Vom Leben in einer Sekte

17 Jahre lang gehörte Abigail einer Sekte an – der Organischen Christus Generation. 17 Jahre hat sie gebraucht, um sich ein eigenständiges Leben zu erkämpfen. Sie hat den Ausstieg geschafft. Jetzt erzählt sie, wie das Leben für sie vorher aussah. 

„Da gibt’s Strenge, da gibt’s Härte und das ist brutal“, erzählt Abigail. Gerade einmal vier Jahre war sie alt, als sie zusammen mit ihrer Familie in die Glaubensgemeinschaft eingetreten ist. Von da an verlief ihr Leben in den Bahnen der Sekte. 17 Jahre lang war sie den Einflüssen ausgesetzt. Mit 21 Jahren hat sie dann ein ganz neues Leben begonnen. Abigail hat den Ausstieg aus der Sekte geschafft. So lässt sich die Lebensgeschichte der jungen Frau kurz zusammenfassen. Dabei möchte sie auf keinen Fall so definiert werden – über ihr Schicksal und ihr Leben in der Sekte. Und doch macht es eben einen Großteil ihres Lebens aus. Fast ihr ganzes bisheriges Leben, könnte man auch sagen.

Mehr als ein Glaube

Bei der Sekte, von der hier die Rede ist, handelt es sich um die Organische Christus Generation, kurz OCG. Aus der Schweiz stammend, verbreitet sich ihre Weltanschauung insbesondere nach Deutschland und Österreich. Trotzdem spricht die Sekte selbst von einer Bewegung, die sich über die ganze Welt erstreckt. Doch woran glauben sie eigentlich? „Glaube“ als Begriff zu verwenden, sei für die Glaubensgemeinschaft schon der falsche Ansatz: „Die OCG weist auf Gesetzmäßigkeiten hin, die sich unabhängig von Ort, Zeit und Religion auf der ganzen Welt ereignen“, antwortet die Glaubensgemeinschaft auf Anfrage. Vielmehr ist die Rede von einem „tiefen Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Menschen dieser Welt.“ Sie sprechen von Solidarität, von einer ganzen Generation, die durch Gemeinschaft die Welt verbessern werde.

Im ersten Moment mag das vielversprechend klingen. Dahinter stecke jedoch der Gedanke, dass Menschen nicht mehr als Individuen betrachtet werden. Die Glaubensgemeinschaft möchte eine sogenannte „Schwarmintelligenz“ aufbauen. Mit anderen Worten: Der Einzelne müsse sich den Bedürfnissen des Gesamten unterordnen, dürfe weder einen eigenen Willen äußern noch eigene Bedürfnisse entwickeln, so habe Abigail es wahrgenommen. Sie ist der Meinung:

Da wird das Mitgefühl aus Menschen ausgetrieben.

Die mittlerweile 23-Jährige wusste genau, wie sie sich gegenüber den Leiterinnen und Leitern der Sekte in bestimmten Situationen verhalten musste oder was sie hören wollten. Das war weit entfernt von dem, was sie wirklich dachte. „Es verletzt und bricht dich tief in deinem Herzen, aber erst dann geben sie nach“, erzählt sie. Habe sie sich jedoch gegen die Ansichten der Sekte ausgesprochen, sei sie dafür bestraft worden. „In die Stille gehen“ nennt sich das bei der OCG. Eine Zeit, in der die Bestraften für sich selbst herausfinden sollen, was sie falsch gemacht haben und wie sie sich in Zukunft besser für die Allgemeinheit einbringen können. Abigail sollte in dieser Zeit die Lehren der Glaubensgemeinschaft verinnerlichen.

Der Alltag in einer radikalen Glaubensgemeinschaft

Abigails ganzer Alltag war geprägt von der OCG. Natürlich ging sie am Vormittag in die Schule, die Nachmittage widmete sie allerdings vollständig den Arbeiten für die Organische Christus Generation. Abigail war zuständig für IT-Angelegenheiten. Sie hat sich um verschiedene YouTube-Kanäle der Glaubensgemeinschaft gekümmert, Videos geschnitten und veröffentlicht. Über diese Videos verbreitet die Glaubensgemeinschaft ihre Weltanschauung.

Abigail hat viele Nachmittage am Schreibtisch verbracht, um für die OCG zu arbeiten. Foto: Madlen Gerick

Die OCG betreibt mehrere Ton- und Fernsehstudios, produziert Sendungen, plant Massenveranstaltungen, rühmt sich selbst mit Rehabilitationsarbeit „zur Wiederherstellung der problematischsten Individuen der menschlichen Gesellschaft“, wie sie schreibt. Damit all diese Projekte funktionieren können, braucht es natürlich eine gewisse Organisation dahinter, bestimmte Hierarchien und generell viele Menschen, die sich dafür engagieren. Die Glaubensgemeinschaft behauptet, all diese Menschen würden ihre Arbeit freiwillig tun. Sie weisen darauf hin, „dass die OCG keinerlei Anforderungen weder an Erwachsene noch an Kinder stellt. Im Gegenteil: Die OCG vermittelt, dass alle Menschen in einem Frieden und göttlicher Harmonie leben können – frei ausfließend, ohne Anforderungen zu stellen.“ Abigail habe jedoch andere Erfahrungen gemacht. War sie nicht fleißig genug, so habe sie die Glaubensgemeinschaft mit Verachtung gestraft. Hat sie ihre Arbeiten nicht rechtzeitig erledigt, so sei es für sie erneut „in die Stille“ gegangen.

Auf Anfrage beharrt die Glaubensgemeinschaft trotzdem auf ihre eigene Sicht der Dinge: „Sämtliche Werke von der OCG sind rein ehrenamtlich. Wer mitmacht – wann, wo und in welchem Maß auch immer – tut es hundertprozentig freiwillig und von Herzen. Wer anderes behauptet, verleumdet die OCG und lügt.“

Alles nur zum Schein

Anhänger der Organischen Christus Generation müssen sich mit den Lehren der Glaubensgemeinschaft beschäftigen. Foto: Madlen Gerick

Neben der Arbeit für die Werbekanäle der OCG hätten Abigails Nachmittage auch noch dafür reichen müssen, sich mit den Lehren der OCG zu beschäftigen – sie hat sich aber verweigert. Ordnerweise Infomaterial hat Abigail trotzdem immer noch bei sich Zuhause. Darin erklärt die Sekte unter anderem, welchen Werten man als Anhänger der Glaubensgemeinschaft nachgehen sollte.

Auf die Anfrage der Redaktion, ob es Strafen gibt für diejenigen, die sich den Regeln und der Lebensweise der Gemeinschaft widersetzen, antwortete die Glaubensgemeinschaft mit Video-Sequenzen. Die sollen zeigen: In der Organischen Christus Generation ist nicht alles so schlecht, wie immer dargestellt wird. Die Bilder zeigen fröhlich lachende Personen – alles angeblich zufriedene Mitglieder der OCG. Unter den Bildern sind Zitate eingeblendet, die beschreiben, wie glücklich die Menschen in der OCG sind. „Es ist das Beste, was mir und meiner Familie in unserem Leben passieren konnte“, heißt es dann oder „An keinem Ort der Welt habe ich jemals so viel Liebe erfahren wie hier in der OCG“.

Es entsteht der Eindruck, als sei die negative Presse über die Glaubensgemeinschaft tatsächlich unberechtigt – den Leuten geht es doch scheinbar gut. Abigail wisse das jedoch einzuschätzen. Sie erzählt, dass auch sie hin und wieder dazu gedrängt worden sei, genau solche Videos zu drehen. Die Ausschnitte seien geskriptet und bis ins Detail im Voraus geplant. Die Befragungen der gezeigten Personen seien also keinesfalls objektiv und glaubwürdig, sondern unter Einflüssen der Sekte, sagt Abigail. Sie sollen allein den Schein nach außen hin wahren.

Zuckerbrot und Peitsche – warum Anhänger Anhänger bleiben

Den Schein wahren – das beschreibt die verschiedenen Vorgehensweisen der Organischen Christus Generation wohl ganz treffend. Nicht nur nach außen hin, sondern auch innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Denn von außen betrachtet mag der Gedanke aufkommen: Warum bleiben die Anhänger der OCG überhaupt treu? Warum kehren nicht mehr Menschen der OCG den Rücken zu? Warum erkennen die Anhänger nicht die negativen Seiten der OCG, sondern ertragen das Vorgehen, spielen mit, wehren sich nicht dagegen?

Abigail kenne den Grund. Der Aspekt der Gemeinschaft wird innerhalb der Organischen Christus Generation großgeschrieben. Große Jahrestreffen bringen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft aus der ganzen Welt zusammen. Diese Massenveranstaltungen dienen als Ablenkung für den psychischen Druck, den die Leitung der OCG Abigail zufolge immer wieder aufbaut. Diese Veranstaltungen seien das, worauf die Mitglieder hinarbeiten – sozusagen das Ergebnis ihrer Anstrengung, eine Art Belohnung.

Das Gefühl sei überwältigend, so habe es auch Abigail jedes Mal empfunden. „Die reden und singen von einer heilen Welt. Diese Shows und Veranstaltungen, die sie machen, halten die Menschen in der OCG. Es wird alles gemacht, um den Schein zu wahren“, erzählt sie. Hier komme das Gefühl auf, einen Grund zu haben, in der OCG zu bleiben. Es erinnert ein wenig an Konditionierung. Zuckerbrot und Peitsche. Stress, psychischer Druck, an seine Grenzen kommen – und dem gegenüber stehen Solidarität, das Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein, einer großen Familie und dort verstanden werden, Gleichgesinnte finden.

Sektenberatungsstellen kennen die Gefahren, die in der OCG lauern

Sabine Riede, Beraterin bei Sekten-Info NRW. Foto: Sekten-Info NRW

„Wir alle sehnen uns nach Liebe, nach Verständnis, nach Zuwendung“, meint Sabine Riede von der Sektenberatungsstelle Nordrhein-Westfalen. Vielleicht sei das der Grund für Menschen, in eine derartige Glaubensgemeinschaft einzutreten, vermutet sie. Trotzdem bleibt die Glaubensgemeinschaft gefährlich, so die Beratungsstelle.

„In der Gruppe zählt der Einzelne überhaupt nichts. Es zählt immer nur, dass man sich anpasst, funktionstüchtig ist und eine Leistung für die Gruppe erbringt. Das kann kein Mensch auf Dauer aushalten“, sagt Sabine Riede. Sie arbeitet als Beraterin bei der Sekten-Info NRW und hat schon oft mit Aussteigerinnen und Aussteigern zu tun gehabt. Sie warnt vor den Strukturen innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Besonders für Kinder sei die Denkweise der OCG gefährlich: „Junge Menschen, die direkt da hineingeboren werden oder dort aufwachsen, lernen nie eine andere Weltanschauung kennen. Da die Weltanschauung der Organischen Christus Generation sehr angstgeprägt ist, steht man eigentlich ständig unter Druck.“

Kind sein in der Organischen Christus Generation

Logo der Beratungsstelle „Sekten-Info NRW“ Bild: Sekten-Info NRW

Ähnliches berichtet Abigail. Ihr wurde von klein auf vermittelt, dass der Rest der Welt außerhalb der Glaubensgemeinschaft schlecht sei. Die Sekten-Info NRW spricht in diesem Zusammenhang von einem „beträchtlichen Misstrauen gegenüber anderen Menschen und staatlichen Institutionen“, das in der OCG herrsche. Es werde an eine „baldige – biblisch bezeugte – Apokalypse“ geglaubt. Dahinter stecke ein radikaler christlicher Glauben.

Sekten-Info NRW kritisiert außerdem das gesamte Konzept der Kindeserziehung innerhalb der OCG. Der Gründer der Glaubensgemeinschaft Ivo Sasek befürworte die körperliche Züchtigung von Kindern. Selbst seine eigenen Kinder unterstützen diese Ansicht. In dem Buch „Mama, bitte züchtige mich“, geschrieben von den drei ältesten Kindern der Familie Sasek, heißt es: „Eine Bitte an die Eltern: Da es mir so ein Anliegen ist, dass ihr eure Kinder vor der Hölle und vor dem Gericht errettet, bitte ich euch, dass ihr, wo immer nötig, zur Rute greift und ihnen das Böse austreibt.“ Die Sekten-Beratungsstelle sieht den Grund dafür in den Einflüssen der Glaubensgemeinschaft.

Ein Lebenswandel

Liebe, Verständnis, Zuwendung. Werte, die selbstverständlich sein sollten, hat Abigail innerhalb der OCG nicht erfahren. „In der OCG gab es wahrhaft keine lieben Menschen“, sagt sie. Außerhalb der Sekte hat sie nun Freunde gefunden und ein neues Leben angefangen. Sie hat Zeit für Hobbies und kann ihr Leben frei von Einflüssen der Organischen Christus Generation leben.

Mittlerweile hat Abigail auch Zeit für Hobbys, zum Beispiel Reiten. Foto: Madlen Gerick

„Dieses Gefühl zu haben: Hier sind tatsächlich Menschen, die mir so eine Sicherheit geben. Die zuhören ohne Hintergedanken und mich normal behandeln. Das ist einfach unbeschreiblich. Wenn man das nie hatte, das ist wie ein riesengroßes Geschenk. Das gibt mir das Gefühl, dass es okay ist wie ich bin.

 

 

 

 

Beitragsbild: Madlen Gerick

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