Ins Klassenzimmer mit einem Klick

Er unterrichtet die, die durchs Raster fallen: Jörn de Haen bringt autistischen Kindern Mathe, Englisch und Co bei. Dafür müssen die Schüler nur vom Bett zu ihrem Computer gehen. Auf der Web-Individualschule in Bochum werden 180 Jugendliche über Skype unterrichtet, weil sie aus verschiedenen Gründen nicht zur Schule gehen können – genauso viele warten auf einen Platz.

Es ist kurz vor halb acht morgens und Jörn de Haen, blonde Haare und Lachfalten, lässt sich auf den schwarzen Drehstuhl vor seinem Schreibtisch fallen. Die ersten Sonnenstrahlen scheinen in das kleine Büro, direkt auf eine der unverputzten Wände. Die Kaffeetasse, halb leer, steht griffbereit neben dem Laptop, direkt vor einem Miniaturschiff in einer Glasflasche. Auf dem kleinen Bildschirm ist der Videomessenger Skype geöffnet. Jörn de Haen klickt mit der Maus auf den Chat von Joachim. Noch keine Nachricht. „Komisch, eigentlich schreibt er immer schon zehn Minuten vorher“, sagt er, fasst sich mit den Händen an den goldgelben, stoppeligen Bart und lehnt sich zurück in seinen Drehstuhl.

Gleich unterrichtet de Haen seinen ersten Schüler an diesem Dienstagmorgen – allerdings nicht in einem Klassenzimmer: Der 38-jährige ist Lehrer an der „Web-Individualschule“ in Bochum, der einzigen Internetschule Deutschlands. Hier werden Schüler über Skype unterrichtet. De Haen sitzt in seinem Büro im ersten Stock der Schule, Neubau natürlich, bei dem jedes Büro genau gleich aussieht: Ein bodenlanges Fenster, ein Eckschreibtisch und ein IKEA-Bücherregal direkt neben der Tür. Jeden Tag kommt er her. Seine Schüler müssen dagegen nur vom Bett zu ihrem Schreibtisch gehen und ihren Computer einschalten – schon sitzen sie im Unterricht.

So wie Joachim*. Das Lämpchen neben der eingebauten Laptopkamera leuchtet grün auf. Ein Junge mit braunen Haaren und einer Kette mit Kreuzanhänger um den Hals sitzt in einem Drehstuhl, dessen Lehne über seinen Kopf ragt. Rechts hinter ihm steht ein Bücherregal, auf der anderen Seite kann man eine Dachschräge erahnen. Der Rest des Raumes versteckt sich hinter den Rändern der Skypekamera. Der Klassenraum für die nächsten 30 Minuten, knapp zwei Stunden von der Webschule entfernt.
„Herzlich willkommen“, sagt der 21-jährige Joachim, und dann, völlig aus dem Nichts: „Herbie ist ein Käfer, der ist weiß und hat ein Faltdach. Und der kann ganz schnell fahren.“ Der Jugendliche grinst. „Wie kommst da jetzt drauf, Joachim?“, fragt ihn de Haen, sichtlich verwirrt. „Hab’ ich im Disney Channel gesehen. Herbie der Käfer.“

Joachim ist kein normaler 21-jähriger. Er hat Autismus, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, so wie die meisten von de Haens Schülern. Denn um auf die Webschule gehen zu können, müssen die Kinder und Jugendlichen von der Schulpflicht befreit sein, zum Beispiel mit einem dauerhaften Attest. Vor kurzem hat Joachim die neunte Klasse mit einem 1,9er-Schnitt abgeschlossen. Er liebt es, Musik zu machen, möchte später unbedingt auf eine Musikschule gehen. Nur: Dafür muss er den Realschulabschluss schaffen.

Ein Lehrer für alle Fächer

„Wir machen heute etwas Schwierigeres, aber das kriegen wir hin, oder?“, sagt de Haen und öffnet auf einem größeren Bildschirm rechts neben dem Laptop einen Text: „The Big race“, „Das große Rennen“, so heißt die Kurzgeschichte, passend zu Herbie dem Käfer, bemerkt Joachim. Der Schüler  kann den Text parallel auf seinem Computer öffnen.

Heute ist Englisch dran, erklärt der Lehrer. Fünfmal die Woche hat Joachim Skype-Unterricht bei de Haen, immer nur 30 Minuten am Tag. Montags bis mittwochs hat er die Hauptfächer Deutsch, Mathe, Englisch, an den beiden anderen Tagen wechseln sich Politik, Geschichte, Biologie und Erdkunde ab. Nach dem Unterricht muss jeder Schüler von de Hahn selbstständig an anderen Aufgaben weiterarbeiten.

Der größte Unterschied zu einer Regelschule: Jedes Fach unterrichtet de Haen selbst. Und: Anders als in einer großen Klasse kann kein Schüler seinen Fragen ausweichen und hat die volle Aufmerksamkeit des Lehrers. „Willst du alleine lesen oder mit mir zusammen?“, fragt de Haen. „Zusammen“, antwortet Joachim. Etwas stockend fängt er mit einem starken deutschen Akzent an zu lesen : „Se dey of mei swiming reis was wet and bor-ring“.

Durch Tokio Hotel bekannt geworden

Insgesamt 180 Kinder und Jugendliche unterrichten die Lehrer der Web-Individualschule über Skype, sie alle kommen aus ganz Deutschland, manche sind auch im Ausland. Keiner von den Schülern kommt in einem „normalen“ Regelschulsystem klar: Sie sind zum Beispiel chronisch krank, wurden gemobbt oder haben etwa einen Amoklauf erlebt. Jörn de Haen unterrichtet dagegen ausschließlich Kinder mit Entwicklungsstörungen wie Autismus.

Manchmal sind auch Stars unter den Schülern, wie 2004 die Zwillingsbrüder Tom und Bill Kaulitz von der Band „Tokio Hotel“, die die Schule deutschlandweit bekannt machten. Etwa zwei Jahre hatten sie damals Skype-Schulunterricht, „ihrer Mutter zuliebe“, sagt de Haen, der damals selbst noch gar nicht hier Lehrer war. Er ist eigentlich auch gar kein „richtiger“ Lehrer, zumindest hat er nie Lehramt studiert – so wie auch viele andere Lehrer an der Web-Individualschule. Das Wissen für den Unterricht hat er sich selbst angeeignet. Probleme in irgendeinem der sechs Fächer? „Das hört sich jetzt eingebildet an, aber nein“, sagt de Haen. Und wenn es dann doch mal Probleme gibt, fragt er einfach einen seiner Kollegen.

Fast 20 Jahre war er als Psychologe tätig, hat zehn Jahre lang in Bochum in einer therapeutischen Praxis für Autismus gearbeitet. Irgendwann habe ihn die Arbeit aber nicht mehr glücklich gemacht: „Egal wie gut die Therapie läuft, ohne einen vernünftigen Schulabschluss bringt der therapeutische Erfolg nichts“, sagt er. Um das zu ändern, sei er Lehrer geworden. Das Schulsystem: In seinen Augen zu schnell und zu unflexibel für Jugendliche wie Joachim.

Wenn es leuchtet, ist de Haen im Unterricht: Jeder Lehrer hat so ein „On-Air“-Schild draußen neben der Tür hängen.

Durchs Raster fallen ist teuer

Mittlerweile ist es 08.15 Uhr. Von draußen kommt kein Geräusch in den Raum, obwohl direkt vor dem einstöckigen, langgezogenen Neubau Bagger stehen. Die geplanten 30 Minuten sind schon weit überschritten, normalerweise hätte Jörn de Haen jetzt schon die nächste Schulstunde. Der 8-Uhr-Schüler hat aber gerade Ferien – schließlich wohnen die Schüler in ganz Deutschland verstreut und haben alle unterschiedlich Ferien. Nur de Haen muss trotzdem arbeiten, egal welches Bundesland.

Der Lehrer sitzt zurückgelehnt auf seinem Schreibtischstuhl, die Arme verschränkt, die Beine übereinander geschlagen. „Warum lässt der Erzähler Gordon beim Rennen gewinnen?“, fragt er Joachim. Sie sind noch nicht mit dem Text fertig. „Ist doch egal, wer gewinnt“, antwortet der. Dann gähnt der 21-jährige laut, „`tschuldigung“, nuschelt er. „Bist du müde, Joachim? Oder ist das einfach anstrengend?“, fragt de Haen. „Nee, geht noch.“ Der Lehrer schüttelt den Kopf, schaut Joachim durch die kleine Kamera an: „Du hast dich sehr angestrengt, wir müssen jetzt Feierabend machen“, sagt er, schon zum zweiten Mal. Jetzt gibt Joachim nach. „Hast’ recht.“ Am liebsten würde er weiter machen, damit er irgendwann seinen Realschulabschluss hat und auf eine Musikschule gehen kann. „Bis morgen bei Biologie“, verabschiedet sich der Junge.

Die Webschule ist keine staatlich anerkannte Schule, sondern bereitet nur auf den Förder-, Real- oder Hauptschulabschluss vor. Die Abschlussprüfung wird dann in einer Partnerschule geschrieben. Manchmal kann das Anmeldeverfahren für eine Prüfung aber ganz schön kompliziert sein: Jörn de Haen muss nämlich individuelle Regelungen des Bundeslandes, in dem der jeweilige Schüler wohnt, beachten. Zum Beispiel ist das Mindestalter für die Anmeldung in jedem Bundesland anders, und Vorbereitungsunterlagen müssen in unterschiedlicher Form und Umfang eingereicht werden.

Das wäre einfacher, wenn die Webschule staatlich anerkannt wäre, dann würde alles nach Regelungen des Landes NRW gelten. Seinen Kindern einen Schulabschluss ermöglichen zu wollen, weil sie durch das Raster des Schulsystems fallen, ist außerdem teuer: 830 Euro, so viel kostet die Webschule monatlich. Meistens werden die Kosten vom Jugendamt getragen, so de Haen, aber nicht immer: Joachims Eltern, beides Ärzte, zahlen alles selbst.

600 Kilometer zum nächsten Klassenzimmer

Um kurz nach neun leuchtet das Lämpchen neben der eingebauten Kamera wieder grün auf. Die nächste Unterrichtsstunde beginnt. Der Plan neben dem Laptop zeigt, wer dran ist: „Leon“ und das Unterrichtsthema ist „friedliche Revolutionen“. Das steht in ordentlicher, schwarzer Tinte auf dem karierten Blatt Papier. Leon sitzt fast genau 600 Kilometer entfernt in Bayern in seinem Kinderzimmer. Die Skype-Kamera ist auf die Decke ausgerichtet, deswegen sieht man nur ein Stück von Leon und eine braune Holzdecke. Der Junge hat ein breites Gesicht und blonde Locken, die über seiner Stirn hängen.

Eigentlich müsste Jörn de Haen den Nationalsozialismus mit ihm wiederholen, zumindest wenn es nach dem Lehrplan ginge. Aber er und seine Kollegen müssen sich nicht an den Plan halten – anders als Lehrer an staatliche Schulen. Und sowieso kenne sich Leon sehr gut mit dem Thema aus. Deswegen geht es heute um friedliche Proteste nach Vorbild der schwedischen Schülerin Greta Thunberg.

„Was hast du denn dazu gefunden?“, fragt ihn de Haen. Das war die Hausaufgabe. Leon sucht seine Unterlagen, es scheppert im Hintergrund, dann friert das Bild ein. Das Internet ist weg. Noch so eine Schwierigkeit, mit der eine Webschule kämpfen muss. So etwas passiere häufiger, und das, obwohl die Webschule drei Glasfaserleitungen hat. „Da merkt man erst einmal, wie abhängig wir vom Internet sind“, sagt der Lehrer. Er klickt auf seinem Laptop herum, wechselt den Wlan-Hotspot. Das Bild wackelt kurz, dann ist Leon wieder zu sehen.

„Das habe ich meiner Mutter zu verdanken“

Leon hat das Asperger-Syndrom, eine Variante von Autismus, ist hochbegabt. Nach der Grundschule war er erst auf dem Gymnasium, wurde da aber bereits nach wenigen Wochen auf eine Realschule geschickt. Der Grund: Leon habe sich einfach unter den Tisch gesetzt und seine Ohren zugehalten. „Er ist sehr hörempfindlich, das waren zu viele Reize für ihn“, erklärt de Haen. Damals hätten die Lehrer das als allgemeine schulische Überforderung interpretiert. Nachdem Leon vier Mal die Schule wechselte, landete er auf der Webschule. „Das habe ich meiner Mutter zu verdanken, die hat immer weiter nach einer richtigen Schule für mich gesucht“, erzählt Leon. Denn in Deutschland gilt die Schulpflicht – anders als beispielsweise in den USA, wo die Eltern ihre Kinder auch Zuhause unterrichten können.

„Unsere Aufgabe ist es, dass Kinder theoretisch in ein Schulsystem zurückkehren können.“ 

Jetzt, in seinem ganz eigenen Klassenzimmer, könne Leon sich besser konzentrieren, alles sei „deutlich entspannter“. Nur am Anfang sei es schwierig gewesen, sich selbst zum Lernen zu motivieren: Schließlich gibt es neben den 30 Minuten Skype-Unterricht am Tag noch anderes Material, das Leon und seine Mitschüler selbstständig bearbeiten müssen. Deswegen sollten die Schüler an der Webschule auch schon „Grundlernfähigkeiten“ haben, wie es Jörn de Haen nennt. Kinder im Grundschulalter seien jedoch oft nicht geeignet für Unterricht über Skype. „Unsere Aufgabe ist es, dass die Kinder auch theoretisch in ein Schulsystem zurückkehren können“, sagt de Haen. Und wenn ein Kind zu früh bei der Webschule anfangen würde, wäre genau das nicht möglich – das Kind würde schließlich nichts anderes kennen.

Ein Kampf gegen Behörden

Nicht nur bei Leon wurde das Asperger-Syndrom spät diagnostiziert. Auch Jana, 19 Jahre alt, hat die Entwicklungsstörung, die bei Mädchen generell sehr spät auffällt. „Sie hat einfach nur viel beobachtet und war still, das ist nichts Ungewöhnliches bei Mädchen“, erklärt de Haen. Sie hat starke soziale Ängste entwickelt, kann heute nur ohne Kamera skypen, da sie Angst vor fremden Menschen hat. Mit Jörn de Haen redet sie aber gerne, vertraut ihm. „Soll ich noch Zusammenfassungen machen?“, bietet sie von sich aus am Telefon an. Sie hatte Zeit, sich auf ihren Lehrer einzustellen, weiß, wie er tickt, wie er fragt. Und sie muss sich nicht auf jeden Lehrer neu einstellen – eben, weil sie an der Webschule einen Lehrer für alle Fächer hat.

Und Jana hat auch eine schnelle Auffassungsgabe: „Es gibt kein Fach, in dem sie nicht überdurchschnittlich gut ist“, sagt de Haen, fast bewundernd. Am liebsten würde die 19-jährige ihr Abitur bei Jörn de Haen machen, aber das kann die Schule nicht anbieten: Nach Realschule ist Schluss. Die 20 Lehrer sind dafür nicht qualifiziert genug, und genug Kapazitäten gibt es sowieso nicht. Um die 200 Schüler stehen momentan auf der Warteliste: „Wir müssten weit expandieren, das können wir aber gar nicht alleine bewältigen“, sagt Schulleiterin und Gründerin Sarah Lichtenberger. Zumal die Schule nicht vom Staat gefördert werde. „Das ist für uns ein harter Kampf gegen die Behörden und Ämter.“ Und das, obwohl die Erfolgsquote bei 100 Prozent liegt: Jeder einzelne Schüler hat seinen Schulabschluss mit Hilfe der Webschule bekommen, insgesamt 400 Schüler.

Gleich, um drei Uhr, unterrichtet Jörn de Haen seinen letzten Schüler für heute. Heute waren es nur neun anstatt 15, viele Schüler haben gerade Ferien. Aus einem der Nachbarräume hört man den Skype-Klingelton. De Haen hat seinen Ton auf lautlos gestellt: „In stressigen Wochen merkst du, dass du davon einen Ohrwurm kriegst“, erklärt er und lächelt. Das Lämpchen neben der Kamera wird grün, auf dem Laptop erscheint das nächste Klassenzimmer.

*alle Schülernamen wurden geändert

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