Schaf sucht Paten

Das Schaf Bernadette sucht Paten. Sie wurde am 16. Mai 2018 geboren und lebt auf einem Hof in der spanischen Hauptstadt Madrid. Für etwa 77 Euro pro Saison kann man Bernadette adoptieren und bekommt im Gegenzug eine große Portion Schafskäse von ihr – inklusive eines Fotos und einer Adoptionsurkunde.

Hinter diesem Konzept steht eine Plattform namens „Crowdfarming“. Über ihre Internetseite können Kundinnen und Kunden nicht nur Patenschaften für Schafe, sondern auch für Orangen- und Olivenbäume, Bienenstöcke oder ein Reisfeld übernehmen. Nachhaltiger soll es sein, mit fairer Bezahlung für die Landwirtinnen und Landwirte, kürzeren Transportwegen und weniger Lebensmittelverschwendung.

Nachhaltige Konsumalternativen sind auf dem Vormarsch. Ob Nachhaltigkeitssiegel, Unverpackt-Läden oder Bioprodukte – es gibt immer mehr Angebote, wie der Mensch nachhaltig leben kann. Das beobachtet auch Lena Manz, Vertreterin des Marketing- und Kommunikationsteams von Crowdfarming.com: „Deutschland ist tatsächlich unser größter Markt. Hier ist der kritische, nachhaltige Konsum am meisten verbreitet“. Man merke, dass den Menschen die Informationen, die ihnen zur Verfügung stehen, nicht mehr genug seien, sagt Manz. Crowdfarming soll mehr Details zu Produkten bieten.

Mehr Informationen für Konsumentinnen und Konsumenten

Bei Crowdfarming soll die Lieferkette so effizient wie möglich gestaltet werden. „Die Idee ist es, die einzigen beiden Akteure, die wirklich wichtig sind, miteinander zu verbinden und das sind der Produzent und der Konsument“ sagt Manz. So kaufen die Kundinnen und Kunden praktisch direkt beim Landwirt oder der Landwirtin ein: Über die Online-Plattform suchen sie sich ihr Projekt aus, bestellen und erhalten die Produkte direkt per Post nach Hause. Normalerweise werde die Ernte in Kammern zwischengelagert, komme zum Großhändler, zum Zwischenhändler, zum Supermarkt. „Bei uns macht sie keine Umwege, sie geht wirklich vom Landwirt direkt auf die Reise zu dir“, sagt Manz.

Transparenz sei dabei wichtig. „Wir sorgen dafür, dass der Konsument die Informationen bekommt, die er in der traditionellen Lieferkette nicht bekommt“, sagt Manz. Dafür stelle Crowdfarming so viele Informationen auf die Webseite wie möglich und informiere über die sozialen Netzwerke darüber, was bei dem Landwirt während der Erntezeit vor sich gehe. Auch falls es einmal Ernteverzögerungen gebe, würden die Kunden so direkt informiert. Dieser Kontakt zu den Paten, den sogenannten Crowdfarmern, sei für viele Landwirtinnen und Landwirte eine Umstellung: „Die müssen sich daran gewöhnen, ihre tägliche Arbeit zu kommunizieren, und daran, dass es eben Leute gibt, die sich tatsächlich dafür interessieren.“, sagt Manz.

Planung ist alles

Der Einkauf bei Crowdfarming unterscheidet sich von dem Einkauf in einem gewöhnlichen Geschäft oder auf dem Wochenmarkt. Die Kundinnen und Kunden kaufen meist große Mengen, zum Beispiel 30 Kilogramm Orangen. Die Produkte bekommen sie nicht das ganze Jahr über, sondern nur zur Erntezeit. Die Produkte sind auch etwas teurer als im Supermarkt. All das bedeutet vor allem eines: Die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen ihren Konsum planen. Kein Spontaneinkauf. Durch die Planung solle Lebensmittelverschwendung vermieden werden, sagt Manz. Seit Start der Plattform Ende 2017 haben sich mehr als 21 500 Menschen dazu entschieden und eine Patenschaft abgeschlossen.

Auch für die Farmerinnen und Farmer soll das Konzept Vorteile haben: Sie setzen den Preis fest. Der Preis, der auf der Internetseite angegeben wird, geht also komplett an die Landwirtinnen und Landwirte. Die Plattform erhebt einen Logistikzuschlag. Zudem können die Bäuerinnen und Bauern planen. „Sie wissen, wie viel sie durch das Adoptionskonzept am Ende der Erntezeit verkaufen werden“, sagt Manz. Das, was geerntet werde, werde komplett verschickt: Ernte auf Bestellung.

Die Landwirte merken, dass die Arbeit, die sie machen, tatsächlich wertvoll ist

Ein weiterer wichtiger Aspekt sei der persönliche Kontakt. „Nicht nur die Konsumenten bekommen Informationen, sondern auch der Landwirt“, sagt Manz. Durch das Feedback der Kunden könnten die Landwirte ihre Produkte und Anbaukonzepte verändern, meint sie. Außerdem können die Konsumentinnen und Konsumenten die Landwirtinnen und Landwirte besuchen. „Die Landwirte merken einfach, dass die Arbeit, die sie machen, tatsächlich wertvoll ist und dass es Menschen gibt, die sich dafür begeistern“, sagt sie.

Auf der Internetseite der Crowdfarming-Plattform finden sich derzeit vor allem Angebote aus südeuropäischen Ländern. Das bringt eine Herausforderung mit sich: den möglichst ökologischen Transport. Weitere Landwirtinnen und Landwirte aus Deutschland sollen folgen. Doch Orangen, Zitronen, Mandeln und Oliven kommen meistens aus südeuropäischen Ländern. Wenn jeder einzeln bestellt, ist das dann nicht ökologisch ein Problem? „Orangen wachsen eben in Spanien“, sagt Manz.

„Wir versuchen, den Transport so umweltschonend und effizient wie möglich zu gestalten“, sagt sie. Die verkürzte Lieferkette ist dabei ein Faktor. Dadurch würden Energiekosten, Kilometer und Zeit gespart. Daher gebe es bei Crowdfarming ein Logistikteam, das für jedes Produkt und jedes Projekt – je nach Standort – die effizienteste Transportroute ermittele, sagt Manz: „So wird verglichen zur traditionellen Lieferkette der CO2-Ausstoß schon sehr verringert, weil sich die Orangen zum Beispiel direkt von der Plantage auf den Weg nach Deutschland machen und auf die Haushalte verteilt werden.“ Weil die Plattform noch ganz am Anfang stehe, gebe es keine genauen Daten zum CO2-Ausstoß.

Die Farmer würden dabei sorgfältig ausgesucht. Dabei lege die Plattform sich nicht auf Bio-Siegel fest, denn es gebe auch kleine Landwirte, die sogar noch über Bio-Standards hinausgingen, aber sich das Siegel nicht leisten könnten. Manche Landwirte würden sich selbst bei der Plattform melden, es gebe zudem ein Team, dass Landwirte suche. Crowdfarming komme mit den Landwirten ins Gespräch und „dann muss das einfach von den Wertevorstellungen und der Philosophie, die dahintersteckt, passen“, sagt Manz. Derzeit seien 30 verschiedene Projekt online, jede Woche kämen neue dazu.

Anfang in Spanien

Angefangen hat alles auf einer Orangenfarm in Spanien. Gonzalo Úrculo und sein Bruder übernahmen den Betrieb ihres Großvaters und wollten diesen wiederaufbauen. So entwickelten sie die Idee der Baumpatenschaften: 2015 gab es die ersten Orangenbaum-Patenschaften der Plantage auf der Plattform Naranjas del Carmen.

„Wir hatten das Gefühl, dass diese direkte Kommunikation uns nicht nur wirtschaftlich hilft, sondern uns auch die Türen öffnet, um die Lieferkette komplett zu verändern“, sagt Gonzalo Úrculo. Der Konsument solle auch Entscheidungsgewalt über das haben, was angebaut werde.

Der Konsument entscheidet, was der Landwirt anbauen soll

Symbolbild: Pixabay/Hans

„In der traditionellen Lebensmittellieferkette kauft der Konsument nur das, was ihm die Supermärkte anbieten. Beim Crowdfarming entscheidet der Konsument, was der Landwirt anbauen soll“, sagt der Landwirt. So gebe es einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage. Es werde nur auf Bestellung angebaut und Lebensmittelverschwendung vermieden, die Lebensmittel würden mit optimalem Reifestatus geliefert.

Auf seiner Farm hat ihm das Konzept ermöglicht, „ein landwirtschaftliches Projekt zu schaffen, das von all den Menschen, die einen Orangenbaum bei uns adoptiert haben, geleitet wird“. Inzwischen arbeite ein Team aus 40 festangestellten Mitarbeitern das ganze Jahr über auf dem Feld – am Anfang seien es nur sein Bruder und er gewesen. Dank der Crowdfarmer, Úrculo nennt sie „Präsidenten“, konnten Mitarbeiter der Plantage 10.800 Orangenbäume pflanzen. Sie erneuerten ein Bewässerungssystem und pflanzten bienenfreundliche Pflanzen.

Patenschaften auch in Sprockhövel

Crowdfarming ist ein geschützter Begriff, alle Crowdfarming-Angebote laufen über die gleichnamige Plattform. Ähnliche Konzepte sind jedoch auf kleinen Höfen in Deutschland angekommen. Auf ihrem Hof im nordrhein-westfälischen Sprockhövel bietet Ina Stock-Tonscheid Hühnerpatenschaften an. 2012 hätten sie einen Integrationsbetrieb gegründet, in dem Menschen mit Behinderung unterkommen und einen Arbeitsplatz haben. Im Rahmen dessen hätten sie überlegt, wo man sie gut einsetzen könne. Das sei beim Versorgen von Tieren gut möglich, erklärt Stock-Tonscheid. Daher habe sie drei Mobilställe angeschafft.

Symbolbild: Unsplash/William Moreland

„Ich war am Anfang skeptisch, ob wir die Eier dann überhaupt vermarktet kriegen“, sagt sie. Daher habe sie überlegt, wie sie die Kunden daran binden könne, dass sie die Eier regelmäßig holen. „So ist die Idee entstanden, dass man sein eigenes Huhn mieten oder kaufen kann und eine Hühnerpatenschaft abschließen kann“, sagt sie. „Der Kunde hat wirklich die Nachvollziehbarkeit, wo sein Ei herkommt und wir haben die Sicherheit, dass die Eier von diesem Huhn auch abgenommen werden“, sagt Stock-Tonscheid.

Zunächst hätten sie alle im Ort ausgelacht. „Aber komischerweise ist das wirklich eingeschlagen wie eine Bombe“, sagt sie. Nach wenigen Monaten habe sie einen Stopp machen müssen und keine Hühnerpatenschaften mehr vergeben können. Viele der Paten seien junge Familien, aber auch als Geschenk für Familie und Kollegen seien die Patenschaften beliebt.

Für ein Huhn zahlen Kundinnen und Kunden 158 Euro im Jahr und bekommen dafür so viele Eier, wie das Huhn im Durchschnitt legt. „Wir wissen ja nicht genau, welches Huhn wie viele Eier legt“, sagt Stock-Tonscheid. Im ersten Jahr bekommen daher alle Patinnen und Paten 300 Eier, im zweiten Jahr etwas weniger.

Der Wert von einem Ei ist ein ganz anderer

Die Kundinnen und Kunden können sich die Eier liefern lassen oder auf dem Hof abholen und ihr Patenhuhn besuchen. „Ich finde es wichtig, dass man Kunden nahebringt, wie so ein Ei produziert wird. Und ich finde, dass der Wert von so einem Ei ein ganz anderer ist“, sagt Stock-Tonscheid.

Nach zwei Jahren können die Kundinnen und Kunden ihr Patenhuhn noch als Suppenhuhn bekommen. „Aber nicht jeder verpackt das emotional“, sagt Stock-Tonscheid. Daher gebe es die Möglichkeit, das Huhn an den Hof zurück zu verkaufen. „Dann muss man aber so ehrlich sein: Bei uns wird es auch Suppenhuhn“, sagt sie. Die meisten würden das Huhn trotzdem zurückgeben.

Landwirtschaftskammer: Patenschaften nicht massentauglich

Das Konzept der Patenschaften ist für Bernhard Rüb, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer NRW, vor allem ein Marketingmodell. „Das ist eine Vermarktungsform, wenn ich mein persönliches Huhn habe und sehe, wo das herkommt“, meint er. Bauernhöfe stünden im Wettbewerb und unter enormem Kostendruck. Die Patenschaften seien dabei eine Möglichkeit, Nähe zum Verbraucher herzustellen.

Dass Patenschaften jedoch die Zukunft der Landwirtschaft sind, bezweifelt er, allein schon wegen der Menge an Patenschaften, die Verbraucherinnen und Verbraucher unterhalten müssten. „In einer Pizza sind im Extremfall schon Zutaten aus drei Kontinenten“, sagt er. Trotzdem sieht er Vorteile: „Es ist gut, wenn die Leute überhaupt mal darüber nachdenken, was sie konsumieren.“ Die Konsumenten hätten so einen Bezug zu den Produkten. „Es ist auch gut, wenn die Kontakte zwischen den Verbrauchern und den Produzenten gefördert werden“, sagt er.

Beitragsbild: Symbolbild, Quelle: Pixabay/MartinStr

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