Kommentar: Wonach wird bestimmt, was wir erfahren?

Einige Themen werden ausgelassen, andere umso stärker verbreitet. Dieses Gefühl dürfte anspruchsvolle Leser beschleichen, wenn Sie ihren Newsfeed durchgehen. Aber nach welchen Kriterien wird entschieden, was in Ihrem Newsfeed auftaucht und was nicht?

Bei der Themensetzung werden manche Geschichten absichtlich vergessen und übersehen. Aus wirtschaftlichen Interessen? Oder weil die Elite und der gehobene Mittelstand die wichtigere Zielgruppe sind? Als Notre Dame gebrannt hat, waren Zeitungen voll von Berichten. Noch heute, fünf Monate später findet man reichlich Infos zum Brand. Aber als im Sudan die Proteste losgingen und dort im Juni das Internet abgeschaltet wurde, um den Zustand im Land zu vertuschen, musste erst die Kampagne „Sudan Uprise“ im Internet gestartet werden, damit diese Problematik in den deutschen Medien gezeigt wurde. Durch die Kampagne sollten die Probleme im Sudan mehr Aufmerksamkeit von den Medien bekommen.

Ich finde die Themensetzung in Deutschland fragwürdig. Ich finde es wichtig, über die Probleme dort zu berichten. Die Kampagne hat gezeigt, dass Probleme im Sudan sehr wohl eine nachrichtliche Relevanz in Deutschland haben. Dass reiche Leute Millionen in den Wiederaufbau Notre Dames stecken kann ruhig thematisiert werden. Dass so etwas mehr Gehör bekommt, als die Verletzung der Menschenrechte im Sudan – vermutlich mit deutschen Waffen – ist die absolut falsche Gewichtung von dem, was wichtig und berichtenswert ist.

Manche Themen scheinen zu weit weg zu sein

Laut dem Kommunikationswissenschaftler Winfried Schulz braucht es gewisse Nachrichtenfaktoren, um ein Thema zu einer Nachricht werden zu lassen. Ein wichtiger ist dabei der Faktor „Nähe“, was entweder die geographische Nähe oder die emotionale Nähe eines Ereignisses meint.

Ich glaube aber, der Faktor „Nähe“ hat sich seit Winfried Schulzs Definition von 1976 verändert. In Zeiten von Globalisierung und Internet hat sich die emotionale Nähe zum anderen Ende der Welt geändert. Geschichten von dort werden durch das Internet viel näher an uns herangeholt. Je jünger die Generation, desto mehr trifft das glaube ich zu. In den Redaktionen sitzen aber auch viele ältere Redakteure, die nicht mit Globalisierung und dem Internet aufgewachsen sind und für die sehr weit weg erscheinen mag, was nicht in Deutschland oder dem Rest der westlichen Welt passiert.

Soziologen glauben, dass sich das ändern kann: Dass mit der Globalisierung und durch die Verknüpfung zwischen Menschen von überall auf der Erde durch das Internet mit der Zeit ein „eine-Welt-Gefühl“, stärker wird. Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Themen unter den Tisch fallen, weil die persönliche Nähe nicht gegeben ist. Für andere ist das aber ein Thema. Auch ihre Interessen sollte man berücksichtigen. Sudan Uprising hatte nach kurzer Zeit Tausende von Followern dazugewonnen.

Lieber leichte Kost als ernste Themen

Die Wissenschaftlerin Jana Hoffman schreibt in „Boulevardisierung der seriösen Tagespresse“, dass sogar sogenannte Qualitätsmedien zu immer mehr Boulevardisierung tendieren. Beispiele wären Sendungen, wie „Leute heute“, ein Boulevardmagazin im ZDF oder Titel, wie „Letzter Auftritt von Dirty Harry“, ein Artikel aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Absetzung der „Harald Schmidt Show“. Mit Boulevardisierung ist gemeint, dass Medieninhalte immer oberflächlicher werden und weniger nachrichtlich. Das bedeutet: Weniger Weltnachrichten und mehr Themen, die man als „leichte Kost“ beschreiben könnte. Alles andere fällt raus.

Der aktuelle Forschungsstand zur Boulevardisierung von Medien beschreibt es ganz richtig: Medien versuchen „Every Body’s Darling“ sein. Denn womöglich der Faulheit wegen ziehen einige Zuschauer softe Themen zur bloßen Unterhaltung ernsteren Themen und Problemen dieser Welt vor. Nicht, dass Unterhaltungsmedien keine Daseinsberechtigung hätten, aber sogar Qualitätsmedien oder die öffentlich- Rechtlichen passen sich in einigen Formaten dieser Boulevardisierung an. Dabei geht es um Quoten und Reichweite, denn jedes Medienunternehmen ist auch ein Betrieb mit wirtschaftlichen Interessen.

Doch genau dieser Druck sollte eigentlich nicht auf öffentlich-rechtlichen Medien lasten: Aus gutem Grund wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die GEZ-Gebühren eingeführt. Zumindest für die Öffentlich-Rechtlichen sollte Geld also kein Faktor sein, um Themen auszusieben oder eher zu senden. Für die Berichterstattung sollte generell nicht die Sensationsgier des Publikums im Vordergrund stehen, sondern eine freie Meinungsbildung zu gewähren, indem möglichst viele Perspektiven vorgestellt werden. Schließlich ist dies nicht nur die normative, sondern auch die ethische Verantwortung des Journalismus.

Wenn Themen unter den Tisch fallen, schafft das Misstrauen

Man kann also annehmen, dass ältere Generationen durchaus mehr Interesse an der hundertsten Notre-Dame-Geschichte, die Jüngeren aber nicht. Die verlieren noch mehr Vertrauen in die Medien, weil sie das Gefühl haben, diese kommen nicht auch ihrer sozialen Verantwortung nach, sondern wirtschaftlichen oder politischen Interessen, was nicht verwunderlich ist, da im Rundfunkrat hauptsächlich Politiker sitzen.

Natürlich kann man das deutsche Mediensystem nicht mit den Zuständen der Presse in Ländern wie dem Sudan vergleichen, dennoch sollte man unser Mediensystem zunehmend hinterfragen und kritisch betrachten. Dass manche Themen gezielt ausgelassen werden, könnte auch ein Grund dafür sein, dass das Vertrauen in die Medien geringer geworden ist. Das Publikum merkt, es gibt ein Agendasetting, es weiß aber nicht nach welchen Bedingungen. Das schafft Misstrauen und Unsicherheit, aber kein Vertrauen.

Beitragsbild: Absolut Vision auf Unsplash

Lizenziert nach Creative Commons

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