„Wenn man einfach nicht gehen möchte“ oder auch: „der Brexit“

Der Brexit. Ein Phänomen. Eine Ära. Ein Witz? Was viele vermutlich gar nicht auf dem Schirm haben: der Grundstein für den Brexit wurde schon 2013 gelegt. Mittlerweile sechs Jahre her. Nach dem EU-Referendum 2016 hatten die Briten zwei Jahre Zeit, um den Brexit vorzubereiten. Über ein Jahr lang gab es in Großbritannien heftige Verhandlungen. Das Ergebnis: Der Brexit muss verschoben werden. Und das nun schon zum zweiten Mal. Und was soll ich sagen, ich bin nur noch genervt. Die für mich einzige relevante Frage zum Brexit-Chaos: Wann hat das Drama ein Ende? Eine Glosse.

51,9 Prozent. Würde es in Großbritannien regelmäßig eine Zahl des Jahres geben, dann wäre 51,9 DIE Zahl für 2016. Denn am 23. Juni 2016 stimmten 51,9 Prozent FÜR einen EU-Ausstieg. Ein Schock. Der 23. Juni wurde in einigen Medien sogar als „Independence Day“ bezeichnet – offensichtlich eine Anspielung auf den gleichnamigen Blockbuster. Sehr treffend wie ich finde. Und spätestens seit diesem Tag gibt es in den Nachrichten gefühlt nur noch ein Thema: Der Brexit. Nettes Wortspiel.

Und Apropos Wortspiel! Der Brexit bietet seither eine grandiose Basis für neue Witze und amüsante Tweets. Hier nur mal eine kleine Auswahl:

 

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Ich glaube ich habe noch nie einen passenderen Spruch als den Letzten gelesen. Und wenn wir jetzt mal ganz ehrlich sind, so richtig blickt ja wirklich keiner mehr durch das Brexit-Chaos. Man hört einfach nur Brexit hier – Brexit da und denkt: Bitte.Nicht.Schon.Wieder. Pünktlichkeit ist eben nicht für jedes Land etwas. Das zeigen auch die Schlagzeilen Anfang des Jahres. Am 20. März 2019 hieß es: Theresa May bittet um einen Aufschub des Brexits. Okay, dass man sich nicht direkt an einen Zeitplan halten kann, ist ja in Ordnung. Passiert eben. Dann aber die nächste Schlagzeile am 11. April 2019: Der Brexit wird auf den 31. Oktober 2019 verschoben. Vielleicht wird ein endültiger Brexit dann ja DER Halloween-Schock schlechthin. Würde zumindest in Erinnerung bleiben. Das hätten sich die Briten doch alles auch vorher überlegen können oder? Jetzt zu sagen: Mimimi wir schaffen das nicht, weil wir uns nicht einigen können?! Vielleicht probiere ich das bei meiner nächsten Abgabe in der Uni auch mal: Sorry, ich muss das jetzt noch ein Jahr lang korrigieren. Wusste ja nicht, dass das so schwierig wird. Wo gibt es denn sowas?

Gegen den Brexit waren ja sogar die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD im letzten Jahr ein Witz. Was ist denn bitte auch ein halbes Jahr nettes Quatschen am Abend gegenüber sechs Jahren Diskussion? Und wer jetzt den letzten Satz nochmal lesen muss, um zu gucken, ob da wirklich sechs Jahre steht, der wird auch beim zweiten Mal keine andere Zahl lesen. Vor ganzen sechs Jahren, also 2013, hat das Brexit-Drama angefangen, weil, und das finde ich persönlich sogar echt witzig, der britische Premierminister David Cameron mit einem EU-Referendum im Juni 2016 Druck auf die EU ausüben wollte und sich sicher war, dass die Briten ja eh in der EU bleiben wollen. Ups, da hat sich aber jemand richtig verkalkuliert. Shit happens würde ich sagen. Ein EU-Referendum als Mittel zum Zweck, um unter anderem seine Migrationspolitik durchzusetzen war rückblickend eine Entscheidung, die er sicherlich bereut. Der in den Medien liebevoll als „Vater des Brexit-Chaos“ bezeichnete Cameron sitzt vermutlich jetzt mit Fish and Chips vorm Fernseher und lacht sich kaputt. In einem Bericht aus der Wirtschaftswoche steht, dass Cameraon mittlerweile als Wirtschaftsberater arbeitet und ordentlich kassiert. Da denkt sich die restliche Bevölkerung doch sicherlich auch nur #dankefürnichts.

Naja und dann gibt es ja auch noch die liebe Theresa May. Mittlerweile die „Freiheitsstatue“ des Brexits. Die Anführungszeichen kommen erst weg, wenn Großbritannien dann wirklich aus der EU ausgetreten ist! Jedenfalls ist May ja tatsächlich eine Frau, die wirklich hartnäckig ist. Und wenn das jemand in den letzten Monaten gespürt hat dann Donald Tusk, der Präsident des europäischen Rats. „Donald Tusk trifft Theresa May“ – die Schlagzeile vom 8. September 2016, 6. April 2017, 26. September 2017, 17. November 2017 und noch vielen weiteren Tagen. Da erinnert mich der Brexit irgendwie an Warteschleifenmusik: Bei kurzen Pausen denkt man, dass es endlich weitergeht und doch wiederholt sich alles nur. Da kann man Tusk nur zustimmen: „Ich denke manchmal darüber nach, wie der besondere Platz in der Hölle für jene aussieht, die den Brexit vorangetrieben haben, ohne auch nur die Skizze eines Plans zu haben, ihn sicher über die Bühne zu bringen.“

Aber eine gute Sache hat der Brexit ja. Mein Wortschatz hat sich um ein weiteres praktisches und vermutlich häufig anwendbares Wort erweitert: „to brexit“ – „sich verabschieden aber nicht gehen“. Ein Wort, dass die Deutschen vielleicht besser unter „seehofern“ kennen.

 

 

 

 

 

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