Bundessprecher der Grünen Jugend: „Radikale Politik ist eine geile Sache“

Max Lucks ist Bundessprecher der Grünen Jugend. Seine Partei feiert derzeit Erfolge wie noch nie zuvor. Doch für einen Joint und ein paar Windräder will er sich nicht verkaufen lassen.

Er kommt zu spät. Wie so häufig. Der Zug. Dann kurz nach 18 Uhr steht er am Gleis: Der Zug – und Max Lucks. Bei drei Grad zittert eine Zigarette zwischen seinen Fingern. Es wird geduzt, nicht gesiezt. Vor der Tür noch ein paar Scherze, er drückt den Kippenstummel  aus, und rein. Ob er etwas trinken möchte? Wasser gibt es nicht. Vielleicht einen von diesen teuren Tees in Glasfalschen? Gelb, Braun, Grün oder Rot? Grün ist leider aus. Das ist lustig, weil er Bundessprecher der Grünen Jugend und Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen ist. Lucks nimmt rot. Viel Zeit hat er nicht, um 19 Uhr ist eine Telefonkonferenz. Also, schnell los. Nach der ersten Frage färbt sich seine Stimme. Das Lockere weicht einer Bestimmtheit, die mal mehr, mal weniger hervorsticht. Er ist im Modus.


Hallo Max, du hast schon jung angefangen mit der Politik. Kann man den Worten eines 17-Jährigen trauen?

Man kann seinen Worten trauen, weil das, was Leute sagen keine Frage des Alters ist. Auch 17-Jährige sind von politischen Entscheidungen betroffen und übernehmen politische Verantwortung. Ich selbst war mit 17 Jahren zum Beispiel im Bundesvorstand der Grünen Jugend.

Das passt ja. Denn als 17-Jähriger hast du über die Grünen in der WAZ gesagt: „Ich hoffe nicht, dass wir eine Volkspartei werden.“ Dabei werdet ihr aktuell zur neuen Volkspartei stilisiert. Damit kannst du nicht glücklich sein.

Oh, genau deshalb bin ich zufrieden. Denn die Grünen sind erfolgreich ohne zum veralteten Konzept einer Volkspartei zu neigen – einem Konzept von inhaltlicher Beliebigkeit. Im Europawahlprogramm sind klare Inhalte: die Ablehnung von sicheren Herkunftsstaaten, die Forderung nach einem humanen Umgang mit Klima-Migration oder die betriebliche Mitbestimmung in großen Unternehmen. Das sind alles Punkte, die zeigen, dass die Grünen nicht beliebig sind. Wir kämpfen als Grüne Jugend dafür, dass das so bleibt.

Und wie wollt ihr kämpfen?

Wir drehen nicht nur an den kleinen Rädchen der Politik. Bei allen konkreten Sachen muss man immer das Ganze im Blick haben: Erst am Wochenende haben wir auf unserem Bundeskongress diskutiert, wie eine andere Form des globalen Zusammenlebens – ohne Abschottung, Ausbeutung und Umweltzerstörung – aussehen kann. Dafür braucht man radikale Antworten.

 

Radikale Politik ist eine geile Sache.

 

„Radikale Antworten“ – was heißt das?

Auf der inhaltlichen Ebene heißt es Dinge nicht nur auszubessern, sondern sie umzuwerfen. Wir wollen etwa den Reichtum umverteilen. Und auf der strategischen, dass man sich lieber fragen sollte was richtig ist – und nicht was die Springer-Presse für richtig hält. Wenn wir Angst vor bösen Schlagzeilen über unsere Inhalte hätten, könnten wir auch gleich Schluss machen. Wir müssen die öffentliche Stimmung beeinflussen, statt ihr wie Marktschreier hinterherzurennen!

Machst du dir viele Gedanken über das, was andere über dich denken?

Ja, klar. Ich glaube, das ist etwas Menschliches. Es gibt Phasen, da ist es stärker und Phasen, da ist es schwächer. Aber ich finde es notwendig, um runterzukommen und zu reflektieren. Wenn man aber nur noch den ganzen Tag darüber nachdenkt, was Leute von einem halten, dann ist man zu eingepfercht in seiner eigenen Gedankenwelt.

In letzter Zeit scheint sich die Gedankenwelt von vielen Menschen in Deutschland verändert zu haben. Die Grünen sind in Umfragen zweitstärkste Kraft nach der Union. Woher kommt der Wandel in der Bevölkerung?

Der Hitzesommer hat ja wohl allen gezeigt, dass der Klimawandel Realität ist. Die Grünen stehen wie keine andere Partei für eine ökologische Politik, die sich nicht von irgendwelchen Lobbyinteressen beeinflussen lässt. Aber sie ruhen sich nicht darauf aus. Erst der letzte Vorstoß zur Grundsicherung hat gezeigt, dass wir auch für eine solidarische Gesellschaft einstehen. Wenn wir unsere aktuelle Stärke halten wollen, müssen wir unser Profil weiter schärfen statt in der bürgerlichen Mitte einzuschlafen.


Lucks ruht auf einem blauen Bürostuhl. Zum dunkelblauen Pullover trägt er eine braune Cap. Die Cap. Das ist so etwas wie sein Markenzeichen, sein ständiger Begleiter. Es gibt wenige Fotos von ihm ohne Kopfbedeckung. Die Passung ist abgestimmt. Der Schirm schaut nach hinten, die Lasche sitzt am Haaransatz und die braunen Haare luken durch das Kappen-Fenster. Nur kurz entblößt er seine Haarpracht, richtet die Frisur und setzt die Cap wieder auf.


Mit den Vorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock sitzt du jede Woche im Parteivorstand und im Parteirat. Wie läuft eure Zusammenarbeit?

Wenn wir über die aktuelle politische Lage reden, dann melde ich mich zu Wort. Ich sage, was ich für die richtige Richtung meiner Partei halte. Aber auch Sachen, die ich hier nicht sagen werde (lacht). Es geht mir ja auch nicht darum als kleiner Protestzwerg in den Sitzungen zu hocken und zu sagen: Ihr habt Unrecht. Mir geht es darum konstruktiv mitzuarbeiten. Das erfordert, dass Leute bereit sind auf die anderen Anliegen einzugehen. Und genau das tun die Beiden.

Dabei hast du dich Anfang des Jahres noch an der Debatte #diesejungenLeute beteiligt, in der junge Menschen den respektlosen Umgang von älteren Politikern kritisiert haben.

Ehrlich gesagt hat mich diese Diese-Jungen-Leute-Debatte irgendwann genervt. Am Schluss war sie von Mitte 30-jährigen belagert, die erzählt haben wie viel Sorgen sie sich über die Jugendbeteiligung machen. Viele haben gar nicht darauf hingewiesen, warum es wichtig ist junge Menschen zu beteiligen. Sondern so getan, als sei es ein Selbstzweck junge Menschen dabei zu haben. Ich persönlich würde es als Angriff auf mich wahrnehmen, wenn ich nur irgendwo sitzen würde weil ich 21 bin. Ich möchte dort sitzen, weil ich politisch etwas zu sagen habe. Ich mache Politik seit dem ich 15 bin und gerade in dem Alter habe ich gemerkt, dass es nicht so sehr die ganz Alten sind, die einen runterdrücken und nicht ernst nehmen. Es sind auch oft Jüngere gegen noch Jüngere. Dagegen muss man ankämpfen und sich Gehör verschaffen.

Kannst du ein konkretes Beispiel nennen?

Wenn man ein Thema setzen möchte und gesagt wird: „Die Debatte haben wir jetzt schon vor zehn Jahren in einem großen Kompromiss erledigt.“ Das klingt für mich dann wie der kleine Bruder von „Das haben wir schon immer so gemacht.“ – und er zeigt eins: Man will sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Da wird die lange politische Erfahrung genutzt, um politische Visionen klein zu halten. Das ist ein großes Problem. Um ein anderes Beispiel zu nennen: Ich habe es oft erlebt, dass in Sitzungen gerade ältere Menschen einfach auf ihr Handy schauen, wenn ich anfange zu reden oder rausgehen. Sowas merkt man sich, aber man kann daraus auch Konsequenzen für den Umgang mit diesen Politikern ziehen.

Und wie geht man mit diesen Leuten um?

Entweder man spricht sie persönlich drauf an oder man spricht es in der ganzen Sitzung an. Ich mache Zweites manchmal. Dann sage ich: „Hey, hör doch mal auf zu lachen und hör mir zu!“. Das stärkt auch insgesamt die eigene Position. Aber ehrlich gesagt: Viele junge Leute, gerade junge Frauen, haben es auch außerhalb der Politik verdammt schwer, zum Beispiel in der Uni oder am Ausbildungsplatz. Es geht hier nicht um ein Problem in der Politik, sondern um eins in der ganzen Gesellschaft.

Du müsstest dich an die Sitzungen gewöhnt haben. Seit einem Jahr bist du Bundessprecher der Grünen Jugend, am Wochenende wurdest du für ein weiteres Jahr wiedergewählt. Was ist dein Fazit nach einem Jahr an der Spitze?

Am Anfang habe ich mich in Berlin ein bisschen gefühlt wie ein Goldfisch, der aus dem warmen Aquarium ins kalte Haifisch-Becken geschmissen wurde. Der politische Betrieb in Berlin ist zäher und anstrengender, als der den ich aus der Landespolitik schon kannte. Dank meinem tollen Verband und meiner Co-Sprecherin konnte ich mich da einarbeiten. Und das möchte ich im nächsten Jahr nutzen.

Was ist so anders an Berlin?

Der Umgang miteinander ist anders. Man sitzt in vielen stickigen Räumen und führt endlose Diskussionen ohne wirkliche Ergebnisse zu haben. Das alles, während draußen die Welt vor die Hunde geht. Umso mehr Spaß macht es diese Welt ein bisschen in die stickigen Räume zu bringen.

Doch bei den Jugendorganisationen läuft es gut, oder?


Es boomt ein bisschen. Das beste Beispiel sind wohl Kevin Kühnert und die Jusos. Aber auch wir bekommen mehr Aufmerksamkeit. Damit können wir Aspekte setzen, die die Grünen nicht so machen können.

Würdest du mit der Grünen Jugend einen ähnlichen Kurs einschlagen wie Kevin Kühnert mit den Jusos gegen die große Koalition?

Ich rufe jetzt nicht Kevin an und frage, ob er uns die Datei zum No-Gro-Ko-Plan schicken kann, weil wir auch gerne einen No-Schwarz-Grün-Plan basteln würden. Die Situation ist ja bei den Grünen auch eine andere. Wir sind in der Opposition und haben die Chance bei der nächsten Wahl für eine linke Mehrheit im Bundestag zu kämpfen. Wenn die Grünen aber auf die Idee kommen sollten, sich für einen Joint und ein paar Windräder an die Union zu verkaufen, wird das auf unseren Widerspruch treffen.


Dann muss Lucks los. Als er geht, lässt er seinen Tee stehen. Etwas rote Flüssigkeit ist übrig geblieben. Grün wäre wohl doch besser gewesen.


Foto: Erik Marquardt

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