Auftragsprostitution an der Sprayflasche


Mit dem eigenen Talent Geld verdienen und den ganzen Tag machen, was einem Spaß bringt – so stellt man sich das Künstlerleben vor, doch die Realität sind harte Arbeit und das Erfüllen von Aufträgen zum finanziellen Überleben. Auftragsprostitution nennt Beni Veltum das. Der 31-Jährige hat aus seiner illegalen Leidenschaft einen Beruf gemacht: Er ist selbstständiger Graffitisprayer, der seine Kunst als Dienstleistung anbietet. Die Balance zwischen Künstlerdasein und Business war schwer, doch eine frühe Vaterschaft zwa
ng ihn zur Verantwortung und weg von der Straße.

Heute ist er fest etabliert und hat große Kunden wie Edeka oder Trivago. Trotzdem muss er jeden Tag den Ausgleich zwischen der Umsetzung eigener Projekte, Unternehmensmanagement und Kundenpflege schaffen. Das lässt sich häufig gar nicht mit der Lässigkeit des Sprayens vereinbaren. Oft sitzt er schon um sechs Uhr morgens am Schreibtisch: Seine Wohnung ist gleichzeitig Büro und Atelier. Die Arbeit ist allgegenwärtig.

Viele Tage Arbeit stecken in Benis großen Sprayprojekten.

Alles begann mit dem Dach vom Meerschweinchenhaus

Kreativ war Beni schon immer, doch seine Liebe zum Graffiti begann im Alter von zwölf Jahren, als er das Dach von seinem Meerschweinchenhaus bemalte. Es folgten Deutschlandurlaube, von denen er keine Souvenirs, sondern Graffiti-Fotos mitbrachte. Mit Magazinen und sehr viel Übung baute Beni sein künstlerisches Talent autodidaktisch immer weiter aus.

Mit 13 Jahren von der Polizei erwischt

Er hatte schon immer Probleme mit Autoritätspersonen und wusste genau, was er wollte und was nicht. Dabei war der Drang nach dem Verbotenen immer sehr präsent und Beni begann, draußen zu sprayen. Im Alter von 13 Jahren wurde er von der Polizei beim Sprayen an der Autobahn erwischt. Seinen Eltern war bewusst geworden, dass Beni vom Sprayen nicht mehr abzuhalten ist und sie versuchten, sein Talent auf legale Weise zu fördern: Sie mieteten ihm Wände, die von Privatpersonen für legales Sprayen an Grundstücken oder freien Flächen zur Verfügung gestellt wurden. Sie fuhren mit ihm zu Sprayevents und versuchten immer wieder, ihn vor der schiefen Bahn zu bewahren. Dies gelang meistens, doch Benis Drang nach dem illegalen Sprayen ließ sich nie ganz unterdrücken: „Das reizt mich einfach. Dafür brauchst du Style, Eier und Sportlichkeit.“

Mit Hauptschulabschluss vom Gymnasium

Die Schule lief nebenher. An Intelligenz mangelte es ihm nicht, sondern an Kooperation mit den Lehrern. Ständig hatte er den Kopf voll besserer Ideen, als sich in der Schule von Sinus und Kosinus berieseln zu lassen. Für ihn machte das keinen Sinn. Er zeichnete im Unterricht Graffiti-Skizzen und streifte durch die Straßen, um sich Graffitis anzusehen. Mit einem Hauptschulabschluss verließ er das Gymnasium und holte seinen Realschulabschluss im Fachbereich Wirtschaft an einer anderen Schule nach.

Frühe Vaterschaft ändert das Leben

Mit 17 wurde er Vater. Dieses Ereignis setzte die Maßstäbe für Benis weiteren Lebenslauf: Seine Tochter Jolina ist heute 13 Jahre alt und hat viel dazu beigetragen, dass er heute da steht, wo er ist und sich sein Unternehmen etabliert hat. Durch sie ist Beni gezwungen gewesen, eine Ausbildung und das anschließende Studium zu absolvieren, um die Vorbildrolle zu erfüllen und für finanzielle Absicherung zu sorgen. Vor allem aber habe seine Tochter ihn erwachsen und vernünftig werden lassen und davon abgehalten, in die Drogenszene abzurutschen.

Der Sprayer gibt Workshops und engagiert sich, um Jugendlichen legales Sprayen zu ermöglichen.

Während des Studiums zur Selbstständigkeit

Er schaffte sein Fachabitur mit dem Schwerpunkt Grafikdesign. „Ohne lernen, mit reiner Kreativität!“, sagt Beni. Danach studierte er an der FH Dortmund Design und Medienkommunikation. Während des Studiums arbeitete er als Auftragskünstler, baute sich einen Kundenstamm auf und rutschte dadurch in die Selbstständigkeit. Neben dem Studium sah er die Aufträge als guten Zusatzverdienst. Nach dem Studium stand er als Selbstständiger da und konnte sich nur noch auf sich und seine Kunst verlassen.

Finanzieller Druck fördert Kreativität

Plötzlich waren das Risiko und der Stress noch größer und Beni versuchte, jeden Auftrag, den er bekommen konnte, umzusetzen. Jeden übrigen Euro und jede freie Minute investierte er in den Ausbau seines Unternehmens: Visitenkarten, Webseitenarbeit, Ausrüstung. Doch je mehr und je größer die Aufträge wurden, desto größer wurde auch der Zwiespalt: „Im Grunde ist das Auftragsprostitution an der Sprayflasche.“ Es sei Fluch und Segen zugleich, unter permanentem finanziellem Druck zu stehen: Druck erhöhe Kreativität, wodurch er mehr Aufträge schaffte und sein Unternehmen wuchs, womit aber wieder mehr Stress dazu kam.

Mit der eigenen Kunst etwas erreichen

Manchmal bekam er auch Anfragen für Ausstellungen, konnte aber häufig keine eigenen Arbeiten anbieten, da er mit zu vielen Aufträgen beschäftigt war. „Dabei blieb die Entwicklung als Künstler oft auf der Strecke, um all die Aufträge zu erfüllen und Geld zu verdienen.“ Das Resultat: Hohes Stresslevel und Risiko. Doch trotz der vielen Aufträge und dem finanziellen Druck hat er seine Passion zum Sprayen und den Antrieb für seine eigene Kunst nie verloren. Mittlerweile hat er einen Weg gefunden, die Aufträge mit seinen persönlichen Projekten in Einklang zu bringen, sagt Beni. Er bietet Workshops und Spraykurse an, engagiert sich für die Sprayerszene und nutzt seine Reichweite, um etwas zu bewegen. Für den Erhalt des Hambacher Forsts arbeitete er mit einem befreundeten Rapper an einem Video: Beni sprayt einen umgedrehten Mittelfinger, der den Stamm eines Baumes darstellt, sein Freund rappt und die beiden erreichen mehrere tausend Menschen. „Als Künstler hat man auch immer die Verantwortung, in solchen Bereichen aktiv zu werden und etwas zu erreichen.“

https://www.facebook.com/solifuerhambi/videos/2143925112601206/

 

Ein Sonderling in der Gesellschaft

Er lernte, mit der Presse umzugehen, dabei waren ihm seine Offenheit und Kommunikationsfähigkeit immer ein Vorteil. Das Graffiti selbst dient dabei auch immer als Werbeträger: „Graffitis sind für mich der Ursprung von Werbung, weil du überall mit deinem Namen unterschreibst!“, erklärt der Sprayer. Seine Tochter ist bei allem sein größter Motivator und ziemlich begeistert von dem Beruf ihres Vaters, doch nicht alle sehen das so: „Durch meinen Beruf bin ich ein Sonderling und da in unserer Gesellschaft alles über den Beruf definiert wird, denken viele, ich mach nichts als Künstler und lebe auf Staatskosten. Dass ich mit internationalen Firmen zusammenarbeite und mir jeden Euro mit meinem Talent verdiene, wird häufig nicht wahrgenommen.“ Doch Beni sieht das heute locker. Er weiß, was er kann und was er will. Er strahlt ein angenehmes Selbstbewusstsein aus und ist stolz auf das, was er erreicht hat, zeigt Fotos und Videos von abgeschlossenen Projekten, redet über Referenzen und die Notwendigkeit vom Googeln des eigenen Namens.

Ein gutes Graffiti ist mehr als Schmiererei

Beni erklärt, was ein gutes Graffiti ausmacht und dass die häufig als Schmiererei betitelten Werke auf der Straße höchste Form der Kunst sind: „Viele schauen sich einfach Graffitis an und realisieren gar nicht, was dahintersteckt. Tiefgang, ein Konzept, Design. Und Style.“ Ständig spielt er mit einem Kugelschreiber und kritzelt ab und zu wie unbewusst auf einem Stück Papier – Beni lebt Graffiti. Die Kunst. Die Farben. Hunderte Fachbücher stehen in seiner Wohnung, das Atelier ist voller Skizzen, fertiger und halbfertiger Werke, sein Kopf voller Ideen. Inspirationen holt er sich von überall. Von den Straßen, aus seinen Büchern, von Fotos, dem Internet oder aus dem Alltag und den Problemen seiner Vergangenheit

Legales Sprayen an einer Wand in Gladbeck.

Diese hat Beni weitestgehend hinter sich gelassen und auch seine Balance zwischen Kunst und Business gefunden sagt er: „Ich bin an dem Punkt, wo ich merke, dass ich alles sortiert habe. Die Kosten sind im Griff, ich bin etabliert und muss keine Angst mehr vor der Zukunft haben.“ Seiner Meinung nach, könne jeder seine Leidenschaft zum Beruf machen: „Wenn man wirklich ein Herz für die Sache hat und fleißig ist, dann kann das gar nicht schief gehen.“

 

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