„Moralische Überlegungen über Prostitution sind ehrenwert aber sinnfrei“

Bis zu 300 Frauen prostituierten sich in der Dortmunder Linienstraße. Der Großteil von ihnen hält die Arbeit geheim – vor den Kindern, den Eltern, dem Ehemann. Brauchen sie Hilfe, ist Silvia Vorhauer für sie da. Vorhauer ist seit 20 Jahren als Sozialarbeiterin in der Dortmunder Mitternachtsmission tätig, einer Beratungsstelle für Prostituierte, Ehemalige und Opfer von Menschenhandel.

Frau Vorhauer, hatten sie Vorurteile zu Beginn ihrer Arbeit mit Prostituierten?

Während meines Sozialarbeit-Studiums wollte ich auf keinen Fall in diesem Bereich tätig werden. Als die damalige Leiterin auf mich zukam und mir eine Stelle anbot, sagte ich ihr das ehrlich. Sie fragte nur: „Aber du wolltest doch immer in die Frauenarbeit?“ Und ich meinte: „Aber doch nicht mit solchen Frauen!“ Als sie mich daraufhin fragte, was anders an diesen Frauen sei, wusste ich schon nichts mehr zu sagen.

Mittlerweile haben Sie bei der Mitternachtsmission den Schwerpunkt „Bordellartige Betriebe“.

Darunter fallen die Clubs in Dortmund, aber auch größere Wohnungen, bei denen die Hauptmieterin als Betreiberin gilt. Die Frauen arbeiten dort meist als Selbstständige.

Selbstständigkeit klingt nach Freiwilligkeit?

Viele machen den Fehler und vermischen Prostitution mit Menschenhandel, Zwangs- und Beschaffungsprostitution. Auch in den Medien passiert das oft. Uns ist wichtig, diese Bereiche strikt zu trennen.

Und wie?

Wenn wir von Prostitution sprechen, gehen wir immer davon aus, dass die Frauen dem Beruf freiwillig nachgehen. Hier ist es nicht unser Ansatz, sie aus der Prostitution zu holen, sondern wir begleiten und beraten im Milieu. Frauen, die hingegen Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution geworden sind, werden von einem anderen Fachteam betreut. Das holt sie sofort aus dem Milieu und bringt sie sicher unter.

Silvia Vorhauer. Foto: Dortmunder Mitternachtsmission

Kommen die hilfesuchenden Prostituierten von alleine auf sie zu?

Wir sind im Milieu bekannt, unsere Arbeit ist zum großen Teil ein Selbstläufer. Die Betreiber der Dortmunder Clubs und Betriebe kennen uns. Mindestens fünfmal im Jahr sehen wir dort nach dem Rechten und informieren zu aktuellen Anlässen, wie zum Beispiel Gesetzesänderungen.

Mit welchen Problemen sind sie im Arbeitsalltag am häufigsten konfrontiert?

Leider kommt es immer wieder dazu, dass die Frauen psychische Schwierigkeiten entwickeln. Depressionen, Ängste, Schuldgefühle. Für viele Menschen ist Prostitution ein Tabu. Täglich mit gesellschaftlicher Diskriminierung zu leben und ständig gegen die eigenen Werte zu verstoßen, kann zu psychisch problematischen Situationen führen. Eine zusätzliche Belastung ist, dass der Großteil der Prostituierten ihre Arbeit vor der Familie geheim hält. Sie erfinden Ausreden, täuschen Pflegeberufe vor oder tun, als gingen sie kellnern.

Kommen auch Sexarbeiterinnen mit Existenzängsten auf sie zu?

Ja. Viele Frauen, die wir betreuen, steigen ein, mit einem Ziel. „Ich mach das nur, bis ich meine Schulden abbezahlt hab. Ich mach das, bis mein Mann wieder Arbeit findet. Ich mach das, bis mein Kind mit dem Studium fertig ist.“ Und dann merken sie, dass ihr Ziel nicht zu erreichen ist. Denn auch die Ausgaben in der Prostitution können sehr hoch sein. Ein Zimmer in der Bordellstraße kostet zwischen 120 und 150 Euro pro Tag. Das sind mindestens drei sexuelle Dienstleistungen, nur um den Arbeitsplatz zu zahlen. Dann wohnt die Sexarbeiterin noch nirgends, hat nichts zu essen, keine Kleidung, nichts.

Wie steht es denn um die physische Gesundheit der Frauen, mit denen sie arbeiten?

Besonders Frauen aus anderen Herkunftsländern haben häufig Probleme damit, sich krankenversichern zu lassen. Sie können keinen Arzt aufsuchen. Oft schleppen sie Krankheiten wie Eileiterentzündungen mit sich herum, plötzlich müssen sie notoperiert werden.

Ist der Wunsch nach Ausstieg oft im Milieu vertreten?

Schon einige wünschen sich das. Oftmals haben die Frauen die Prostitution als einzige Lösung für eine Notlage gesehen. Auch viele Frauen aus dem Ausland wollen oft etwas anderem nachgehen, können aber die deutsche Sprache oftmals noch nicht ausreichend.

Gibt es Berufe, die besonders häufig von ehemaligen Prostituierten ergriffen werden?

Tatsächlich ist Pflege ein Bereich, der immer wieder angefragt wird. Aber an sich findet schon eine individuelle Beratung statt. Eine Frau wollte zum Beispiel Straßenbahnfahrerin werden.

Entwickelt sich bei Ihnen mit der Zeit nicht ein gewisser Hass gegenüber den Freiern – den Menschen, die das Milieu am Laufen halten?

Nein, gar nicht. Wenn eine erwachsene Frau eine sexuelle Dienstleistung anbietet und ein erwachsener Mann nachfragt und bezahlt, ist das in meinen Augen ein würdiger Vertrag. Schwierig wird es zum Beispiel bei Prostitution im Bereich der Beschaffungsszene. Dort müssen sich die Frauen prostituieren, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren. Wenn sie auf Entzug sind, gehen sie schneller auf Nachfragen ein und sind leichter erpressbar.

Foto: Karla Kallenbach

Gibt es solche Frauen auch in Dortmund?

Ja, die gibt es. Sieht man in der Dortmunder Nordstadt diese Mädchen und Frauen, fallen sie direkt auf. Sie sind psychisch und physisch in einem desolaten Zustand, gezeichnet durch die Drogenabhängigkeit. Von hinten wirken sie wie Elfjährige, so dünn sind sie. Die Zähne sind oft nicht mehr vorhanden, weil alles, das verdient wird, in die Droge gesteckt wird. Die Frauen haben zum größten Teil keine Wohnung und können ihren hygienischen Bedürfnissen nicht nachkommen. Und genau diese Frauen, in diesem Zustand, die offensichtlich krank sind, werden in Dortmund auf dem illegalen Straßenstrichbereich von „normalen“ Männern aus der Mittelschicht aufgesammelt. Ganz normale Familienautos fahren dort vorbei, teils mit Kindersitz auf der Rückbank. Die Männer machen nicht einmal einen auffälligen Eindruck. Aber sie suchen gezielt genau diese Frauen auf.

Aber warum genau diese Frauen, wenn es auch legal und sicher in der Linienstraße geht?

Da geht es um Gewalt und Macht. Diese Frauen können viel leichter zu etwas gebracht werden, das sie nicht tun wollen. Die Dienstleistung wird auf der Straße verhandelt. Dann fährt man in die Wohnung des Kunden, an abgelegene, einsame Orte, wo die Dienstleistung verrichtet wird. Die Frau wird dann manchmal, weil es nicht mehr auf dem Weg liegt, einfach dagelassen. Es gibt Fälle von Vergewaltigungen.

In Schweden werden Freier bestraft, wenn sie sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Was halten sie von einem sogenannten „Sexkaufverbot“?

Diese Diskussion stellt sich mir gar nicht. Prostitution ist soziale Realität. Die werden wir nicht abschaffen können! Auch in Schweden gibt es weiterhin Prostitution. Gerade wenn man „im Dunkeln“ arbeitet, ist die Gefahr, ausgebeutet und sich nicht richtig wehren zu können, viel höher. Moralische und ethische Bewertungen sind ja ehrenwert, aber in Betracht der sozialen Realität völlig sinnfrei.

Wie kriegen Sie so etwas wieder aus dem Kopf?

Das ging nicht immer. 1996 habe ich wegen einer solchen Situation sogar eine Pause eingelegt. Mir wurde alles zu viel, ich fiel in eine psychische Belastungssituation. Gedanklich bin ich mit Frau A eingeschlafen und mit Frau B aufgestanden. Bei meinem zweiten Anlauf fiel mir alles wesentlich leichter. Heute bin ich mir sicher, dass das hier der richtige Beruf für mich ist. Es ist natürlich nicht immer einfach, aber viele Sachen sind in guter Zusammenarbeit irgendwie zu lösen. Und ich arbeite wirklich gerne hier. Ganz ehrlich.

Beitragsbild: Karla Kallenbach

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