So reagieren junge Leistungssportler auf den Russlandausschluss bei Olympia

Sie sind raus, bevor Olympia überhaupt angefangen hat: die Russen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Russland als Nation gesperrt. Der Grund: Vorwürfe des systematischen Dopings durch ein staatlich gelenktes System. Besonders junge Olympia-Anwärter haben zu der Entscheidung ganz unterschiedliche Meinungen.

So richtig raus ist Russland dann aber doch nicht. Die russischen Sportler dürfen bei den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang unter neutraler Flagge antreten. Auf den Trikots soll dann beispielsweise nur “Olympischer Athlet aus Russland” stehen und die Nationalhymne soll nicht gespielt werden. Nichtsdestotrotz ist das manchen nicht genug.

Ich sehe die Entscheidung positiv

Erline Nolte hat Biologie an der Ruhr Uni Bochum studiert. Foto: GASPA/Guenter Schiffmann

Erline Nolte (28) ist Sportsoldatin und professionelle Bobfahrerin. Für ihre Leidenschaft, das Bobfahren, hat sie ihren Master gleich mal ausgesetzt. Angefangen hat ihre Karriere als Leichtathletin – bis ihr Cousin Pablo Nolte sie an den Wintersport heranbrachte. Olympia ist für Erline ein großer Kindheitstraum. Im Dezember kann sie sich noch für Pyeongchang qualifizieren.

Wie stehst du dazu, dass Sportler einer Nation, der Dopingvorwürfe gemacht werden, an den olympischen Spielen teilnehmen dürfen?

Ich finde es grundsätzlich sehr gut, dass das IOC durchgegriffen hat und Russland als Nation gesperrt hat. Sportler und Funktionäre im Sport haben eine Vorbildfunktion gegenüber Kindern und Jugendlichen und ich finde, es muss einfach gezeigt werden, dass man mit Betrug im Leben nicht weiterkommt.

Das Schwierige ist natürlich, dass man nicht allen russischen Sportlern nachweisen kann, dass sie gedopt haben. Deswegen muss man vorsichtig sein, weil natürlich auch Sportler dabei sein können, die nichts mit den Vorwürfen zu tun haben. Die Sportler, die nicht am Doping beteiligt waren, sollte man vor den Sanktionen schützen.

Wie war die Stimmung in deinem Team, als ihr die Nachricht bekommen habt?

Es kam positiv an. Wir kämpfen alle für einen sauberen Sport. Jeden Tag trainieren wir Stunden, schwitzen und versuchen unser Ziel mit sauberen Mitteln zu erreichen. Da ist es natürlich überhaupt nicht schön, wenn man von Leuten geschlagen wird, die nicht sauber sind.

Wenn du dir vorstellst, dass du neutral starten müsstest – wie wäre das für dich?

Für mich ist die Nationalität schon sehr wichtig. Ich könnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, für ein anderes Land zu starten. Viele Sportler wechseln ihre Nation, um bessere Chancen auf Olympia zu bekommen. Das wäre für mich nicht möglich. Nicht nur, weil ich bei der Bundeswehr bin und dadurch meinen Arbeitsplatz verlieren würde, sondern auch, weil ich mich mit Deutschland als Land identifiziere und ich stolz darauf bin, dass ich für Deutschland starte. Ich fände es sehr traurig, wenn ich gewinnen würde und dann die deutsche Hymne nicht gespielt werden würde.

Meiner Meinung nach kann Doping gar nicht hart genug bestraft werden.

Hendrik Pfeiffer studiert Journalistik an der TU. Foto: Zarges

Hendrik Pfeiffer (24) ist Leichtathlet und wollte eigentlich 2016 bei den olympischen Sommerspielen in Rio teilnehmen – war bereits nominiert. Wegen einer Fußverletzung musste er den Start kurzfristig absagen und eine Operation antreten. Jetzt hat er sich wieder erholt. Im Oktober gewann er einen Marathon und erfüllt damit die Norm für die Europameisterschaft, an der er nächstes Jahr teilnehmen will. Olympia ist weiterhin sein Ziel.

Wie stehst du dazu, dass Sportler einer Nation, der Dopingvorwürfe gemacht werden, an den olympischen Spielen teilnehmen dürfen?

Mir geht das nicht weit genug. Der Schaden, der dadurch angerichtet wird,  kann gar nicht bemessen werden. Einerseits entsteht ein finanzieller Schaden, aber vor allem ist es ein ideologischer. Es ist sehr schwierig, sich zu motivieren, wenn man weiß: Olympiasieger wird man nur, wenn man selbst auch zu solchen Mitteln greift.

Meiner Meinung nach kann das gar nicht hart genug bestraft werden. Deutschland hat entschieden, dass man fürs Dopen ins Gefängnis kommen kann – das war richtig. Allerdings gibt es das Problem: Es ist nicht weltweit so.

Mittlerweile bin ich an einem Punkt, dass ich sage, der Sport gibt mir immer noch sehr viel und macht mir viel Spaß, aber ich vergleiche mich nicht mehr mit anderen, sondern nur noch mit meiner eigenen Leistung. Oder mit meinen nationalen Konkurrenten, wo ich mir zum großen Teil sicher sein kann, dass da mit gleichen Mitteln gehandelt wird.

Was wären für dich Sanktionen, die greifen sollten?

Gefängnisstrafen sind da absolut angebracht. Es nicht nur ein Diebstahl von Sponsorenleistungen und Ruhm, sondern es verleitet Leute, den Zielen nachzueifern und noch härter zu trainieren, obwohl das für den Körper nicht machbar ist und sie somit auch in Verletzungen hineingeritten werden.

Für mich ist das indirekte Körperverletzung. Ein Komplett-Ausschluss Russlands wäre für mich schon die richtige Lösung gewesen. Zwar kann ich mich auch in einen Athleten aus Russland hineinversetzen, der nicht gedopt hat, aber in diesem Fall geht es um systematisches Staatsdoping – da muss man härter durchgreifen.

Wenn du dir vorstellst, dass du neutral teilnehmen müsstest – wie wäre das für dich?

Für mich hat die Nationalität eine sehr hohe Bedeutung, weil man eben Vertreter des Landes ist. Das ist eine Position, die man sich erarbeitet hat. Ich würde aber behaupten, dass Leute, die mit verbotenen Substanzen arbeiten, dieses Empfinden nicht unbedingt haben, weil ihre ganze Leistung schon auf Betrug fußt. Da ist das Repräsentieren eines Staates nicht mehr so relevant. Wenn ich mich für Olympia qualifizieren würde und gedopt hätte und dann die Nationalhymne beim Sieg hören würde, könnte ich mich danach nicht mehr im Spiegel angucken.

Für die meisten Sportler ist es ein Lebenstraum, zu Olympia zu fahren, auch für Russen.

Max studiert auch in Dormund Jounalistik. Foto: DRV/Christian Schwier

Maximilian Planer (26) hat 2016 als Ruderer bei den olympischen Spielen in Rio teilgenommen. Als er zehn Jahre alt war, ist er zum Rudern gekommen.  Mit dem Ergebnis in Rio war er nicht so zufrieden (12. Platz). Als nächstes großes Ziel steht für ihn die Weltmeisterschaft an.

Wie stehst du dazu, dass Sportler einer Nation, der Dopingvorwürfe gemacht werden, an den olympischen Spielen teilnehmen dürfen?

Eigentlich gilt beim Doping ja die Unschuldsvermutung. Das Problem ist natürlich, wenn einem Staat nachgewiesen wird, dass er systematisch gedopt hat, geht da irgendwas nicht mit rechten Dingen zu. Die, die jetzt unter neutraler Flagge starten dürfen, sind ja die, die nachweislich nicht gedopt haben.

Das finde ich ehrlich gesagt okay. Es wäre nicht richtig, eine Kollektivstrafe auszusprechen. Klar steht ein systematisches Doping dahinter, trotzdem gibt es einzelne, die nicht betroffen sind. Für die meisten Sportler ist es ein Lebenstraum, zu Olympia zu fahren, auch für Russen.

Was ich an der Sache kritisch sehe, ist, dass jetzt extrem hart gegen Russland vorgegangen wird und es nach außen so wirkt, als seien sie die einzige Nation, die Doping betreibt. Es ist nachgewiesen, dass es in anderen Nationen auch der Fall ist. Man müsste bei anderen großen Nationen genau so vorgehen.

Der Dopingskandal um Russland war 2016 in Rio bereits bekannt. Wie fühlt sich das an zu wissen, dass Sportler einer Nation mitmachen, die offensichtlich gedopt hat?

Das war in Rio schon komisch. Russland war in der Saison immer unser stärkster Konkurrent. Da haben dann plötzlich vier Leute mitgemacht, die als einzige nicht gesperrt worden waren und denen soll es dann nicht nachgewiesen worden sein. Für mich war das eine extrem fragwürdige Sache. Eigentlich hätte es vor Rio schon riesig knallen müssen, weil da schon alles bekannt war.

Wenn du dir vorstellst, dass du neutral teilnehmen müsstest – wie wäre das für dich?

Für mich persönlich war es wichtig, dass ich für mein Heimatland in Rio angetreten bin. Deswegen wäre es für mich als Sportler ein extrem komisches Gefühl, wenn ich unter neutraler Flagge antreten würde.

Update: Putin schließt Boykott der Winterspiele aus
Trotz der Sperre schließt Putin einen Boykott der Winterspiele in Pyeongchang im Februar aus. „Wir werden bestimmt keinen Boykott verkünden“, sagte Putin am Mittwoch, 6. Dezember. Weiter führte Putin aus, dass Russland seine „Olympioniken nicht daran hindern [werde], am Wettbewerb teilzunehmen.“ In seiner Ansprache ging er auch darauf ein, dass die meisten Anschuldigungen nur auf Vorwürfen basieren würden, die in keiner Weise bestätigt worden wären. Putin will sich weiter mit der Sperre auseinandersetzen. Am kommenden Dienstag wollen sich die Spitzenvertreter aus Sport und Politik treffen.

Beitrags- und Teaserbild: Erline Nolte

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