Duell: Journalismus und Parteimitgliedschaft – ist das vereinbar?

Journalisten berichten wir über aktuelle Ereignisse aus Gesellschaft und Politik. Sie analysieren, hinterfragen und kritisieren. Doch können sie dabei auch selbst Teil einer Partei sein? Niklas Hons und Juliane Hermes diskutieren darüber, ob sich eine Parteimitgliedschaft mit dem Beruf des Journalisten vereinbaren lässt.

Journalisten sollten sich keiner Partei verpflichtet fühlen und neutral auftreten. Daher sind Journalismus und Parteimitgliedschaft für mich nicht vereinbar, findet Juliane Hermes.

Ich selber habe vor einigen Jahren auch darüber nachgedacht, einer Partei beizutreten. Als aber klar war, dass ich mal Journalistin werden will, habe ich mich schnell wieder von diesem Gedanken wieder verabschiedet. Der Interessenkonflikt ist meiner Meinung nach zu groß. Selbst wenn ich versuche neutral und ausgewogen zu berichten glaube ich, dass mich eine Parteimitgliedschaft unterbewusst immer beeinflussen wird.

Natürlich kann man nicht jeden persönlichen Einfluss verhindern, wir sind schließlich alle Individuen. Es gibt tausende Einflüsse, wie Bildung, Erziehung und ethische Werte, die zwangsläufig ein Stückeweit in die Art und Weise wie wir berichten miteinfließen. Den zustäzlichen Einfluss einer Parteimitgliedschaft aber, kann ich verhindern.

Als Journalist ist es meine Aufgabe und Pflicht, neutral und ausgewogen zu berichten. Meine eigene Meinung sollte nur in Ausnahmefällen, wie beispielsweise einem Kommentar, eine Rolle spielen. Journalisten sollten Missstände in der Gesellschaft beleuchten und dabei immer ein Auge auf die Politik haben. Dabei nehme ich die Rolle des Beobachters ein, der seine Eindrücke teilt und diese hinterfragt. Ich bin jedoch kein Richter, der entscheidet was richtig oder falsch ist. Als Parteimitglied hingegen kommuniziere ich ganz öffentlich meine Meinung und setze mich dafür ein, was ich denke was richtig für die Gesellschaft ist. Wenn ich selber Teil einer Politik bin, wie soll ich diese dann noch neutral beobachten und im Zweifelsfall kritisieren können? Ich denke nicht, dass ich meine Aufgabe als Journalistin dann noch zufriedenstellend erfüllen kann. Meine Glaubwürdigkeit als professioneller Journalist würde unter der Parteimitgliedschaft leiden.

Dass ich mich als Journalist auch privat für aktuelles Geschehen und Politik interessiere, ist ja eigentlich fast selbstverständlich. Meine politische Gesinnung kann ich aber auch anders ausleben. Ich kann auf Demonstrationen gehen, Petitionen ins Leben rufen oder unterschreiben und mich in meiner Stadt ehrenamtlich engagieren. Ob ich auf eine Demo gehe oder eine Petition unterschreibe, kann ich jedes Mal aufs Neue entscheiden. Ich kann mich unabhängig von der Meinung der Partei für unterschiedliche Ziele einsetzen, anstatt mich für den Erfolg dieser einzusetzen und an sie zu binden.

Und selbst wenn man es schafft, die eigene Meinung und Parteimitgliedschaft auszublenden, kann es die Gesellschaft glaube ich nicht. Sobald man als Journalist und offenes Parteimitglied negativ über eine andere Partei schreibt oder positiv über die eigene, muss man damit rechnen, dass einem vorgeworfen wird, dass man nicht neutral berichtet. Selbst wenn Lob oder Kritik komplett berechtigt sind.

Zu sagen, dass man als „kleines“ Parteimitglied das kein Amt bekleidet weniger Verantwortung für die Parteilinie trägt oder unabhängiger ist, ist für mich eine Ausrede. Parteimitglieder in höheren Ämtern, repräsentieren die Partei lediglich in der Öffentlichkeit. Sie entscheiden aber nicht alleine über die Ziele, die eine Partei verfolgt. Daran ist die gesamte Partei beteiligt. Daher ist es für mich auch nicht vereinbar als unscheinbares Parteimitglied ohne bedeutendes Amt, journalistisch zu arbeiten.  Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, dass man sich auch in der eigenen Partei nicht unbedingt Freunde macht, wenn man über diese kritisch berichtet. Dieses Dilemma möchte ich mir ersparen.

Sowohl Parteien als auch die freie Presse sindessenziell für eine funktionierende Demokratie. Daher bin ich als Journalist auch Parteimitglied, sagt Niklas Hons.

Ja, ich bin Parteimitglied und ja, ich bin in der SPD. 2013 bin ich nach der Bundestagswahl eingetreten und habe im Ortsverein der SPD und bei den Jusos auf Bezirksebene mitgearbeitet. Für die Mitgliedschaft ernte ich in letzter Zeit viele mitleidige Blicke. Besonders von Kolleg*innen kommen dann oft Fragen wie: „Warum tust du dir das noch an?“ Und: „Wie kannst du dann noch neutral berichten?“

Aber wenn man mal genauer drüber nachdenkt, hat doch jeder Mensch seine eigene Meinung. Natürlich kommt es dabei auch auf den eigenen Background an: Kinder, deren Eltern z.B. mit den Grünen sympathisieren, übernehmen diese Haltung in den meisten Fällen. Berichte mit hundertprozentiger Objektivität wird es daher nie geben. Mit jeder Kameraperspektive die ausgewählt wird, werden andere Bilder nicht gezeigt. Bei Reportagen sollen die Reporter sogar ihre ganz persönlichen Eindrücke schildern. Und natürlich wird dabei nur eine Realität und Perspektive beleuchtet. Eine andere bleibt zwangsläufig auf der Strecke. So ist das – ob nun ein Parteimitglied berichtet, oder ein Journalist, der sich für vollkommen neutral hält. Von der persönlichen Färbung kann sich niemand komplett frei machen – und sollte es auch nicht, wenn Artikel nicht extrem roboterhaft und dröge sein sollen.

Wenn der Journalismus tatsächlich zu dem Konsens kommen würde, dass politische Färbungen nicht mehr erwünscht sind, müsste er sich aber zuerst selbst hinterfragen. Es gibt schließlich unterschiedliche Blattlinien: Die FAZ beschreibt sich in ihrer Firmen-Broschüre selbst als „liberal-konservative Stimme der deutschen Eliten“. Die Taz wird dagegen immer die Stimme für sozial schwache und den Klimaschutz erheben, irgendwo dazwischen liegen Spiegel und Süddeutsche und Compact fischt, genau wie die AfD, am rechten Rand.

Trotzdem bleibt natürlich die Frage, ob ich durch meine Mitgliedschaft die Parteilinie und die SPD-Strukturen verteidige. Bestimmt gibt es Parteisoldaten, die bei allem, was der Vorstand macht „Hurra“ schreien. Ich verstehe unter Parteimitgliedschaft aber etwas anderes. Aus meiner Sicht ist es viel wichtiger, Dinge die falsch laufen kritisch zu hinterfragen. Als Parteimitglied lasse ich nicht den Apparat für mich denken, sondern finde es viel wichtiger, dass sich meine Ansichten durchsetzen. Und im Augenblick verbindet mich mit der SPD kaum etwas außer den Grundwerten. Daher kann ich als Journalist die SPD so hart in der Sache kritisieren, wie ich es auch ohne Parteimitgliedschaft tun würde.

Schwieriger wird das Ganze, wenn Journalisten ein wichtiges Amt bekleiden. Dann würde sich ein Interessenskonflikt ergeben, sobald der Journalist über die Organisation schreibt, in der er aktiv ist. Allerdings gilt das nicht nur für Politiker*innen, sondern auch für den Vorsitzenden des örtlichen Kaninchenzüchtervereins oder der Feuerwehr. Da kann es schließlich auch Skandale und Intrigen geben.

Den Beitritt als einfaches Parteimitglied finde ich dagegen nur transparent. Immerhin weiß dann jeder Leser, welche Grundüberzeugungen ich als Journalist vertrete und kann die Meinung besser einordnen. Außerdem bringt mir die Parteimitgliedschaft auch Vorteile: Als ich Delegierter auf Parteitagen war und noch fleißig Anträge geschrieben habe, habe ich viele Einblicke in die Strukturen gewonnen. Ich würde sagen, dass ich Argumentations- und Denkmuster in den Strukturen in der Partei besser hinterfragen kann – im Gegensatz zu Journalisten, die sich noch nie persönlich mit Regionalproporz und Flügelkämpfen rumschlagen mussten.

 

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