Essay: Kein Alkohol ist auch eine Lösung

„Zicke Zacke, Zicke Zacke, hey, hey, hey!“ Es klingt wie Musik in meinen Ohren. Die Shot-Gläser werden zum Himmel empor gehoben. Vodka, Waldgeist, Jägermeister. Als sie aufeinander treffen und die darin enthaltenen Flüssigkeiten zu beben beginnen, fällt ein blinder Passagier ins Auge. Eines der Shot-Gläser enthält eine seltsam orangefarbene Flüssigkeit. Hat da etwa jemand Vodka-O in so einem kleinen Gläschen gemischt? Nein. Es ist einfach nur Orangensaft. Es ist mein Glas. Ich trinke nämlich keinen Alkohol.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich trinke keinen Alk. Nein, auch nicht, wenn ich auf einer Party bin. Selbst auf Geburtstagen nicht. Ja, ich habe trotzdem Spaß. Nein, ich bin nicht muslimisch. Doch, mir geht es gut. Nein, ich werde euch dennoch nicht alle nach Hause fahren.

Ausgelutschte Fragen

Die erste Reaktion, mit der ich in acht von zehn Fällen konfrontiert werde: „Was? Ehrlich nicht? Gar nicht? Bist du ganz sicher? Nicht mal ein Glas?“ Nach diesen ausgelutschten Fragen fordert mein Gegenüber meist eine Rechtfertigung meinerseits ein, warum ich denn nicht trinke. Das sei ja eine absolute Seltenheit. In solchen Momenten frage ich mich ernsthaft, warum die Party-Kultur ohne Alkohol nicht klar kommt. Ich verurteile keineswegs den Alkoholkonsum. Um Gottes Willen. Ich finde es völlig okay, wenn man seine Party-Laune mit Bier und Sekt anhebt. Was ich aber nicht verstehe, ist das absolute Missverständnis, was mir häufig entgegen gebracht wird, nur weil ich eben nicht trinke.

Der Leber einen Gefallen tun

Als wäre es ein absolut außerirdisches Verhalten, einfach nur Wasser zu trinken. Als würde es dann gar keinen Sinn mehr machen, auf eine Party zu gehen. Die einzigen Gründe, die ohne große Gegenfragen akzeptiert werden, sind religiöse oder gesundheitliche. Und Letzteres gilt nur, wenn man bereits eine Krankheit hat oder bestimmte Medikamente zu sich nimmt, die nicht mit Alkohol in Verbindung geraten dürfen. Aber dass man seiner Leber vielleicht einfach mal ’nen Gefallen tun will und präventiv nichts trinkt, scheint inakzeptabel zu sein. Mit so einer Begründung würde ich auch niemals ankommen, da ich schon weiß, dass das für Augenrollen sorgt.

Alkohol gibt mir nichts

Was bei mir aber noch mehr im Vordergrund steht, klingt recht simpel: Es gibt mir einfach nichts. Ich habe nichts davon, Alkohol zu trinken. Weder mag ich den Geschmack, noch das Gefühl, das es mir gibt. Ich brauche keinen Alkohol, um locker zu werden – ich bin schon locker. Ich brauche keinen Alkohol, um Spaß zu haben – das schaffe ich auch so. Und wenn ich den Geschmack und den Effekt eines Getränkes nicht mag, sehe ich keinen Grund, es zu trinken. Formuliere ich das so, verspüre ich immer ein leichtes Risiko, wie ein langweiliger Spießer zu klingen. Aber der Witz ist, dass ich nüchtern genau so laut, albern und hyperaktiv sein kann, wie betrunkene Menschen. Wenn mich keiner fragen würde, was ich trinken will, würden es die meisten wahrscheinlich nicht einmal merken.

Nüchtern durch die Musikszene

Und wenn ich von Party spreche, muss ich gleich über einen weiteren Punkt aufklären: Ich gehe nicht feiern im klassischen Sinne (die Gründe dafür sparen wir uns lieber hier, das ist eine andere Geschichte). Dort, wo ich mich meist aufhalte, wird aber besonders gerne viel getrunken und auch geraucht. Ich bewege mich nämlich überwiegend in Musiker-Kreisen. Da ich selber singe und Klavier spiele, hänge ich quasi jede Woche auf Jamming-Sessions und Konzerten ab.

Ich bin also nicht nur eine junge Person, die keinen Alkohol trinkt. Nein. Ich bin eine junge Musikerin, die nichts trinkt. Das ist natürlich absolut skandalös. Hier stoße ich aber oft auf fasziniert runter gezogene Mundwinkel, die einen „Not-bad“-Gesichtsaudruck formen. Darauf folgt dann ein zweifelnd klingendes „Krass“. Auch hier verstehe ich den Überraschungseffekt nicht: Nicht nur, dass Alkohol die Stimmbänder beeinträchtigt, es beeinträchtigt auch die Konzentrationsfähigkeit, die für einen gelungenen Auftritt in gewissem Maße vorhanden sein sollte. Für Negativ-Beispiele dienen zahlreiche Auftritte alkoholisierter Sänger, die im Timing und in der Intonation groß einbüßen und es im nüchternen Zustand viel besser können.

Kein Unschuldslamm

Allerdings war meine Einstellung zum Alkohol nicht immer so. Nachdem ich 18 Jahre alt geworden bin, habe ich es auch ausprobiert (ich war schon immer krass mit dem Gesetz unterwegs). Sonst könnte ich wohl schlecht darüber urteilen. Auf Geburtstagen und Abi-Feten hatte ich auch mit Alkohol meinen Spaß. Ich war also schon auf der „anderen Seite“ und kann die Gründe fürs Alkohol trinken absolut nachvollziehen. Und da habe ich es dann ein, zwei Jahre immer wieder Mal ausprobiert. Das hat zwar nur fünfmal im Jahr stattgefunden, aber wenn es dann dazu kam, habe ich es ganz bewusst getan.

Was man nicht alles in Kauf nimmt

Mit der Zeit merkte ich allerdings, dass ich den Alkohol entweder runterwürgte oder mit so süßen Getränken mischte, dass ich das Gefühl hatte, meine Zähne wollen mir alle gleichzeitig ausfallen. Und das alles nur, um einen erheiterten Gefühlszustand zu erreichen, der dann spätestens am nächsten Morgen in völlige Übermüdung, Unwohlsein und einem komplett unproduktiven Tag umschlägt. Als ich dann mal wieder mühselig durch solch einen Tag kroch, stellte ich mir folgende Frage: Warum nimmst du all das in Kauf, nur um deine Laune zu „pushen“? Brauchst du dafür ernsthaft ein Getränk, das nach ein paar Gläsern zu viel deinen Verstand benebelt? Oder das nach ein paar Gläsern zu wenig für ein Unwohlsein im Magen sorgt, aber sonst nichts verändert?

Es ist einfach nur ein Getränk

Recht schnell merkte ich, dass der Alkohol zwar helfen kann, Spaß zu haben, aber dass er nicht die Ursache dafür ist. Für mich waren es immer die Musik, die Leute um mich herum und letzten Endes die eigene Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Da verdirbt mir auch das Bedürfnis der Leute nach meiner Rechtfertigung nicht die Laune. Ich versuche, es kurz zu halten und das Thema schnell wieder zu wechseln, da ich auf diese Unterhaltungen meist keine Lust habe.

Ich ärgere mich nicht über die Klischee-Fragen an nüchterne Menschen auf Partys. Ich wundere mich eher darüber, dass die Leute sich über mich wundern. Einfach nur, weil ich ein bestimmtes Getränk nicht trinke. Ich verhalte mich ganz normal. Aber nur weil ich das, was alle anderen auch trinken, nicht trinke, sehen viele etwas Abnormales darin. Dabei kann es den anderen doch egal sein, was ich zu mir nehme. Umgekehrt ist es mir genau so egal, was die anderen um mich herum zu sich nehmen. Ich bin dort, um Spaß zu haben. Und so lange mir keiner krumm kommt, soll jeder das tun, was er für richtig hält.

 

Beitragsbild: Pixabay

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