Duell: Ist das Schreiben mit der Hand mittlerweile überflüssig?

In diesem Sommersemester saßen wir bei Vorlesungen nicht im Hörsaal, sondern zuhause vor dem Laptop. Und statt mit Kugelschreiber auf dem Collageblock zu schreiben, hat man schnell ein leeres Worddokument geöffnet und Notizen mitgetippt – Da man sowieso vorm Laptop hockt, bietet sich das schließlich an. Gerade in Zeiten von Online-Semestern und Zoom-Seminaren stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit des Schreibens mit der Hand. Ist die Handschrift nicht mittlerweile völlig überflüssig?

Clara findet: “Das Schreiben mit der Hand bietet viele Vorteile und ist ganz und gar nicht überflüssig.”

Ich erinnere mich noch daran, als ich lernte, meinen Namen zu schreiben. Krakelig zwar, aber doch klar zu entziffern: Clara. Auf jedes Blatt, das mir in die Finger kam, schrieb ich meinen Namen – einfach, weil ich es konnte. An das Schreiben sind für mich Erinnerungen geknüpft. Ich erinnere mich an meinen ersten Füller, an das Üben einer eindrucksvollen Unterschrift (falls ich mal berühmt werden sollte) und an zahlreiche Karteikarten, die ich beim Lernen für Klausuren vollschrieb.

Das Handschreiben hilft beim Lernen

Beim Lernen verzichte ich nie darauf, die wichtigsten Fakten mindestens einmal mit der Hand aufzuschreiben. Denn das Handschreiben hilft beim Verarbeiten von Informationen – Das zeigt unter anderem ein Experiment der amerikanischen Psychologin Dr. Pam Mueller. In ihrem Experiment teilte sie  65 Studierende in zwei Gruppen auf – eine Gruppe machte sich während einer Vorlesung ausschließlich Notizen am Laptop, die andere nur per Hand. In der Auswertung zeigten sich Unterschiede  im Verständnis komplexer Zusammenhänge. Die Gruppe, die mit Stift und Papier gearbeitet hatte, schnitt dabei deutlich besser ab.

Dr. Pam Mueller vermutet, dass das unter anderem mit dem Schreibtempo zusammenhängt. Wenn wir uns bei einer Vorlesung Notizen machen, dann können wir mit dem Tippen zwar schneller hinterherkommen, man schreibt aber auch mehr mit als nötig. Beim Schreiben mit der Hand müssen wir hingegen aufgrund des langsameren Tempos unsere Mitschriften auf das Wichtigste reduzieren und das Gehörte oftmals in eigenen Worten formulieren. So beschäftigt man sich bereits beim Hören intensiv mit dem Inhalt und könne, laut Mueller, die Informationen besser verarbeiten und sich später leichter daran erinnern.

Außerdem trainiert das Schreiben mit der Hand das Gehirn. Denn für jeden Buchstaben muss man eine individuelle Schreibbewegung ausführen: Das A formt man anders als das Z, das E anders als das K. Laut Dr. Marianela Diaz Meyer, Institutsleiterin des Schreibmotorik Instituts in Heroldsberg, werden beim Handschreiben 12 Hirnareale aktiviert. Das Tippen auf dem PC wirkt hingegen fast stumpf: Die Bewegung bleibt bei jedem Buchstaben gleich.

Die Handschrift ist Teil unserer Persönlichkeit

Zwar wird jeder Schülerin und jedem Schüler in der Grundschule dieselbe Schrift beigebracht – heutzutage ist das meist die Grundschrift. Spätestens aber ab der vierten Klasse individualisieren die meisten Kinder ihre Handschrift. In der fünften Klasse ersetzte ich zum Beispiel die i-Punkte durch Kringel. Das fand ich schön. Im Laufe der Zeit hat sich meine Handschrift immer wieder verändert. Andere legen hingegen keinen großen Wert auf ihre Handschrift und schreiben so unleserlich, dass nur sie selbst ihre Notizen lesen können – auch das ist okay. In der Gestaltung der eigenen Handschrift ist man frei und jeder Mensch schreibt irgendwie anders.

In der Graphologie geht man davon aus, dass die Handschrift etwas über die Persönlichkeit des Schreibenden verrät. Man könne zum Beispiel das grobe Alter und das Geschlecht der Person an ihrer Schrift erkennen, sagt Graphologe und Schriftsachverständiger Werner von Kiedrowski. Frauen schreiben ihm zufolge eher mit runden Buchstaben, während Männer meist eine kantigere Schrift haben. „Die Handschrift eines Menschen ist wie ein Puzzle“ sagt von Kiedrowski „Es gibt viele kleine Indizien, die man zu einem Gesamtbild zusammenfügen kann.“  Zu diesen „Indizien“ gehören unter anderem die Größe der Schrift, die Neigung der Buchstaben und die Anordnung des Textes auf dem Blatt. Dabei zeugt eine Rechtsneigung zum Beispiel eher von Selbstbewusstsein, während eine Linksneigung ein Hinweis auf Schüchternheit sein kann.

Das Schreiben mit der Hand kann Kunst sein

Oft hat die Handschrift nur die Funktion, Informationen halbwegs lesbar festzuhalten, zum Beispiel für den Einkaufszettel oder die Mitschriften in Seminaren. Aber die Handschrift kann auch Kunst sein: In Form von Handlettering, mit kunstvoll gestalteten Buchstaben, Kalligrafie oder einfache Schönschrift auf weißem Papier.

In dem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ schreibt Walter Benjamin von der Aura des Kunstwerks. Für ihn entsteht die Aura eines Kunstwerkes durch seine Unnahbarkeit, Echtheit und Einmaligkeit. Wenn man handschriftliche Originaltexte von Goethe vor sich hat, ist das etwas anderes als eine von tausend gedruckten Kopien seines Werkes zu lesen.  Jedes handschriftliche Werk ist einzigartig, obgleich es ein in Eile hingeschmierter Einkaufszettel ist, oder ein aufwendig gestaltetes Handlettering-Bild. Man kann es zwar „technisch reproduzieren“ beziehungsweise kopieren, aber das Original gibt es nur einmal – und das ist doch irgendwie cool, oder nicht?

Das Schreiben mit der Hand ist also nicht nur an Erinnerungen geknüpft, sondern hat auch eine Zukunft. Denn sie kann Kunst sein, ist Teil unserer Persönlichkeit und hilft beim Lernen.

 Julia findet: „Handschrift ist in unserem Alltag heute fast komplett

überflüssig.”

Vor ein paar Tagen wollte ich mir seit Wochen mal wieder handschriftlich    Notizen machen. Dabei hatte ich das Gefühl, dass sich meine Hand erstmal wieder erinnern musste, wie man einen Stift richtig benutzt und damit flüssig lesbare Wörter schreibt. Dabei schreibe ich eigentlich  jeden Tag – nur am Laptop eben oder am Handy.

Es gibt viele Alternativen zur Handschrift

Was schreibt man denn auch heute noch mit der Hand? Längere Texte schreibt man sowieso am Computer, weil es einfacher ist und auch die Hand nicht so belastet. Ich erinnere mich noch an die vielen Seiten, die ich im Deutsch-Abitur mit der Hand schreiben musste. Irgendwann verkrampft die Hand, vom Halten des Stiftes. Das würde am Laptop nicht passieren.

E-Mails oder Chat-Nachrichten sind viel schneller, billiger und unkomplizierter als handschriftliche Briefe. Egal, ob für die Arbeit oder Privat, kein Mensch kommuniziert mehr so, dass Handschrift wirklich nötig wäre.  Sogar wichtige Formulare kann man inzwischen oft digital ausfüllen und spart sich damit das Ausdrucken und nervige Gänge auf Behörden. Auch Dinge, die man vor ein paar Jahren noch selbstverständlich per Hand geschrieben hat, wie Banküberweisung oder Einkaufszettel, tippt man heute schnell und unkompliziert über das Handy oder den Laptop. Dokumente, die man nicht mehr braucht, können ganz einfach gelöscht werden, man hat nicht mehr tausend Zettel mit irgendwelchen Informationen zuhause rumliegen und produziert keinen unnötigen Papiermüll.

Auch ganz persönliche Dinge, wie Geburtstagskarten, können inzwischen online selbst gestaltet, beschrieben und dann ganz einfach per Nachricht verschickt werden. Wenn man sich dafür etwas Schönes einfallen lässt, dann ist das sogar individueller als eine gekaufte und per Hand geschriebene Karte! Am Ende geht es schließlich nicht um die Handschrift sondern um den Inhalt der Nachricht.

Am Computer Schreiben ist ordentlicher und geht schneller

Die gut lesbare, einheitliche Schrift am Computer macht auch das Verständnis von Texten für die Leserin beziehungsweise für den Leser einfacher. Dinge, die am Computer geschrieben sind, sind übersichtlicher und lassen sich oft auf die eigenen Bedürfnisse anpassen. Man kann zum Beispiel die Schrift vergrößern, einen großen Zeilenabstand einstellen oder Notizfelder hinzufügen, sodass der Text auch mit eigenen Kommentaren noch ordentlich ist. Wenn ich per Hand Mitschriften mache, sind diese oft sehr unleserlich und durcheinander.

Beim Lernen für Klausuren, bin ich oft froh, wenn ich mir Notizen am Laptop gemacht habe. Sonst habe ich teilweise wirklich Probleme, manche Worte zu entziffern, vor allem wenn ich keine Zeit hatte und etwas mitgeschrieben habe, was ein*e Professor*in erklärt hat. Dann habe ich da oft ein paar Striche, die in dem Moment für mich noch Sinn gemacht haben, aber ein paar Wochen später nur noch ein großes Fragezeichen für mich sind. Wenn ich am Laptop mitschreibe, geht das schneller und ich kann alles lesen, was ich getippt habe. Außerdem verschreibe ich mich handschriftlich oft oder merke im Nachhinein, dass ich meine Stichpunkte gerne anderes angeordnet hätte. Das ist dann ein komplettes Durcheinander und ich muss alles nochmal neuschreiben.

Wenn ich mich am Laptop mal vertippe kann ich ganz einfach die Löschtaste benutzen und muss keine Buchstaben zwischen quetschen oder Wörter durchstreichen. Und wenn ich meinen Text anders anordnen will, dann kann ich ihn einfach markieren, Strg+X und Strg+V drücken und fertig. Und das kann ich so oft machen, wie ich will. Auch nach fünf Änderungen ist noch alles ordentlich. Und für Personen, die Probleme mit der Rechtschreibung haben, ist das Schreiben am Computer eine große Erleichterung, da die Rechtschreibprüfung an vielen Stellen weiterhelfen kann.

Spracheingabe eröffnet neue Möglichkeiten

Die Technik entwickelt sich allgemein auch immer weiter weg vom Schreiben mit der Hand. Eigentlich muss man sogar nicht mal mehr tippen, sondern kann die Spracheingabe benutzen. Dabei wird sogar das Benutzen der Hände zum Schreiben überflüssig. Die Spracheingabe funktioniert zwar noch nicht perfekt, aber doch schon ziemlich gut. Sie ermöglicht auch in vielen Bereichen eine neue Inklusion, zum Beispiel für Menschen mit Legasthenie oder anderen Beeinträchtigungen, die es schwer oder unmöglich machen, Schreiben zu lernen. Man sollte deshalb die Spracheingabe Funktion nicht abtun und sagen, sie wäre vor allem für Leute, die zu faul zum Schreiben sind. Die ständige Weiterentwicklung der Technik hat Vorteile für viele verschiedene Menschen, darunter auch die, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben auf die Handschrift zurückzugreifen.

Und Clara, rein handschriftlich hätte unsere Zusammenarbeit hier auch nicht so einfach funktioniert. So konnten wir uns einfach ein Dokument teilen, wie hätten wir das denn mit Stift und Papier machen sollen? Dann hätten wir uns den Text vielleicht per Brieftaube hin und her schicken können.

 

 Beitragsbild: Unsplash/ Hannah Olinger

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