Driving home for Christmas – das Reiseerlebnis mit der Bahn

„Bitte beachten Sie: aufgrund einer technischen Störung…“ – der Rest des Satzes ist wohl bekannt. Jeder, der in der Weihnachtszeit mit der Bahn nach Hause reist, kann seine eigene persönliche (Leidens-)Geschichte erzählen. Dabei hat die Bahn eigentlich ein bisschen mehr Verständnis verdient. Eine Glosse.

Oh Deutsche Bahn,

die du uns alle zuverlässig an Weihnachten nach Hause bringst, die du zu leiden hast unter unzähligen Reisenden, die nicht mal um die Ecke denken, die einfach ohne fundiertes Wissen deine Organisationskompetenz infrage stellen, die soziale Netzwerke und Leserbriefe jedes Jahr mit den gleichen hasserfüllten Anschuldigungen überfluten und die im Kampf mit unzähligen anderen schwitzenden Leibern, Gepäck-Stolperfallen und Rammbock-Rucksäcken um die besten Stehplätze nur noch sich selbst die Nächsten sind,

dir gilt mein Mitleid.

Du schenkst uns Zeit

Denn in Wahrheit bist du ein zutiefst missverstandenes Unternehmen, hast du doch als einziger Konzern wirklich verstanden, was deine Kunden an Weihnachten brauchen. Dein selbstloser Einsatz ist in der Tat ehrenwert. Da sei dir auch die ein oder andere Betriebsstörung verziehen, die das exklusive Reiseerlebnis deiner Gäste kostenlos verlängert, denn darum geht es doch an Weihnachten – einander Zeit schenken.

Bei einer Mußestunde inmitten der winterlichen Landschaft bringst du die hektische Bevölkerung zur Besinnung und gibst ihr Zeit zur Selbstreflexion. Oder am eisigen Bahnsteig, wo der allgegenwärtige Groll über eines deiner verspäteten Transportmittel ein Gemeinschaftsgefühl nie gekannter Größe schafft; wo Menschen plötzlich ein gemeinsames Gesprächsthema haben, ja, sogar anfangen, miteinander zu reden, da die erfrorenen Gliedmaßen es ihnen unmöglich machen, sich pausenlos mit dem Smartphone zu beschäftigen.

Du verbindest – nicht nur infrastrukturell. Du verstehst es, Menschen zusammenzubringen, und erachtest auch innerhalb deiner Gefährte die Nächstenliebe als höchstes Gut. Dir wird vorgeworfen, dass das Gruppenkuscheln bisweilen etwas erzwungen wirkt, doch sind wir mal ehrlich: keine Partnerbörse der Welt fördert den zwischenmenschlichen Kontakt so intensiv, wie eine Reise unter deiner Obhut – und das auf allen Sinnesebenen. Nirgendwo lässt sich so schnell feststellen, ob man jemanden „riechen kann“ oder nicht. Und das in wohliger Atmosphäre, denn an Heizkosten sparst du ausnahmsweise nicht.

Du hältst uns fit

Und auch sonst gibst du alles für deine Kunden. Gerade noch rechtzeitig wirfst du bei den Tarifverhandlungen mit Friedensangeboten um dich und sicherst deinen Fahrgästen die Heimreise an Weihnachten. Und die wissen deine Zuverlässigkeit nicht einmal zu schätzen. Stattdessen beschwert sich die luxusverwöhnte Gesellschaft über jede Minute, die nicht auf dem Hosenboden verbracht wird, jede Treppe, die zu Fuß erklommen werden muss und jeden schmerzenden Muskel vom Ringen mit unnötigen Gepäckstücken.

Dabei reagierst du doch nur schneller als jeder Politiker auf Probleme und leistest deinen eigenen Beitrag zu Deutschlands Gesundheitsförderung. Dem chronischen Leiden des schreibtisch- und bürostuhlgeplagten Volkes versuchst du entgegenzuwirken, indem du systematisch Sitzplatzreservierungen streichst. Und deine konsequente Weigerung, Rolltreppen instand zu halten, hat auch nur einen Grund – eine Studie der WHO, dass Deutschland sich zu wenig bewegt.

Behauptet also jemand, du hättest nötige Investitionen verpasst, vermittelt er ein völlig falsches Bild von dir – denn eigentlich bist du ein Betrieb, der mit der Zeit geht. Da kann sich die Weihnachtsindustrie ruhig noch eine Scheibe abschneiden. Schließlich sind deine Sparpreise für Dezember schon weg, wenn die Keksfabrikanten erst auf die Idee kommen, ihre Lebkuchen in den Supermärkten anzubieten. Wenn jetzt noch irgendjemand deine Pünktlichkeit anzweifelt, dann hat er dein Reiseerlebnis für 80 Euro Plus quer durch Deutschland auch wahrlich nicht verdient.

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