„Solange Prostitution legal ist, gibt es keine Gleichberechtigung in Deutschland“

Femen-Aktivistinnen Hellen Langhorst (l.) und Klara Martens (r.) auf einem Gemälde der Femen-Aktivistin Jenny A Wenhammar.

Im zweiten Teil des KURT-Interviews sprechen die Femen-Aktivistinnen Hellen Langhorst und Klara Martens über ihre Ziele, politischen Einstellungen und ihren Umgang mit Hasskommentaren.

Welche Ziele habt ihr euch ganz persönlich gesteckt, die ihr mit eurem Engagement bei Femen erreichen wollt?

Klara: Ich hätte gerne, dass wir in Deutschland das Nordische Modell in Sachen Prostitution haben. Da heißt, dass es Freierbestrafung gibt, dass Prostitution aber nicht kriminalisiert ist, aber man einfach eine andere Handhabe hat. Wir gehen da einen Sonderweg in Deutschland. Überall drum herum gibt es Freierbestrafungen und es läuft super. Diese ganzen komischen Argumente, Vergewaltigungen würden steigen – das sehe ich alles nicht. Ich sehe auch nicht ein, dass irgendwelche Frauen dafür geopfert werden müssen, dass alle anderen sicher sind. Da muss man sich an die Vergewaltiger wenden und nicht sagen: „Okay, dann haben wir eben ein paar Prostituierte, die das abfangen.“ Das wäre mein nächstes schönes Ziel, wenn wir in Deutschland das Nordische Modell erreichen würden.

Das Nordische Modell
Unter dem Nordischen Modell versteht man eine gesetzliche Regelung, die Prostitution bekämpfen soll. Zentrales Element ist hier das sogenannte Sexkaufverbot oder die Freierbestrafung. Das bedeutet, dass die Sexkäufer bestraft werden – nicht die Prostituierten. Das Sexkaufverbot findet bereits in einigen nordischen und skandinavischen Ländern – wie beispielsweise Schweden, Norwegen oder Island – Anwendung.

Hellen: Für mich ist das auf jeden Fall auch das Nordische Modell und die Lohngleichheit für Frauen. Und dass Frauen sich allgemein sicherer fühlen.
Klara: Ich habe noch ein Thema: Abtreibungen in Deutschland sollten legal werden. Dass das noch nicht legal ist, ist doch eine Frechheit!
Hellen: Da fragt man sich, wer dahintersteckt. Warum? Für mich ist das alles in einem einfach unlogisch. Und dann auch noch diese fünf Millionen für Jens Spahn, um die psychischen Folgen von Abtreibungen zu untersuchen…
Klara: So oder so haben Frauen bei dieser Studie verloren, egal was rauskommt.

Das ist #Spahnsinn Warum schickst du Frauen durch die Hölle? Hölle, Hölle, Hölle! Eiskalt sind dir #Frauenthemen egal! Das ist #Spahnsinn du spielst mit unseren Gefühlen! fühle fühle fühle Deine Studie gehört längst auf den Müll! Müll, Müll SondermüllDoch wir wissen was wir wollen! Frauenrechte!!! Mit diesem umgedichteten Schlagersong und 2 Säcken gefüllt mit niedergeschriebenen Vorschlägen für was die 5 Millionen Euro weitaus sinnvoller verwendet werden können, überraschten zwei Aktivistinnen den Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf einem Dorffest in Schleswig Holstein. Spahn wurden vor einigen Wochen 5 Millionen Euro für eine Studie zur psychischen Belastung nach Abtreibungen vom Bundeskabinett bewilligt. Doch was gedenkt er mit dieser zu erreichen? So oder so kann diese Studie Frauen nur zu ihrem Nachteil ausgelegt werden. Kommt dabei heraus, dass eine Abtreibung eine psychische Belastung mit sich bringt, kann dies als Vorwand genutzt werden, um Abtreibungen weiterhin zu verbieten oder den Zugang darauf noch weiter einzuschränken. Kommt heraus, dass der Großteil der Frauen keine nennenswerten psychischen Probleme nach einer Abtreibung hat, kann die Studie so ausgelegt werden, dass Frauen Abtreibungen zu locker sehen und man den Fötus vor ihrer Entscheidung schützen muss. Gewinner dieser Studie sind in jedem Fall die Abtreibungsgegner und selbsternannten Lebensschützer. Frauen werden beim Thema Abtreibung (weiterhin) behandelt als wären sie unmündige Bürgerinnen, entweder muss man(n) einen Fötus vor ihnen schützen oder man(n) muss sie vor sich selbst schützen. Nur so lässt es sich auch erklären das sich mit der „Reform“ von §219a so gut wie nichts ändert. Noch immer bestimmen Männer über unseren Körper und unsere Rechte. Wir schlagen vor, dass mit den 5 Millionen lieber die psychischen und physischen Folgen eines Abtreibungsverbots untersucht werden. Oder die negativen Folgen, die ein Gesundheitsminister wie Jens Spahn, verursacht.Nach Bekanntwerden dieser frauenfeindlichen Studie gab es von vielen feministischen Seiten Protest. Die Bloggerin @NikeJane startet eine Petition auf change.org https://www.change.org/p/hallo-jensspahn-5-mio-sollten-in-hilfe-fließen-nicht-in-hass-wasfürnspahn?recruiter=935844043&utm_source=share_petition&utm_medium=email&utm_campaign=share_email_responsive&recruited_by_id=0cdc2910-2ec9-11e9-a102-2f29527a5a66Diese Petition konnte bis jetzt 83 tausenden Unterstützer mobilisieren. Auf den sozialen Netzwerken von Jens Spahn gibt es mit den #spahnsinn, #wasfüreinspahn, #5millionenspahnsinn etliche Kommentare und Vorschläge für eine nützliche Verwendung der 5 Millionen Euro. Jens Spahn ignoriert jedoch eiskalt alles bezüglich dieses Themas. Noch viel schlimmer, es verschwinden Kommentare von seiner Seite und es gibt bis heute keine öffentliche Stellungnahme seitens Spahns. Dieses Verhalten von einem Gesundheitsminister ist hochgradig peinlich und undemokratisch. Aus diesem Grund haben wir ihn persönlich aufgesucht und ihm stellvertretend für alle protestierende Frauen die Vorschläge auf den Tisch gelegt . Jens Spahn, du kannst uns nicht alle ignorieren! Es freut uns zu hören das ihre eigenen Homosexualität ihnen dabei hilft, sich für die Rechte von Lesben und Schwulen einzusetzen, aber warum fällt es ihnen so schwer Frauen selber entscheiden zu lassen, ob sie abtreiben wollen oder nicht? Mit Aussagen wie etwa, „die Pille danach ist kein Smartie!“, wird ihr respektloses Verhalten Frauen gegenüber deutlich. Hier nochmal eine kleine Auswahl der Vorschläge in welche Bereiche das Geld besser investiert werden könnte:Für die Ausbildung von FrauenärztInnen, für Hebammen, Pflegekräfte und Geburtshilfe, für Opfer von sexueller Gewalt und Missbrauch, für den niederschwelligen Zugang zu Informationen, Beratungsstellen und (ärztlicher) Hilfe für Frauen in Konfliktsituationen oder für den Kampf gegen Kinderarmut, für die Unterstützung von Alleinerziehenden, für die psychologische Betreuung von ungewollten Kindern und Müttern, die niemals welche werden wollten, für mehr Aufklärung oder die Pille für den Mann?!Zu dem fordern wir Sofortige Streichung des § 219a stgb !Sofortige Streichung des § 218 stgb !Einführung der Fristenlösung , wie im Rest von Europa !Abbruch der Studie von psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen und Investitionen in ein Bereich welcher Frauen wirklich weiterhilft!

Gepostet von FEMEN Germany am Freitag, 12. April 2019


Lasst uns noch einmal auf das Thema Prostitution eingehen. Warum ist euch dieses Thema so wichtig? Ich werdet ja auch durchaus für euer Engagement in diesem Bereich kritisiert.

Wer profitiert wirklich vom Deutschen Prostitutionsgesetz? Bestimmt nicht die Frauen!

Klara: Da kommen wir halt auch her.
Hellen: Was einmal klargestellt werden muss, ist, dass wir immer für die Prostituierten sind. Wir müssen anfangen, den Fokus auf die Freier, auf die Sexkäufer zu legen und nicht immer auf die Prostituierten. Dieser Markt wird geschaffen von den Freiern. Es ist ein Markt, der von Männern für Männer geschaffen ist, wo die Frau als Dienstleisterin beziehungsweise Ware gehandelt wird. Wir müssen uns das System angucken.
Klara: Wer profitiert wirklich vom Deutschen Prostitutionsgesetz? Bestimmt nicht die Frauen!
Hellen: Mit welchen Bereichen ist das Thema Prostitution noch ganz eng verknüpft? Was hat das auch mit Sextourismus zu tun? Was hat das für eine Ausweitung auf die gesamte Frauenwelt? Wir sind für die Rechte der Prostituierten und genau deswegen auch für das Nordische Modell! Da hat die Prostituierte so viele Rechte, wie sie noch nie hatte. Sie kann entscheiden, ob sie sich prostituieren möchte. Wenn sie das möchte, kann sie das tun. Aber wenn ihr Gewalt angetan wird oder wenn sie nicht mehr will, hat sie die Chance zur Polizei zu gehen und die stehen hinter ihr. Und das soll mal in Deutschland passieren. Wir haben hier so eine Dualität: Wir sagen immer, wir sind für die Prostituierten. Aber was wird denn wirklich für sie getan?
Klara: Gar nichts! Wer hat am Ende etwas von unserem Prostitutionsgesetz? Nur die Freier und Zuhälter. Zuhälterei ist in Deutschland legal, wenn du ihr nicht mehr als 50 Prozent wegnimmst. Wo leben wir denn? Auf YouTube gibt es Videos, in denen sich kleine Boys hinsetzen und erklären, wie man jetzt in Deutschland legal Zuhälter sein kann. Das schafft unser Prostitutionsgesetz! Für wen machen wir das? Damit diese Männer die Freiheit haben, Frauen so zu degradieren und zu benutzen?
Hellen: Wir vergessen bei dieser ganzen Debatte auch: Natürlich gibt es die Sexworkerinnen, die ihre eigene Meinung haben und ihre eigenen Rechte und die auch dafür einstehen. Aber was ist mit den ganzen Frauen, die nicht diese Chance haben, die nicht einmal deutsch sprechen und nicht einmal ihren Pass haben? Warum vergessen wir diese große andere Hälfte? Das ist natürlich ein Bereich, der schwer zugänglich ist. Ich habe das Gefühl – aus der langen Auseinandersetzung im persönlichen und im politischen Umfeld – dass die Leute Angst haben, sich weiter damit auseinanderzusetzen, weil sie dann auch genau diese Dunkelheit und Grausamkeit darin sehen. Deswegen sagen auch viele Ja zur Prostitution, weil sie es nicht ertragen würden, zu sehen, was da alles hinter steckt.
Klara: Es würde doch kein junger Mensch sagen: „Ich bin voll für Kapitalismus, weil ein Prozent richtig gut davon lebt.“ Aber bei Prostitution sagen wir: „Ein Prozent der Prostituierten ist für Sexwork, die macht das richtig gerne.“ Das kann sie im Nordischen Modell auch weiterhin tun, darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass der Großteil das eben nicht gerne und freiwillig macht. Darum, dass der Großteil aussteigen würde, wenn er die Option dazu hätte – wenn Frauen anders gefördert werden würden.
Hellen: Ich muss auch sagen – aber das ist auch eine persönliche Meinung: Ich bin in der Nähe von Hamburg aufgewachsen und habe auch direkt auf dem Kiez gewohnt. Dass Männer 24/7 die Option auf Sex haben mit jungen Frauen, dass es Geld gibt und dann passiert das – das ist etwas, das für mich gegen Gleichberechtigung spricht.
Klara: Ich denke, solange Prostitution legal ist, gibt es keine Gleichberechtigung in Deutschland. Männer werden einfach weiterhin diesen Blick haben, dass Frauen Prostituierte für sie sind. Wenn eine käuflich ist, könnten es ja alle sein. Wenn du dann nicht willst, dann kann ich mir ja noch eine andere kaufen. Die Männer müssen sich gar nicht mehr mit der weiblichen Lust auseinandersetzen.

Anfeindungen und Unterstellungen haben mich am Anfang sehr verletzt

Ihr bekommt ja auch viel Gegenwind. Wie geht ihr mit Kritik oder sogar Anfeindungen um?

Hellen: Konstruktive Kritik ist immer hilfreich. Wir gehen natürlich auch auf Kritik ein und versuchen, uns damit auseinanderzusetzen und bei uns zu gucken, ob das stimmt oder nicht. Aber Anfeindungen und Unterstellungen haben mich am Anfang sehr verletzt, muss ich sagen. Das macht mich sehr traurig. Vor allem, wenn das unfundiert ist und aus Eifersucht oder einer anderen Meinung heraus entsteht. Die kann man diskutieren, aber man muss nicht beleidigen oder aggressiv vorgehen. Man kann nicht mehr tun, als für das einzustehen, woran man glaubt und wo das Herz sagt: „Ich habe das Gefühl, das ist richtig.“ Man wird immer auf Gegenwind stoßen. Hin oder her, man macht es ja, weil man selbst daran glaubt und weil man diese Rechte haben will.

Femen Aktivistinnen Klara Martens (l.) und Hellen Langhorst (r.)

Klara: Ich finde, man muss da eine gewisse Gelassenheit entwickeln. Bei der Aktion in Hamburg haben wir eigentlich fast nur positive Kritik bekommen. Dann wurde auf irgendeiner Pro-Sexwork-Seite gepostet, dass man uns mal trollen soll. Daraufhin kamen dann negative Kommentare, von wegen: „Habt ihr die Frauen in der Herbertstraße mal gefragt?“ Wo ich mir denke: „Hast du sie mal gefragt?“ Oder es heißt dann: „Ihr habt was gegen Vergewaltigungen bei Frauen gemacht, aber Männer werden auch vergewaltigt.“ Dann denke ich mir: „Okay, mach du doch was dagegen.“ Dieses „What-about-ism“ nervt mich tierisch. Das kommt von Leuten, die nichts tun. Da muss man dann auch ein bisschen drüber hinwegsehen. Wenn du selbst nichts tust, reiß dein Maul nicht auf!

Warum glaubt ihr, ist es überhaupt so, dass ihr für eure Aktionen angefeindet werdet?

Klara: Ich glaube, das ist ein Ego-Problem. Die Leute sehen, dass da jemand etwas macht und sich engagiert. Sie denken vielleicht auch, dass sie sich einmal engagieren sollten, kriegen ihren Arsch aber nicht hoch und dann sind sie sauer.
Hellen: So sehe ich das nicht. Es gibt immer verschiedene Meinungen, und das ist immer okay, wir leben in einer Demokratie, da darf man seine Meinung äußern. Aber es passiert auch superviel durch die Anonymität des Internets. Da fällt es immer leichter, eine schlechte Bewertung zu schreiben oder zu sagen, dass etwas falsch ist oder sogar richtig persönliche Drohungen oder Beleidigungen zu schreiben. Das Internet macht das einfacher. Persönlich ist bis jetzt noch niemand zu mir gekommen und hat mich beleidigt oder so. Natürlich gibt es Diskussionen, wo man einen Pro- und einen Kontra-Punkt hat und da kommt man mal zusammen und diskutiert darüber, aber das ist auch immer ein Rahmen, der dafür gut ist. Es ist ja gut, dass es Pro und Kontra gibt.
Klara: Es ist ja produktiv, auch weiterzudenken. Aber diese ganzen Hasskommentare im Internet sind einfach nur unproduktiv – und zwar für unsere gesamte Gesellschaft.
Hellen: Das ist auch einfach ein Spiegel.
Klara: Das ist nicht nur auf uns bezogen, sondern auf alle Aktionen. Es wird eine Aktion gemacht und dann kommen direkt die Hasskommentare. Ich denke mir da nur: Man muss Leute, die sich engagieren, die etwas tun und die eine Vision für eine bessere Gesellschaft haben, doch supporten und sie nicht alle niedermachen, weil man mit seinem eigenen Leben unzufrieden ist. Da kommen wir doch als Gesellschaft nicht weiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

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