Die Jugend von heute – schimpft morgen auf die Jugend von übermorgen

„Diese Jugend von heute“ – sie können sich nicht benehmen, haben keine Manieren, nehmen keine Rücksicht auf andere, zeigen keinen Respekt und denken sowieso immer nur an sich. Mit solchen Vorwürfen müssen wir klarkommen. Aber war die Jugend von damals denn wirklich besser?

„Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Man könnte meinen, dieser Satz stamme von einem jugendverdrossenen Politiker der heutigen Zeit, der einen eindeutigen Weltuntergang vorhersagt. Wäre aber falsch gedacht. Dieses Zitat stammt von Aristoteles – und ist damit bereits fast zweieinhalb Tausend Jahre alt. Dieses Schimpfen auf die Jugend scheint also kein neues Phänomen zu sein.

Um aber zurückzukommen ins 21. Jahrhundert: Ich war neulich im Zug unterwegs, die Kontrolleurin kam vorbei, wir alle holten unsere Tickets heraus. Manche zeigten ihr Ticket auf dem Handy vor. Daraufhin gab die Kontrolleurin von sich, dass „diese Dinger zum Glück noch zu etwas anderem gut seien, abgesehen vom Rumdaddeln.“ Der Angesprochene beließ es nicht bei dieser Äußerung und erwiderte, dass das aber eine sehr wertende Behauptung von ihr wäre und sie ihn doch gar nicht kenne. Daraufhin meinte die Kontrolleurin: „Natürlich kenne ich solche wie euch. In diesem Alter seid ihr doch alle gleich drauf.“

Solche Unterstellungen machen mich zunächst einmal nachdenklich. Was heißt denn „alle gleich“? Woran macht sie das fest? An Verhaltensmustern? An Charakterzügen? Klar, jede Generation kann sich anhand bestimmter Merkmale von anderen Generationen abgrenzen. Aber ist es unser Merkmal, undiszipliniert zu sein, respektlos, ständig am Handy und völlig desozialisiert? Nein! Und auch eine Zugkontrolleurin hat nicht das Recht uns in so eine Schublade zu stecken.

Wie sehen wir uns selbst – wie sehen uns andere?

Unsere Generation – die Generation von Studierenden – Generation Y – das ist der schmale Grat zwischen Kind beziehungsweise Teenager sein, noch gut unter Kontrolle zu halten, und auf der anderen Seite erwachsen sein, seriös und reif.

Generation Y sind mittlerweile alles erwachsene Menschen. Ich sehe ein, dass es selbst für uns vermutlich manchmal schwierig ist, das zu akzeptieren. Was heißt denn „erwachsen sein“ und wie tickt man dann? Ist es von nun an verpönt, Spaß zu haben? Muss Spaß haben denn immer direkt gleichgesetzt werden mit unvernünftig, unverantwortlich, unreif sein?

Natürlich nutzt auch die Wissenschaft eine gewisse Definition: Generation Y – Digital Natives, auf der Suche nach Selbstbestimmung und Freiheit, sich bloß nicht binden und erst recht keine Verpflichtungen eingehen. Aber ist nicht auch diese Kategorisierung ein klares Schubladendenken? Ja, irgendwie schon. Aber irgendwie auch nicht. Denn fragt man ältere Generationen, wie sie uns beschreiben würden, so schwingt, anders als bei der wissenschaftlichen Erklärung, oftmals direkt eine Wertung mit. So wie wir sind – oder viel mehr so wie sie denken, wie wir seien – verurteilen sie uns. Dabei muss das doch gar nicht sein.

Warum wir sowieso gar nicht anders können, als alles verkehrt machen

Vorverurteilung ist genau das Problem. Sich eine Meinung bilden, ohne uns eine Stimme zu geben. Auf der anderen Seite heißt es dann nämlich wieder: wir sind politikverdrossen, setzen uns nicht für unsere Interessen ein und sind viel zu angepasst – früher sei schließlich viel mehr rebelliert worden. Ist das vielleicht genau der Punkt? Egal wie wir uns verhalten, wir machen es eh falsch?

Warum nehmen sich viele ältere Menschen das Recht heraus, uns zu verurteilen? Warum meinen sie, uns von oben herab behandeln zu dürfen? Der Fakt, dass sie mehr Lebenserfahrung haben als wir, gibt ihnen jedenfalls nicht das Recht dazu. Es geht um die Begegnung auf Augenhöhe. Sie verlangen von uns Respekt – genau darum geht es uns doch auch.

Und irgendwann werden wir vielleicht die Augen verdrehen über „diese Jugend von heute“

Vielleicht sollten sich Menschen, die den älteren Generationen angehören, mehr in uns hineinversetzen. Wie waren sie denn so drauf in ihrer Jugend? Haben sie nicht auch gerne einfach Spaß gehabt? Und mussten sie nicht genauso das Augenverdrehen der älteren „vernünftigeren“ Generation ertragen? Vielleicht sind wir als „diese Jugend von heute“ einfach genauso, wie es vorherige Generationen waren – ganz normal.

Und wenn wir mal ehrlich sind, geht uns als Generation Y, als „Erwachsene“ nicht auch manchmal „diese Jugend von heute“ auf die Nerven? „Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer“, hat Sokrates einmal gesagt. Auch dies ist mittlerweile fast drei Jahrtausende her. Kinder mit einer großen Klappe und Teenager, die rumpöbeln. Ganz ehrlich: Irgendwie ist doch „die Jugend von heute“ immer die schlechteste – früher, als „alles noch besser“ war, heute und in der nächsten Generation wahrscheinlich auch.

 

Beitragsbild: Devin Avery / Unsplash

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