Beziehung zu dritt: So lebt es sich polygam

Wenn Kathi morgens aufwacht, sieht sie auf ihrem Nachttisch ein Foto von ihrem Freund Julius. Daneben steht ein weiteres Foto, es ist von Max, ihrem anderen Freund: Kathi lebt polyamor.

Blonde Haare, eine schlanke Figur. Sie ist keine von denen, die sich übermäßig stark aufbrezeln, wenn sie rausgehen. Sie kommt eher bodenständig rüber, ihr Lächeln wirkt glücklich. „Hi, ich bin Kathi*, ich bin 23 Jahre alt und ich bin zusammen mit Julius* und mit Max*“, stellt sich Kathi vor. Was im ersten Moment skurril klingen mag, ist für die Sowi-Studentin aus Münster vollkommen normal. Sie ist polyamor, liebt also den 25-Jährigen Julius und den 26-Jährigen Max zur selben Zeit und führt eine Beziehung mit den beiden Jungs. Alle sind damit einverstanden. Bis das soweit war, hat es lange gedauert – und ordentlich Mut gebraucht.

„Da ist mehr als nur Freundschaft“

In einer polyamoren Beziehung sind viele Konstellationen möglich. Foto: (Symbolbild) John Fornandor/unsplash.com / CC0

Mit Julius ist Kathi schon seit sieben Jahren in einer Beziehung, wie andere sagen würden: In einer ’normalen‘ Beziehung. Sie hat ihn in der Schule kennengelernt, Julius war ihr erster richtiger Freund. Max war lange Zeit mit beiden platonisch befreundet, sie hatten sich durch gemeinsame Freunde kennengelernt. „Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass da mehr ist, als Freundschaft“, erzählt Kathi. Nach anfänglicher Unsicherheit und Skepsis gegenüber ihren Gefühlen hat sie das Gespräch gesucht. „Zuerst habe ich mit den beiden quasi Einzelgespräche geführt“. Nach einiger Bedenkzeit haben sich die drei gemeinsam über die Situation unterhalten und sind zum Schluss gekommen: „Wir versuchen es mal“. Denn auch Max hatte mehr als freundschaftliche Gefühle für Kathi.

Mehr als ein Partner - welche Konstellationen sind möglich?
Kathi ist mit zwei Jungs zusammen. Das ist die klassiche, polyamore Beziehung: Ein Mensch hat zwei Partner des anderen Geschlechts. Es sind aber auch mehrere Partner möglich, wie es bei einigen Gruppierungen des mormonischen Glaubens im Westen der USA üblich ist. Und es gibt auch gleichgeschlechtliche, polyamore Beziehungen.

Kathis „erster“ Freund Max musste zwar tatsächlich länger über die ungewohnte Situation nachdenken, hat dann aber der Dreier-Beziehung zugestimmt. „Ich habe überlegt, dass ich im Grunde gar nicht das Recht dazu habe, sie da einzuschränken“. Kathis Glück sei ihm sehr wichtig. Deswegen fiel es ihm dann nicht mehr schwer, „dem ganzen seinen Segen zu geben“. Eine gewisse Gewöhnungszeit brauchte Julius aber dennoch. Für ihn musste erst klar werden, dass er mit Max nicht konkurriert, sondern beide Beziehungen koexistieren, wie er sagt.

„Wir sind nicht bisexuell“

Polyamore Beziehungen gehören in manchen Teilen der Erde zur Kultur. Foto: (Symbolbild) nappy/pexels.com / CC0

Seit etwa sieben Monaten leben die drei nun in einer polymaoren Beziehung. Dabei ist für sie wichtig, dass Kathi zwar zwei Freunde hat, Max und Julius haben aber nur einen Partner: Kathi. Das sei tatsächlich für viele schwierig zu durchschauen, berichtet Max: „Der erste Gedanke ist dann, dass Julius und ich bisexuell sind und ebenso in einer Beziehung zueinander stehen. Das stimmt aber nicht“.

Und auch die Jungs könnten noch mit einer anderen Frau zusammen sein. Aber zumindest für Julius kommt das nicht in Frage, es wäre ihm „zu viel“, wie er lachend gesteht. Max möchte es aber nicht ausschließen, sofern er die richtige Person finden-, und sich in sie verlieben sollte. Kathi hat kein Problem damit. Bisher ist es für alle drei die erste polyamore Beziehung.

Wie viele Menschen in Deutschland leben polyamor?
Statistiken oder offizielle Zählungen zu diesem Thema gibt es nicht. Daher kann keiner genau sagen, wie viele Menschen in Deutschland in einer Mehrfachbeziehung leben. Eine Umfrage aus dem Jahr 2017 ergab, dass sich 85 Prozent der Befragten ein Leben in einer polyamoren Beziehung nicht vorstellen können. 12 Prozent hingegen können sich eine Beziehung mit mehr als einem Partner vorstellen, 3 Prozent der Befragten haben schon in einer polyamoren Beziehung gelebt.
Die Ergebnisse der Umfrage: Würden Sie polyamor leben? Grafik: Hendrik Frost

„Meine Eltern haben das einigermaßen locker aufgenommen“, erzählt Kathi. Sie habe aber auch nicht lange drumherum geredet, sondern direkt gesagt, was Sache ist. „Ich glaube aber schon, dass die beiden ein, zwei Tage brauchten, um das zu realisieren“. Es war wichtig für Kathi ihren Eltern zu zeigen, dass sie beide Männer wirklich liebt. Max und Julius ticken da ein bisschen anders: Sie haben es ihren Eltern nicht erzählt. Während Max es vielleicht irgendwann noch tun möchte, hält Julius das für nicht so relevant. Seine Beziehung zu den Eltern sei „eh nicht die beste“.

Angst vor der Kündigung

Ein anderes häufiges Vorurteil, mit dem polyamore Menschen leben müssen ist, dass es in ihren Beziehungen nur um Sex gehen würde. Dass es anders ist, bestätigt auch der Blogger Viktor Leberecht, er beschäftigt sich schon lange mit der polyamoren Lebensweise. „Bei der Polyamorie steht die Liebe, und zwar die auf Dauer angelegte Liebesbeziehung im Vordergrund. Der Unterschied zur ’normalen‘, monogamen Beziehung ist eben: Man hat mehrere Liebesbeziehungen.“

So selbstverständlich die Situaition für Kathi, Max und Julius auch ist, für den Großteil der Bevölkerung ist es oft (noch) nicht selbstverständlich. Das sagt Christopher Gottwald, der Sprecher des Vereins Polyamores Netzwerk. „Ich weiß von Leuten, die versuchen es geheim zu halten, weil sie befürchten, dass der Arbeitgeber ihnen kündigt, was auch tatsächlich schonmal passiert ist“. Viele polyamore Menschen seien also unsicher: Wie reagiert mein Gegenüber auf meine Gefühle?

„Das verwirrt schon manche Leute“

Oft unternehmen polyamore Paare etwas mit allen Partnern gemeinsam. Foto: (Symbolbild) Thnh Phng/pexels.com / CC0

Julius kennt diese Situationen. Er wünscht sich mehr Verständnis. „Wir sind ja jetzt auch nur eine Person mehr und nicht 30 Leute, die man unter einen Hut bringen muss“. Dass sie aber Aufmerksamkeit erregen, merken sie zum Beispiel beim feiern. „Ich glaube, es verwirrt dann schon einige Leute, wenn ich erst den einen küsse und dann den anderen. Aber ich muss ehrlich sagen: Ich achte da nicht so drauf.“ Es sei auch nicht so schwierig, Verabredungen zu treffen. Denn es ist bei weitem nicht immer der Fall, dass die drei auch ihre Freizeit miteinahnder verbringen. „Ich merke schon, dass Julius und Max unterschiedliche Interessen haben“, erläutert Kathi. Das merke sie zum Beispiel bei der Auswahl von Kinofilmen. Das richte sich dann tatsächlich danach, mit welchem ihrer beiden Freunde sie ins Kino gehe.

Eifersucht kommt manchmal vor

Neidisch sei Julius dann nicht. Er kann die freie Zeit gut für sein Studium nutzen und weiß dennoch, dass seine Freundin gerade glücklich ist. Und dennoch ist die Eifersucht ein Thema für ihn, sagt Julius: „Wenn ich Eifersucht spüre, dann denke ich darüber nach: ‚Wieso fühle ich das jetzt gerade?‘ Und dann suche im Zweifel das Gespräch mit Kathi und Max“. Die beiden Männer müssten sich aber keine Sorgen machen, sagt Kathi. Ihre Gefühle gegenüber Julius seien nicht anders, nur weil sie auch noch Gefühle für Max habe.

Heiraten oder nicht - Was ist erlaubt?
Polyamore Beziehungen werden vom Gesetz nicht gleich behandelt wie Beziehungen zwischen zwei Partnern. So kann eine Person nicht mit mehreren Menschen verheiratet sein – die Mehrfachehe ist in Deutschland untersagt. Ebenso kann ein Kind nur zwei erziehungsberechtigte Eltern haben, zumindest in Deutschland. In Kanada hat in diesem Jahr ein Richter einem Kind drei Eltern zugesprochen: Es hat nun zwei Väter und eine Mutter, die in einer polyamoren Beziehung leben.

Bei den drei Studenten gibt es auch schon Zukunftspläne. Der erste große Schritt wäre eine gemeinsame Wohnung, denn noch wohnen nur Kathi und Julius zusammen, Max hat eine eigene Wohnung. Voraussichtlich werden dann alle drei ihr eigenes Schlafzimmer haben – wie in einer WG. Bei wem Kathi dann schläft, oder ob sie alleine schlafen möchte, kann sie dann jeden Tag neu entscheiden. Und auch über Nachwuchs haben die drei schon gesprochen. „Das ist aber nichts konkretes, das ist ja auch noch weit weg, das Thema.“

Vorher muss aber eh noch etwas passieren: So darf es in Deutschland bisher nur maximal zwei Erziehungsberechtigte geben. Heiraten zu dritt geht auch nicht. „Völlig überfällig“, wie Viktor Leberecht meint. „Es spricht für mich absolut nichts dagegen, dass sich erwachsene Menschen mit mehreren Partnern verheiraten.“ Denn noch leben polyamore Menschen in einem großen, schwarzen gesetzlichen Loch, fügt er hinzu.

*Namen geändert, alle Personenfotos sind Symbolbilder und zeigen nicht die Protagonisten dieser Geschichte.

Teaser- und Beitragsbild: Ba Phi/pexels.com / CC0.

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