“Winterland” in Schwerte entschädigt für den Weihnachtsmarkt-Verzicht

Es lärmt von beiden Seiten. Über die Hauptstraße donnert der Schwerlastverkehr, die Baustellen-Fahrzeuge rattern geschäftig hin und her. Hier entsteht eine neue Fußgängerbrücke, die alte muss weichen. Das verursacht höllischen Lärm. Ruhig wird es hier nur in einer günstigen Ampelphase.

Und zwar dann, wenn für eine kurze Zeit gar kein Fahrzeug durch das Nadelöhr fährt. Dann aber schallt vom Kletterwald auf der Rückseite Kindergeschrei rüber. Mittendrin, fast schon trotzig: Ein weißer Turm mit grauem Dach, das bereits in die Jahre gekommen ist, ein wenig Moos hat es bereits angesetzt.

Wald verwandelt sich für vier Monate

Die Lage des Studio Freischütz ist idyllisch, die Geräuschkulisse noch lange nicht. Und so ist nur schwer vorstellbar, dass hier gerade eine Oase der Besinnlichkeit entsteht. Der Wald rund um das Studio Freischütz soll vier Monate lang zum Winterwald werden. Eisstockschießen, Eislaufen, Glühweinstände, Weihnachtsmusik – es klingt nach einer Entschädigung für den Weihnachtsmarkt-Verzicht im vergangenen Jahr.

Szenenwechsel – Jan Möller steht vor einer kleinen Bude, sie ist noch geschlossen. Die Rollos sind heruntergelassen, die Ruhe vor dem Sturm quasi. „Wo sonst soll man so einen Winterwald aufbauen, wenn nicht hier?“, fragt der Pächter des Studios und Organisator des Winterwalds rhetorisch, antwortet aber trotzdem. „Der Freischütz ist ein Ort mit unendlich vielen Möglichkeiten. Hier steckt in jeder Ecke so viel Potenzial.“

Großbaustelle erschwert Parkplatzsuche

Auf dieser Bahn soll die erste Schwerter Eisstockmeisterschaft ausgetragen werden. Bildquelle: Freischütz Schwerte.

Und das lässt sich unter anderem so nutzen: Weil ohnehin schon alles steht und weil der schmucke Biergarten während der Wintermonate nicht einfach mit Flatterband abgesperrt werden soll, richtet das Studio Freischütz im Februar die Schwerter Eisstockmeisterschaft aus. „Es ist die erste überhaupt in Schwerte“, merkt Möller an und muss dabei schmunzeln. Schließlich hat eine seiner Premieren nicht geklappt: Im vergangenen Winter wollte er die erste Quarantäne-Kegel-Weltmeisterschaft ausrichten. Das Ordnungsamt ging dazwischen.

Möller weiß um den Vorteil der Zeit und des Standorts. Aber auch, dass er den im Hinterhof angelegten Biergarten nur verlassen und einmal um die Ecke gehen muss, um sich auch den Problemen des Geländes bewusst zu werden. Die Nachfrage nach den angebotenen Veranstaltungen etwa ist groß. Der Sankt-Martins-Umzug war innerhalb eines Tages ausverkauft.

“Sehen uns nicht als den Ort, den man nur besucht, um Zuckerwatte zu essen und Glühwein zu trinken.” – Organisator Jan Möller

Am gleichen Tag findet ein Konzert in der Halle des Studios statt. Es wird eng mit Parkplätzen. „Wir haben eine große Fläche, auf der man parken kann, aber die ist wegen der Baustelle wirklich nur sehr schwierig zu finden“, sagt Möller. Laut Straßen.NRW soll die Baustelle bald fertig sein. Ein genaues Datum konnte auf Kurt-Nachfrage noch niemand nennen.

Ein bisschen Geduld gehört also dazu, doch der Organisator verspricht: „Wir werden eine Alternative zu den klassischen Weihnachtsmärkten bieten und sehen uns nicht als den Ort, den man nur besucht, um Zuckerwatte zu essen und Glühwein zu trinken.“

Statt des einheitlichen Angebots auf den traditionellen Weihnachtsmärkten in Innenstädten wollen Möller und sein Team lieber den Produkten aus der Region den Vortritt lassen. Nur knapp mehr als eine Handvoll Büdchen soll im Innenhof des Studios stehen, dafür werde alles festlich beleuchtet, sagt er.

Gänse und Grünkohl durch das Autofenster

Sabrina Körner hat den besten Blick auf die Wandlung des Winterwaldes. Sie arbeitet in der Bude des Biergartens, schenkt Getränke aus und kann die Vorfreude nur schwer verbergen. Aus den Boxen klingt Schlager- und Blasmusik, sie muss darüber schmunzeln. Vor allem, als Heino sein markantes „R“ ins Mikro rollt. „Wir haben auch Christian Anders auf der Playlist“, verspricht sie, merkt aber an, dass sich das ja gar nicht großartig unterscheide. „Jedenfalls werden wir auch musikalisch alles dafür tun, dass es sich hier nach Weihnachten anfühlt.“

Dort, wo sie in diesem Jahr stehen wird, war im vergangenen Winter Corona-Tristesse angesagt. Wer wollte, konnte sich Gänse und Grünkohl bestellen und sie schließlich im Drive-In ins Auto reichen lassen. Das war nicht das, was Jan Möller sich vorgestellt hatte. Als er Anfang 2020 das Grundstück pachtete, spukte die Idee des Winterwalds bereits in seinem Kopf umher. Es scheiterte einzig an der Pandemie.

Weihnachtsbäume für sauberes Wasser in Afrika

Geblieben aber sind die Idee, etwas Besonderes zu schaffen und anzubieten, und ein nobler Gedanke. Denn in seiner Zeit als Gastronom lernte der 46-Jährige unter anderen den früheren Profi-Fußballer Neven Subotic kennen. Der ehemalige serbische Nationalspieler überzeugte Möller von seiner Stiftung, mit der er in ostafrikanischen Ländern Brunnen baut, um den Einwohner*innen Trinkwasser-Zugang zu ermöglichen. Wer in der Weihnachtszeit einen der Bio-Weihnachtsbäume kauft, unterstützt die Stiftung des Sportlers.

Die Idee ist da, die Premiere um ein Jahr verschoben. Jan Möller ist trotz einiger Hürden zuversichtlich. Dass er mit ruhiger Stimme sprechen kann, fällt erst nach einiger Zeit auf, im Innenhof ist es überraschend ruhig. „Wir sind hier mitten in der Natur“, sagt er, „das ist unser unschlagbarer Vorteil.“

Beitragsbild: Freischütz Schwerte

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