Neue Diagnose: Zocken hat jetzt Krankheitswert

Daddeln bis der Arzt kommt – könnte das bald zur Realität werden? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am Montag die neue Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) in Genf vorgestellt. 55.000 Krankheiten werden dort definiert. Neu dabei: die Onlinespielsucht

Wann fängt Onlinespielsucht an?

Das Phänomen ist kein neues, die Definition als Krankheit schon. Seit Jahren wird immer wieder über die Problematik von exzessivem Onlinespielen berichtet. Meistens wird davor gewarnt, dass Jugendliche und junge Erwachsene süchtig nach Onlinespielen werden können, wenn sie viele Stunden am Tag vor dem Computer oder der Konsole verbringen. Kritiker warnen vor einem vorschnellen Stellen der Diagnose Onlinespielsucht.

Laut Definition der WHO ist derjenige spielsüchtig, der ein langanhaltendes oder immer wiederkehrendes Spielverhalten über mindestens ein Jahr hat, welches online oder offline erfolgen kann. In diesem Verhalten verliere man die Kontrolle über seine Alltagsaktivitäten oder andere Interessen. Das Spielen bekommt einen so hohen Stellenwert, dass man den Drang verspürt, weiterzuspielen. Familie, Freunde, Schule, Arbeit und andere Dinge werden dabei vernachlässigt – Leidensdruck entsteht.

Heute gilt als gesichert, dass die Onlinespielsucht anderen Sucherkrankungen sehr ähnlich ist, beispielsweise ist auch die Entstehung der Spielssucht meist schleichend. Zudem spielen häufig gleiche Faktoren eine Rolle: familiäre Probleme, Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, berufliche Probleme, soziale Ängste, das Aufschieben von Pflichten und Terminen und ein niedriges Selbstbewusstsein. Diese Faktoren hängen häufig zusammen, können aber auch allein ein Auslöser oder Multiplikator sein.

Die Entwicklung der Erkrankung sieht häufig so aus: Eine Person sucht einen Ausweg aus dem Alltag und fängt an zu spielen. Zunächst ist es eine willkommene Abwechslung: abschalten und ablenken. Nebenbei bleibt wiederholt Wichtiges liegen, was den Druck von außen erhöht. Proportional zum Druck von außen, erhöht die Person oftmals Länge und Häufigkeit der Spiele, um den Stress zu reduzieren – ein Teufelskreis. Wenn der Leidensdruck zu hoch wird, holen sich viele eigenständig Hilfe. Anlaufstellen sind zum Beispiel Ambulanzen, die sich auf Computer- und Internetsucht spezialisiert haben.


Die Ambulanz für Spielsucht der Universitätsklinik Mainz gibt es mittlerweile seit zehn Jahren und war die erste Ambulanz in Deutschland, die sich auf die Computer- und Internetsucht spezialisiert hat. „Problematisch an der Behandlung war bisher, dass man sich mit Patienten beschäftigt hat, die offiziell nicht existierten und Patienten, die es nicht gibt, kann man bei den Krankenkassen nicht abrechnen“, sagt Dr. Kai Müller. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Ambulanz für Spielsucht in Mainz und forscht unter anderem auf dem Gebiet der Spielsucht. Um die Behandlung trotzdem zu gewährleisten, wurden die Therapien aus Drittmitteln querfinanziert. „Jede Ambulanz, die sich darauf spezialisiert hat, finanzierte bis jetzt die Behandlungen etwas anders.“

Neue Diagnose – alte Therapie

„Das Krankheitsbild wird als vollwertige Erkrankung anerkannt“, sagt Dr. Kai Müller. An der Therapie, die ambulant aus Verhaltenstherapie und Gruppentherapie bestehe, würde sich nichts ändern. Auch ohne die offizielle Diagnose der WHO wurde bereits ein Leitfaden für die Behandlung der Krankheit in der Uniklinik Mainz entwickelt.

Durch die Aufnahme in den Katalog kann die Diagnose „Gaming Disorder“ oder „Onlinespielsucht“ nun mit den Krankenkassen abgerechnet werden, außerdem wird die Sichtbarkeit der Erkrankung erhöht. Das ist wichtig, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen – so wird auch die Forschung auf dem Gebiet vorangetrieben.

Was ist der ICD-11?
Die „International classification of diseases and related health problems“ (ICD) ist die Grundlage für die Identifizierung von Gesundheitstrends und Statistiken weltweit. Sie umfasst 55.000 Krankheiten. Am Montag wurde der neue ICD-Katalog von der WHO in Genf vorgestellt. Die neue Klassifikation ist der ICD-11 und löst nach 26 Jahren den ICD-10 ab. Abgesehen von der nun international als „Gaming Disorder“ bekannten Erkrankung wurden noch weitere Krankheitsbilder hinzugefügt: Angaben über Antibiotika-Resistenzen, traditionelle medizinische Störungen und Störungen der sexuellen Gesundheit sind einige davon. Zudem ist neu, dass Geschlechtsidentifikationsstörungen nicht mehr zu mentalen Störungen gezählt werden, sondern nun auch zu Störungen der sexuellen Gesundheit zählen.

In Deutschland wird der ICD unter anderem zur Diagnoseverschlüsselung bei den Abrechnungen mit den Krankenkassen genutzt.

Kritiker warnen vor massenhafter Diagnose

Schon bevor der neue ICD-Katalog in Genf vorgestellt wurde, warnten Kritiker vor der Aufnahme in den Katalog. Der Psychologe Andy Przybylski von der Universität Oxford warnte in einem offenen Brief vor dem Missbrauch der Diagnose. Man müsse prüfen, ob nicht Depressionen oder Angststörungen die eigentlichen Erkrankungen seien. „In der Definition der WHO gibt es verbindliche Kriterien, die die Erkrankung beschreiben“, führt hingegen Dr. Müller an. Nicht jeder, der gerne zocke und auch viele Stunden damit verbringe, sei automatisch krank.

„Das ist so, als würde man an einer Kneipe vorbeigehen und jedem vorwerfen, er sei Alkoholiker. Der einzige Unterschied zum Spielen ist: Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert.“Dr. Kai Müller
Wichtig sei das Verhältnis, in dem man sich bewege, und vor allem der Leidensdruck. Viele Patienten, die sich behandeln lassen, kommen aus eigenem Antrieb in die Behandlung.
„Wer keinen Leidensdruck hat, muss auch nicht behandelt werden“. Ausschlaggebend sei nicht die Stundenanzahl am Tag, die den Krankheitswert hervorrufe, sondern die gesamte Situation.
Viele hauptberufliche Zocker müssen demnach nicht therapiert werden, denn: Der Leidensdruck fehlt.

Hilfe gibt’s auch zielgruppenfreundlich

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat mit der Ruhr-Universität Bochum eine Online-Ambulanz für Internet- und Computersüchtige und deren Angehörige eingerichtet. Neben einem Selbsttest wird eine Online-Beratung angeboten, sowie nötigenfalls die Vermittlung an Kliniken und Ambulanzen.

Teaser- und Beitragsbild: flickr.com/lastextremeanonymous27, lizenziert nach CC.

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