für die Industrie zu erlauben. Was die Online-Shops angeht, habe man Erkenntnisse, dass die Betreiber das GBL von Händlern aus China oder Indien bekommen würden. „Da diese Anbieter ihren Sitz im Ausland haben, ist eine Kontrolle durch die deutschen Behörden nicht möglich.“

„Ein Verbot wird sicher etwas bringen“, sagt Arne Lueg: „Es wird ein paar Menschen mehr von der Droge abhalten.“ Der Suchtexperte weiß aber: Auch ein Verbot, wird den Stoff nicht ganz abschaffen. Wer GBL haben möchte, wird es irgendwie bekommen. „Aufklärung ist in diesem Fall viel wichtiger als ein Verbot“, betont der Funktionsoberarzt. Das bedeutet auch: Im Club und in der Disko genau darauf achten, ob jemand in Kontakt mit dem eigenen Getränk kommt. Und wer Opfer eines Vergewaltigers wird, sollte zur Polizei gehen. Viele Täter werden nie gefasst, weil die missbrauchten Frauen sich schämen. Wie oft K.o.-Tropfen für Verbrechen benutzt werden, weiß auch die Polizei nicht genau. Nur eins ist klar: Die Dunkelziffer ist hoch.

Titelbild: Sumit Kumar/Flickr (unter Verwendung der „Creative Commons“-Lizenz)

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