Brexit-Debatte in Wales: Wahl zwischen zwei Übeln

Besonders für die Einwohner in Wales ist der heutige Tag entscheidend. Das Stimmungsbild in dem kleinen Land in Großbritannien hat sich im Laufe der Brexit-Debatte stark verändert. Die Meinungen spalten sich vor allem zwischen den jungen und älteren Leuten. Aber was für einen Einfluss hat das kleine Land auf die Unterhaus-Wahlen am 12. Dezember? Und wie wirkt sich der Wunsch nach Unabhängigkeit von Wales auf die Wahlen aus?

Bei der Brexit-Wahl 2016 hat die Mehrheit in Wales für “Leave” gestimmt (52,5 Prozent). Über die Zeit hat sich das Stimmungsbild aber geändert. Neben Zweifeln an den Konsequenzen des Brexits kam in diesem Jahr plötzlich der Wunsch nach Unabhängigkeit bei den Walisern dazu. In einem Video von Channel 4 News wird deutlich, dass sich die Waliser allein gelassen fühlen. Demnach wünschen sich sogar 25 Prozent der Waliser die Unabhängigkeit. Vor allem viele junge Leute unterstützen diesen Wunsch. Dabei geht es aber nicht darum, sich vom United Kingdom vollständig abzugrenzen, sondern gleichberechtigt gegenüber England zu stehen.

Mit circa drei Millionen Einwohnern hat Wales 52 Millionen weniger als England und somit weniger Stimmen. So auch bei den Wahlen am 12. Dezember. Allein von den Zahlen kann Wales also nicht so einen großen Einfluss auf die Wahlen haben – allerdings haben die Wahlen einen großen Einfluss auf Wales.

Die Unterhaus-Wahlen
In Großbritannien wird normalerweise alle fünf Jahre gewählt. Die nächste Wahl stand für das Frühjahr 2022 an. Boris Johnson hatte die Wahlen auf Donnerstag, den 12. Dezember, vorziehen lassen, um mehr Zustimmung für den Brexit zu erreichen. Die Wahlen finden in allen Ländern des Vereinigten Königreichs statt: England, Wales, Schottland und Nordirland. Die Wahllokale sind von 7 Uhr Morgens bis 10 Uhr Abends geöffnet. Insgesamt sind um die 46 Millionen Menschen wahlberechtigt. Wählen dürfen auch Staatsbürger des Commonwealth und Irland, wenn sie einen Wohnsitz im Vereinigten Königreich haben. Wähler mussten sich bis zum 26. November zur Wahl registriert haben.

Auch wenn in Wales seit 1922 die Labour Partei regiert, hilft der Einfluss dieser Partei nicht. Denn wenn England die Konservativen (Tories) wählt, sind sie die Regierung für das gesamte United Kingdom. Besonders junge Waliser zeigen ihre Meinung zu den Wahltendenzen öffentlich in sozialen Medien.

Wie ist der Einfluss der jungen Leute?

In Wales stimmten bei der Wahl 2016 rund 70 Prozent der Wähler zwischen 18 und 24 Jahren dafür, in der EU zu bleiben – bei den älteren Menschen über 65 dagegen nur 40 Prozent. Dafür war die Wahlbeteiligung aller 18- bis 24-Jährigen mit 64 Prozent im Vergleich zu 90 Prozent Wahlbeteiligung der über 65-Jährigen deutlich geringer. Inzwischen hat das Interesse an der Politik bei den jungen Leuten aber zugenommen, besonders während der vielen Brexit-Diskussionen in den vergangenen Monaten. Im November haben sich im Vereinigten Königreich 3,2 Millionen neue Wähler für die Unterhaus-Wahl registriert, zwei Drittel davon sind junge Menschen unter 34 Jahren.

 

Auch Luke (22) aus Wales hat sich für die Wahlen angemeldet. Beim Brexit-Referendum 2016 hat er nicht gewählt – jetzt schon. Die politischen Ereignisse verfolgt er zwar nicht regelmäßig, denn “Brexit is really exhausting”, aber wählen wird er diesmal auf jeden Fall. Schließlich ist die Wahl wichtig für den weiteren Brexit-Verlauf und die Zukunft von Wales. Viele seiner Freunde tauschen sich auf Social-Media-Kanälen über die Wahlen aus. Generell wird deutlich, dass die jungen Leute sich nun mehr politisch engagieren und reflektieren.

Einige von Lukes Freunden kritisieren, dass viele Leute der Arbeiterklasse nun die Tories wegen des Brexits wählen wollen, sie sich aber von der Konservativen Partei vernachlässigt fühlen. Denn auch das jetzige Wahlprogramm lässt viele relevante Punkte außen vor, welche die Labour Partei anspricht. In diesem Programm heißt es unter anderem, dass zeitnah neue Arbeitsplätze und höhere Mindestlöhne geschaffen und die Hochschulgebühren abgeschafft werden sollen. Für unter 25 Jährige sollen sogar Busfahrten kostenlos werden – das gilt allerdings nur für England, nicht für Wales.

Wales – das vergessene Land

Die kleinen Leute, wie Farmer und Arbeiter in den Provinzen von Wales, werden offenbar schnell vergessen. Das Wahlprogramm der Labour Partei soll positive Auswirkungen für alle UK-Bürger versprechen, besonders für die Arbeiterklassen. Viele junge Leute befürworten auf Twitter statt der Labour Partei allerdings die Waliser Partei Plaid Cymru. Diese habe schließlich die Waliser Interessen im Sinn und nicht nur die der Engländer. Das Meinungsbild nach neun Jahren Tory-Regierung ist eindeutig: nichts als negative Resultate. Mit den Tories an der Spitze würden die höheren Klassen weiter profitieren und die kleinen Leute in Wales ungehört bleiben.

Wegen der Stimmenverteilung haben die Engländer bei den Unterhaus-Wahlen, auch Brexit-Wahlen genannt, gewissermaßen das Schicksal von Wales mit in der Hand. Während Wales jetzt noch selbstständig über Gelder von der EU entscheiden kann, würde die Entscheidung zukünftig erst über Westminster laufen. Die Waliser wünschen sich ein Handelsabkommen, dass engere Kooperation mit der EU auch nach dem Brexit verspricht. Dies ist der Plan von Labour-Chef Jeremy Corbyn. Er möchte in den nächsten drei Monaten einen neuen Brexit-Deal aushandeln, der die EU als engen Handelspartner behält. Eine zweite Option wäre, die EU gar nicht zu verlassen. Darüber sollen die Bürger in einer neuen Abstimmung entscheiden.

Noch mehr Zeit, bis ein Brexit-Deal verhandelt wird? Noch eine Wahl? Das stellt viele Bürger offenbar auch nicht zufrieden. Deshalb hat Boris Johnson mit seiner “Get Brexit Done” Kampagne viele Befürwörter in Umfragen – um endlich den Brexit hinter sich zu bringen.

“It feels like voting for the lesser of two evils at the moment”

Boris Johnson hat mit seinen bisherigen Brexit-Plänen und der Tory-Wahlkampagne viele Befürworter – aber auch viele Kritiker. Die Kampagne der Labour Partei erscheint gerechter für alle Staaten und den Bürgern entgegenkommend. Der Kandidat der Labour Partei, Jeremy Corbyn, ist bei vielen Bürgern allerdings nicht beliebt. Ende November musste er sich neuen Antisemitismus-Vorwürfen stellen. Er soll in der Vergangenheit bei antisemitischen Orientierungen innerhalb seiner Partei nicht rechtzeitig gehandelt haben, was Boris Johnson als Versagen des Parteichefs bezeichnete.

 

Beitragsbild: terimakasih0, Pixabay.com

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