Statt Netflix Moodle-Streaming auf der Couch: Wie digital wir an der TU studieren

Das Foto zeigt einen Laptop mit Moodle, einer Kursplattform an der Uni Dortmund

Bequem von der Couch aus die Vorlesungsfolien auf Moodle anschauen, ganze Vorlesungen per Videostream auf dem Handy abspielen oder während des Seminars ein Quiz mit dem Dozenten veranstalten – das und noch weitere Möglichkeiten bietet die TU Dortmund den Lehrenden und Studierenden. Obwohl wir in einer vermeintlich digitalen Welt leben, nutzen noch nicht alle dieses Angebot. Was tut die TU für die Digitalisierung?

Dr. Klaus Wannemacher forscht zu E-Learning an Universitäten

Digitalisierung ist äußerst komplex und die Möglichkeiten sind umfangreich.  Doch es lohne sich für Hochschulen, diesen Schritt zu gehen, die Qualität könne sich durch eine digitalere Universität verbessern, sagt Dr. Klaus Wannemacher: „Wenn auch nicht in allen Bereichen gleich intensiv, kann die Digitalisierung eine enorme Erleichterung im Bereich Lehre und Lernen bedeuten“. Wannemacher arbeitet beim HIS-Institut für Hochschulentwicklung in Hannover und befasst sich bereits seit 2002 mit dem Einsatz von Blended- und E-Learning an Hochschulen.

In der digitalen Lehre spricht man oft vom sogenannten Blended Learning. Blended Learning bedeutet, dass Präsenzveranstaltungen und E-Learning kombiniert werden. Ein E-Learning-System, mit dem TU-Studenten besonders vertraut sind, ist zum Beispiel Moodle. „Für mehr als ein Drittel der Hochschulen spielt Blended Learning eine wichtige Rolle“, sagt Wannemacher. Das habe eine bundesweite Erhebung ergeben. Deutsche Universitäten haben also Interesse daran, die Präsenzlehre um digitale Elemente zu ergänzen. Wannemacher beobachtet, dass der Bund und die Länder das auch anstreben. „Die digitale Hochschule NRW in Hagen wurde vor anderthalb Jahren gegründet, um die Präsenzlehre im Land zu unterstützen“, erklärt Klaus Wannemacher. Zu den 42 Universitäten, die mit der digitalen Hochschule NRW eine Kooperationsgemeinschaft bilden, zählt auch die TU Dortmund.

Die TU Dortmund und ihre technischen Möglichkeiten

Projektleiter Joshua Grodotzki im Remote Lab der TU Dortmund

Digitale Elemente an der TU Dortmund sind nicht wirklich neu. Neben dem E-Learning-System Moodle nutzen einige Fakultäten auch weitere Möglichkeiten wie Online-Quizze oder VR-Brillen, die ein virtuelles Labor eines Ingenieurs darstellen. Diese Elemente machen die Arbeit für Studierende und Lehrende flexibler, lebendiger und qualitativ hochwertiger. Das bestätigt Joshua Grodotzki vom Institut für Umformtechnik und Leichtbau. Grodotzki ist unter anderem Leiter der zweiten Phase des Projektes „ELLI“ an der TU. Neben einer gesteigerten Lernqualität nimmt er auch eine bessere Atmosphäre in den Vorlesungen durch die erhöhte Motivation und Interaktivität wahr.

Die Lernqualität nimmt deutlich zu, grundlegende Dinge bleiben bei unseren Studis deutlich länger hängen!

ELLI-Projektleiter Joshua Grodotzki

ELLI ist ein Verbundprojekt der Ruhr-Universität Bochum, der RWTH Aachen und der TU Dortmund. Das Projekt läuft bereits seit 2011 und wird noch bis 2020 dauern. ELLI beschäftigt sich besonders mit der Digitalisierung in der Lehre der Ingenieurwissenschaften. Es ist nicht lange her, da hat Joshua Grodotzki selbst Maschinenbau an der TU studiert. 2016 ist er dem Projekt beigetreten und trägt seither zur Digitalisierung der Universität bei. Besonders in dem Bereich der Ingenieurwissenschaften spielen digitale Elemente in der Lehre eine wichtige Rolle. Neben theoretischen Vorlesungen führen die Studierenden auch Online-Experimente durch. Von Zuhause aus können Studierende einige der Experimente durch sogenannte Remote Labs durchführen. In dem Labor sind Live-Webcams installiert, die die Maschinen und Roboter aufzeichnen.

„Über den Computer können die Maschinen ganz bequem von Zuhause aus bedient werden“, erklärt Grodotzki. Die Experimentierhalle befindet sich gleich neben dem Maschinebaugebäude am Süd-Campus der TU. Die Halle ist das Herzstück vom Institut der Umformtechnik und Leichtbau. Neben 3D-Druckern, die größer als die Studenten selbst sind und überdimensional großen Maschinen, befindet sich auch das Remote Lab. Hier sind die Maschinen, Roboter und nötigen Web-Cams installiert.

 

Wadih Yared ist einer der Studenten, die von ELLI profitieren. Er steht um sieben Uhr auf, frühstückt eine Stunde und liest währenddessen in Artikeln und Büchern. Dann arbeitet der Student entspannt seine Aufgaben für das Studium ab: alles von Zuhause aus. Der 26-Jährige studiert Maschinenbau an der TU und ist mit den virtuellen Laboren an seiner Fakultät besonders vertraut. „Wir nutzen die Remote Labs, um zum Beispiel die Standfestigkeit unseres Projekts prüfen zu können“, erklärt er. Wadih erzählt, dass er durch die Digitalisierung in seinem Studiengang eine Menge Zeit spart.

Da wir nicht zwingend körperlich in einer Vorlesung oder dem Seminar anwesend sein müssen, ist man deutlich flexibler.

Maschinenbau-Student Wadih Yared

Wadih erzählt, dass er anderem mit einem Team an der TU an der Entwicklung einer Armprothese für einen Jungen arbeitet. An dem Prothesen-Projekt arbeitet Wadih in Kooperation mit verschiedenen Experten der TU. „Das Projekt zu managen, ist durch die technischen Möglichkeiten an der TU viel einfacher“, erzählt Wadih.

Wadih Yared studiert Maschinenbau an der TU Dortmund

Er wohnt im Studentenwohnheim an der TU. Von dort aus hat er es nicht weit zu den Vorlesungen. Trotzdem sei er sehr viel besser fokussiert. Wadih lässt sich nicht ablenken, kann von Zuhause aus Videos von Vorlesungen schauen und Informationen einfach von der Couch aus nachschlagen. Er arbeitet außerdem als Studentische Hilfskraft und unterstützt den Lehrstuhl für Kunststofftechnologie. Während anderen Studierenden der Zeitdruck einen Strich durch die Rechnung zieht, kann Wadih durch die Flexibilität um 16 Uhr entspannt zur Arbeit gehen. Er ist einer der Studenten, der mit der digitalen Lehre intensiver konfrontiert ist als andere TU-Studenten.

Statt Netflix die Vorlesung von Zuhause aus streamen

Neben ferngesteuerten Laboren nutzt die Fakultät noch weitere digitale Elemente, die andere nicht nutzen. Ein Teil der Vorlesungen von den Ingenieurwissenschaften wird per Video aufgezeichnet und anschließend für die Studierenden auf Moodle hochgeladen. „Für die Professoren besteht im Grunde kaum Aufwand. Die haben ja sowieso immer ein Mikro in großen Sälen“, erklärt ELLI-Projektleiter Grodotzki. Auch wenn es trotzdem Aufwand bedeutet, die Möglichkeit überhaupt anzubieten, lohne sich das Aufzeichnen. Maschinenbaustudenten wie Wadih können das Video stoppen, Notizen machen oder zurückspulen, erzählt Grodotzki. Besonders für Pendler ist es eine gute Möglichkeit, Vorlesungen von Zuhause aus besuchen zu können. Auch die Vereinbarkeit von Familie oder ein Auslandsaufenthalt können dabei eine Rolle spielen.

An der TU haben jedoch nicht alle Studierenden das Glück, an ihrer Fakultät diese Vorteile nutzen zu können. Die Frage, warum das Aufzeichnen von Vorlesungen bisher kein Alltag ist, stellt sich auch Dr. Klaus Wannemacher: „Lernmanagement-Systeme wie Moodle werden oft einfach nur benutzt, um eine PDF-Datei zu hinterlegen, ohne daraus mehr zu machen. Viele Systeme könnten eigentlich viel mehr. Es wird in der Breite nur nicht so eingeführt“, sagt Wannemacher. Auch an der TU Dortmund kann man dies bisher beobachten – besonders am Umgang mit Moodle.

Angst vor Digitalisierung?

Wannemacher beobachtet einen „recht schleichenden Prozess“ an deutschen Unis: „Der Fortschritt der Digitalisierung an einzelnen Universitäten hängt von strategischer Förderung durch die Hochschulleitung und dann von den einzelnen Lehrenden ab.“ Der Digitalisierungprozess sei auf das Engagement Einzelner angewiesen. Besonders Dozenten und Professoren müssten Motivation haben, sich neu auszuprobieren. Sie müssten überzeugt sein und ihre Ängste ablegen.

Der Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden kann vor allem in Massenveranstaltungen verbessert werden, glaubt Wannemacher. Durch das Internet ist es dem Dozenten ohne große Umstände möglich, sofortiges Feedback von den Studenten einzuholen. Dabei verwendet man zum Beispiel spielerische Elemente. Diese Methode nennt sich „Game-Based Learning“. Projektleiter Grodotzki erzählt, dass einige Lehrende der Ingenieurwissenschaften auch die Smartphone App „EduVote“ mit Studierenden benutzen. Während der Vorlesungen im Hörsaal stellt der Dozent dann per EduVote-App Fragen mit Beispielsweise vier  Antwortmöglichkeiten an die Studierenden. Da beinahe jeder Student ein Smartphone hat, kann die Vorlesung dadurch lebhaft und spannend gestaltet werden. „Man kann sich das ein bisschen wie bei Wer Wird Millionär vorstellen“, sagt Joshua. Der Dozent übernimmt dann kurzerhand die Rolle von Günther Jauch und die Studierenden die des Publikumsjokers.

Doch die Möglichkeitein von Game-Based Learning werden nicht unbedingt in jedem Hörsaal eingesetzt. Einige Dozenten halten ihre Vorlesung möglicherweise zum fünften Mal in Folge. Jedes Semester dieselbe Struktur. „Was sich bewährt hat, werden viele erst einmal so weiterführen“, sagt Wannemacher. Er erklärt dieses Zurückschrecken vor Neuem mit dem Fehlen des nötigen Fachwissen. Bevor sich ein Professor von seiner Vorlesungsstruktur lösen kann und möchte, brauche es viel Zeit und Hilfestellung. „Die Uni muss außerdem die Infrastruktur technisch anpassen und ausweiten. Auch in der Hochschuldidaktik muss das durchdacht werden. Die Datenschutzprüfung darf nicht vergessen werden, und Urheberrechtsfragen. Es gibt viele Ebenen“, sagt Wannemacher.

Der Weg ist noch weit

Die TU Dortmund bestätigt auf Anfrage von KURT, dass sie an verschiedensten Stellen für die Digitalisierung arbeitet. Eine wirkliche Strategie, bis zu einem bestimmten Datum die „perfekte“ digitale Uni errichtet zu haben, verfolgt die TU Dortmund aber nach eigener Aussage nicht. Auch stehe das Thema Digitalisierung auf der Agenda der TU nicht an erster Stelle. Neben dem Projekt ELLI verfolgt die TU noch weitere Konzepte um die Lehre zu digitalisieren:

Unzählige kleine sowie komplexe Projekte zeigen, dass die TU Dortmund sich neuen technischen Möglichkeiten gegenüber offen zeigt. Trotz allem gehört mehr zu einem digitalen Wandel an der Universität. Besonders auf das Engagement einzelner Personen kommt es an, wie Wannemacher bereits feststellt. Auch Grodotzki denkt, dass „mit der digitalen Lehre recht stiefmütterlich umgegangen wird.“ Wenn sich intensiver der Frage gewidmet würde, wie man gut Lehren kann, erkenne man schnell, dass „auch digitale Lehre zu einer guten Lehre dazugehört“, sagt Grodotzki. E-Learning-Experte Wannemacher weiß, dass es zur digitalisierten Universität ein langer Prozess ist. „Trotz vieler Initiativen darf man die Erwartung nicht zu hoch schrauben“, sagt er. „Man muss das in der langen Perspektive betrachten. Die Digitalisierung an Universitäten ist ein umumkehrbarer Prozess, der jedoch nicht in fünf Jahren abgeschlossen sein wird.“

In wie vielen Jahren dieser Prozess an der TU Dortmund abgeschlossen sein wird, bleibt offen. Die Universität setzt sich in verschiedenen Bereichen für die Digitalisierung ein. Durch Projekt-Kooperationen mit anderen Universitäten oder Unterstützungen durch das Land konnten bereits einige Konzepte an der TU verwirklicht werden. Die Geschwindigkeit des Prozesses, die Lehre im Gesamten digitaler zu gestalten, hängt nun vom Engagement einzelner ab. Es bleibt abzuwarten, wie viele Jahre es dauern wird, bis alle Studierende und Lehrenden von der Digitalisierung profitieren werden.

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