Andere Perspektive: Wie drei Leute unter der Erde arbeiten

Kaum eine andere Region in Deutschland identifiziert sich so mit der Arbeit unter der Erdoberfläche wie das Ruhrgebiet. Ohne die Arbeit „unter Tage“ hätten es Städte wie Dortmund, Essen und Gelsenkirchen nicht zu einer solchen Größe geschafft. Der Bergbau war die Branche, die die Region in der Industrialisierung geprägt und so den Fortschritt gebracht hat. Heute ist die Zahl der Bergleute im Steinkohlebergbau von mehr einer halben Million Menschen auf null gesunken. Der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet ist Geschichte. Trotzdem gibt es auch heute noch Menschen, die unter der Erde arbeiten – in unterschiedlichsten Berufen. Kurt stellt drei von ihnen vor.

Staub legt sich auf die Zunge, wenn man auf Börjes Arbeitsplatz einatmet. Öffnet man die Augen, sieht man schwarz. Es ist dunkel und die staubige Luft kratzt in den Augen. Lediglich ein kleines, gelb schimmerndes Kerzenlicht spendet ein wenig Licht. Gute zwei Meter kann Börje so auf den Weg vor ihm schauen. Rechts und links erkennt man die steinigen Umrisse der Wände des alten Bergwerks. Massive Holzpfeiler stützen sie. Auf dem Weg vor ihm liegt eine rostrote Schiene, auf der schon lange kein Wagon mehr gefahren zu sein scheint. Börje geht gebückt.

Der Gang ist an einigen Stellen vielleicht 1,70 Meter hoch und für Börjes Körpermaße absolut ungeeignet. Trotzdem arbeitet er hier als Museumspädagoge im LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall. In dem Gang, in dessen Gruben tonnenweise Kohle abgebaut wurde, zeigt Börje den Besuchern, wie hier damals gearbeitet wurde.

Eine der kleinen Gruben, in denen die Bergleute im 19. und 20. Jahrhundert von Hand Kohle abgebaut haben.

Die Tradition des Jobs, der das Ruhrgebiet am entscheidensten geprägt hat, möchte Börje aufrecht erhalten: „Ich möchte den Besuchern bewusst machen, wie die Situation für die Menschen damals war. Das schaffen wir sehr anschaulich, weil wir hier ein Bergwerk haben, in dem wirklich gearbeitet wurde und das nicht nur zu Museumszwecken geschaffen wurde.“

Börje verkörpert diese Tradition. Er trägt feste, schwarze Stiefel und einen beigen Kittel, der durch die Kohle an einigen Stellen bereits schwarz gefärbt ist. Um den Hals hat er sich die Lampe geschwungen, auf dem Kopf sichert ihn ein weißer Helm, der das Laufen in dem niedrigen Gang allerdings noch weiter erschwert. In alter Bergmann-Tradition hat er sich vor der Grubenfahrt eine Nase Schnupftabak gegönnt. Jetzt glänzt Börje durch sein gesamtes Wissen rund um das Thema Bergbau und die Zeche Nachtigall in Witten.

Beschwerliche und harte Arbeit

„ Zwischen 1850 und 1875 haben hier bis zu 600 Bergleute gearbeitet. Zwischenzeitlich war die Zeche Nachtigall eine der größten Bergwerke im Ruhrgebiet“, sagt er. „Die Arbeit war sehr beschwerlich und gefährlich. Die Männer haben in 12-Stundenschichten von Hand Kohle abgebaut und dazu gab es fast nur Tagelöhnerei. Das ging sehr zu Lasten der Bergleute.“ Regelmäßig habe es Grubeneinstürze gegeben, sodass zu der Zeit im Ruhrgebiet pro Jahr durchschnittlich 600 Menschen im Bergbau ums Leben kamen. Hinzu kommt die Zahl der Menschen, die wegen der schlechten Luft und der freigesetzten Gase unter Tage an Folgeerkrankungen zum Beispiel in der Lunge starben.

Heute ist Börjes Arbeitsplatz deutlich sicherer. Bereits in der Zeit des hochmodernen Bergbaus wurde die Sicherheit unter Tage verbessert. Das letzte Stück Kohle wurde zwar im Jahr 1926 aus der Zeche Nachtigall herausgetragen, trotzdem kennt sich Börje auch mit dem Bergbau der jüngeren Vergangenheit aus: „ Der Bergbau hat sich massiv verändert über die Jahre. Da, wo in den 1950er-Jahren 50 Bergleute gearbeitet haben, waren am Ende nur noch fünf Menschen beschäftigt. Und die waren durch die technischen Hilfsmittel viel effizienter. In den Fünfzigern hat ein Mann pro Schicht im Schnitt 1,6 Tonnen Kohle gefördert. Im Hochleistungsbergbau waren es am Ende 8,8 Tonnen.“ Diese Entwicklung des Berufs möchte Börje seinen Besuchern mit an die Hand geben:

Heute ist Börjes Job unter Tage deutlich entspannter als noch zur Zeit des aktiven Bergbaus. Er zeigt Besuchern, wie unter Tage gearbeitet wurde.

Das tun Börje und seine Kolleginnen und Kollegen aktuell dienstags bis sonntags viermal täglich. Sie führen dann verschiedene Besuchergruppen durch den Berg. Dabei ist es ganz unterschiedlich, mit welchen Besuchern sie unter Tage sind. „Das Ruhrgebiet ist ein beliebtes Ausflugsziel geworden. Daher bekommen wir Besucher aus ganz Deutschland, die sich über den Bergbau bei uns informieren wollen. Aber es kommen auch ehemalige Bergleute, die nochmal mit ihrem ehemaligen Job in Berührung kommen wollen. Die wissen zum Teil nicht, wie es zu Opas oder Papas Zeiten im Bergbau ausgesehen hat“, erklärt Börje.

Börjes Kollegin Bettina Blecker führt eine Besuchergruppe durch den Schacht der Zeche Nachtigall in Witten.

Die unterschiedlichen Menschen und ihre verschiedenen Fragen machten seinen Job einzigartig und abwechslungsreich, sagt Börje:

Doch so unterschiedlich die Menschen, die die Zeche Nachtigall in Witten besuchen, auch sind und so unterschiedlich ihr Wissen über das Thema Bergbau ist – der Grund, warum sie sich mit dem Bergbau auseinandersetzen, sei meist der gleiche: „Sie wollen in Verbindung bleiben mit der Tradition des Ruhrgebiets.“

Der Bunkerwart

Auf einem kleinen Schildchen, da steht handgeschrieben: „Bunkerwart“. Harry Lausch, 61-jährig, hat sich diese Bezeichnung höchstselbst gegeben. „Im zweiten Weltkrieg“, erklärt er, „waren das die Leute, die den Bunker und die Eingänge bewacht haben, also die Menschen mit dem Schlüssel. Diese Position habe ich jetzt auch.“ Er ist der Mann mit dem Schlüssel. Der Bunkerwart an der Ruhrallee.

„Stadterzähler“ Harry Lausch im Sanitätsraum des Bunkers

Lausch, seinerseits an der TU Dortmund studierter Raumplaner, ist seit 2011 für den Bunker an der Leipziger Straße verantwortlich. Ein befreundeter Architekt, der den Bunker erworben hatte, übergab ihm diese Aufgabe. „Kümmer‘ dich doch mal um die Kiste“, habe er gesagt, erinnert sich Lausch. Und fortan kümmerte sich Lausch, achtet seither darauf, dass dieser Ort nicht der Feuchtigkeit zum Opfer fällt. Außerdem gibt er, der sich nicht nur als „Bunkerwart“ bezeichnet, sondern auch ein „Stadterzähler“ sei, Führungen durch die gesamte Anlage.

Regelmäßige Führungen

Zwei- bis viermal im Monat finden diese statt, bis zu vier Stunden läuft Lausch dann mit seinen Gästen durch die unterirdischen Flure. An manchen Ecken tropft es von der Decke, es ist dunkel, riecht zuweilen modrig. „Wir befinden uns an einen unglaublich authentischen Ort“, sagt Lausch, ehe er damit beginnt, von den „verschiedenen Leben“ dieses Bunkers zu erzählen.

Raum im Bunker an der Ruhrallee – und eine klare Botschaft

Der Ursprung der Geschichte liegt im Zweiten Weltkrieg. 1944 wurde der Bunker fertiggestellt, diente im letzten Kriegsjahr als „reiner Befehlsbunker“, so Lausch. Fürs Volk war er nicht vorgesehen, er diente als Kommandopunkt. „Die NSDAP hat sich ebenfalls hier breit gemacht, hatte ihr Parteibüro hier. Der Hauptsitz in Dortmund war zwar am Stadtgarten in der Hansastraße. Büroräume hatte die Partei allerdings auch in diesem Bunker. Sie war auf einen Daueraufenthalt eingerichtet.“ Und hatte dafür gleich eine Großheizung einbauen lassen.

Neue Verwendung im Kalten Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Bunker zunächst leer. Erst als der Kalte Krieg kam, fand die Stadt wieder Verwendung für ihn und richtete in den 1970er-Jahren die „Befehlsstelle für den Krisenstab der Stadt Dortmund“ ein. Von hier aus hätte Dortmund im Notfall mehrere Wochen lang regiert werden können.

Dunkel und modrig: Im Bunker an der Leipziger Straße gibt es viele dieser langen Gänge.

Noch heute finden sich Überbleibsel der ehemaligen Leitstelle, die Anfang der 1990er-Jahre an einen anderen, geheimen Ort verlegt wurde. Vieles wurde damals einfach zurückgelassen, Ersatzkleidung beispielsweise, Notfallpläne, Telefone und Schreibmaschinen. Warum, ist unbekannt. „Ich nehme an“, sagt Lausch, „dass es einfach keine Anschlussverwendung gab.“ Die zum Atomschutzbunker umgebaute Anlage hätte noch „als Lagerraum genutzt werden können, da aber die hohe Grundfeuchtigkeit das Spektrum der Dinge, die man hier lagern kann, deutlich einschränkt, ist sie wohl leer geblieben.“

Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus

Was Lausch an der Bunkeranlage fasziniere? Da ist zum einen die Begeisterung für „Lost Places“, wie er sagt. Außerdem gehe ihm „die Weltkriegsgeschichte sehr nah. Die Erinnerung an diese grauenhafte Zeit kann durch den Bunker wach gehalten werden.“ Wie sich ein ganzes Volk vor rund 80 Jahren „von einer Verbrecherclique in die Irre führen ließ, dass es ihr geglaubt hat, mitgelaufen ist und Hurra geschrieen hat, ist für mich bis heute unfassbar“, sagt Lausch.

Dann kommt er auf die Aktualität zu sprechen. „Hinzu kommt, dass es heutzutage ja wieder neue Tendenzen gibt, die in diese rechte, braune Richtung deuten.“ Viele Leute würden nach Heilsversprechen suchen und nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme verlangen. „Und dann gibt es diese Partei, die diese Menschen begeistern und anstacheln kann. Da müssen wir höllisch aufpassen.“

Nie erwähnt Lausch in seinen Ausführungen die rechtsorientierte „AfD“. Aber irgendwie ist sie in diesem Moment mit dabei, im Bunker an der Ruhrallee.

Im Gedächtnis der Stadt

Im hellen Lesesaal des Dortmunder Stadtarchivs lehnen acht Regale an der Wand. Die unterschiedlichsten Bücher stehen darin. Ein paar alte vergilbte und augenscheinlich eher junge Bücher über das Ruhrgebiet, Bücher über die Stadt Dortmund. Eine Etage tiefer im Keller des Stadtarchivs erschließt sich dem Besucher dann ein völlig anderes Bild. Dort reiht sich Regal an Regal, türmen sich durchnummerierte Dokumente. Gang für Gang. Es ist das Gedächtnis der Stadt

Verwaltet wird dieses Dortmunder Archiv von knapp 20 Mitarbeiter*innen. Eine von ihnen ist Dr. Henrike Bolte. Sie führt an diesem Tag durch das Areal. „Ich liebe alte Schriften“, sagt sie währenddessen. „Das, was wir hier betreiben, ist Detektivarbeit. Wir stellen Recherchen an, entziffern Schriften, versuchen, neues Wissen zu erschließen.“ Wissen über Stadt und Anwohner.

Ihre Arbeit beschreibt Dr. Bolte als „große Serviceleistung“. Täglich trudeln Anfragen ein. Autoren, die an historischen Romanen oder Sachbüchern schreiben, bitten um Auskunft und Einsicht. Studierende kommen, um für wissenschaftliche Arbeiten zu recherchieren. Und Familienangehörige suchen nach Spuren, um mehr über verstorbene Angehörige zu erfahren. So sich kürzlich ein siebenjähriger Junge ins Stadtarchiv – und suchte nach seiner Großmutter.

Allen Bürger*innen steht diese Möglichkeit offen. Alle können in den Untiefen der Geschichte recherchieren. Vor Ort im Stadtarchiv, online noch nicht. Während in Baden-Württemberg schon seit 2012 ein digitales Archiv besteht, wird es in NRW wohl erst im kommenden Jahr bestehen. Ein wenig hätten sie den Anschluss verpasst, sagt Dr. Bolte, weist aber auch auf die archivierenden Massen und hohen Kosten hin. „Das Funktioniert nicht mal eben so.“ Außerdem drohe ein großer Verlust von Daten. „Viele Dokumente sind nicht einlesbar, da wird manches verloren gehen.“

Damit im Dortmunder Stadtarchiv analog rein gar nichts verloren geht oder geklaut wird, sind die Dokumente mit drei Sicherheitstüren geschützt, „In anderen Archiven sind schon Sachen weggekommen, bei uns noch nicht“, berichtet Dr. Bolte. Dann zeigt sie ein altes Poesiealbum von 1803 – und verweist auf Ehrenbücher, in denen im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten gewürdigt sind. Angehörige schickten damals Dokumente ihrer verstorbenen Ehemänner, Kinder und Enkel ein. „In eines“, so schildert des Dr. Bolte, „schrieb eine Frau: „Adolf Hitler habe ich drei Söhne geschenkt – und würde ihm auch noch einen vierten schenken.“ Einerseits ist das schaurig, andererseits aber auch unbedingt archivwürdig.“ Die Aufgabe der Archivare sei es, „Dokumente für alle Ewigkeit zu schützen.“

Vor Dieben, aber auch vor dem ganz gewöhnlichen Verfall. Im Keller des Dortmunder Stadtarchivs wird penibel auf die Temperatur geachtet, in stabilen Kartons sind die Dokumente verstaut. Als 2009 das Kölner Stadtarchiv einstürzte, konnten dadurch größere Bestände gerettet werden. „Es gibt aber noch eine andere Gefahr für uns“, sagt Dr. Bolte – und zeigt auf fünf kleine Wesen, die auf einer am Boden liegenden Klebefläche verendet sind. Papierfische, rund 350 Millionen Jahre alte Insekten, fressen sich liebend gern durch die Bestände. „Ist es dunkel, kühl und liegt irgendwo Papier fühlen sie sich am wohlsten – das Archiv ist da perfekt für sie.“

Dr. Bolte und ihre Mitarbeiter*innen beschäftigen sich also mit allem Möglichen: der Sicherung von Dokumenten, der Recherche, der Betreuung von wissbegierigen Bürgern, sie halten Vorträge – und treiben die digitale Archivierung voran. „All das macht großen Spaß“, meint Dr. Bolte, „aber einige Stellen bei uns sind unbesetzt. So viele Archivare wie eigentlich nötig kommen nicht nach.“ Es fehlen Leute. Leute, die das Gedächtnis der Stadt bewahren.

Ein Artikel von Julian Schildheuer und Leon Elspaß

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