„Wenn wir die Serie auf einmal stoppen, ist das eine kleine Frustration“ – deshalb ziehen uns Netflix & Co. in ihren Bann

Nur noch eine Folge, dann mach ich den Laptop wirklich zu. Das hat sich jede oder jeder schon mal eingeredet beim Serienschauen. Diplom-Psychologe Volker Koscielny erklärt, warum uns Netflix und andere Streamingdienste stundenlang in ihren Bann ziehen.

Viele Studierende teilen in Klausurenphasen oder kurz vor einer Deadline ein Problem: Prokrastinieren, das extreme Aufschieben von Aufgaben. Eine der besten Möglichkeiten der Prokrastination ist ein Serien-Marathon. Eine Folge läuft nach der anderen und wir versuchen zu vergessen, was auf unserer To-Do-Liste steht.

Dieses Phänomen des Marathon-Schauens nennt sich Binge-Watching. Der Diplom-Psychologe und Studienberater Volker Koscielny aus Münster erklärt, was es mit diesem Wort eigentlich auf sich hat und welche Einflüsse Binge-Watching auf unsere Psyche hat. In seinen Studienberatungen hat er immer wieder mit Studierenden zu tun, die sich nur schwer von Netflix und anderen Angeboten losreißen können.

 

Herr Koscielny, warum verführen uns Netflix & Co so?

Volker Koscielny: Es gibt erst mal einen sehr einfachen, menschlichen und durchaus gesunden Grund: Wir Menschen interessieren uns für Geschichten. Das liegt in unserer Natur, wir erzählen uns seit der Steinzeit gegenseitig Geschichten. Das tun wir heute noch.
Wir lesen, gucken und hören viel und sind immer wieder auf der Suche nach neuen Begebenheiten, die man uns erzählt oder zeigt. Dadurch wird unsere Kultur und unsere Zusammengehörigkeit gestärkt.

Aber, wenn wir uns eine Serie stundenlang anschauen, übersteigt das das bloße Interesse einer Geschichte.

Genau, das ist mehr, als gut für uns ist und mehr, als die Natur für uns vorgesehen hat. Das kann manchmal einen leichten Suchtcharakter bekommen. Die Gefahr ist: Wir befinden uns in einem angenehmen Zustand und den möchten wir gerne noch verlängern. Und das geht leicht, indem man sich eine Serie im Ganzen anguckt und eben nicht Folge für Folge. In dem Moment ist es sehr leicht, dieses Glücksgefühl aufrecht zu erhalten, was wiederrum sehr menschlich ist. Wir Menschen neigen nämlich zu Suchtverhalten.

Warum?

In dem Moment, in dem wir entscheiden, noch eine Folge zu schauen, entscheiden wir uns für das angenehmere Gefühl. Wenn wir die Serie auf einmal stoppen, ist das eine kleine Frustration. Aktiv darauf zu verzichten, fällt uns Menschen schwer. Natürlich tun wir das trotzdem und sollten das auch tun. Wir wissen, dass unser Leben nicht aus diesen Geschichten besteht. Aber um diesen Schalter umzulegen, müssen wir uns überwinden und das fällt nicht allen Menschen gleich leicht.

Serien-Marathon bedeutet nicht gleich Sucht

Binge-Watching ist also die Möglichkeit, zu prokrastinieren?

Binge-Watching hat sehr viel mit Prokrastination zu tun. Die Tendenz, unangenehmes wegzuschieben und das Angenehme möglichst unmittelbar zu erfahren, kennt jeder. Jeder kämpft damit.

Wir sind also nicht gleich süchtig, nur weil wir hin und wieder einen Serien-Marathon einschieben.

Das ist richtig. Es ist menschlich, dass man etwas konsumiert, was einem Spaß macht. Da ist grundsätzlich nichts Verwerfliches dran. Umso wichtiger ist es, die Grenzen zu ziehen, wo sie nötig sind. Wenn man zum Beispiel als Student für eine Klausur lernen muss.

 

 

Was macht der Serien-Marathon mit uns?

Die Reize, die wir genießen wollen, flachen im Laufe der Zeit ab. Geschichten, die wir uns früher am Lagerfeuer erzählt haben, gingen ja nicht über etliche Stunden. Wir Menschen sind gar nicht darauf konstituiert, uns für mehrere Stunden auf ein Thema zu konzentrieren. Deswegen ermüdet die soziale Wahrnehmung, die beim Serien gucken aktiviert wird, irgendwann. Dann hat die Geschichte gar nicht mehr so einen so starken Einfluss auf uns. Das empfinden wir wiederum manchmal als traurig oder schade.

Dann könnten wir den Fernseher einfach ausmachen.

Paradoxerweise stoppen wir die Serie nicht, sondern geben dem Ganzen noch eine Folge Zeit, um wieder spannend zu werden. Das heißt, es bleibt eine Art Frustration hängen. Wenn wir mal schlafen gehen, haben wir eine riesige Masse an sozialen Informationen im Kopf, die wir gerade gesehen haben. Die können wir nicht mehr gut sortieren und letztendlich nicht mehr genießen.

Netflix & Co. als Genuss

Hat das langfristige Folgen? 

Binge-Watcher können sich unmittelbar nach dem Schauen der Folgen gut erinnern, aber mit gewissem Abstand werden die Erinnerungen blasser. Und zwar blasser als bei denen, die pro Tag oder pro Woche nur eine Folge geschaut haben. Es macht also auf jeden Fall etwas mit unserem Gedächtnis. Viele Folgen schauen bedeutet, dass die Informationsmenge, die ich aufgenommen habe, weniger gut in meinem Gedächtnis verankert bleibt. Allgemeine Erkenntnisse gibt es dazu allerdings keine und ich halte es für unwahrscheinlich, dass es generelle Folgen hat.

Was können wir gegen Binge-Watching tun?

Zum Einen ist es wichtig, zu sehen, dass das nur ein kleiner Teil des Lebens ist, sozusagen ein Genuss. Es sollte niemals zur Hauptsache im Leben werden. Einem sollte bewusst sein, dass die reale Serie, die einem im Leben begegnet, noch viel spannender ist. Zum anderen sollte man immer eine bewusste Entscheidung treffen und die länger im Voraus planen. Man kann sich zum Beispiel einen festen Zeit- oder Arbeitsplan erstellen, in dem festgelegt ist, wann man sich erlaubt, Serien zu schauen und wann Arbeitszeit ist. Dann muss man das nicht jedes Mal aufs Neue mit sich verhandeln.


Bilder-Credits:
Beitragbild – unsplash
Volker Koscielny – Zentrale Studienberatung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Statistik – comscore

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