Gefälschte Medikamente: Gesundheit als Attrappe

Tabletten schlucken wie harmlose Kaubonbons: Das haben offenbar auch Patienten in Deutschland unbeabsichtigt getan. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsprächen nicht alle auch in Europa verkauften Medikamente den offiziellen Standards. Viele seien vielmehr minderwertig, gefälscht oder nicht getestet. Warum Kontrollmechanismen in Deutschland nicht funktionierten und worauf man achten kann, damit man selbst nicht versehentlich gefälschte Medikamente kauft, lest ihr hier.

Seit ihrer Erhebung 2013 dokumentierte die WHO 1500 Fälle auf der ganzen Welt – davon zwar rund die Hälfte in Ländern mit geringem oder mittleren Einkommen wie denen Afrikas. 21 Prozent der gefälschten Medikamente wurden aber auch auf dem europäischen Markt identifiziert. Laut WHO ist aber die Dunkelziffer gefälschter Medikamente weit höher. Zur Unterstützung ihrer These nennt die Organisation eine Hochrechnung der Uni Edinburgh, nach der womöglich 169.000 Kinder weltweit pro Jahr an einer Lungenentzündung sterben, weil sie nicht die richtigen Medikamente bekommen. Die WHO äußerte sich gegenüber der Augsburger Allgemeinen besorgt über die Ergebnisse der Studie.

Das ist nicht nur eine Geldverschwendung für Patienten und Gesundheitssysteme, solche Produkte können auch schwere Krankheiten oder den Tod bedeuten.

Placebos sind mit gefälschten Medikamenten nicht vergleichbar 

Für Ärzte wie Dr. Prosper Rodewyk von der internistischen Gemeinschaftspraxis Rodewyk-Thau aus Dortmund ist das Handeln mit gefälschten Arzneimittel unverantwortlich. Etwa genauso, als wenn Ärzte sogenannten Placebos außerhalb von Studien und ohne das Wissen der Patienten verschreiben würden. „Wenn dann ginge das nur bei stationären Behandlungen – damit im Zweifel immer jemand vor Ort ist.“ Als niedergelassener Arzt könne man sich so etwas im Vertrauensverhältnis zum Patienten natürlich nicht erlauben, so Rodewyk.

Placebo: Pure Einbildung?
Placebos sind ein wichtiger Anteil wissenschaftlicher Studien und nicht mit minderwertigen, gefälschten Medikamenten zu vergleichen. Zwar wird ein Placebo in der entsprechenden Form des Medikaments verabreicht, jedoch ohne Wirkstoff. Der Placebo-Effekt zielt daher auf einen neurobiologischen Vorgang ab: Es handelt sich also um eine Scheinbehandlung, bei der die Patienten nur durch den bloßen Glauben an das vermeintliche Medikament genesen. Ist die Behandlung erfolgreich, hat der „Placebo-Effekt“ funktioniert.

Grenzen der Länder verhindern wirksame Kontrollen

Ärztliche Fürsorglichkeit, die von den Händlern minderwertiger Präparate scheinbar unberücksichtigt bleibt: Betroffen waren bei der Studie unter anderem Antibiotika und Mittel gegen Malaria, aber auch Verhütungsmittel und Krebsmedikamente. Aber wie gelangen diese Medikamente durch die Zulassungsbeschränkungen der zuständigen Behörden? „Wir lassen die Arzneimittel nach bestimmten Kriterien zu und kontrollieren beispielsweise neue Nebenwirkungen. Sollten die Medikamente im Anschluss aber abweichend, fehlerhaft oder in einer illegalen Lieferkette produziert werden, fallen sie in den Kontrollbereich der jeweiligen Landesbehörden und sind für uns nicht mehr gut nachvollziehbar“, so Maik Pommer, Pressesprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die Gefahr schätzt er für Verbraucher in Deutschland dennoch gering ein. Wer zur Apotheke nebenan ginge oder vertrauenswürdige Online-Apotheken nutze, gehe ein sehr geringes Risiko ein, an minderwertige Produkte zu geraten.

'BfArM: Nutzen prüfen, Risiken minimieren'
Erteilung und Zulassung von Arzneimitteln sind Kernaufgaben des BfArM. Die Zulassung wird allerdings auf fünf Jahre befristet und der Nutzen und die Risiken des Medikaments dann einer Neubewertung unterzogen. Eine weitere Aufgabe ist die Überwachung der Arzneimittelrisiken und diesbezügliche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr.

Tipps für Verbraucher: vor allem online vorsichtig sein

Vor allem dann, wenn man misstrauisch gegenüber mysteriösen Online-Seiten sei: „Da genügt oftmals ein Blick ins möglicherweise fehlerhafte Impressum, um eine unseriösen Anbieter im Netz zu erkennen.“ Oder wenn Patienten auf einer Homepage dazu verleitet werden, verschreibungspflichtige Medikamente auch ohne Rezept zu bestellen“, weiß Pommer. Starke verschreibungspflichtige Medikamente oder auch Verhütungsmittel seien im freien Handel schließlich sonst auch nicht rezeptfrei erhältlich. Der Verkauf von verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne Rezept ist in der gesamten EU illegal.
Ein weiterer Tipp ist die Kontrolle von Versandapotheken in offiziellen Registern. Dazu muss man nur die jeweilige Online-Apotheke, bei der man einkaufen möchte, im Versandapothekenregister des Deutschen Instituts für medizinische Dokumentation und Information eingeben. Nur wenn die Apotheke dort gelistet ist, ist sie eine seriöse Apotheke.
Auch optische Veränderungen des Medikaments oder der Verpackung können ein Hinweis auf eine Fälschung sein: Sieht die Form der Tablette plötzlich anders aus als gewohnt, finden sich Rechtschreibfehler auf der Verpackung oder ist diese dünner oder dicker als gewohnt, kann die Apotheke vor Ort oder der Hersteller sicher klären, ob es sich um eine Fälschung handelt.

So geht’s weiter: Die Herstellung von Fälschungen soll durch das sogenannte securPharm-Projekt, das 2019 gestartet werden soll, weiter erschwert werden – denn verschreibungspflichtige Medikamente haben eigentlich Kennzeichnungspflicht, rezeptfreie Präparate bisher jedoch nicht. „Für die Verbraucher gilt es also, die Augen offen zu halten“, rät Pommer vom BfArM.

Beitrags-und Teaserbild: Tim Reckmann/ Flickr.com, lizensiert nach CC.

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