Voluntourismus: Das Geschäft mit dem Weltretter-Syndrom

Morgens Waisenkinder unterrichten, mittags Elefantenreiten, abends Party am Strand. Immer mehr Jugendliche leisten Freiwilligenarbeit im Ausland. Der Plan: Urlaub machen und dabei Gutes tun. Dabei schaden sie oft mehr, als dass sie helfen.

Mit dem Abi und dem nötigen Kleingeld in der Tasche kann man heutzutage alles sein: Kindergärtner in Indien, Elefantenpfleger auf Sri Lanka oder Lehrerin in Afrika. Ganz ohne Ausbildung, Erfahrung oder besondere Affinität zu diesen Berufen. Rund 450 000 Schülerinnen und Schüler haben im Jahr 2016 in Deutschland Abitur gemacht.  Etwa 55.000 der unter 27-jährigen haben 2014 ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) begonnen. Das Ziel: Die Welt verbessern. Auch viele Studenten entscheiden sich in den Semesterferien für Freiwilligenhilfe im Ausland. Aus dem lobenswerten Ansatz ist eine boomende Branche entstanden. Das ist selten zum Vorteil der Länder, die von hilfsbedürftigen und völlig überforderten Jugendlichen überrollt werden. Gründe dafür gibt es viele.

Es wird vor allem das eigene Gewissen und der Lebenslauf aufpoliert

Der Wunsch dem Alltag zu entfliehen, kennen viele Menschen: Handwerksgesellen machten sich bereits im Mittelalter auf ihre Lehr- und Wanderjahre, Großstadtkinder taten es später den Beatles nach und reisten für einige Zeit nach Indien. Heute können Interessierte zwischen allen Kontinenten und den verschiedensten Angebotsformen wählen. Dabei gibt es staatlich vermittelte und private Anbieter. Als größte staatliche Organisation gilt der Freiwilligendienst „weltwärts“, der vor knapp zehn Jahren vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit gegründet wurde. Während die staatlichen Anbieter ihre Bewerber etwas genauer unter die Lupe nehmen, prüfen viele private Unternehmen lediglich, ob das Geld auf ihr Konto überwiesen wurde. Dann schicken sie die Freiwilligen ohne große Umschweife in die Projekte – ohne genaue Kontrolle und ohne Vorbereitung.

Die Preise für so einen Aufenthalt sind enorm und lassen sich buchen wie All Inclusive Urlaube. Vier Wochen als Baustellenhelfer in Ghana gibt es ab 1790 € , derselbe Zeitraum liegt als Schülerhilfe auf Costa Rica bei 1440 €. Die Freiwilligen wollen helfen, meist bessern sie damit aber lediglich den eigenen Lebenslauf oder das eigene Gewissen auf. Denn die Goldgrube der Freiwilligenarbeit nutzt meist den Falschen. Die hohen Gebühren fließen in die Unterkünfte und die Verpflegung der Freiwilligen und nicht in die sozialen Projekte selbst. Oder sie versickern irgendwo zwischen Reiseanbietern und Projektleitern. Zudem werden die Organisationen in die finanzielle Abhängigkeit von den Freiwilligen gestürzt.

Voluntourismus: Einmal die Welt retten – aber bitte inklusive Tanzkurs 

Neben kleineren Unternehmen und staatlichen Organisationen steigen immer mehr globale Touristikkonzerne wie der britische Anbieter Sta Travel in das Geschäft mit dem Altruismus der westlichen Bevölkerung ein. So entstand der Begriff „Voluntourismus“. Die Anbieter versprechen Punkte fürs Karma-Konto, Postkartenlandschaften und abends Party am Strand. Bei der Schildkrötenrettung können beispielsweise Surf- und Tanzkurse dazu gebucht werden. Gegen attraktive Freizeitgestaltung nach der freiwilligen Arbeit ist per se nichts zu sagen, vor allem weil es vermutlich die Interessentenanzahl erhöht. Nicht so einfach nachvollziehbar ist hingegen die Projektauswahl: Die großen Touristikkonzerne setzen auf Projekte mit niedlichen Tieren oder Kindern, Hauptsache große Augen. Projekte für den Schutz von Insekten, heimischen Pflanzen oder die Arbeit mit Behinderten sucht man dort vergebens. Es drängt sich die Frage auf, aufgrund welcher Kriterien Projekte von den Anbietern angeboten werden.

Die Freiwilligen fragen sich vorab selten ob es nicht umweltbewusster und hilfreicher wäre in Deutschland alten Menschen zu helfen, oder auf Helgoland bedrohte Vogelarten zu schützen. Stattdessen fliegen sie mit dem Flugzeug in Länder, in denen ein Großteil der Bevölkerung niemals ein Flugzeug von innen sehen wird. Sie schreiben dann oft, ohne schlechte Absichten, einheimischen Lehrern oder ortsansässigen Ärzten vor, was das Beste für sie und die Zukunft ihres Landes ist.

Der Waisenhaustourismus ist ein besonders schmutziges Geschäft 

Ein weiteres Problem des „Voluntourismus“ sind die kurzen Aufenthalte der Freiwilligen. Das ist besonders bei der Arbeit mit einheimischen Kindern schwierig. Sie kennen die Kinder und ihre Geschichte nicht und sprechen auch nicht ihre Sprache. Der ständige Wechsel der Bezugspersonen kann den emotionalen Zustand der Kinder in Schulen oder Waisenhäusern negativ beeinflussen. Meist kommen Touristen nur mal an einem Tag vorbei und besichtigen die Waisenhäuser wie ein Museum.

Dieser Waisenhaustourismus ist damit der Treibstoff für ein besonders schmutziges Geschäft mit Kindern, die oftmals gar keine Waisen sind. Kinder aus armen Familien werden, mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft, von Schleppern angeheuert und in Waisenhäuser gebracht. Sogenannte „Paper Orphans“ sind Kinder, die nur für kurze Zeit engagiert werden, um den Eindruck großer Armut und Mitleid zu erwecken und damit möglichst viele Spenden von großzügigen Touristen einzusammeln. Sie werden damit auch häufig zur Zielscheibe sexuellen Missbrauchs und Misshandlung. Laut einer Unicef Studie haben etwa 75% der Waisen in Nepalesischen und Kambodschanischen Waisenhäusern noch einen oder beide Elternteile. Die Anzahl der Waisen sei zudem seit 2005 deutlich zurückgegangen, die Anzahl der Waisenhäuser hat sich allerdings von 2005 bis 2010 beinahe verdoppelt.

Insgesamt führt der altruistische Ansatz vieler Freiwilliger in Ländern wie Kambodscha, Ghana oder Sri Lanka nicht zu den erhofften Ergebnissen. Vielmehr stürzt er die Länder in die finanzielle Abhängigkeit von gut meinenden Jugendlichen und erschafft zudem Probleme, die es zuvor nicht gab. Traurigerweise wird der „Voluntourismus“ meist von gebildeten Personen wie Abiturienten oder Studenten unterstützt, die es eigentlich besser wissen sollten.

Alternative Organisationen: Statt ‚gut gemeint‘ lieber ‚gut gemacht‘ 

Es gibt inzwischen alternative Organisationen, die sich gegen den extremen „Voluntourismus“ aussprechen und über die Gefahr von gut gemeinter Freiwilligenarbeit aufklären. Die Organisation Next Generation Nepal versucht die Kinder wieder mit ihren Familien zu vereinen und dem Geschäft mit den Waisen ein Ende zu bereiten. Ein weiteres Beispiel ist „The Intrepid Foundation“, die vor allem auf die Unterstützung lokaler Projekte und Organisationen setzt. Wer sich vorab gut informiert, kann vermeiden die Falschen zu unterstützen. Und realisiert dabei vielleicht: Hilfe ist nebenan häufig besser aufgehoben.

Teaser- und Beitragsbild: flickr.com/ volunteer thailand lizensiert nach Creative Commons

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