Buy-Now-Pay-Later: Hoch verschuldet für ’ne Jacke?

Immer mehr Menschen nutzen die Buy-Now-Pay-Later Funktion beim Online-Shopping. Schön einfach und bequem – aber manchmal eben auch ziemlich gefährlich. Das kann auch Leari bezeugen, die über 20.000 Euro Schulden hat.

Da gibt’s bei Zalando eine schöne Jacke für 150 Euro, aber gerade ist nicht so viel Geld auf dem Konto? Mit Klarna, PayPal oder Afterpay scheint das kein Problem mehr zu sein. Dahinter steckt ein Konzept: Buy-Now-Pay-Later. Man kauft das Produkt und bekommt es geliefert – aber erst nach einer bestimmten Zeit muss die Rechnung beglichen werden. Entweder alles auf einmal oder als Ratenzahlung. Der Markt boomt. Im Google-App-Store hat Klarna mehr als 10 Millionen Downloads, Afterpay mehr als 100.000.

Wer hat die höchsten Schulden?

Derweil – auf der Schattenseite des Konzepts – gibt es diejenigen, die sich hoch verschuldet haben, und jetzt nicht mehr weiter wissen. Auf Instagram und TikTok häufen sich die Videos mit Erfahrungsberichten. Teilweise wird untereinander verglichen, wer die höchsten Schulden hat. Unter ihnen ist auch Leari. Sie arbeitet mittlerweile als Influencerin, ist aber auch ausgebildete Fachangestellte in der Zahnmedizin. Ihre Videos steigen nicht in den Wettkampf mit ein, eher haben sie einen warnenden Unterton. Leari hat über mehrere Buy-Now-Pay-Later-Apps sowie über Kreditkarten rund 22.000 € Schulden. Und das mit 25 Jahren.

 

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Leari hat eine Kaufsucht. Mittlerweile nutzt sie die Apps nicht mehr, aber die Schulden sind jetzt erst einmal da. Sie sagt über die Zeit, in der sie ihre Sucht noch aktiv ausgelebt hat: „Ich war zu jeder Zeit am Handy, bin durch jegliche Einkaufapps gescrollt und habe alles Erdenkliche in meinen Warenkorb gelegt und geschaut, ob die Apps Klarna oder andere Buy-Now-Pay-Later-Anbieter als Zahlungsfunktion anbieten“.

Mit ihrem Video wolle sie Aufmerksamkeit schaffen für die Gefahren, die in den Apps lauern. Daraufhin meldeten sich hunderte andere Menschen bei ihr. Leari sagt, dass die Leute sich häufig einfach mit ihr austauschen wollen würden, und froh seien, dass sich jemand zum Tabuthema Verschuldung äußere. Weiter erzählt sie: „Viele sind mir einfach nur dankbar, für meinen Mut und dass ich mich so angreifbar mache. Ich würde schätzen zu 95% beinhaltet das Menschen, die auch vor allem Klarna-Schulden haben.“

Kreditaufnahme einfach per Mausklick, statt in der Bank

Leari gibt Klarna oder den anderen Anbietern aber trotzdem keine Schuld an ihrer Situation. Allerdings mache die Buy-Now-Pay-Later Funktion das Zahlen auf Rechnung viel schneller und unkomplizierter. Schlimmer wurde ihre Kaufsucht deswegen nicht unbedingt, da man die Funktion ja nicht nutzen müsse. „Aber da diese Funktion inzwischen an jeder Ecke angeboten wird, ist es schon verlockend.“

„Darüber wie viel einfacher die Kreditaufnahme wird, weiß auch Birgit Vorberg von der Verbraucherzentrale NRW Bescheid. Sie ist Expertin für das Thema Kredite und Entschuldung. Für Vorberg bekommt Buy-Now-Pay-Later immer mehr Relevanz, nicht nur wegen der großen Beliebtheit des Konzepts, sondern auch weil es Kredite sehr einfach mache: „Man ist nicht in der Situation, dass man in der Bank oder im Laden  einen drei Seiten langen Vertrag unterschreibt. Man wird nicht gewarnt. Sondern man liegt auf dem Sofa und kann auf ich kaufe klicken“.

Genau für diese spontanen Einkäufe sind Buy-Now-Pay-Later-Apps gedacht. Bis vor Kurzem habe Klarna beispielsweise noch damit geworben, dass man jetzt nicht mal mehr auf sein Konto gucken müsse, bevor man einkaufe. Das mache die Verschuldung durch spontane Einkäufe wahrscheinlicher. Mit diesem Werbespruch wird zwar nicht mehr geworben, allerdings wird weiterhin eine entspannte Shoppingatmosphäre impliziert, bei der man sich endlich alles kaufen kann, was man will.

Weitere Kredite trotz unbezahlten Schulden

Meist gibt es bei den Anbietern zwei verschiedene Optionen. Entweder „nach 30 Tagen bezahlen“ oder die „Ratenzahlung“. Bei beiden Optionen wird eine Bonitätsprüfung durchgeführt. Es wird also geprüft, ob der*die Käufer*in das Geld überhaupt zurückzahlen kann. Viele Unternehmen in Deutschland verlassen sich dabei auf die Schufa, auch PayPal nutzt deren Daten – zusätzlich zu eigenen Erhebungen.

Was ist die Schufa?
Die Schufa ist ein privates Wirtschaftsunternehmen in Deutschland. Ihr Name steht für „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“. Sie prüfen die Kreditwürdigkeit von Privatpersonen und erstellen einen Credit Score. Dieser zeigt an, wie wahrscheinlich es ist, dass man einen Kredit zuverlässig zurückzahlen kann. Dieser Score kann entscheiden, zu welchen Zinsen, oder ob man überhaupt einen Kredit bekommt.

Klarna führt die Bonitätsprüfung selbst durch, und wertet dabei das Kaufverhalten der Nutzer*innen aus. Trotzdem konnte Leari die Option der Ratenzahlung noch lange nutzen – selbst, nachdem sie schon lange Warnungen von Händlern bekommen hat, dass sie ihre Rechnung nicht bezahlt habe, und auf dem Höhepunkt ihrer Schulden war.

Hoher Jahreszins für Buy-Now-Pay-Later

Das relativ hohe Risiko was die Anbieter damit eingehen – nämlich, dass sie ihren Nutzer*innen sehr einfach Kredite zur Verfügung stellen – lässt sich auch an den recht hohen effektiven Jahreszinsen ablesen. Der beinhaltet alle Kosten die jährlich für einen Kredit anfallen. Insbesondere bei Ratenzahlung muss hier aufgepasst werden. Bei Klarna ist das ein effektiver Jahreszins von 15 Prozent. Ratenkredite bekomme man anderswo, so Birgit Vorberg, weitaus günstiger.

Vorberg erklärt weiter: „Man kann sich die Ratenhöhe aussuchen, und meint ‚Super, ich zahl ja gar nicht viel‘, aber dann zahlt man unter Umständen sehr lange, das baut sich immer mehr auf.“ Dabei würden viele Verbraucher unterschätzen, wie lange es dauere, Schulden abzubezahlen. Die Expertin für Kredite und Entschuldung führt hierzu das Beispiel einer Urlaubsreise an, die man über Ratenzahlung kauft. Die müsse in den meisten Fällen lange abbezahlt werden – so lange, bis man eigentlich schon wieder in einen anderen Urlaub fahren möchte.

In die Schuldenfalle getappt: Was jetzt?

Wenn die Schulden aber einmal entstanden sind, müssen sie in den meisten Fällen dann doch in Raten abbezahlt werden. Zudem gelte es, am besten so früh wie möglich eine Schuldnerberatung aufzusuchen. In Dortmund bietet das Studierendenwerk, in Zusammenarbeit mit der Diakonie, sogar eine Beratung ausschließlich für Studierende an. Wenn man sich Beratung gesucht hat, und Nachweise dafür erbringen kann, dass man versucht hat, sich mit den Gläubigern zu einigen, gibt es auch noch die Option der Privatinsolvenz. Diese erwägt auch Leari. Dabei muss man 3 Jahre lang sein pfändbares Einkommen abgeben, die Restschulden werden einem dann erlassen. Bei Leari wäre das unter anderem das Einkommen, das sie über Werbung auf Instagram erhält. Die Privatinsolvenz ist zwar häufig der letzte, aber teilweise auch der richtige Schritt, findet Birgit Vorberg. Früher habe es diese Option nicht gegeben – da sei man im Zweifelsfall sein Leben lang verschuldet geblieben.

Leari benutzt die Buy-Now-Pay-Later-Apps mittlerweile nicht mehr. Anderen rät sie, wirklich nur im Notfall dazu zu greifen. Ein „Fashion-Notfall“ zählt für sie dabei nicht. Ihr Tipp: „Man muss da einfach dran vorbei scrollen“.

 

Beitragsbild: Elisa Ventur/Unsplash

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