Moment mal, träume ich gerade?!

Eine Welt, in der Menschen fliegen können, gibt es nur im Traum. Für Menschen, die sich ihrer Träume bewusst sind, kann sie Realität werden. Daniel Wünsch gehört zu dieser Gruppe – und zeigt anderen, wie sie luzides Träumen erlernen können.

Daniel Wünsch gerät in Berlin-Spandau in eine Polizeikontrolle. Ein Polizist drückt ihn an eine Wand und tastet ihn ab. Plötzlich befindet sich Daniel in der Wohnung seines besten Freundes. Träumt er womöglich? Daniel schaut auf seine Hände und sieht, dass er an jeder Hand sechs Finger hat. Nun weiß er mit Sicherheit: Er hat einen luziden Traum.

Luzide Träume, auch Klarträume genannt, bieten enorme Möglichkeiten. Menschen, die klar träumen, können im Schlaf etwa motorische Fähigkeiten trainieren oder Albträume überwinden. Da physikalische Gesetze im Traum außer Kraft gesetzt sind, können Menschen dort auch einfach durch die Gegend fliegen und sich wie Superman fühlen. Allerdings sind luzide Träume alles andere als einfach zu erlernen. Wissenschaftlichen Studien zufolge erleben nur ein bis zwei Prozent aller Menschen regelmäßig Klarträume.

Daniel weiß nun, dass er träumt. Er schaut sich um. Neben ihm befindet sich eine riesige Fensterscheibe, die einen Ausblick auf die Straßen Berlins gewährt. Daniel stellt sich vor, die Fensterscheibe nur mit seinen Gedanken zerplatzen zu lassen. PÄNG!

Jeder Mensch hat die Möglichkeit, luzide zu träumen

Daniel Wünsch bringt anderen das Klarträumen bei. Foto: Farina Deutschmann

Fachleute gehen aktuell davon aus, dass jeder Mensch luzides Träumen erlernen kann. Um anderen dabei zu helfen, bieten Daniel Wünsch und seine Klartraum-Partnerin Sarah Alles seit 2019 Workshops und Online-Kurse an. Wünsch und Alles, beide aus Berlin, haben zwar keine entsprechende Ausbildung gemacht, die sie als Klartraum-Coaches qualifizieren würde. „Die Frage ist aber, ob ich so etwas überhaupt brauche. Wenn ich gut in etwas bin, brauche ich ja nicht zwingend einen Titel, der mir das nochmal bestätigt“, findet Daniel Wünsch. Der gelernte Veranstaltungskaufmann beherrscht das Klarträumen seit mittlerweile gut sechs Jahren und hat irgendwann gemerkt, „dass ich so etwas auch sehr gut anderen beibringen kann“.

Interessierte können die Online-Kurse und Workshops auf der Internetseite „DieKlarträumer“ buchen. Die Preise starten bei 149 Euro, je nach Angebot kann es aber auch vierstellig werden. Dafür lernen die Teilnehmenden, wie sie ihre Chancen auf einen Klartraum maximieren können. Hierzu halten Wünsch, Alles und andere Klartraum-Profis Vorträge, verteilen Workbooks und die Teilnehmenden reden miteinander über ihre Träume. Für einen Aufpreis bekommen sie ein Einzelcoaching mit Daniel Wünsch oder Sarah Alles. Die Erfolgsquote ihrer Workshops liege bei etwa 70 Prozent, erklärt Daniel Wünsch. Aber: „Luzides Träumen lässt sich nicht einfach mit der Brechstange erlernen.“ Das bestätigt auch Brigitte Holzinger vom Bewusstseins- und Traumforschungsinstitut in Wien, das ebenfalls Online-Kurse und Schlafcoachings anbietet. „Klarträume kann man nicht erzwingen. Man braucht dafür viel Konzentrationskraft und eben auch Geduld“, sagt Holzinger. Die Expertin hat sich bereits in ihrer Dissertation 1994 mit luziden Träumen auseinandergesetzt und arbeitete schon mit Klartraumpionieren wie Steven LaBerge zusammen. Aktuell forscht sie unter anderem zum luziden Träumen als Therapie bei Albträumen und zum Traumverhalten von Personen mit Essstörungen.

Daniel blickt auf die Scheibe, die gerade vor seinen Augen in tausend Scherben zersprungen ist. So einfach ging das jetzt? Er stellt sich vor, die Scheibe mit reiner Gedankenkraft wieder zusammenzusetzen. Und auch das gelingt ihm auf Anhieb. Er macht die Scheibe noch einmal kaputt und springt hinaus. Aber er fällt nicht. Daniel fliegt für einige Zeit durch die Straßen Berlins, bis er irgendwann aufwacht.

Unglaubliche Chancen

Physikalische Gesetze überwinden zu können, ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die Klarträume bieten. „An luziden Träumen war für mich das Wichtigste, dass ich durch sie meinen Alptraum, den ich 27 Jahre lang hatte, auflösen konnte“, erklärt Daniel Wünsch. In diesem Alptraum ist der 37-Jährige immer wieder von einem Zug verfolgt worden und einen Fahrstuhl geflüchtet, dass dann jedes Mal abgestürzt ist. Daniel berichtet, dass er den Traum mit der Zeit durch gezieltes Training beeinflussen konnte. So konnte er verhindern, dass der Fahrstuhl erneut abstürzte. „Später hatte ich den Alptraum dann gar nicht mehr.“

Studien haben außerdem bewiesen, dass luzide Träume helfen können, motorische Fähigkeiten zu erlernen und zu trainieren. Bei einem Experiment der Universität Heidelberg aus dem Jahr 2010 sollten die Teilnehmenden, die regelmäßig luzide geträumt haben, eine bestimmte Abfolge von Schlägen beim Kickboxen in ihren Klarträumen erlernen. Dafür hatten sie mehrere Monate Zeit. Mehr als 80 Prozent der Proband*innen konnten die Schläge am Ende auch im echten Leben ausführen. „Es gibt zum Beispiel auch Leute, die kriegen eine bestimmte Surfwelle nicht richtig hin, und nutzen ihre Klarträume, um das zu erlernen“, erklärt Brigitte Holzinger. Weil sich die Sportler*innen in Träumen nicht verletzen können, betrachten einige Fachleute Klarträume mittlerweile als die Zukunft sportlichen Trainings.

Auch für Musiker*innen bieten Klarträume große Möglichkeiten. „Zu meinen Workshops kommen manchmal Personen, die schaffen es nicht, einen bestimmten Gitarrenakkord zu spielen“, erzählt Daniel Wünsch. „Und auch von ihnen kriege ich die Rückmeldung, dass sie es durch ihre Klarträume tatsächlich geschafft haben.“ Inwieweit Klarträume auch Studierenden beim Lernen helfen können, muss noch genauer untersucht werden. „Gelerntes im Schlaf weiter zu prozessieren und zu wiederholen, kann aber sehr wahrscheinlich dabei helfen, es auch besser im Gedächtnis zu behalten“, meint Brigitte Holzinger.

Eines Nachts hat Daniel erneut einen Klartraum. Dieses Mal befindet er sich in seinem Wohnzimmer. In der Ecke des Raumes steht seine alte Holzuhr. Sie zeigt die falsche Uhrzeit an – wie im echten Leben. Daniel hat nämlich vergessen, wie er die Uhr umstellen kann. Im Traum weiß er nun aber genau, was er zu tun hat. Er geht auf die Uhr zu und findet auf Anhieb den richtigen Hebel, den er zurückdreht und so die Uhrzeit um eine Stunde zurückstellt. Als Daniel aufwacht, geht er schnell zur echten Holzuhr und dreht an dem Hebel, den er eben noch im Traum betätigt hat. Und tatsächlich: Die Uhr lässt sich genauso umstellen wie in seinem Traum. Daniel hat sich die Information, wie er seine Uhr umstellen kann, durch einen Klartraum aus seinem Unterbewusstsein zurückgeholt.

Wie lernt man luzides Träumen?

Die klassische Anleitung zum luziden Träumen gibt es nicht. Wer aber seine Chancen auf einen Klartraum maximieren möchte, sollte wie Daniel Wünsch anfangen, ein Traumtagebuch zu führen. Dies stärke „das kritische Bewusstsein für die eigenen Träume“, sagt Brigitte Holzinger. Der erste Reflex nach dem Aufwachen sollte es also sein, zu notieren, was im Traum passiert ist. Dass das am Anfang nicht leicht ist, weiß auch Daniel Wünsch: „Aber ich habe mir das so antrainiert und für mich ist es mittlerweile genauso selbstverständlich wie das Benutzen von Zahnseide.“

Die Träumenden können darüber hinaus regelmäßig Reality-Checks machen. Dabei führen sie eine Handlung durch, die sich im Traum anders darstellt als in der Realität. Wer zum Beispiel im Traum auf die eigenen Hände schaut, sieht dort oft nicht fünf Finger pro Hand, sondern zum Beispiel drei, vier oder sechs. Wenn wir im Wachzustand nun mehrmals am Tag auf die Hände schauen, um zu prüfen, ob wir vielleicht mehr oder weniger als fünf Finger sehen (und somit träumen), wird die Wahrscheinlichkeit größer, einen Reality-Check wie diesen auch mal im Traum durchzuführen. Wer wirklich unbedingt einen Klartraum bekommen möchte, kann sich außerdem einen Wecker so stellen, dass er oder sie nach vier bis fünf Stunden Schlaf aufwacht. Schläft man kurz darauf wieder ein, wird die Chance auf einen Klartraum massiv gesteigert. Der Grund: Auf diese Weise geht man vom Wachzustand direkt in die sogenannte REM-Schlafphase über, in der man die intensivsten Träume erlebt.

Daniel läuft mit zwei Bekannten durch die Straßen Berlins. Etwas kommt ihm unwirklich vor. Ein Blick auf seine Hände: sechs Finger. Daniel schmeißt ein Auto in die Luft und lässt es sich schnell um die eigene Achse drehen. Dann hebt er ebenfalls in die Luft ab und fliegt herum. Als er keine Lust mehr hat, durch die Stadt zu schweben, stellt er sich vor, wie die Straßen und Dächer einem Meer mit Sandstrand weichen.

„Wer träumt denn schon?“

Dass nur vergleichsweise wenige Menschen luzide träumen, liegt neben dem großen Lernaufwand wohl auch an dem Ruf, der Träumen noch immer vorauseilt. „Wenn ich hier in Deutschland jemandem von meinen Träumen erzähle, werde ich meistens nur belächelt. Wer träumt denn schon? Kinder träumen!“, moniert Daniel Wünsch. Auch, dass luzides Träumen noch immer „ein bisschen in der spirituellen Ecke festhängt“, hält der Klarträumer für ein Problem: „Wenn mir früher jemand von so etwas wie außerkörperlichen Erfahrungen erzählt hat, habe ich ihm auch direkt den Vogel gezeigt. Wenn man so etwas aber mal selbst erlebt hat, blickt man ein bisschen anders auf die ganze Sache.“

Brigitte Holzinger wagt eine hoffnungsvolle Prognose: „Ich glaube, dass luzides Träumen mit der Zeit immer populärer werden und auch in den Mainstream überschwappen wird.“ Dabei sei der Film „Inception“ bereits sehr hilfreich gewesen, erzählt die Traumforscherin. In dem Science-Fiction-Thriller von 2010 geht es, vereinfacht gesagt, um die Möglichkeiten, die luzide Träumen bieten. Unter anderem erschaffen die Figuren im Film ganze Städte und verbringen Jahrzehnte ihres Lebens in ihren selbst erschaffenen Träumen.

Daniel schwebt hoch über Berlin und sieht, wie Strand und Meer langsam die Konturen der Stadt verwischen. Er landet auf dem Sand und versucht, mit seinen Gedanken eine Yacht zu erschaffen. Am Ende kommt dabei eher ein aufblasbares Gummiboot heraus, aber macht nichts. Er fährt hinaus aufs Meer. Vor ihm bildet sich eine riesige Welle. Er verspürt keine Angst, es ist ja nur sein Traum. Er stellt sich vor, er wäre Superman, springt aus dem Boot und fliegt über die Welle hinweg.

Sind Klarträume gefährlich?

Auch Online-Angebote wie die von Daniel Wünsch und Brigitte Holzinger tragen dazu bei, dass luzides Träumen immer populärer wird. „Unsere Mission ist es, jedem den Zugang zum bewussten Träumen zu öffnen, um sich daraus ein erfülltes und grenzenloses Leben zu kreieren“, heißt es deshalb auch auf der Website von „DieKlarträumer“. Ein ambitioniertes Ziel. Aber ein erfülltes Leben nur durch seine Träume erreichen? „Natürlich sollte man alles in gesundem Maße machen“, meint Daniel Wünsch dazu. „Die Frage ist aber auch, welcher von den beiden Welten ich mehr Aufmerksamkeit schenke. Bislang stelle ich fest, dass die Menschen der Traumwelt weniger Aufmerksamkeit schenken als der Wachwelt.“  Auch Brigitte Holzinger findet: „Man darf sich nicht zu sehr in seine luziden Träume reinsteigern. Klarträume sind Inspiration, Bereicherung und eine riesige Stütze. Aber man darf sie nicht als Ersatz für die Realität begreifen“, findet die Wissenschaftlerin. Deshalb sei Klarträumen „für diejenigen, die sowieso schon den Hang haben, aus der Realität abzudriften, nicht zu empfehlen“, sagt Holzinger.

Für den Großteil aller Menschen ist luzides Träumen jedoch vollkommen ungefährlich. Denn die meisten Menschen träumen gar nicht oft genug luzide, damit die Traumwelt ein Ersatz für die Realität werden könnte. Es gebe zwar Menschen, die jede Nacht so etwas wie Klarträume hätten, erklärt Brigitte Holzinger. „Diese Personen können ihren Traum dann aber oft gar nicht aktiv steuern, obwohl sie sich des Träumens bewusst sind. So etwas ist natürlich gerade bei Alpträumen kritisch. Deshalb wollen sie diese Art von Träumen dann meistens eher loswerden.“ Ob überhaupt von luziden Träumen die Rede sein kann, wenn sich die Träumenden gar nicht über ihren Traumzustand bewusst sind, wird außerdem selbst unter Fachleuten debattiert. Fest steht aber: Über das luzide Träumen an sich sollte man sich keine allzu großen Sorgen machen. Und sich lieber an den schier unendlichen Möglichkeiten bereichern, die sich in der Traumwelt auftun.

Daniel sieht von oben gerade noch die gigantische Welle, über die er eben geflogen ist. Dann wacht er auf. Er sucht nach seinem Handy und spricht seinen Traum schnell ein. Später wird er ihn dann noch einmal verschriftlichen. Und ihn seiner langen Liste von Träumen hinzufügen, die er bereits in sein Traumtagebuch geschrieben hat.

 

Beitragsbild: Stefan Keller via Pixabay

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