Das U im Umbruch: Neue Wohnanlage ersetzt selbsterbauten Skatepark

Über dem Asphalt, auf dem Utopia errichtet wurde, flirrt die Hitze des Sommers. Bewegt wird die stehende Luft am Boden nur durch die Rollen der Skateboards. Es ist ein warmer Sommerabend.

Auf dem Platz zwischen Dortmunder U, Freizeitzentrum West (FZW) und Berufskolleg sind die Skaterinnen und Skater der noch hochstehenden Sonne ausgesetzt.

Trotzdem steht eine Gruppe junger Männer um die Miniramp, eine junge Frau rollt auf ihrem Board zwischen hölzernen Hindernissen umher. Auf der besprayten „Welle“, die den Skatepark abschließt, sitzt eine Gruppe Jugendlicher.

Ben skatet seit 15 Jahren – in den vergangenen anderthalb auch häufig im Skatepark Utopia.

Dazwischen steht Benjamin Büscher vor einer Rampe. Seine Freunde nennen ihn Ben. Hindernisse wie die Rampe vor ihm, findet man nur in diesem Skatepark hier, erzählt er. Sie besteht aus verschiedenen Elementen. „Obstacles“, wie Ben sagt. An die schanzenartige Quarterpipe schmiegt sich unten ein flacher Quader. Das sei eher experimentell, zum Ausprobieren.

Ständiger Wandel

„Es dauert erst mal ein bisschen, bis man herausgefunden hat, wie das so funktioniert“, erzählt Ben. Hier werde ständig gebaut und ausprobiert. Wenn mal etwas nicht funktioniert, werde es umgebaut. In dieser Wechselwirkung ist der gesamte Park entstanden.

Utopia ist ein DIY-Skatepark (Do-It-Yourself) – selbstgebaut, temporär, experimentell. Dortmunder Skaterinnen und Skater haben ihn aufgebaut. Ben war von Anfang an dabei. Seit 15 Jahren skatet er. Was er im DIY-Skatepark erlebt, ist für ihn grundlegend anders als das Skaten auf der Straße oder im klassischen Skatepark, „weil dieses Kreativ-schöpferische hier in einer handwerklichen, einer praktischen Ebene ganz anders zum Ausdruck kommt“.

Die neueste Rampe wird die letzte bleiben

Die kleine Palmen-geschmückte Rampe ist das neueste Werk. Und wahrscheinlich das letzte. Denn die Fläche, auf der die bunt besprühten Obstacles, die kleine „Utopibar“ und mehrere Paletten-Sofas stehen, ist nur geliehen. Das Grundstück gehört einem privaten Investor, einer Baugesellschaft. Am 31. Juli 2019 endete der Nutzungsvertrag für Utopia.

In wenigen Monaten soll der Bau einer Wohnanlage für Studierende beginnen. Bis Ende 2021 sollen 500 kleine Appartements fertig sein, an einen Betreiber verkauft und über einen privaten Anbieter vermietet werden. Ein Zuhause für junge Leute, dazu „differenzierte Gesellschaftsräume“, Gastronomiebetrieb, Gewerbefläche – all wird dort sein, wo in diesem Sommer noch geskatet, gebaut und Musik gespielt wird.

Eine Wohnanlage ersetzt den Skatepark

Utopia muss daher einer anderen „Utopie“ weichen. Auch die Stadt Dortmund hat Pläne für das Grundstück. Lange klaffte eine Lücke zwischen dem U-Turm, der Ritterstraße und dem Robert-Bosch-Berufskolleg. „Aus Sicht der Stadtplanung ist es wünschenswert, Baulücken zu schließen und städtebaulich unattraktive Situationen aufzulösen“, sagt Ludger Wilde, Planungsdezernent der Stadt.

Mit dem Verkauf des Grundstücks im vergangenen Jahr kam die Stadt diesem Ziel einen Schritt näher. Nun wird die Ten Brinke Projektentwicklung GmbH ein Wohngebäude für Studierende bauen. Die Miete liegt vermutlich deutlich über dem, was Dortmunder Studenten durchschnittlich für eine Wohnung zahlen.

Zwei Jahre Bau für 50 Millionen Euro

Es soll einen „wichtigen Beitrag zur Komplettierung des Gebäudeensembles“ leisten, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Darauf ist ein Foto zu sehen: Ludger Wilde und vier weitere Männer in schwarzen Anzügen. Sie deuten lächelnd auf die Entwürfe eines Bochumer Architekturbüros, für das sie sich als Jury eines Wettbewerbs entschieden haben. Ende 2021 sollen diese bewohnbare Realität sein. Fast zwei Jahre wird der Bau dauern und soll laut Plan 50 Millionen Euro kosten.

Jedes Element im Park haben Skaterinnen und Skater selbst aufgebaut.

In den vergangenen anderthalb Jahren haben Skaterinnen und Skater zusammen mit der Skateboard-Initiative-Dortmund – dem „Verein zur Förderung der Jugendkultur Dortmund“ – das Grundstück bebaut. So lange lief der Nutzungsvertrag, den die Stadt ihnen angeboten hatte. Weil sie ihre mobilen Rampen im Sommer 2018 nicht mehr auf der Leonie-Reygers-Terrasse vorm U aufstellen durften, bekamen sie einen Skatepark auf Zeit. Oder vielmehr ein leeres Grundstück.

Unfertig bis zum Schluss

An das erste Treffen im Mai 2018 erinnert Ben sich noch gut. „50 Leute, die jahrelang nicht zusammen geskatet sind, sitzen im Kreis und überlegen, was hier hin gebaut werden kann“. Er lächelt und schaut über die bunten Rampen aus Holz und Beton, während er erzählt, wie sich kleine Gruppen bildeten.

Jede habe eigene Obstacles entwickelt und aufgebaut. „Und auf einmal entsteht aus diesen verschiedenen kleinen Projekten ein Skatepark, der die Dimension von allem bisher in Dortmund Dagewesenen sprengt“, sagt Ben. Eröffnet wurde der Park im August 2018. Und trotzdem: „Ein DIY-Spot ist nie fertig“, sagt Ben.

„Wir holen das meiste raus“

Obwohl alle vom Ende wussten, wurde zum Beispiel die Utopibar Anfang des Sommers gebaut.

Die Hütte, die blau bemalte Buchstaben als „Utopibar“ ausweisen, haben sie erst Anfang des Jahres neu errichtet – trotz des drohenden Endes des Skateparks. Die Skaterinnen und Skater machen einfach weiter, mit dem Skaten und dem Bauen. „Das war der Spirit von Anfang an: wir haben noch einen Sommer und da holen wir das meiste raus“, sagt Ben und zuckt die Schultern.

Nichts deutet darauf hin, dass ihnen an diesem Sommerabend noch knapp eine Woche bleibt, bis der Nutzungsvertrag ausläuft. Ben schaut lächelnd auf die Skater: „Das ist die Magie dieses Ortes, dass man einfach den Moment lebt.“

1.200 Mikroappartements für Studierende

Dass es neue Flächen zumindest für die Skaterinnen und Skater geben wird, da ist Ben zuversichtlich. „Wir arbeiten im Moment daran“, sagt er. In Dortmund-Nette solle die Fläche eines Skateparks verdoppelt werden, und auch an anderen Orten gebe es Möglichkeiten – „aber man muss da differenzieren, das hier ist etwas anderes als ein fremdstrukturierter Skatepark“. Utopia sei mehr als eine Sportgelegenheit. „Welle“, „Kanonenrohr“ oder „Katzen-Quarter“ nennen die Skaterinnen und Skater ihre Hindernisse.

Nicht nur sie, auch die anderen „Kulturprodukte“, wie Ben sie nennt, müssen mit Utopia weichen. Workshops wie Wheelchair Skating und die Skate Schule, Urban Gardening Projekte, Konzerte, die hier stattfanden, Graffitis. Ben zählt sie auf und runzelt die Stirn: „Hier ist diese Gemeinschaft entstanden und diese Gemeinschaft braucht einen neuen Raum“.

Den sucht sie bisher vergebens. Freiflächen, Baulücken, gibt es nur noch wenige in Dortmund. Und keine komme dieser gleich. Utopia ist für die, die hier ihre Freizeit verbringen, ein Knotenpunkt. „Wir wohnen alle da“, sagt Ben und streckt seinen Arm Richtung Klinik- und Unionviertel, „und haben unser Leben bisher aber immer da verbracht“. Er deutet auf die Nordstadt. „Jetzt haben wir hier ein Wohnzimmer gefunden“.

Zentrale Lage wird beliebter

„Wohnen in Citynähe“: Die Lage zwischen Dortmunder U und FZW ist interessant für Neubauprojekte.

„Wohnen in Citynähe“ nennt Ludger Wilde diesen Ort. Das sei in den letzten Jahren immer beliebter geworden, besonders unter Studierenden. Die würden sich eine gute Anbindung an die Hochschule wünschen, interessante Lage und zeitgemäße Ausstattung, so der Planungsdezernent. Die Wohnungen am Dortmunder U sind nicht das einzige Bauvorhaben, das diese Wünsche erfüllen will.

Auch an der Baroper Bahnhofstraße baut die Ten Brinke GmbH 272 kleine Appartements für Studierende. An der Kampstraße entstehen 430 Studenten-Appartements in einem imposanten Gebäudekomplex. Dazu die 500 Appartements am U. „Nach wie vor gehen wir von einer anhaltend hohen Nachfrage nach Wohnraum, der für Studierende geeignet ist, aus“, sagt Ludger Wilde.

Miete im gehobenen Preissegment

Die 1.200 neuen Wohnungen sollen einen Teil des Bedarfs decken. Sie alle sollen nach ihrer Fertigstellung an Studierende vermietet werden. Wie das sichergestellt wird, ist noch offen. Es werde „keine regelmäßige Kontrolle der Nutzung“ seitens der Stadt geben, kündigt Ludgar Wilde an.

In der Realität spielt ohnehin zwangsläufig vor allem der Mietpreis eine Rolle bei der Wohnungssuche. Durchschnittlich 918 Euro im Monat haben Studierende laut der 21. Sozialerhebung des Studierendenwerks zur Verfügung. Davon geben Studierende in Dortmund durchschnittlich 309 Euro fürs Wohnen aus. Die 18 bis 24 Quadratmeter großen Appartements an der Kampstraße werden 450 bis 500 Euro im Monat kosten. Für die anderen Wohnanlagen kann noch kein Preis berechnet werden, die Stadt rechnet mit Mieten im gehobenen Preissegment.

Kein (Wohn)raum für den Massenmarkt

„Klar ist, dass damit im Bereich des studentischen Wohnens kein Massenmarkt bedient werden kann“, sagt der Planungsdezernent. Aber es gebe Studierende, die sich mehr leisten könnten oder wollten. Langfristig sind sie es, die in den neuen Appartements am U und in der City wohnen – und vielleicht eines Tages die Treppen am U bevölkern werden.

Dass die zukünftigen Bewohner der Appartements die gleichen sind, wie die, die in diesem Sommer hier waren und Leben ans U brachten, bezweifelt zumindest Ben. Interessant sind die Wohnungen seiner Meinung nach für Pendler, Berufstätige – nicht für solche, die viel Zeit hier verbringen.

Niemand wird sich an eine Quarterpipe ketten

Im Sommer 2020 wird es Utopia voraussichtlich nicht mehr geben.

Ob also auf diesen Treppen auch im nächsten Sommer noch täglich Dutzende junger Menschen den Sonnenuntergang beobachten? Auch an diesem Tag im Juli sind sie hier, trotz 40 Grad im Schatten. Ab und an läuft jemand um den Zaun herum und setzt sich zu den Skaterinnen und Skatern. Utopia hat sie und die, die hier skaten, sprayen, pflanzen, helfen oder einfach ihre Zeit verbringen, verbunden. Um den Skatepark zu kämpfen, liegt ihnen trotzdem fern.

„Wir haben darüber gesprochen und darüber nachgedacht, aber mit welchem Recht?“, fragt Ben. Von Anfang an sei gesagt worden, dass das Utopia-Gelände ihnen nur auf Zeit gehöre. „Es hätte vielleicht etwas Romantisches, einen symbolischen Charakter, aber ein wirkliches Argument gibt es nicht“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass sich jemand an eine Quarterpipe oder einen Zaun ketten wird.“

Die Skaterinnen und Skater werden einfach gehen. Ben sieht die Zukunft trotzdem optimistisch: „Hier ist eine eigene kleine Kultur entstanden und die wird sich auch nicht auflösen, wenn der Park weg ist, das glaube ich nicht.“ Die Frage bleibt, wo sie ihr neues Wohnzimmer findet.

Fotos: Alina Andraczek

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