„Die Nordstadt hat viel Potential. Man muss es nur erkennen wollen“

Ausländer, Kriminalität, Armut und wenig Bildung – das alles wird oft genannt, wenn es um die Nordstadt geht. Im Gespräch mit Aysun Tekin, der Vorsitzenden des Integrationsrates Dortmund, offenbart sich eine neue, hoffnungsvolle Perspektive.

Aysun Tekin, Vorsitzende des Integrationsrates Dortmund im Interview mit Kurt.

Frau Tekin, was bedeutet Integration für Sie?

Aysun Tekin: Integration ist für mich, wenn jemand die gleichen Chancen im Bereich der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt und mit Blick auf die Zukunft hat.

Was macht der Integrationsrat für Dortmunderinnen und Dortmunder mit Migrationsgeschichte?

Aysun Tekin: Der Integrationsrat setzt sich mit integrationspolitischen Belangen und Problemen auseinander. Wir setzen uns unter anderem für kommunales Wahlrecht ein. Migrantinnen und Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund leben hier, arbeiten hier, bezahlen ihre Steuern – und wenn es zur Wahl kommt, können sie nicht mitbestimmen, weil sie keinen deutschen Pass haben. Das ist schade. Ein Drittel der Bevölkerung in Dortmund hat einen Migrationshintergrund und über 104.000 Menschen haben keine deutsche Staatsangehörigkeit und können deshalb nicht wählen. Das sind 17 Prozent.

Ihre Eltern stammen aus der Türkei. Seit wann leben Sie in Deutschland?

Aysun Tekin: Meine Eltern sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und haben sich hier kennengelernt. 1972 wurde ich in Deutschland geboren. Dann bin ich zu meinen Großeltern in die Türkei gezogen. Viele Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter hatten ursprünglich die Vorstellung, sie würden kommen, Geld verdienen und wieder nach Hause gehen. Das war bei meiner Familie anders. Meine Eltern waren sehr früh selbstständig. Sie wollten in Deutschland bleiben. Weil sie mit ihrem Laden für türkische Produkte am Borsigplatz viel zu tun hatten, haben mich meine Eltern erst 1982 wieder nach Dortmund geholt. Über meinen Vater war damals ein Interview in der Zeitung. Obwohl er einen anderen Namen hatte, hat man ihn Onkel Ali genannt. Türkische Lebensmittelläden sind seitdem Onkel-Ali-Läden für mich. Ich finde, das passt ganz gut – ein bisschen wie Tante-Emma-Laden.

Aysun Tekin: Die Nordstadt war ein Industriegebiet mit vielen Arbeitsplätzen für Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei und anderen Ländern. Wir hatten das große Stahl-Unternehmen Hoesch AG, deshalb waren hier viele Migrantinnen und Migranten wohnhaft und es gab es kaum Arbeitslose. Als ich die Schule besucht habe, war klar, dass fast alle Jungs meiner Klasse ihren Ausbildungsplatz bei der Hoesch AG antreten würden. Denn deren Väter, ältere Brüder und Onkel waren auch dort beschäftigt. Durch den Wegfall der Stahlindustrie hat sich die Arbeitslosigkeit leider stark erhöht.

Warum ist der Ausländeranteil in der Nordstadt nach wie vor so groß?

Aysun Tekin: Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Ausland. Siedeln Sie sich da an, wo viele Deutsche sind oder dort, wo überhaupt keine leben? Man fühlt sich dort geborgen, wo man seine eigene Kultur wiedererkennen kann. Das gilt für alle Menschen, egal ob Türken oder Deutsche. Dieses gute Gefühl, Gleichgesinnte zu haben und sich verständigen zu können, zieht Leute in die Nordstadt. Ich würde mir natürlich wünschen, dass es gemischter wäre. Dass die Schulklassen in der Nordstadt nicht fast ausschließlich aus Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund bestünden. Manchmal sind Menschen mit Migrationshintergrund aber auch gezwungen, sich eine Wohnung in der Nordstadt zu suchen. Eine Chancenungleichheit gibt es auch nach wie vor auf dem privaten Wohnungsmarkt.

Die Nordstadt hat nicht nur den höchsten Ausländeranteil und die höchste Arbeitslosenquote, sondern auch den höchsten Kinderanteil. Was sind die Herausforderungen für Bildungsangebote in der Nordstadt?

Aysun Tekin: Die Sprache muss bereits im Kindergarten oder noch früher gefördert werden, weil sie bei vielen Familien zu Hause nicht gesprochen wird. Es gibt Kinder, die hier geboren sind, mit der Sprache aber erst im Alter von fünf Jahren in Kontakt kommen. Wenn man zu spät mit der Sprache anfängt, hat man sein Leben lang einen Akzent oder man macht Fehler – und die wird man nicht wieder los. Die Sprachförderung können wir in gemischten Klassen leider nicht mehr abdecken, weil es zu wenig Deutsche gibt. Dann stecken die Kinder automatisch in einem Kreislauf fest und sprechen die deutsche Sprache schon auf dem Schulhof nicht mehr. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Neuzugewanderte sehr schnell die Sprache erlernen. Es gibt sehr viel Potenzial hier in der Nordstadt bei den jungen Menschen. Man muss es nur erkennen wollen.

Sie arbeiten bei der KAUSA Servicestelle Dortmund mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Wie unterstützen Sie dort Jugendliche aus der Nordstadt?

Aysun Tekin: Als KAUSA Servicestelle Dortmund beraten und informieren wir Jugendliche rund um das Thema berufliche Bildung. Wir wollen sie dabei unterstützen, ihre Chancen im Berufsbildungssystem zu nutzen. Es gibt genug Studien, die Chancenungleichheit belegen. Grund dafür ist oft der falsche Name. Nehmen wir ein Beispiel aus der Servicestelle: Stefan und Furkan haben den gleichen Schulabschluss, Furkans Notendurchschnitt war ein wenig besser. Stefan hat einen kroatischen Migrationshintergrund, Furkan einen türkischen. Beide haben bei uns in der Servicestelle Workshops zur Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche und Einstellungstests besucht. Stefan hat sich 46 Mal beworben und drei Zusagen bekommen. Furkan hat 110 Bewerbungen abgeschickt und keine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen. In Anbetracht einer Zuwanderungsgeschichte seit fast 70 Jahren ist diese Chancenungleichheit sehr traurig. Jugendliche mit türkischen oder arabischen Namen haben es besonders schwer. Unsere Aufgaben bestehen neben den Workshops deshalb darin, die Jugendlichen zu motivieren. Wir gewinnen außerdem Unternehmen für uns, bei denen die Jugendlichen die Möglichkeit haben, Schnupperpraktika zu machen. Die Unternehmen lernen die Jugendlichen persönlich kennen, ohne sie zuvor direkt in eine Schublade zu stecken, weil sie einen türkischen Namen haben oder aus der Nordstadt kommen.

Wohnen Sie selbst noch in der Nordstadt?

Ein Lebensmittelladen, wie man ihn in der Nordstadt häufig sieht.

Aysun Tekin: Seit Ende der 90er-Jahre lebe ich nicht mehr am Borsigplatz, sondern in der Innenstadt-Ost. Der Grund für den Umzug war mein Sohn. Ich habe Perspektivlosigkeit selbst erlebt. Kriminalität war ein weiterer Grund, weshalb ich mich entschieden habe, von hier wegzuziehen. Und trotzdem bin ich nicht wirklich weg. Ich arbeite seit 13 Jahren im sozialen Bildungsbereich in der Nordstadt. Eigentlich bin ich gelernte IT-Systemkauffrau. Durch mein Ehrenamt und Weiterqualifizierungen habe ich gemerkt, was mir wirklich wichtig ist.

In der Nordstadt leben sehr viele ausländische Bewohnerinnen und Bewohner. Die Kriminalitätsrate ist höher als in anderen Stadtteilen. Wie hängt das zusammen?

Aysun Tekin: Kriminalität gibt es, aber ich verbinde sie nicht mit den Menschen, die hier leben. Nicht alle, die kriminell sind, wohnen auch hier. Die Nordstadt ist eine Drogenecke für die Gesellschaft und die Medien vermitteln das auch so. Drogendealer von benachbarten Stadtteilen und Städten kommen hierher, um ihren Stoff loszuwerden. Die Kriminalität wird vielleicht hier ausgeübt, aber man muss ein bisschen weiter gucken. Ich verbinde Armut und Ausländer nicht mit Kriminalität, auch wenn andere das hören wollen. Für mich gibt es hier in der Nordstadt keine No-Go-Areas.

Einerseits eine räumlich konzentrierte Armut und soziale Probleme. Andererseits ein Ort voller Chancen und kultureller Angebote. Hat die Nordstadt zwei Gesichter?

Aysun Tekin: Ich will nicht alles schönreden. Doch die Nordstadt ist ein Stadtteil voller Vielfalt mit vielen Gesichtern, nicht nur zweien. Dahinter verbergen sich sehr viele Kulturen. Dieser positive Punkt kommt kaum irgendwo zur Geltung. Ich wünschte mir, dass viele aus unserer Gesellschaft mehr Austausch und Begegnung miteinander suchen würden. Das fehlt trotz vieler Angebote, die oft nicht wahrgenommen werden.

Was wünschen Sie sich für die Nordstadt in der Zukunft?

Aysun Tekin: Die private Wirtschaft müsste viel mehr in der Nordstadt tun. Eine ältere Dame, die seit 50 Jahren in der Nordstadt lebt, hat mir erzählt, dass sie erst jetzt ein Gefühl der Überfremdung hat. Wieso? Ich kenne den Borsigplatz seitdem ich hier lebe als Ort mit Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist nichts Neues. Ich hörte der Dame weiter zu: Sie erzählte, dass sie in Onkel-Ali-Läden kein Schweinefleisch kaufen könne. Wir hatten früher einen Edeka am Borsigplatz. Der Laden hat vor einigen Jahren dicht gemacht. Wenn diese Frau schon immer dort gelebt hat, hat sie dann plötzlich das Gefühl der Überfremdung – obwohl die Onkel-Ali-Läden schon immer da waren.

Aysun Tekin ist die Vorsitzende des Integrationsrates Dortmund. Sie arbeitet in der KAUSA-Servicestelle in der Münsterstraße mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund und jugendlichen Migranten und Migrantinnen. Dort berät sie zu Bewerbungsmappen, Vorstellungsgesprächen und Ausbildungsplätzen.

 

Fotos: Karolina Timoschadtschenko & Markus Bergmann

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