Nachhaltig reisen: Zwei Frauen erklären, wie es gehen kann

Nachhaltigkeit wird immer wichtiger: Beim Einkaufen, beim Essen und beim Verkehr. Nur im Urlaub verdrängen die meisten Menschen das Thema schnell. Schließlich soll hier entspannt werden – abseits von Themen wie Klimawandel und Umweltverschmutzung. Marcella und Kathi wollen es anders machen. Sie haben beschlossen, nicht mehr zu fliegen. 

Marcella Müller ist 30 Jahre alt, ihr steht die Welt offen. Über 170 Staaten kann sie mit ihrem deutschen Pass visafrei bereisen. Ein Privileg. Sie könnte nach Neuseeland, nach Brasilien, nach China oder Thailand reisen. Sie könnte. Aber sie macht es nicht. Denn Marcella möchte Europa nie wieder verlassen. Um die Welt vor den Auswirkungen des Tourismus zu schützen, hat sie sich entschieden, selbst auf die große weite Welt zu verzichten.

Ihre erste und einzige Fernreise hat die Reisebloggerin vor 13 Jahren nach Thailand gemacht. Ein halbes Jahr lang hat sie dort bei einer Vogelauffangstation gearbeitet. Danach ging es kreuz und quer durch Europa, oft mit dem Flugzeug. Bis Marcella sich gedacht hat: Zuhause kein Auto haben? Mit dem Fahrrad fahren? Sich vegan ernähren? Aber dann mit einem einzigen Flug den ganzen ökologischen Fußabdruck von einem Jahr kaputt machen? Das passt doch nicht zusammen.

Lieber gar nicht fliegen, als kompensieren

Also hat Marcella angefangen umzudenken – aus dem schlechten Gefühl heraus. „Flugscham“ nennt man dieses Phänomen heute: Das Fliegen mit schlechtem Gewissen. Nur dass Marcella beschlossen hat, eben gar nicht mehr zu fliegen. Seitdem überlegt sie nicht mehr, in welches Land sie gerne möchte, sondern was sie erleben will. Die Berge? Gibt es auch hier. Das Meer? Mit dem Zug gut zu erreichen. Das sei sowieso das Wichtigste: die Erreichbarkeit.

Denn Reisen, das heißt auch CO2 auszustoßen. Je weiter man fährt, desto mehr stößt man aus. Gerade die An- und Abreise machen den größten Teil der Schadstoffe aus, die die Menschen durch ihr Fernweh in die Atmosphäre pusten. Marcella will das nicht ausblenden. Also wägt sie ab: Zwischen ihrem Urlaub und seinen Folgen. Und entscheidet sich für die kurzen Strecken.

Eingeschränkt fühlt Marcella sich dadurch nicht. Im Gegenteil. „Ich bin total froh, dass ich überhaupt in den Urlaub fahren kann“, sagt sie. Von dem Konzept, klimaschädliche Flüge bei Anbietern wie „atmosfair“ oder „myclimate“ auszugleichen, hält sie nichts. Auf den Websites dieser Anbieter lässt sich berechnen, wie viele Treibhausgase durch die letzte Flugreise ausgestoßen wurde und wie viel es kosten würde, diese an anderer Stelle einzusparen. Den Betrag kann man dann auf den Websites für Klimaprojekte auf der ganzen Welt spenden, mit denen Emissionen in Zukunft vermieden werden sollen. „Besser ist es, zu schauen, ob man das Fliegen nicht ganz lassen kann. Und bei dieser Bewertung wirklich ehrlich zu sein“, sagt sie.


Den Weg zum Ziel machen

Was aber, wenn ein Flug von Düsseldorf nach Barcelona eben zwei Stunden und 15 Minuten dauert und eine Fahrt mit der Bahn zum selben Ort 20 Stunden und 20 Minuten? „Wir müssen unser Konzept von Urlaub überdenken“, sagt Marcella. Auf einer Zugreise nehme man die Entfernung ganz anders wahr und könne während der gesamten Fahrt beobachten, wie sich die Landschaft drumherum verändert. Marcella sagt, sie könne sich darum ganz anders auf die Reise einstellen – werde achtsamer für das, was draußen passiert. Sie sagt:

Das Reisen ist ja mittlerweile zum reinen Konsum geworden. Es gibt ja Menschen, die sogar nur an einen Ort fahren, weil er auf Instagram gut aussieht.

Nicht immer sei das Reisen mit dem Zug einfach. Oft sei die Anbindung schwierig, manchmal erst gar nicht vorhanden. Marcello träumt davon von einer Politik, die Flüge stärker besteuert und die Bahnnetze verbessert. Und von einem Tourismus, bei dem man durch Nachtzüge abends ganz einfach in den Zug steigen kann und morgens am Mittelmeer wieder aufwacht.

Was ist aber mit der großen Welt? Mit Tempeln und Wüsten und Regenwäldern? Mit dem Reisen als Mittel zum Zweck, um den eigenen Horizont zu erweitern? „Man kann ja auch weltoffen sein, ohne viel zu verreisen“, sagt Marcella. Es sei etwas anderes, über einen längeren Zeitraum in einem anderen Land zu leben und dort zu arbeiten. „Wer aber in einem Hostel in Thailand drei Wochen mit anderen Europäern herumhängt, hat danach ja auch nicht die thailändische Kultur kennengelernt. Diese vermeintliche Kulturoffenheit bringt nicht viel, wenn wir dabei unser Klima zerstören“, sagt sie.

Klimaschutz macht keinen Urlaub

Auch Kathi Maier möchte in Zukunft auf lange Reisen verzichten. Sie ist Reisebloggerin und früher selbst über den halben Globus geflogen. Zuletzt 2011: nach Bali. Kathi sagt: „Hätte ich die Flugreise nicht gemacht, würde ich heute wahrscheinlich verschwenderischer leben.“ Erst durch die Fernreisen, den Müll auf den Plätzen und das Plastik an den Stränden habe sie gemerkt, wie viele Landschaften durch den Tourismus überhaupt zerstört werden würden. „Ich stand da und habe mich gefragt: Was machen wir hier eigentlich alle mit dieser Insel? Sind wir denn verrückt?“

In diesem Moment habe Kathi gemerkt, dass sie etwas ändern wolle. Es sei heuchlerisch, zuhause die großen Textildiscounter zu meiden und im Bioladen zu kaufen und auf Reisen dann all diese Prinzipien zu vernachlässigen. „Wenn ich nachhaltig leben möchte, dann kann ich von dieser Lebenseinstellung keinen Urlaub machen“, sagt sie.

Kathi hat darum genauso wie Marcella beschlossen, nicht mehr zu fliegen und sich stattdessen zusammen mit ihrem Freund Sebastian einen Bus gekauft, um damit den Kontinent zu bereisen. Ein Diesel – auch nicht das klimafreundlichste Verkehrsmittel. Kathi weiß das. Darum macht sie Kompromisse.

Sie nimmt Leute mit, die in die selbe Richtung müssen. Lebt für eine Zeit vegan. Kompensiert die Autofahrt. Fährt vor Ort nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad. Sammelt Müll am Strand. Oder meidet große Supermärkte und Hotelketten. „Reisen ist an sich ja schon überhaupt nicht nachhaltig. Aber wir können eben versuchen, so wenig Schaden wie möglich anzurichten“, sagt Kathi.

Nachhaltig heißt auch sozial

Nicht immer klappt das. Auf dem Markt bekomme man nicht immer alles, was man brauche. Wasser gebe es in manchen Ländern nur in Plastikflaschen zu kaufen. Und manchmal bekomme sie durch Kommunikationsschwierigkeiten im Restaurant dann doch wieder das Fleisch auf dem Teller. Zum nachhaltigen Reisen zählt für Kathi aber noch mehr als der Umweltschutz: „Es geht auch darum, Respekt vor den Menschen und der Kultur vor Ort zu haben“, sagt sie.

Um Tourismusgebiete zu entlasten, versucht Kathi darum, außerhalb der Urlaubszeiten zu fahren. Etwa drei Monate pro Jahr ist sie mit ihrem Freund unterwegs. Sie kann es sich leisten, auch mal ein paar Tage für eine Autofahrt zu brauchen. Kathi weiß, dass das alles Luxus ist. „Darum finde ich es auch anmaßend, jemanden dafür zu verurteilen, wenn es für ihn nicht möglich ist“, sagt sie. Und auch Fernreisen möchte sie nicht verteufeln: „Wenn jemand sich das ganze Jahr überarbeitet hat und dann unbedingt ein ganz bestimmtes Land sehen will, dann soll er das tun“, sagt sie.

Es geht darum, dass wir umdenken. Aber jeder auf seine eigene Weise.

Kathi hat sich entschieden, eher immer wieder an die selben Orte zu reisen und dort über die Zeit tiefer einzutauchen. Mehr herumschauen, sich durchfragen, öfter auch mal falsch abbiegen. „Das ist doch das, was wir uns von Reisen eigentlich erträumen, aber nur viel zu wenig machen“, sagt sie.

Durch das Reisen habe sie auch politisch ein ganz anderes Bewusstsein für Europa bekommen. Das weite Reisen vermisse sie dadurch nicht. „Auch wenn ich wahrscheinlich keine Bilder von mir mit Surfbrett im Bikini posten kann, sondern immer nur im Neoprenanzug“, sagt sie und lacht. Als nächstes geht es für Kathi und ihren Freund mit dem Bus nach Spanien. Ein Kanister zum Duschen, Yogamatten und Fahrräder sind im Gepäck. Und trotz allem: das schlechte Gewissen.

Beitrags- und Teaserbild: KaLisa Veer via Unsplash

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1 Comment

  • Liebe Marcella,
    es freut mich sehr, dass immer mehr Menschen darüber nachdenken und dem Denken auch Taten folgen lassen. Wir sind schon seit Jahren mit unserer Tochter in den Ferien mit dem Zug in die Bretagne gefahren. Teilweise wurden wir deswegen blöd angeschaut, obwohl wir es wirklich toll fanden. Der Flug ist doch viel schneller. Aber eine Nacht in Paris ist auch toll!
    In Sachen Kompensation bin ich anderer Meinung. Viele finden dass es Ablasshandel ist und machen es nicht, fliegen aber trotzdem. Nicht fliegen ist das Beste, wenn es aber doch mal ist, finde ich kompensieren besser als nichts.

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