Arbeiten im Knast: Alltag einer JVA-Beamtin

Mitten in Hamm, ein massives Gebäude, gebaut 1930. Es wirkt geschlossen, keiner kommt rein oder raus. Schaut man zu den Fenster, sieht man Gitterstäbe und Neonlicht. Die Justizvollzugsanstalt in Hamm ist Christinas* Arbeitsplatz. Sie ist Justizvollzugsbeamtin, unser Autor hat sie begleitet.

Die JVA in Hamm wirkt massiv. Foto: Hendrik Frost

Frühschicht in der dritten Etage. Dort ist die Abteilung C des Hammer Gefängnisses untergebracht. Wenn Christina arbeitet, dann in der Regel hier. Es ist kurz nach sechs: Schichtübergabe im Abteilungsbüro. „Nichts besonderes, gleiche Zellenbelegung wie gestern“, fasst der Nachtwärter kurz zusammen. Christina nickt und wirft einen kurzen Blick auf eine Tafel: Dort gibt es für jeden Insassen ein Schild – die Übersicht ist wichtig. Der Kollege aus der Nacht verabschiedet sich und für Christina beginnt die Arbeit: „Wir beginnen jetzt mit der Frühstücksausgabe. Dabei überprüfen wir, ob die Gefangenen vollzählig sind und machen somit auch eine Lebendkontrolle“. Die Kontrolle ist wichtig: Umgerechnet alle fünf Tage hat sich 2015 in Deutschland ein Gefangener umgebracht.

Blick in die Zelle – alle da, alle lebendig

26 Zellen hat Christina zu kontrollieren, 35 Männer leben in ihnen. 170 sind es in der gesamten JVA Hamm. Bei der Kontrolle ist sie fast alleine, die Frühstücksausgabe übernimmt ein Häftling. Er konnte durch gute Führung einen Job in der Gefängnisküche ergattern und schiebt morgens einen Wagen durch die Gänge – Zelle für Zelle. Zwei Scheiben Graubrot mit Schmierkäse, dazu Kaffee oder Tee. Tür zu, weiter geht’s. Wenn Christina eine Tür aufschließt hört man laut die massiven Schlösser klicken und die großen Schlüssel am Bund klirren. Heute Nacht ist nichts passiert. „Alle da, alle lebendig.“ Zwischendurch ist die schlanke, blonde Frau auch noch Postbotin, denn auch Häftlinge dürfen Post empfangen und versenden. Bei einigen Gefangenen kontrolliert das Gericht aus Sicherheitsgründen die Post vor der Weiterleitung.

Früher war ich Arzthelferin“

Christina kontrolliert die Zellen. Foto: Hendrik Frost

Um kurz vor sieben hat sie alle Zellen durch und kann kurz im Abteilungsbüro durchatmen. Es befindet sich genau zwischen den beiden rechtwinklig angeordneten Fluren. Durch eine große Glasfront haben die Vollzugsbeamten Sicht auf beide Gänge. Das Gebäude umgibt einen kleinen Innenhof, etwa halb so groß wie ein durchschnittliches Fußballfeld. Im Besprechungsraum der Beamten bietet ein Fenster freien Blick in den Hof. Sobald die Häftlinge Ausgang haben, beobachtet ein Wärter das Treiben im Hof. Dabei bilden sich oft zwei Gruppen, wie Christina erzählt: „Die einen sitzen auf den Bänken, die anderen laufen mehr oder weniger im Kreis.“ Vor dem Ausgang wird aber die Frühkonferenz abgehalten. Dort wird beispielsweise besprochen, ob es Vorfälle gab oder ob Gefangene zu Gerichtsterminen müssen.

Ein Knast für Männer
In der JVA Hamm gibt es keine weiblichen Häftlinge. Für sie gibt es eigene Justizvollzugsanstalten, wie zum Beispiel in Gelsenkirchen. Statistiken belegen: Nur 16 Prozent der Verurteilten sind weiblich. In Hamburg wehrte man sich gegen einen gemischten Strafvollzug.

Im Gefängnis arbeiten, das war nicht der Traumberuf der 32-Jährigen. Auf die Idee kam sie durch eine Stellenanzeige: „Als ich das gelesen hatte, dass Beamte für das Gefängnis gesucht werden, habe ich grob eine Woche hin- und herüberlegt.“ Zu dem Zeitpunkt arbeitete sie noch als Arzthelferin. Dann hat sie aber eine Bewerbung geschrieben und ihren alten Job gekündigt. Das war vor zehn Jahren. Bei ihrem erfahreneren Kollegen Kai* sieht es etwas anders aus: Sein Onkel arbeitete als JVA-Beamter im Werler Gefängnis. In einem persönlichen Gespräch hat er seinen Neffen von dem Job überzeugt. Seit bereits 28 Jahren kümmert er sich um die Insassen der Hammer Anstalt.

Ein Fitnessstudio im Knast

Bewegung ist wichtig: Dafür gibt es eine eigene Sporthalle. Foto: Hendrik Frost

Auch wenn die Gefangenen die meiste Zeit in ihren Zellen verbringen, ist eine ausreichende Bewegung wichtig. Dafür steht ihnen eine eigene Sporthalle zur Verfügung, direkt unter dem Dach, in der obersten Etage des Gefängnisses. Auf den ersten Blick sieht sie wie eine Schulsporthalle aus – nur etwas kleiner. Erst auf den zweiten Blick realisiert man: Auch hier sind Gitterstäbe vor den Fenstern angebracht. Zusammen mit einem Kollegen kümmert sich Kai neben des üblichen Dienstes um das Sportangebot für die Gefangenen. In kleinen Gruppen können die Straftäter Fußball, Badminton oder Tischtennis spielen. „Der Kraftsportbereich wird aber von den Inhaftierten am häufigsten genutzt“, bilanziert der Beamte, während im Hintergrund ein Häftling Gewichte stemmt. An der Wand hängt ein Fernseher, es läuft RTL.

Ausbildung in der Justiz
Die Justiz in NRW bildet aus und bietet auch Studienplätze an. Alle Infos hier. Justizvollzugsbeamte verdienen zwischen 2.500€ und 4.000€ monatlich brutto, je nach Dienstgrad.

Zurück auf der Abteilung bereitet sich Christina auf eine Visite der Hafträume vor. Die Häftlinge wurden zuvor gemeinsam zum Ausgang in den Innenhof gebracht. Dann wird jede Zelle einmal in der Woche auf den Kopf gestellt. Die Häftlinge wissen nicht, wann ihr ‚Zuhause‘ dran ist. Besonders groß sind die Zellen nicht: circa zwei Meter breit und fünf Meter lang. Die einfache Einrichtung besteht aus einem Bett, einem Schrank, Waschbecken und Toilette. An der Wand hängt ein TV.

Handys sind verboten

Die Beamtin öffnet die Zelle mit ihrem Schlüssel von außen, läuft auf das Fenster zu, öffnet es und greift beherzt nacheinander an die sieben Gitterstäbe. Geschätzter Durchmesser: Zwei bis drei Zentimeter. „Wir müssen sicherstellen, dass die Gitter stabil sind, bei der Rüttelprobe würde ich dann merken, ob eins angesägt wurde.“ Hier ist aber alles sicher. Christina schließt das Fenster und zeigt auf den abschließbaren Fenstergriff: „Es gibt Gefangene, die versuchen Dinge an andere Leute weiterzugeben. Wenn das auffliegt, bleibt das Fenster zu.“

„Komplizen könnten versuchen, mich zu erpressen“

Eine Zelle bietet nicht viel Platz. Foto: Hendrik Frost

Weiter geht es mit dem Schrank und der Waschbeckenablage in der Zelle. Ein schneller Griff in alle Fächer, sie sucht zum Beispiel nach kleinen Tütchen mit verbotenen Substanzen. Auch Mobiltelefone sind tabu. Es kommt schon öfter vor, dass mal was gefunden wird. „Das können auch selbstgebastelte, gefährliche Gegenstände sein.“ Die fallen Christina aber heute nicht in die Hand.

Rund eine Stunde später kommen die Häftlinge wieder in ihre Zellen – Christina schließt hinter jedem einzelnen die Tür zu. „An das Gefühl gewöhnt man sich. Die sitzen ja nicht ohne Grund da drin.“ Angst hat die schlanke Frau aber nicht. Das würden die Häftlinge auch spüren, ist sie sich sicher. Wenn doch etwas passiert, gibt es verschiedene Sicherheitsvorkehrungen. Welche das genau sind, darf sie nicht sagen. Mögliche Rangeleien bekommen die Kollegen auf den anderen Abteilungen aber sofort mit, die Flure vor den Zellen sind wie Balkone angelegt. Man kann von einer Etage in die andere schauen.

Dennoch ist sie etwas vorsichtig, auch außerhalb des Dienstes in der Öffentlichkeit. Sie achte zum Beispiel darauf, dass nicht jeder direkt wisse, dass sie im Gefängnis arbeite. Auf Facebook habe sie ihren Beruf nicht angegeben. „Es besteht ja einfach die Gefahr, dass ich von Komplizen der Gefangenen erpresst werde. Da muss man vorsichtig sein“. Deshalb möchte sie hier auch nicht ihren richtigen Namen lesen. Gleich gegen 13 Uhr kommt die Ablösung, dann gibt sie Schlüsselbund und Uniform ab. Feierabend.

Teaser- und Beitragsbild: Hendrik Frost

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