Es geht nicht mit, es geht nicht ohne – Hassliebe WhatsApp

Wer ein Smartphone besitzt, der hat auch mit großer Wahrscheinlichkeit den Instant-Messaging-Dienst WhatsApp darauf installiert. Der grüne Messenger ist trotz der Ankündigung von Werbeeinblendungen und dem Datenskandal bei drei von vier Deutschen auf dem Handy zu finden. Nun erschüttert eine erneute Sicherheitslücke in der Anruffunktion von WhatsApp, durch die Hacker eine Überwachungssoftware auf die Smartphones installieren konnten, den Messenger-Riesen. Trotzdem wird das an WhatsApps Image und Nutzerzahlen wenig ändern, glaubt Kurt-Reporter Janis Czymoch.

Als die beiden WhatsApp-Gründer Jan Koum und Brian Acton die Plattform 2009 starteten, versicherten sie den Nutzern einen Dienst ohne Werbung, der die Privatsphäre der Menschen wahrt. Beide haben das WhatsApp-Team nach der Übernahme durch Facebook mittlerweile verlassen. Facebook hatte WhatsApp 2014 für rund 19 Milliarden Dollar gekauft. Mit der Übernahme kippte der Social-Media-Gigant Schritt für Schritt die Unternehmensphilosophie, die Koum und Acton ursprünglich verankert hatten. Denn entgegen aller Vereinbarungen entschied sich Facebook 2016, in vielen Ländern einen Datenabgleich zwischen dem Online-Netzwerk und dem Messenger durchzuführen. Personenbezogene Daten waren somit nicht mehr vollkommen sicher und das, obwohl der Konzern bei der WhatsApp-Übernahme 2014 noch getönt hatte, dass dies nicht passieren würde. Ein großes Ärgernis, was den Nutzerzahlen jedoch keinen Einbruch bescherte. Ganz im Gegenteil:  von Februar 2016 bis Januar 2018 stieg die Anzahl der monatlich aktiven Nutzer von WhatsApp weltweit von einer Milliarde auf 1,5 Milliarden Nutzer an.

Der nicht zu unterbindende Datenaustausch mit Facebook ist aber längst nicht der einzige Grund, warum WhatsApp seit Jahren negative Schlagzeilen macht. WhatsApp-Geschäftsführer Matt Idema hatte im vergangenen Jahr in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur angekündigt, dass ab Anfang 2019 Schluss mit der werbefreien Zeit bei WhatsApp sei. Demnach haben Firmen seit diesem Jahr die Möglichkeit im „Status“- Bereich Werbung zu schalten. Um gezielt Werbung auszuspielen, musste Facebook die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in den WhatsApp-Chats anpassen. Wegen der schlechteren Verschlüsselung hat das soziale Netzwerk deswegen die Möglichkeit, zumindest theoretisch, auf Chat-Inhalte zuzugreifen.

Auch der aktuellste Fall, bei dem Hacker eine Überwachungssoftware auf die Smartphones einiger Nutzer installieren konnten, wirft ein negatives Bild auf den Messaging-Dienst. Über eine Sicherheitslücke in der Anruffunktion von WhatsApp ist es, laut „Financial Times“ und des Blogs „TechCrunch“, zu dem Angriff gekommen. Dahinter wird der israelische Spionage-Werkzeughersteller NSO vermutet. Die Sicherheitslücke konnte laut Konzern zwar relativ schnell geschlossen werden, ein fader Beigeschmack bleibt trotzdem. All dieser Skandale zum Trotz, ist WhatsApp im Jahr 2019 mit Abstand der Messenger mit den meisten aktiven Nutzern. Selbst im Ranking der größten sozialen Netzwerke steht WhatsApp mit 1,5 Milliarden monatlich aktiven Nutzern auf Platz drei und muss sich nur von Facebook und YouTube geschlagen geben und daran wird sich wohl in naher Zukunft auch nichts ändern. WhatsApp profitiert nach wie vor von seinem First-Mover-Vorteil gegenüber anderen Messenger-Unternehmen – sie waren ganz einfach die ersten auf dem Markt!

Ich erinnere mich noch gut an Zeiten als ich SMS über kostenfreie Internetseiten an Freunde verschickt habe – 160 Buchstaben, von denen man die Domain „gesendet von Freesms.de“ noch abziehen musste, standen einem zur Verfügung. Bei längeren Nachrichten musste man auf eine andere der unzähligen Free-SMS-Seiten zurückgreifen, denn es gab nur eine SMS pro Tag. Als WhatsApp dann auf dem Markt auftauchte, änderte das die Kommunikation grundlegend. Teure SMS schreiben gehörte genauso der Vergangenheit an wie der Zwang zu warten, bis man Zuhause vor dem Rechner sitzt, um über Chatprogramme wie ICQ, SchülerVz oder Facebook mit Freunden zu kommunizieren. Unterwegs im Bus, in der Schule oder beim Einkaufen, alle die ein Smartphone mit WhatsApp haben, können miteinander kommunizieren. Ob Nachrichten, Bilder oder Videos hin und her schicken – WhatsApp war der erste Messenger, der sich auf den Smartphones durchgesetzt hat und somit die SMS ablöste. Andere Messenger-Dienste wie Snapchat, Telegram oder Viber, die irgendwann folgten, kamen einfach zu einem Zeitpunkt, an dem sich WhatsApp längst verbreitet hatte. Der Rückstand konnte von der vermeintlichen Konkurrenz nie aufgeholt werden. Natürlich kann man auf Snapchat oder Viber auch super miteinander chatten, aber leider nutzt diese Messenger in Deutschland kaum jemand. Einzig WeChat mit monatlich knapp einer Milliarde aktiven Nutzern und QQ mit etwa 800 Millionen kommt ansatzweise an WhatsApp heran – beide sind allerdings nur auf dem asiatischen Markt erfolgreich und in Deutschland nahezu unbekannt.

Kann sich Facebook alles erlauben, ohne dass WhatsApp-Nutzer dem Messenger den Rücken zukehren? Ja Facebook kann genau das!

Eine Umfrage unter Internetnutzern hat ergeben, dass unglaubliche 98 Prozent der 14 – 19-jährigen Befragten, den Instant-Messaging-Dienst nutzen, bei den 20 – 29-jährigen sind es 93 Prozent. Selbst unter der Generation, die nicht als Digital Natives bezeichnet werden, haben bei den über 60-jährigen die Hälfte der befragten WhatsApp auf ihren Smartphones.

Wer sich also dazu entscheidet, aufgrund der zahlreichen Skandale rund um WhatsApp den Messenger zu wechseln, steht isoliert da. In meiner Kontaktliste haben von 250 Nummern insgesamt 196 WhatsApp. Als ich mir jetzt wegen der erneuten Sicherheitslücke Telegram runtergeladen habe, musste ich feststellen, dass gerade noch 28 Kontakte übrig blieben. Es ist also eine Art Gruppenzwang, der uns dazu verleitet, dass wir trotz der vielen Skandale dem grünen Messenger treu bleiben. Ist das unverständlich? Nein, auf keinen Fall! Man muss nicht bei einem israelischen Spionage-Werkzeughersteller angestellt sein um mitzubekommen, wer uns heutzutage alles ausspioniert. Das hat nichts mit Hang zu Verschwörungstheorien zu tun, sondern ist dank internationaler Geheimdienstskandale, ein offenes Geheimnis. Einmal „Handy abhören“ bei Google in die Suchleiste getippt, und ich bekomme eine perfekte Anleitung, wie ich mein Handy zur Abhörwanze umfunktioniere – und auch wenn es wie einer klingt, ist das leider kein Scherz. Wenn es WhatsApp gerade gelungen ist die Sicherheitslücke in ihrem System zu schließen, öffnet sich in einer anderen App vielleicht gerade eine neue. Und es ist auch nicht WhatsApp alleine zu verdanken, dass ich, nachdem meine Freundin mir von ihrem neuen Glätteisen erzählt, auf einmal Werbung für Haarglätter angezeigt bekomme.

Das Image von WhatsApp wird sich so schnell nicht ändern und die Nutzerzahlen wohl eher noch nach oben gehen. Zurzeit ist WhatsApp einfach noch zu alternativlos auf dem deutschen Markt. Und seien wir doch mal ehrlich zueinander: Für einen zuverlässigen Messenger, der alle miteinander verknüpft, sind wir doch bereit Kompromisse einzugehen und über die Skandale der Vergangenheit hinweg zu sehen. Oder etwa nicht?

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