Warum mir meine Realschul-Vergangenheit früher peinlich war

83 Prozent der Studenten kommen von einem Gymnasium. Wer eine andere Schulform besucht, wird in Deutschland benachteiligt und kleingeredet. Unsere Autorin hat es selbst erlebt. Ein Kommentar. 

Das Leben geht nicht immer den direkten Weg; häufig biegt es ein paar Mal ab und man weiß nicht, was hinter der nächsten Kurve kommt. Bei mir war das auch so. Bis zur zehnten Klasse war ich auf einer Realschule, erst danach bin ich aufs Gymnasium gewechselt. Jetzt studiere ich. Damit gehöre ich zu einer Minderheit, die nicht den „klassischen“ Weg gegangen ist. Klassisch heißt heutzutage Grundschule, Gymnasium, Universität.

Meine Französischlehrerin meinte: Wenn man in den meisten Fächern eine Drei hat, solle man es gar nicht erst auf dem Gymnasium versuchen. In Deutsch hat uns die Lehrerin keine Analysen schreiben lassen, mit der Begründung, dass wir „ja eh nicht aufs Gymnasium gehen“. Ich hätte das gerne gelernt, all das, was nur die Gymnasiasten lernen dürfen. Als ich in der Oberstufe die erste Gedichtsanalyse geschrieben habe, hat mir das Wissen gefehlt. In meiner Realschulklasse waren wir über 20 Schülerinnen und Schüler – davon war ich nach der zehnten Klasse eine von insgesamt dreien, die sich fürs Gymnasium entschieden haben.

In meinem ganzen Jahrgang waren es vielleicht fünf. Die wenigsten von ihnen studieren heute, obwohl wahrscheinlich deutlich mehr das Zeug dazu hatten. Schuld ist unser veraltetes Bildungssystem. Nur, weil die Eltern nach der vierten Klasse eine Entscheidung treffen, sollte das später nicht die Möglichkeit eines Studiums versperren. Auch die demotivierenden Worte einiger meiner Lehrer haben mich beeinflusst; stärker, als ich in der Vergangenheit so manches Mal zugeben wollte. Worte, die mich später dazu gebracht haben, in Gesprächen mit Kommilitonen meine sechs Jahre auf der Realschule zu verschweigen.

Das Problem zieht sich durchs ganze Bildungssystem 

Quelle: Gaelle Marcel, Unsplash

Realschulen haben keinen guten Ruf. Hauptschulen schon mal gar nicht. Auch auf der Gesamtschule werden die Chancen immer schlechter. Dieser Grundtenor scheint in der Gesellschaft zu herrschen. Seitdem die – umstrittene – verbindliche Grundschulempfehlung aufgehoben wurde (zumindest in den meisten Bundesländern), schicken Eltern ihre Kinder reihenweise aufs Gymnasium.

Die Gymnasialzahlen erreichen Rekordhöhen; im Schnitt wechseln bundesweit 44 Prozent der Grundschüler auf Gymnasien. Auf einer anderen Schule haben ihre Kinder keine Perspektive – das glauben zumindest die Eltern, denn heutzutage scheinen viele Menschen „Perspektive“ mit Studium gleichzusetzen.

Eine Studie vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zeigt: 2016 haben 83 Prozent der Hochschulabsolventinnen und –absolventen ihr Abitur vorher auf einem Gymnasium gemacht. Zwischen der Berufsausbildung und dem Studienerfolg gibt es einen klaren Zusammenhang, zeigt die Studie.

Das Gymnasium ist die Schule der Eliten, der Akademikerkinder, der Reichen. Oder? Doch auch wenn es manche eine veraltete Sicht nennen mögen, bleiben die Grundverhältnisse gleich. Die Eltern können ihren Kindern häufiger Nachhilfestunden finanzieren als die Eltern von Real- oder Hauptschülern. Somit sind die Gymnasialschüler auch besser auf das Studium vorbereitet als andere Schüler; lernen früher, selbstständig zu arbeiten.  Absolventen der Fachhochschule brechen ihr Studium vergleichsweise häufiger ab als Gymnasiasten, hat die Studie der DZHW herausgefunden. Die Privilegierten kommen auf die guten Schulen, bekommen anschließend die beste Ausbildung und dementsprechend die besten Gehälter. Das ist ein Problem, das sich durch das ganze deutsche Bildungssystem zieht.

Was genau studiert wird, ist egal

Dabei ist das Gymnasium oft nicht so toll, wie es einem die Helikopter-Mamis  und -Papis weismachen wollen. Die vollen acht (beziehungsweise neun) Jahre werden Schülerinnen und Schüler auf Gymnasien nur auf eins vorbereitet: auf das Studium. Was genau studiert werden soll, ist ganz egal. Das Ergebnis: Auch Gymnasialschüler brechen häufig ihr Studium ab. Weil sie erst nach Beginn merken, dass sie das Fach nicht interessiert. Auch das zeigt die Studie der DZHW.

Auf Realschulen, und da spreche ich aus Erfahrung, wird man dagegen meist aufs Berufsleben vorbereitet. Zuspätkommen, so ist es schon in der fünften Klasse, wird streng bestraft. Schließlich kommt das beim Arbeitgeber im späteren Leben auch nicht gut an. Es gibt mehrere Praktika, die einem bei der Berufsorientierung helfen sollen. Von Studium ist da selten bis gar nicht die Rede.

Quelle: Joshua Hoehne, Unsplash

Wer sagt auch, dass es immer nur das Studium sein muss? Manche Schülerinnen und Schüler – auch auf dem Gymnasium –  wollen nach der zehnten Klasse vielleicht lieber eine Ausbildung machen. Haben keinen Bock mehr aufs stumpfe Auswendig-Lernen. Dass wir nicht alle das Gleiche wollen, ist auch gut so. Doch das sollte keine Frage der Schulform sein.

Gymnasialschüler, die nach der zehnten Klasse merken, dass sie kein Abitur machen wollen, sollten nicht als Versager abgestempelt werden. Genauso wie Jugendliche, die in eine gymnasiale Oberstufe wechseln wollen, auch die Chance dazu haben sollten. Damit ihnen keine Möglichkeiten versperrt bleiben. Es muss nicht immer der direkte Weg sein. Das wäre ja langweilig.

 

 

Beitragsbild: Nikhita S on Unsplash

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