Kommentar: Homosexualität im Fußball – Zeit, dass sich was dreht

Thomas Hitzlsperger hat vor rund fünfeinhalb Jahren öffentlich bekannt, homosexuell zu sein. Der ehemalige deutsche Nationalspieler wagte diesen Schritt erst nach seiner aktiven Fußballkarriere.

Damals hofften viele, es würden ihm doch Sportler seines Faches nachtun. Womöglich auch solche, die sich noch inmitten ihrer Laufbahn befinden – dem allerdings war dann nicht so. Und es sieht auch nicht danach aus, als würde Homosexualität in diesem Sport in nächster Zeit zur Normalität werden. Dafür muss deutlich mehr getan werden.

Sicherlich ist es äußerst kompliziert. Da ist der Fußball, der in der Wissenschaft als „das letzte Refugium der Männlichkeit“ bezeichnet wird. Dieser Sport, in dem bis heute eine Zwangsheterosexualität zu beobachten ist. In dem es um Kampf geht und um Kameradschaft. In dem in den Fankurven – wie kürzlich wieder in Dresden beim Heimspiel von Dynamo gegen St. Pauli passiert – homophobe Banner gehisst werden. In dem Anhänger wie Aktive allzu häufig mit derben Sprüchen um sich werfen. Und in dem es noch alltäglich ist, einen Spieler aus nichtigen Gründen als „Schwuchtel“ zu bezeichnen, ob im Spaß oder im Ernst ist völlig egal.

Unbefriedigende Entwicklung

Fußball und Homosexualität – das war früher eine unmögliche Kombination. Und wenngleich es in der heutigen Zeit auch deutlich mehr Fangruppierungen gibt, die sich für eine Normalisierung der Verhältnisse stark machen, ist die Entwicklung immer noch höchst unbefriedigend. Die oben genannten Phänomene sind keine Einzelfälle. Sie sind vorhanden – und das schon seit vielen Jahren. 

Da hilft es nur bedingt, dass der DFB eine Broschüre zum Thema Homosexualität im Internet platziert hat und sich für eine vielfältige Gesellschaft ausspricht. Dass der VfL Wolfsburg seinen Kapitänen vor ein paar Monaten die Regenbogenbinde verordnete und damit „ein deutliches Zeichen“ pro tolerantes Miteinander verband, wie Geschäftsführer Jörg Schmadtke sagte, ist ein gutes Zeichen. Allerdings müssten solche Kampagnen, wie auch im Zuge der Anti-Rassismus-Arbeit geschehen, deutlich großflächiger angelegt werden. Ein paar bunte Binden langen nicht.

Gezielte Social-Media Kampagnen

Durch gezielte Social-Media-Kampagnen könnten die einzelnen Vereine kontinuierlich darauf verweisen, ein offener Verein zu sein. Und Spieler, die Vorbilder so vieler Zuschauer sind, könnten sich öffentlich dazu bekennen, tolerant zu sein – und homophobe Auswüchse weder gut zu heißen noch zu billigen.

Eine ähnliche Strategie verfolgen die Vereine in ihren Bemühungen, Rassismus klein zu halten. Und das zeigt Erfolge. Mit viel Engagement gelang es Borussia Dortmund durch verschiedenste Aktionen, Fans im Umgang mit Rassismus und Antisemitismus zu sensibilisieren und die rechtsorientierten Gruppierungen immer mehr zu verdrängen. Diese Erfolgserlebnisse sollten die Blaupause sein für effektive Arbeit gegen Homophobie.

Ansprechpartner im Verein

Dass es damit nicht getan ist, dürfte klar sein. Homosexuelle Spieler scheuen sich aus den unterschiedlichsten Gründen, ihre Sexualität zu leben. Von ihrem Arbeitgeber werden sie meist allein gelassen, haben häufig keine Ansprechpartner. Warum schaffen die Klubs nicht jeweils eine Art Ombudsmann an, der ihnen unterstützend beiseite steht? Mittlerweile gibt es in einigen Vereinen ja auch Psychologen, die zu strengster Vertraulichkeit angehalten sind. 

Dass sich noch kein aktiver Berufsfußballer in Deutschland zu seiner Homosexualität bekannt hat, ist jedenfalls kein Wunder. Zu hitzig und unreflektiert ist die Stimmung in den Stadien. Zu groß die Gefahr, sich mit einem Coming-out das Leben noch beschwerlicher zu machen. 

Coming-out in Australien

Mit Andy Brennan wagte sich in diesem Jahr ein homosexueller Spieler in Australien an die Öffentlichkeit. Er, seinerseits in der Zweiten Liga aktiv, ließ verlauten, dass er “diese Lüge nicht mehr länger leben” könne. “Die Unterstützung der Menschen um mich herum war so großartig”, erklärte Brennan, sie habe ihm geholfen, “diesen letzten Schritt” zu gehen – und sich endlich zu outen.

In Deutschland indes raten Expert*innen homosexuellen Athleten eher davon ab. Erst, so sagen sie, müsse dafür der passende Grundboden geschaffen werden. Flächendeckende Kampagnen wären ein Anfang. Und Spieler, die nicht nur aufs Kicken fokussiert sind, sondern sich gleichfalls für ihre sicherlich vorhandenen homosexuellen Mitspieler stark machen, ein weiterer Fortschritt. Es ist längst Zeit. Zeit, dass sich was dreht.

Anmerkung: Ein Theaterstück zum Thema „Homosexualität im Fußball“ wird aktuell im Theater Dortmund gezeigt. „Echte Liebe“ könnt ihr dort am Mittwoch, 9. Oktober, um 20 Uhr sehen.

Foto: Hussain Ibrahim via Unsplash

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