Kommentar: Hört auf, den Zehn-Prozent-Mythos zu glauben!

Viele Mythen haben selbst in der heutigen Gesellschaft, die zumindest historisch gesehen die Epoche der Aufklärung hinter sich hat, noch Bestand. Einer dieser Mythen, die wahrscheinlich sogar atomare Katastrophen überstehen würden, ist der sogenannte Zehn-Prozent-Mythos. Laut ihm nutzt der Mensch nur einen Bruchteil seines Gehirns, etwa zehn Prozent. Doch diesen Mythos sollte man aus dem Gedankengut der Menschheit löschen, denn er schürt unberechtigte Hoffnungen und ist schlichtweg falsch. Ein Kommentar.

Der Zehn-Prozent-Mythos besteht aus der These, dass der Mensch lediglich zehn Prozent seiner Gehirnkapazität nutzt, die verbleibenden 90 Prozent blieben unangetastet und folglich hätten wir noch ziemlich viel geistiges Potenzial. Die Zahlen allein klingen ja schon willkürlich, als ob sie einfach wahllos in den Raum geworfen seien.

Jeder, der daran glaubt, belügt sich selbst. Vielleicht beruhigt es diejenigen sogar. Frei nach dem Motto: Ich bin schon bei einem Zehntel meiner möglichen Leistung ganz schön schlau, was wäre ich nur für Genie bei vollkommener Leistung! Und so mancher zieht aus dieser Lüge noch die Möglichkeit herbei, daraus bare Münze zu machen. Als wäre es nicht schon genug, sich selbst zu belügen, belügen diese Menschen viele andere.

Beute für Medienschaffende

Für Film- und Medienschaffende ist der Mythos natürlich ein gefundenes Fressen. Man nehme eine Portion eines Mythos, der tiefgreifende Sehnsüchte nach ungeahnten Potenzialen im Inneren des Menschseins triggert. Man verleihe dem Protagonisten diese Potenziale: Zack-Bumm, fertige Story. Filme wie „Lucy“ oder Serien wie „Limitless“ bespielen diesen Trugschluss, der von zu vielen Menschen mit Leib und Seele vertreten wird. So wird aus den jeweiligen Protagonisten, die ihre volle Gehirnleistung ausschöpfen, man könnte sagen: ein Übermensch. Derzeit gibt es auch viele Memes in sozialen Medien, die eine Bildsequenz aus dem Film „Lucy“ verwenden.

Das Meme ist eine indirekte Kritik am Mythos. Es verhöhnt eine Frage, die im Zehn-Prozent-Mythos inbegriffen ist. Die Nutzer dieses Meme-Formats haben also mehr Ahnung von unserer genutzten Gehirnkapazität als manch andere.

Sogar bei wissenschaftlich interessierten Personen findet der Mythos Anklang, wie Studien zeigen. Dabei verwenden diese Menschen in jedem Fall mehr als die besagten zehn Prozent. Aber ein möglicherweise überhöhter Glaube an die Menschheit sorgt vielleicht dafür, dass sie davon überzeugt sind: Da muss noch etwas sein.

Nicht jede Zelle ist aktiv

Natürlich verwenden wir nicht alle Gehirnareale gleichzeitig in identischer Intensität, logisch. Man stelle sich eine Konferenz vor, in der Experten für diverse Bereiche sitzen. Diese sollten auch nur dann zu Wort kommen, wenn sie sich in dem gerade angesprochenen Thema auskennen. Nur so entsteht etwas Konstruktives. Ansonsten stünde ein heilloses Chaos auf der Tagesordnung, effizient wäre das sicher nicht. Die Aufgabenteilung der Gehirnareale ist mehr als nur praktisch.

Mal angenommen, ein Anhänger des Zehn-Prozent-Mythos würde den Mythos dahingehend interpretieren, dass ja nicht alle Gehirnzellen gleichzeitig genutzt würden, wodurch er die Lücke in seinem Potenzial erklären könnte. Den Mythos könnte er mit diesem Argument verteidigen. Doch jetzt kommt ein ganz großes Aber: Wenn jede Gehirnzelle zeitgleich aktiv wäre, käme das einem epileptischen Anfall nahe.

Nur falsche Hoffnungen

Das menschliche Gehirn ist eines der komplexesten Objekte im uns bekannten Universum. Doch das bedeutet nicht, dass wir noch nicht exakt wissen, wieviel wir davon nutzen. Dass es vollständig von uns benutzt wird, ist schon hinreichend nachgewiesen worden. Dass wir alles nutzen, schmälert nicht die Komplexität oder setzt uns in irgendeiner Form herab, darum geht es nicht. Wir sollten aber nicht einen Mythos bespielen, mit dem wir uns selbst belügen. Es macht keinen Sinn. Die Evolution würde nicht so eine Menge an überflüssiger Masse bestehen lassen. Das Gehirn macht ungefähr zwei Prozent der Körpermasse aus, verbraucht dabei aber ungefähr 20 Prozent unserer benötigten Energie. Hier würde das Effizienz-Kriterium dazwischengrätschen.

In jedem Fall, egal wie man es dreht und wendet, bleibt der Zehn-Prozent-Mythos nichts weiter als ein Mythos. Doch er hält sich hartnäckig, weil er einen Wunsch des Menschen genau bespielt: den nach Optimierung. Das Streben nach Perfektion. Genau deshalb wird er wohl von Medienschaffenden aufgegriffen. Mein Appell an die Menschen, die den Mythos glauben, vertreten oder verbreiten: Lasst es. Hört auf, euch selbst und eure Mitmenschen in die Irre zu führen. Dieser Appell sollte vielleicht auch am ehesten an Film- und Medienschaffende gerichtet werden, die immer wieder Benzin in das Feuer des Mythos gießen und es so zum lodern bringen.

Beitragsbild: Samuel Zeller/ Ladder to sky clouds/ Unsplash/ Unsplash license

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