Sven, 23, Student – und spielsüchtig.

Als Sven* spielsüchtig wird, geht er noch zur Schule. Mit Sportwetten verzockt er mehrere tausend Euro, macht eine Therapie, wird rückfällig. Heute studiert der 23-Jährige an der TU Dortmund – und spricht über den harten Weg, ein „normaler“ Student zu werden.

In eine dicke weiße Daunenjacke gehüllt sitzt Sven, so soll er hier zumindest heißen, an einem Holztisch in der „Galerie“. Obwohl gerade Semesterferien sind, ist es voll im Campus-Café der TU Dortmund. Sven sitzt in einer kleinen Nische mit roten Sitzpolstern, direkt hinter einem Tablettwagen. Im Sekundentakt schieben die Gäste ihre Tabletts in die Halterung.

Sven hat einen großen Cappuccino vor sich stehen, den Becher bis zum Rand gefüllt. Auf der Untertasse schwimmt Kaffee. Er kommt aus der Bibliothek, wo er für eine Klausur gelernt hat. In der Pause erzählt er von seiner Spielsucht. Etwas, mit dem er offen umgeht, sagt er gleich zu Anfang. „Das Spielen hat mich schon immer begleitet“, sagt er und trinkt einen großen Schluck. Vorsichtig stellt er die Tasse ab.

Seine erste Wette: Ein Fußballspiel 

In einem „normalen“ Spielcasino war Sven noch nie – immer nur in Wettbüros. Foto: Benjamin Lambert, Unsplash

In der elften oder zwölften Klasse, so genau weiß er das nicht mehr, betritt Sven zum ersten Mal ein Wettbüro. Er ist 17 Jahre alt, viele seiner Freunde sind volljährig und machen regelmäßig Sportwetten. Als Minderjähriger hätte er das Wettbüro nicht betreten dürfen. „Die haben mich nicht mal nach einem Ausweis gefragt“, sagt der heute 23-Jährige. Kontrollen gebe es dort nur selten.

Mit seinem ersten Wettschein setzt er auf ein Fußballspiel, nur einen kleinen Betrag, zwei, drei Euro. Er liegt richtig und macht 60 Euro Gewinn. Zuerst wettet er mit Freunden, dann häufiger allein. Immer setzt er auf Fußballspiele, jedoch nie auf die seines Lieblingsvereins Werder Bremen. Dann habe er beim Zuschauen auch ohne zu wetten genug Adrenalin im Körper.

Schon als Kind war er ein schlechter Verlierer

Der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge gibt es in Deutschland 180.000 Spielsüchtige, 42.000 davon in NRW. Einer von ihnen ist Sven. Ein netter Typ von nebenan: Gel in den Haaren, gestutzter Bart, breite Schultern. Er lächelt viel, macht Witze, ist zugleich höflich und zuvorkommend. Gut erzogen eben.

Aufgewachsen ist er als Zweitältester von fünf Brüdern in einer Kleinstadt mit 19.000 Einwohnern. Schon als Kind habe er Gesellschaftsspiele geliebt, sei nie ein guter Verlierer gewesen. „Ich war dann beleidigt oder habe es den anderen nicht gegönnt, wenn sie gewonnen haben“, erzählt Sven.

Ich habe Scheiße gebaut, wir müssen uns sehen.

Jahre später wird ihn seine Mutter fragen, ob sie und sein Vater einen Fehler gemacht hätten. Ob sie der Grund seien, warum er spielsüchtig geworden ist. „Ihr habt nichts falsch gemacht“, wird Sven antworten und sich insgeheim vorwerfen, wie er seiner Familie das alles antun konnte.

Zwei Jahre lang hat Sven seine Spielsucht nicht unter Kontrolle, bis er 19 Jahre alt ist. Dann wird er mithilfe einer Selbsthilfegruppe abstinent. Einmal die Woche geht er zu den Treffen und spricht mit Betroffenen über die eigenen Erfahrungen. So lernt er, die Sucht zu kontrollieren. Doch bei der Spielsucht ist es wie mit anderen Erkrankungen dieser Art: „Man verlernt sie nicht. Jede Sucht ist chronisch“, sagt Jürgen Güttel, Psychologe bei der Caritas Suchtberatung. 

Sven ist mit vier Brüdern in einer Kleinstadt in NRW aufgewachsen. Schon als Kind war er ein schlechter Verlierer. Foto: Paulina Würminghausen

In drei Wochen gibt Sven 3000 Euro aus

Als Sven rückfällig wird, ist er 21 Jahre alt. Wenn er davon erzählt, redet er langsamer, als würden die Erinnerungen erst beim Sprechen wiederkommen. Unruhig rutscht er auf den roten Polstern hin und her. Es ist das Jahr 2017: Sven studiert mittlerweile Sport, Mathe und Deutsch auf Grundschullehramt an der TU Dortmund. Ein Rückfall scheint für ihn ausgeschlossen.

In einem Ferienjob verdient er dann jedoch zum ersten Mal viel Geld – und verzockt fast alles. Drei Wochen ist Sven im Rausch, gibt insgesamt 3000 Euro für Sportwetten aus. Sein höchster Einsatz: 100 Euro. Sein höchster Gewinn: 1200 Euro. Zwischendurch hat er 5000 Euro auf dem Konto. Im nächsten Moment verliert er wieder alles.

200 Euro bar, das muss für den ganzen Monat reichen 

Schließlich ist sein Kreditkarten-Dispo überzogen, Zuhause hat er noch 200 Euro bar in der Schublade. Das muss für den ganzen Monat reichen. Verzweifelt ruft er seine Mutter an: „Ich habe Scheiße gebaut, wir müssen uns sehen.“ Seine Mutter fährt zu ihm nach Dortmund. Sie beantragen zusammen eine Therapie bei der Caritas Suchtberatung. 

Ich brauchte irgendwas, worüber ich mich definieren konnte.

Er geht einmal die Woche in eine Motivationsgruppe, sechs Wochen lang. Hier sollen die Therapeuten prüfen, ob die Betroffenen über einen längeren Zeitraum abstinent bleiben können. Falls ja, muss die oder der Spielsüchtige nicht stationär behandelt werden, sondern kann zwei Mal die Woche zur Therapie gehen.

Da die Spielsucht als psychische Störung eingeordnet wird und damit eine anerkannte Krankheit ist, übernimmt die Rentenversicherung oder die Krankenkasse sämtliche Kosten. Viele Menschen warten auf Hilfe: Erst ein halbes Jahr später wird Svens Antrag auf eine ambulante Therapie bewilligt.

Alles noch ein Spiel 

Dabei fing alles harmlos an, vier Jahre zuvor, als Sven noch zur Schule ging. „Ein paar Wettscheine in der Woche, um das Taschengeld aufzubessern – was ist schon dabei?“, fragt sich der 17-jährige Sven. Irgendwann kennt er in „seinem“ Wettbüro in der Kleinstadt jeden beim Namen. Den Freundinnen und Freunden in der Schule erzählt er nur von seinen Erfolgen, nicht von den Verlusten. Für sie ist Sven ein Experte, sie fragen ihn, auf welches Team sie setzen sollten. Sven genießt das. „Ich brauchte irgendwas, worüber ich mich definieren konnte“, sagt er. 

Bald geht er mehrmals am Tag ins Wettbüro. Er schämt sich den Angestellten gegenüber, fährt deshalb extra in umliegende Städte zu anderen Wettanbietern. Zwei Stunden hin und zurück. Daneben geht Sven zur Schule und hat einen Nebenjob. Zeit für Freundinnen und Freunde oder Hobbys bleibt kaum.

Ich habe mir ständig gesagt, dass ich nur noch ein paar Verluste raushole und dann aufhöre. Aber dann kam ein größerer Gewinn und ich hab’ wieder Blut geleckt.

Dann, zum ersten Mal, erwischen ihn seine Eltern: Sein Vater findet in seiner Schreibtischschublade einen dicken Stapel Wettscheine, insgesamt mehrere hundert Euro Einsatz. Es folgt ein Streit. „Das ist mein Ding, ich habe das alles im Griff … Ich verspiele doch nur mein Geld: Was mischt ihr euch da ein?“

Es braucht nur zwei Klicks am Handy 

Er ist jetzt 18 Jahre alt und zockt weiter, nun aber mit schlechtem Gewissen. Sein Abitur hat er in der Tasche, 1,9er Schnitt. „Das war echt gut dafür, dass ich jeden Tag im Wettbüro gehockt habe“, sagt Sven. Was er beim Spielen denkt? „Man fiebert noch mit den letzten Spielen mit, denkt sich: ‚Okay, das Geld habe ich schon. Auf welche Spiele kann ich damit setzen? Welche Spiele kommen als nächstes?’“, sagt er.

Mit 18 Jahren kann er online Sportwetten machen. Im Internet sind die Ausweiskontrollen strenger als in den Wettbüros. Mit Apps wie „Tipico“, „Bet3000“ oder „Betway“ kann er immer und überall wetten, es braucht nur zwei Klicks an seinem Handy. Er setzt neben Fußball mittlerweile auf Basketball oder Eishockey, wobei er die meisten Spielregeln gar nicht kennt – oder auf seinen Lieblingstennisspieler. 

Mit 18 Jahren kann er nun auch Online Sportwetten abschließen. Mit Apps wie „Tipico“, „Bet3000“ oder „Betway“ kann er immer und überall wetten. Foto: Sharon McCutcheon, Unsplash

Sven versucht mehrmals, aufzuhören. Aber die Sucht ist zu stark: „Ich habe mir ständig gesagt, dass ich nur noch ein paar Verluste raushole und dann aufhöre. Aber dann kam ein größerer Gewinn und ich hab’ wieder Blut geleckt“, sagt Sven. Er habe sich gesagt, dass er bei den Wetten eh nur verliere und gar kein Leben mehr habe. Um diesen Gedanken zu entkommen, sei er wieder ins Wettbüro oder an sein Handy gegangen. „Das war ein Teufelskreis, egal ob man gewonnen oder verloren hat“, sagt Sven. 

Er plant seinen Tag danach, wann er wo spielen kann 

Seinen Tiefpunkt hat Sven in Madrid. Ein Auslandsjahr nach dem Abi als neuer Lebensabschnitt, das ist der Plan. Nach einem Monat zockt er wieder. Seinen Eltern erzählt er nichts. „In Madrid war alles noch viel krasser, schon allein, weil es so viel mehr Wettbüros gab“, sagt Sven. In seinem Heimatort habe es zwei Wettbüros gegeben, in der spanischen Hauptstadt seien gefühlt an jeder Ecke so viele gewesen.

Er richtet seinen Tagesablauf danach aus, wann er zu welchem Wettanbieter gehen kann. Wenn er länger nicht mehr wetten war, schicken ihm die Anbieter E-Mails, in denen sie ihn wieder anlocken mit „zehn Euro Gratisguthaben“. 

„Der Werbemarkt hat einen großen Einfluss“

Jürgen Güttel von der Caritas fordert, dass der Glücksspielmarkt härter reguliert wird: „Es gibt zu viele Angebote, das ist eine große Verführung.“ Fußballspieler würden zum Beispiel Werbung für Sportwetten-Apps machen und so viele junge Leute anziehen.

Außerdem kritisiert Güttel die vielen Werbeplakate. „Der Werbemarkt hat einen großen Einfluss auf die Sucht“, sagt der Psychologe. Einfluss, der gefährlich werden kann: Jobverlust, kaputte Beziehungen, körperliche Begleiterscheinungen wie psychosomatische Krankheiten, Alkoholsucht, Suizid  – das alles könne mit Spielsucht einhergehen, so der Psychologe.

Er leiht sich Geld bei Freunden, damit seine Eltern nichts mitbekommen

Foto: NeONBRAND, Unsplash

Sven fliegt wegen seiner Spielsucht bei seiner Au-Pair-Familie in Madrid raus. Er wollte ein Handy der Familie verkaufen, um an Geld fürs Zocken zu kommen. In seiner neuen Wohngemeinschaft sitzt er tagsüber im dunklen Zimmer, weint in seiner Verzweiflung jeden Tag. Er leiht sich Geld bei Freunden, damit seine Eltern nichts mitbekommen – bis die Kreditkartenabrechnung zu Hause in Deutschland reinflattert.

Ich werde niemals sagen können, dass ich nicht mehr süchtig bin

Sein Vater sucht für Sven eine Selbsthilfegruppe in Spanien. Wenn er diese nicht besuche, müsse er wieder nach Hause kommen. Die Drohung wirkt: Sven schafft es zum ersten Mal, vom Zocken loszukommen. Bis auf den dreiwöchigen Rückfall hat er das bis heute, vier Jahre später, durchgehalten. Insgesamt schaffen es rund zwei Drittel der Spielsüchtigen nach spätestens zwei Therapieanläufen dauerhaft abstinent zu bleiben, sagt Güttel.

Die Wettbüros fallen ihm immer noch auf 

„Für einen Spielsüchtigen bin ich relativ gut weggekommen“, sagt Sven. Verglichen mit anderen in seiner Therapiegruppe habe er nur wenige Spielschulden gehabt – vor allem, weil seine Eltern immer wieder für ihn gezahlt hätten. Heute geht er zwei Mal pro Woche zur Therapie bei der Caritas in Dortmund. „Ich werde niemals sagen können, dass ich nicht mehr süchtig bin“, sagt Sven. Die Wettbüros fallen ihm immer noch auf, wenn er in der Stadt ist – genauso wie die Werbeplakate von Online-Wettanbietern. 

Mit seinen Freunden redet er offen über seine Sucht, seiner festen Freundin habe er beim zweiten Date alles erzählt. „Ich will die Zeit nicht aus meinem Leben löschen, das gehört jetzt zu meinem Leben dazu“, sagt Sven. 

*Name von der Redaktion geändert 

 

Hier bekommen Spielsüchtige Hilfe: 

Beitragsbild: Paulina Würminghausen

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