Can Dündar im Interview: Ein türkischer Journalist über sein Leben im Exil

Seit drei Jahren lebt Can Dündar im Exil in Berlin. Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“ wurde 2015 von Erdogan persönlich angeklagt. In Berlin schreibt er heute unter anderem für das deutsch-türkische Magazin „Özgürüz“. KURT hat mit ihm über seine Ängste und Hoffnungen gesprochen.

Ganz außer Atem und mit leicht verstrubbelten Haaren kommt Can Dündar in eine Berliner Dachgeschosswohnung gehetzt. Die Wärme der letzten Tage wurde hier oben im vierten, fünften Stock konserviert, jeglicher Sauerstoff verbraucht. Der türkische Journalist ist über eine Stunde zu spät. Der Grund: Es wollte ihn kein Taxifahrer mitnehmen. Denn die meisten von ihnen sind Erdogan-Anhänger. Can Dündar wurde dagegen persönlich von dem türkischen Präsidenten wegen Spionage und Terror angeklagt, da er 2015 als Chefredakteur von „Cumhuriyet“ über Waffenlieferungen der Türkei an syrische Oppositionelle berichtete.

Was haben Sie gedacht, als Sie die Türkei und Ihre Familie zurücklassen mussten? 

Ich habe mich zuerst gefragt, ob ich nicht doch bleiben soll – so würde ich auf jeden Fall im Gefängnis landen. Oder, ob ich mein Land, meine Familie zurücklassen soll. Es war eine sehr schwierige Entscheidung, vielleicht sogar die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Aber im Gefängnis zu sein bedeutet, still zu sein. Ich habe mir gesagt, dass ich meinem Land eine lautere Stimme geben kann, wenn ich nicht in der Türkei bin. Da habe ich dann entschieden, dass ich gehen werde. 

Worauf müssen Sie heute achten, wenn Sie in Berlin sind – gerade was die Sicherheit angeht? 

Berlin ist nicht die sicherste Stadt der Welt für jemanden wie mich. Leider ist die türkische Gemeinschaft hier sehr unter dem Einfluss von Erdogan. Die Gefahr ist da, die Risiken sind da. Andererseits ist hier ein großes mediales Interesse an der Türkei und ich kann meinen Beruf ausüben. Das ist der Grund, wieso ich mich trotz aller Risiken dafür entschieden habe, hier zu bleiben. 

Es ist mein Traum, zurückzugehen – hoffentlich morgen. Wir kämpfen dafür.

Wovor haben Sie Angst? 

Meine Familie zu verlieren. Das ist das, was mir am meisten Angst macht. 

Welche Einschränkungen haben Sie in Berlin, was schränkt Ihre Lebensqualität ein? 

Einfach rausgehen und als freier Mann herum zu laufen ist jetzt riskant. Sicherheit ist also ein großes Problem, besonders weil wir Türken mit einer brutalen Regierung zu tun haben. Deswegen müssen wir sehr vorsichtig sein. 

Wie genau kann man sich das vorstellen? Haben Sie immer einen Bodyguard an Ihrer Seite? 

Nein, ich bin immer allein. Aber ich versuche, vorsichtig zu sein. Ich passe auf, wo ich hingehe, wie ich auftrete. Man muss sich immer bewusst sein, dass die Risiken da sind. Und manchmal, wenn ich öffentlich auftrete, habe ich auch Bodyguards dabei. 

KURT-Autorin Paulina Würminghausen mit Can Dündar nach dem Interview. Foto: Maria Leidinger

Welche Motivation haben Sie hinter dem deutsch-türkischen Magazin „Özgürüz“? 

Ich möchte das Publikum erreichen. Ihnen bewusst machen, wie es in Wahrheit in der Türkei aussieht. Ihnen vertrauensvolle Nachrichten und Kommentare geben, die sie brauchen. Und ihnen Informationen geben, die nicht für sie bestimmt waren. 

Wollen Sie jemals wieder zurück in die Türkei? 

Natürlich, sofort. Wenn es an diesem Nachmittag möglich wäre, würde ich an diesem Nachmittag gehen. Es ist mein Traum, zurückzugehen – hoffentlich morgen. Wir kämpfen dafür. 

Sie haben im Vorgespräch gesagt: „Ich habe nicht als Journalist in der Türkei überlebt“. Warum? 

Weil es nicht möglich für einen Journalisten in der Türkei ist, ordentlich zu arbeiten. Es ist riskant. Ein einzelnes Wort in einem Artikel kann einen ins Gefängnis bringen. Deswegen sind auch alle meine Kollegen entweder arbeitslos oder im Gefängnis. Wie kann man Leute unter solchen Umständen noch informieren?!

Solange meine Familie und Freunde in der Türkei sind, kann ich mich nicht vollständig frei fühlen.

Sie sind nicht im Gefängnis, Sie leben in Deutschland – ein Land, welches oft als eines der sichersten weltweit angesehen wird. Fühlen Sie sich frei? 

Nein, nicht wirklich. Vielleicht wegen meiner speziellen Umstände. Vielleicht wegen Erdogan’s Einfluss hier in Deutschland. Zumindest ich, als türkischer Journalist, fühle diese Atmosphäre. Selbst die deutschen Kollegen in der Türkei fühlen diese Bedrohung und für uns ist es mehr oder weniger das Gleiche. Solange meine Familie und Freunde in der Türkei sind, kann ich mich nicht vollständig frei fühlen. 

Weil der Einfluss der türkischen Regierung bis hierhin so groß ist? 

Ja, weil alles was man schreibt oder kommentiert, die Familie und Freunde in Gefahr bringen kann. Also muss man zwei Mal nachdenken und wenn man anfängt, zwei Mal nachzudenken, ist man nicht wirklich frei. 

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft? 

Ich möchte mein Land so frei wie möglich sehen und keine aggressive Stimmung mehr spüren. Ich möchte eine Demokratie und wieder Teil der europäischen Familie sein. Wir brauchen eine freie Welt – nicht nur in meinem Land, sondern global. Dafür werde ich bis zum Ende meines Lebens kämpfen.

 

Beitragsbild: Paula Protzen

Aus dem Englischen übersetzt von: Paulina Würminghausen

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