Synästhesie – Wenn der Dienstag königsblau ist

Der Bildschirm wird schwarz, bunte Fäden drehen sich, zeigen Gerüche, die der Ratte Rémi direkt in die feine Nase steigen. Die Animation im Disney-Film „Ratatouille“ zeigt pulsierend rot-gelbe Wirbel und Kreise, orangene Fäden und bunte Blitze. Eine visuelle Geschmacksexplosion. Eindrücke, die für Synästheten wie Molly Bestandteil ihrer wirklichen Wahrnehmung sind.

Selbstportrait von Molly

Molly hat Lust auf Musik – auf ockerfarbene Musik. Darum sucht sie nach einer alten CD des Electric Light Orchestra und macht ihre Familie damit fast wahnsinnig. Aber das ELO bringt es nun mal so richtig auf den Farbton. Molly hört Melodien farblich. Wie vier Prozent aller Menschen hat Molly Synästhesie. Wenn andere Menschen etwas hören, nehmen sie die Geräusche nur über ihr Gehör wahr. Bei Synästheten wie Molly ist das anders. Hören andere Menschen nur das Geräusch oder lesen den Text, können sie die Geräusche etwa sehen, schmecken oder fühlen. Ihre Sinne sind miteinander verwoben.

Über die Ursachen dieses neurologischen Phänomens hat die Forschung gleich mehrere Theorien. Die gängigste Erklärung ist eine verstärkte Vernetzung zwischen unterschiedlichen Hirnbereichen. Diese Theorie wird von Untersuchungen unterstützt, die zeigen, dass Synästheten mehr graue Substanz haben. Sie ist unter anderem für die Wahrnehmung zuständig.

Auf der Suche nach der CD stößt Molly auf „Shut your mouth“ (How Soon Is Now) von The Smiths. Sie legt die CD auf, graue Musik erfüllt den Raum wie eine Regenwolke. Wenn Molly diese Musik hört, fühlt es sich an als würde sich der Raum auftun, dass Dinge sich um sie herum bewegen und Formen auf sie zukommen, die sich drehen. Das ist auch eine tolle Musik, aber nicht ockerfarben. Also muss sie weitersuchen.

Synästhesien betreffen verschiedene Sinneswahrnehmungen

Neben der Klangsynästhesie sind bei Molly noch weitere Sinne miteinander verknüpft. „Der Gaumen ist für mich das empfindsamste Organ in meinem Körper, wo ich Synästhesien am extremsten wahrnehme. Wenn ich zum Beispiel eine Tesafilmrolle in der Hand habe, kann ich die Form genau in meinem Gaumen spüren. Das ist dann auch ein bisschen bitter. Wahrscheinlich vom Plastik, das ich schmecken kann.“ Bei allem, was Molly berührt, ist das genauso: Kleidung, Tischkanten oder eine Maus am PC. „Da komme ich dann an Grenzen im Alltag. Wenn ich schreibe, habe ich immer das Bedürfnis meine Hände zu waschen, weil ich den Geschmack wieder loswerden muss.“

Es gibt viele Formen der Synästhesie. Bei manchen Synästheten sind nur zwei Sinne betroffen, andere haben gleich mehrere Formen. Wie vergleichsweise viele Synästheten verbindet Molly mit Wochentagen etwa verschiedene Farben und Klänge. Der Dienstag hat ein wunderbares Königsblau, das sehr kraftvoll und strahlend ist. Zusätzlich besitzt er einen metallischen Schrinkton – wie der einer alten Türklingel oder eines Telefons aus einem alten Hitchcock-Film. Dienstags kann Molly viel schaffen und erledigen, weshalb sie immer versucht, schwierigere Arbeitstermine auf diesen Tag zu legen.

Zahlen mit Persönlichkeit

Der Charakter der Ziffer 8 in Mollys Wahrnehmung

Richtig gut zum Dienstag passen Zahlen wie die 3 oder, richtig perfekt, die 15. Der „Jetzt-komme-ich!“-Charakter von Dreien passt gut zu der kraftvollen Art des Dienstags. Die 15 hat einen metallischen Charakter und auch einen leichten Schrinkton durch die 1. Die ist nämlich metallisch, silbrig und hell. Die 5 hat hingegen die dunkelblaue Farbe eines Nachthimmels. Beide zusammen sind für Molly eine tolle Kombination.

So wie Zahlen eine Farbe, einen Klang und eine Persönlichkeit haben, nimmt Molly andere Menschen im direkten Kontakt ebenfalls synästhetisch wahr. Im Eins-zu-eins-Kontakt ergeben sich für sie Formen und Farben der jeweiligen Person. „Das ist wie eine Farblandschaft, durch die ich mich hindurchbewegen kann.“ Molly sieht Menschen zwar auch wie Nicht-Synästheten vor sich, aber sie kann ihre Betrachtung wechseln und sie dann synästhetisch wahrnehmen. „Ein Mensch ist für mich wie eine Mindmap. Da sind Farben und Linien, die Menschen zugeordnet sind. Ich nehme auch eine Oberfläche und eine bestimmte Qualität, wie eine Temperatur, wahr.“ Menschen haben auch einen bestimmten Geschmack dazu oder Buchstaben oder Zahlen. Für Molly hat jeder Mensch seine eigene Formel.

Synästhesien müssen harmonisch sein

Farben und Formen sind nicht fest mit einem bestimmten Charakter verbunden. Vielmehr entscheidet das ihre Kombination. Bei Menschen kann eine Farbe einer anderen Bedeutung zugeordnet sein als etwa bei Wochentagen. Das Königsblau des Dienstags, das Molly so gefällt, kann in einer anderen Konstellation bei einem Mitmenschen unpassend sein. Dann ist es nicht mehr angenehm und kraftvoll, sondern führt eher zu einer Disharmonie mit den anderen Formen und Farben.

Mollys Stimme

Diese Disharmonie in ihren Synästhesien kann Molly bei ihrer Arbeit als Erzieherin in der Benachteiligtenförderung aktiv einsetzen. In einem Gespräch löst auch die Stimmlage der anderen Person Synästhesien aus. Bei einem längeren Fördergespräch sieht sie Schwankungen in den Mustern, an denen sie sensible Themen erkennen kann. „Ich verlasse mich ganz darauf, was ich synästhetisch wahrnehme. Ich hinterfrage das nicht. Synästhesie ist für mich wie eine Sprache, die ich dechiffrieren kann.“ Diese soziale Kompetenz ist in ihrem Arbeitsalltag eine große Hilfe, hat aber auch ihre Grenzen. Immer wieder muss sie sich von den extremen Sinneseindrücken regenerieren. So hat Molly lange gebraucht um in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, weil sie erst lernen musste, mit bestimmten Belastungen umgehen zu können.

Schon in der Schule, wo alles in Normen fest getaktet war, erschien ihr das Gelernte nicht richtig. Sie kam sich vor wie in einer falschen Welt, konnte nicht verstehen, was mit ihr war. Bis heute kann Molly nicht wirklich rechnen. Zahlen haben für sie bestimmte Gefühle, Farben und Persönlichkeiten. Sie in ein Antwortkästchen zu schreiben stellte eine große Belastung dar. Die 7 zum Beispiel mit ihrem Braunton und dem sehr spitzen und glatten Aussehen. Sie hat ein bisschen was von einem Stock. Sie müsste eigentlich etwas mehr nach rechts und länger gezogen sein. Die 7 in ein quadratisches Kästchen zu quetschen ist fast unmöglich für Molly. Deswegen hat sie sich die Zahlen der Mathehausaufgaben ausgedacht – so, wie sie eben „richtig“ gepasst haben.

Disharmonie kann körperlichen Stress auslösen

Um ihre Belastungsgrenze zu testen hat sie später Verschiedenes ausprobiert. Dafür hat Molly die Ziffern in den Farben aufgemalt, in denen sie sie sieht und dann einmal in den „falschen“. Die falschen Zahlen lösen bei ihr Stress aus, bei dem sich ihr ganzer Körper anspannt. Sie hat sich gezwungen, so lange wie möglich auf die falschen Farben zu schauen und die Anspannung auszuhalten. Nachdem ihr Handywecker klingelte, schaute Molly wieder auf die Farben, wie sie richtig sind. „Ich war so froh, wenn das Handy piepte.“ Sie merkte richtig, wie sich alles wieder entspannte. „Alles, was mit Ziffern zu tun hat, ist bei mir farblich einsortiert.“

Mollys Konto zum Beispiel muss in ihrem System einen ganz bestimmten Betrag haben, damit die Farbe passt. Wenn er über diese Zahl kommt, muss sie das Geld ausgeben oder abheben. Egal wie, aber es muss wieder weg. Eine Zeit lang hat Molly die 2 sehr gemocht und alles mit dieser Zahl gesammelt. 2-Euro-Münzen und 20-Euro-Scheine – bis ihre Familie irgendwann ausgeflippt ist und sie mit einer riesigen Tüte zur Bank musste, um das Geld einzuzahlen. Dann stimmte aber die Zahl auf ihrem Konto nicht mehr. Sie überlegte, den Betrag heimlich wieder abzuheben. Sie musste es ja niemandem aus ihrer Familie erzählen.

Die Geschichte ist für Molly ein gutes Beispiel, wo sie die Synästhesie auch als Belastung erlebt, wo sie ein Handicap ist, „normale Menschen“ müssten sich mit so etwas nicht beschäftigen. Manchmal denkt sie, dass diese „Hochbegabung“ sehr knapp am Autismus vorbeischrammt.

Auch Fahrkarten oder Kinotickets kauft sie an einem bestimmten Datum. Für eine Platzreservierung muss sie sich lange Zeit nehmen, um eine passende Ziffer im Abteil zu finden, weil sie nicht auf jedem Platz sitzen möchte. „Ich weiß, es ist ja irgendwo schon freaky. Aber wenn es die Möglichkeit gibt, und die gibt es in vielen Bereichen, dann mache ich das auch so.“ Denn auf einem Platz mit der Nummer 76 fährt sie nicht an einem Montag. Dann müssen alle am Schalter warten, weil sie einen neuen Sitz sucht.

In der Welt der Farben und Formen

Molly weiß, dass ihre Wahrnehmung von außen schwierig nachzuvollziehen ist. „Ich habe erkannt, dass ich immer drinnen bin in meiner Welt, in die keiner rein kann. Nicht einmal ein anderer Synästhet. Ich nehme wahr, dass immer eine Membran um mich herum ist, die ich nicht durchdringen kann.“ Auch in dieser Hinsicht ist die Synästhesie eine Begrenzung für sie. Die Kommunikation zwischen „ihrer Welt“ mit ihrer ganz eigenen Wahrnehmung und der „äußeren Welt“ ist schwierig. Zum Beispiel legt sich Molly Gesprächstermine gerne auf einen Dienstag, am liebsten auf 11 Uhr. Das ist für sie eine messingfarbene Zeit. Treffend, weil sie etwas Goldenes an sich hat und Molly sich auch auf diese Termine freut. Nicht-Synästheten können Gespräche auch zu einer anderen Uhrzeit führen, aber für Molly passt es so am besten ins System. Durch die Membran kommuniziert sie also nach außen: „Können wir uns um 11 verabreden?“ Aber für sie steckt viel mehr dahinter, das sie nicht aussprechen kann.

Der Monat Oktober

Was Molly mit der Sprache nicht ausdrücken kann, malt sie. Sie hat über 3000 Skizzen Zuhause. Irgendwann hat sie angefangen, alles aufzumalen. Auch, was sie in Alltagssituationen wahrnimmt. „Irgendwann höre ich auf. Ich sage: Das ist das letzte Buch. Aber dieser Druck in mir, das ist wie ein Drang, alles auf Papier zu bringen, was ich wahrnehme. So wie mein persönliches Almanach.“ Bei ihr Zuhause stapeln sich die Skizzenbücher – es sieht ein bisschen nerdig aus, findet sie. Aber die Synästhesie ist für sie viel mehr als das. Für Molly ist sie eine lebendige Sprache, durch die sie mehr wahrnimmt und die sie lesen kann. Es ist, als würden die Synästhesien Körper, Farben und Formen zu ihr sprechen lassen, so dass sie Vieles vielschichtiger verstehen kann. „Es ist meine Muttersprache.“

Begabung oder Belastung?

Trotz mancher Belastung überwiegen für Molly die Vorteile der Begabung. Synästhesie sei eine Erweiterung, als hätte sie einen eigenen „space“ in sich. Allerdings sagt sie auch: „Was nützt dir eine Hochbegabung, wenn du nicht rechnen kannst? Es sind halt andere Talente. Irgendwelche Besonderheiten hat ja jeder, bei manchen sind sie nur etwas extremer ausgeprägt.“ Die können manchmal anstrengend sein – für andere, für sie selbst. Aber sie eröffnen ihr auch ein ganz eigenes Universum, eine ganz eigene Welt.

Beitragsbild: John-Elias Holst, Zeichnungen: Molly Holst.

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