Wir müssen mehr über die Vergangenheit sprechen

Jeder Zwanzigste hat noch nie etwas über den Holocaust gehört, zeigt eine Studie von CNN. Viele haben nur ein geringes Allgemeinwissen über die Zeit. Das muss sich ändern, denn es muss wieder ein stärkeres Bewusstsein für die Vergangenheit entstehen. Ein Kommentar.

Wie lange ist der Geschichtsunterricht in der Schule bei euch her? Erinnert ihr euch noch an die Zeit? Welches Thema ist euch besonders hängen geblieben? Gerade in Deutschland sollte die Antwort wohl heißen: „die NS-Zeit“. Eine Studie vom amerikanischen Fernsehsender CNN hat jetzt aber ergeben, dass genau davon eben nicht genug hängen geblieben ist.

Deutschland trägt eine besondere Verantwortung, der die Bevölkerung aber scheinbar nicht gerecht wird. Die Verantwortung besteht darin, Bescheid zu wissen. Und etwas Ähnliches nie wieder passieren zu lassen. Das kann aber nur umgesetzt werden, wenn Wissen weitergegeben wird.

Natürlich ist der Zweite Weltkrieg, aus der jüngeren Generation betrachtet, schon lange Vergangenheit. Logisch, dass das Wissen nicht von selbst kommt. Daher ist es sinnvoll, dass die Aufklärung über das Dritte Reich fester Bestandteil des Lehrplans ist, genauso wie Shakespeare oder Matrizen – ganz egal, wie nervig Schüler all das finden. Ebenfalls ist es sinnvoll, dass das Thema teilweise auch mehrmals und nicht nur im Geschichtsunterricht aufgenommen wird. Sei es die Lektüre „Der gelbe Vogel“ im Deutschunterricht oder der Einsatz von Dietrich Bonhoeffer in der Religionsstunde danach. Es gibt viele Facetten zu beleuchten, verschiedene Perspektiven zu betrachten, zahlreiche Geschichten weiterzuerzählen.

Schockierende Zahlen in Europa

Fast die Hälfte der jungen Deutschen wissen zu wenig über die NS-Zeit und auch in anderen europäischen Ländern sind die Zahlen erschreckend. CNN hat mit Unterstützung des Meinungsforschungsinstituts ComRes mehr als 7.000 Menschen aus sieben Ländern befragt. Im Zeitraum zwischen dem 7. und 20. September 2018 hatten Menschen aus Großbritannien, Frankreich, Polen, Ungarn, Schweden, Österreich und Deutschland die Möglichkeit, online verschiedene Fragen zu beantworten. Eine Frage davon lautete: „Wie schätzt ihr euer eigenes Wissen über den Holocaust ein“. Die Ergebnisse: „Schockierend“, findet der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein. Das Wissen über die eigene Geschichte lässt offenbar zu wünschen übrig.

Doch wie kann das sein? Beschweren sich nicht Schülerinnen und Schüler immer wieder darüber, dass das Thema Drittes Reich bis zum Abwinken durchgenommen wird? Im Umkehrschluss würde das doch heißen, dass ihnen schon mehr als genug Wissen vermittelt wird. Die Befragung zeigt aber: Rund 40 Prozent der Menschen in Deutschland zwischen 18 und 34 Jahren wissen wenig bis gar nichts über den Nationalsozialismus. Über den Holocaust. Über die Nazi-Verbrechen zwischen 1933 und 1945 und die systematische Ermordung von Juden. Das gaben die Befragten selbst an. Offensichtlich wird: Das deckt sich nicht mit der oft gehörten Einschätzung, der Teil der deutschen Vergangenheit würde unnötigerweise immer wieder aufs Neue zu einem Thema gemacht.

Bewusstsein als Teil der Verantwortung

Wir werden immer eine gewisse Verantwortung tragen. Das macht es umso wichtiger, sich damit auseinanderzusetzen. Diese Verantwortung darf auch nicht kleingeredet werden. Natürlich ist es nur eine indirekte Verantwortung, derer sich nicht nur Menschen aus Deutschland, sondern genauso von überall sonst auf der Welt bewusst sein müssen. Bewusstsein trifft es vermutlich besser als der riesige Begriff „Verantwortung“. Man kennt ja die Stimmen, die sich lautstark äußern, das Thema Holocaust nicht mehr hören zu können, nichts mehr von der angeblichen Verantwortung wissen zu wollen. So pauschal lässt sich das aber gar nicht bewerten.

Das Ganze wird nie abgehakt sein. Im Gegenteil, je entfernter es scheint, desto wichtiger wird das Weitergeben des Bewusstseins, damit eine Einschätzung über Geschehnisse und Entwicklungen in der heutigen Zeit weiterhin möglich ist. Unsere Vergangenheit können wir nicht einfach unter den Tisch kehren und vergessen. Ebenso dürfen wir nicht aufhören, darüber zu reden. Das ist es doch, was die CNN-Studie uns deutlich beweist.

Fünf Prozent haben noch nie etwas über die Judenverfolgung gehört

Die Ergebnisse der Studie klagen übrigens nicht nur junge Deutsche, sondern auch junge Menschen aus den anderen Ländern an. Fünf Prozent der europäischen Befragten gaben an, noch nie überhaupt etwas vom Holocaust gehört zu haben. Da stellt sich direkt die Frage, wie kann das passieren? Liegt es an der Schule, die das Thema nicht hinreichend oder nicht gut genug unterrichtet hat? Liegt es an der Person selbst, die es – wie auch immer – geschafft hat, das Thema komplett zu umgehen und nie damit in Berührung zu kommen? Oder liegt es womöglich doch an der Gesellschaft, die das Ganze nicht mehr für wichtig genug hält? In jedem Fall sollte die Studie als eine Warnung betrachtet werden, dass die Vergangenheit schneller in Vergessenheit gerät, als viele vermutlich denken.

Beitragsbild: Ron Porter / Pixabay

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